In diesem Bereich geht es um eine Rückschau auf den Foresight-Prozess insgesamt.
Globalisierung und der Trend hin zu einer Wissens- und Dienstleistungs-Gesellschaft verlangen, dass neue Impulse für den Forschungs- und Produktionsstandort Deutschland gesetzt werden. Die vorausschauende Ausrichtung und Gestaltung von strategischen Entscheidungsprozessen in Forschung und Entwicklung sind dabei ein Schlüssel für die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit. Sich abzeichnende, zukünftige Entwicklungen müssen frühzeitig erkannt, gedeutet und antizipativ in die aktuelle Forschungspolitik einbezogen werden.
Deshalb wurde der BMBF-Foresight-Prozess mit folgenden Zielen durchgeführt:
Ausgangspunkt für die Zukunftsfelder neuen Zuschnitts waren die Untersuchungen zu so genannten etablierten Zukunftsfeldern. Für Gesundheitsforschung, Mobilität, Energie, Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung, Industrielle Produktionssysteme, Informations- und Kommunikationstechnologie, Lebenswissenschaften und Biotechnologie, Materialien, Werkstoffe und ihre Herstellungsverfahren, Nanotechnologie, Neurowissenschaften und Lernforschung, Optische Technologien, Service Sciences, System- und Komplexitätsforschung sowie für Wasser-Infrastrukturen wurden zunächst die Themen mit langfristiger Relevanz für Forschung und Technologie identifiziert. Diese "Zukunftsthemen" wurden in mehreren Schritten analysiert, mit nationalen und internationalen Expertinnen und Experten diskutiert und anhand festgelegter Kriterien anschließend bewertet und sortiert. Die Ergebnisse aus diesen Untersuchungen stehen auf http://www.isi.fraunhofer.de/bmbf-foresight.php und http://www.iao.fraunhofer.de/foresight/ im Arbeitsbericht "Etablierte Zukunftsfelder und ihre Zukunftsthemen" zum Download bereit.
Die Zukunftsthemen in den etablierten Feldern lieferten im Foresight-Prozess die ersten Ansatzpunkte für übergreifende Aktivitäten. So konnten Bereiche benannt werden, die jenseits von bisherigen Fach- und Programmlogiken liegen und sich an Schnittstellen zwischen einzelnen Disziplinen bewegen. Diese Gebiete, die Forschungs- und Innovationsfelder überspannen, wurden mehrfach differenziert bewertet, validiert und kontinuierlich modifiziert. Im Laufe des Prozesses haben sich aus dieser Gesamtschau der etablierten Felder so die Zukunftsfelder neuen Zuschnitts entwickelt.
Von Anfang Mai bis Ende Juni 2010 hatten Nutzer einer eigens eingerichteten Onlineplattform die Gelegenheit, Ihre Gedanken zur Zielsetzung und Methodik des BMFForesight-Prozesses zu veröffentlichen. Dabei gab es u.a. folgende Beiträge:
Verfasst von Franz Tessun (Future Thinking & Training) am Freitag, 7 Mai 2010 - 09:39
Ich denke, der Bericht ist insgesamt gut und gibt einen ganz guten Überblick. Insgesamt empfinde ich den Bericht als einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Den Aufbau des Berichts empfinde ich als sehr gut.
Allerdings erscheint es mir manchmal, als ob die Sichtweisen des Fraunhofer Instituts sehr stark durchschlagen. Es wird sehr stark auf Technik und Wirtschaft fokussiert. Die Frage, wie der Mensch diese Änderungen sowohl mental, wie auch emotional und gesundheitlich verkraften wird, wird praktisch nicht aufgeworfen.
Verfasst von Dr. Kerstin Cuhls (Fraunhofer ISI) am Dienstag, 18 Mai 2010 - 20:30
Eine kurze Bemerkung vom Projektteam: Diesmal lag der Fokus nicht daran, dass Fraunhofer Wissenschaft und Technologie pushen wollte, sondern der Ausgangspunkt des Auftrags durch das BMBF (Ausschreibung eines Dienstleistungsauftrags) war Forschung und Technologie. Daher ging es auftragsgemäß um die 4 im Bericht genannten Ziele und nicht um den Menschen als Ausgangspunkt. Sie haben aber absolut Recht, dass auch dies unbedingt weiter betrachtet werden muss.
Verfasst von Dr. Philine Warnke (Fraunhofer ISI) am Freitag, 21 Mai 2010 - 17:13
Vielen Dank an Herrn Tessun für die sehr relevante Anmerkung. In der Tat wurde der Foresight-Prozess vom BMBF zunächst bewusst mit einem sehr starken "Technology Push" Ansatz begonnen. So wurde bei der Erarbeitung der Zukunftsthemen in den sogenannten "etablierten Zukunftsfeldern" eine enge Technologieperspektive eingenommen. Als jedoch darauf aufbauend die "Zukunftsfelder neuen Zuschnitts" entstanden, wurde der Blick systematisch erweitert. Die Zukunftsfelder neuen Zuschnitts sind allesamt entweder von einer gleichberechtigten Integration gesellschaftlicher Perpektiven (etwa Mensch-Technik- Kooperationen) gekennzeichnet oder aber argumentieren aus der Sicht zukünftiger Herausforderungen (etwa ProduzierenKonsumieren2.0, zukunftsfähige Lebensräume). Aus meiner Sicht ist es damit streckenweise gelungen, integrierte Forschungsperspektiven aufzuzeigen, die sinnvoll zwischen "Mensch" und "Technik" angesiedelt sind und weder das Eine noch das Andere verkürzen, wie es so häufig bei reinen Pull oder Push Ansätzen der Fall ist. Um die Legitimation für eine solche Neuordnung aus der "Vogelperspektive" zu gewinnen, war es allerdings wahrscheinlich tatsächlich notwendig, zunächst die Basis heute wahrgenommener "Technologie-Trends" akribisch aufzuarbeiten. Das zumindest legt die Erfahrung aus den Diskussionen mit den Fachvertretern aus etablierten Feldern nahe. Da ich selbst als Mitglied des Projektteams, maßgeblich an dieser Neuordnung beteiligt war, bin ich an weiteren Einschätzungen zu dieser Frage sehr interessiert.
Verfasst von Sven Trantow (RWTH Aachen) am Donnerstag, 1 Jul 2010 - 10:51
Der Bericht macht einen hoch interdisziplinären, sehr ausgereiften und gleichzeitig weitsichtigen Eindruck. Die fachübergreifende Orientierung an elementaren und zukünftig virulenten Problemstellungen und Themengebieten erscheint mir essentiell, um der Komplexität der Lebens-, Wirtschafts- und Wissenschaftswelt von morgen begegnen zu können. Ich vermag allerdings nicht zu beurteilen, inwieweit die hier adressierten Zukunftsfelder die "richtigen" und umfassend genug sind, um die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte anzugehen.
Allerdings hatte auch ich den Eindruck, dass die Zukunftsfelder insgesamt stark technikorientiert sind (und somit in die Fußstapfen der Hightech-Strategie treten), auch wenn es sich um integrierte Ansätze handelt - ist dann ja eine Frage der Gewichtung. Konkret habe ich z.B. eine stärkere Fokussierung der aus meiner Sicht höchstrelevanten Themen Gesundheit, soziale Innovationen und menschliche Kompetenzentwicklung vermisst. Ein immer größerer Teil unserer zukünftigen Wirtschaftswelt in Deutschland wird durch Wissensarbeit bestimmt sein und man muss sich fragen, ob diese Entwicklung in den adressierten Zukunftsfeldern angemessen berücksichtigt wird.
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