Zukunftsfähige Lebensräume gehört zu den Zukunftsfeldern neuen Zuschnitts, die im Foresight-Prozess als Schwerpunkte zukünftiger Forschungsanstrengungen erarbeitet wurden. Aus Befragungen von Expertinnen und Experten im In- und Ausland sowie einer Online-Umfrage und bibliometrischen Untersuchungen ergab sich die folgende Definition und Abgrenzung:
Die Lebensräume der Zukunft werden sich strukturell und organisatorisch verändern. Getrieben durch die Neuordnung von Lebensentwürfen und die technologischen Möglichkeiten verändern sich zeitliche und räumliche Muster von Wohnen und Leben. Zusammen mit den Anforderungen an eine nachhaltige Raumentwicklung erfordern diese Entwicklungen Innovationen und Adaption in verschiedenen Forschungsthemen.
Um auf anhaltende gesellschaftliche Trends langfristig reagieren zu können, ist es notwendig, siedlungsstrukturelle Konzepte dynamischer zu gestalten, um den sich ändernden Rahmenbedingungen besser gewachsen zu sein. Dazu gehört beispielsweise die Etablierung von flexiblen und klimagerechten Raum- und Siedlungsstrukturen. Diesen im Fluss befindlichen Anforderungen stehen die heutigen Siedlungs- und Infrastrukturen entgegen, die sich kurz- und mittelfristig nur mit hohem Kosten- und Ressourcenaufwand verändern lassen. Daher müssen auf der technischen Ebene die Infrastrukturen für die Versorgung mit Energie, für die Ermöglichung von Verkehr und für die Ver- und Entsorgung mit Wasserdienstleistungen bis hin zur Gewährleistung von Information und Kommunikation flexibler werden. Ein künftiger Umbau bzw. Rückbau bei ihrer Implementierung muss berücksichtigt werden.
Eine nachhaltige Siedlungsentwicklung erfordert zudem andere Planungs- und »Governance«-Strukturen, die besonders auf ein integriertes Infrastrukturmanagement und eine stärkere Bedeutung von Lebenszyklen der bebauten Umwelt abzielen. Bei der Implementierung und Etablierung von nachhaltigen Siedlungs- und Dienstleistungskonzepten spielen Akteursstrukturen und neue Formen der Zusammenarbeit eine wichtige Rolle, nicht nur bei der technischen Infrastruktur, sondern auch bei sozialen Dienstleistungen.
Um in diesem Spannungsfeld agieren zu können, sind in Zukunft gut koordinierte Anstrengungen der Akteure verschiedener Forschungsfelder notwendig. Es ergeben sich Potenziale für strukturelle und technische Innovationen, die heute noch gar nicht abzusehen sind. Zuvor wird jedoch ein grundlegendes Verständnis der komplexen Zusammenhänge benötigt. Ebenso wenig zu vernachlässigen ist die wichtige Rolle des Staates bei der Entwicklung und dem Aufbau neuer großer Infrastrukturen.
Das vollständige Kapitel aus dem Foresight-Bericht zu diesem Zukunftsfeld können Sie hier herunterladen.
Von Anfang Mai bis Ende Juni 2010 hatten Nutzer auf einer eigens eingerichteten Onlineplattform die Gelegenheit, ihre Gedanken zu diesem Zukunftsfeld neuen Zuschnitts zu veröffentlichen. Als Anregung wurden u.a. folgende Fragen gestellt:
Hierzu gab es die folgenden Beiträge:
Verfasst von Prof. Dr. med. Erika Baum (Universität Marburg) am Samstag, 15 Mai 2010 - 11:06
Ein zentraler Punkt wird die medizinische Versorgung der Bevölkerung insbesondere in strukturschwachen Regionen sein. Hier ist insbesondere die Allgemeinmedizin und die Player im Gesundheitssystem mit den kommunalen Behörden in ein Boot zu bringen, um die Bedürfnisse und Lösungsstrategien zu erforschen.
Verfasst von Univ-Prof. Dr. Ingo Froböse (Zentrum für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln) am Dienstag, 15 Jun 2010 - 13:24
Neben den angesprochenen zweifelsohne sehr relevanten Themenbereichen in den "Zukunftsfähigen Lebensräumen" sehen wir gerade in diesem Themenbereich auch ein erhebliches Potential für eine aktive und interdisziplinäre Gesundheitsförderung, denn Lebensräume sind Bewegungsräume. Diese gilt es in ihrer Wirkung zu hinterfragen und somit einen entscheidenden gesellschaftlichen Beitrag zur Reduktion der zunehmenden Inaktivität der Bevölkerung mit all ihren Auswirkungen (Übergewicht etc.) zu reduzieren.
Verfasst von PD Dr. Horst Christian Vollmar, MPH (DZNE, Witten) am Dienstag, 6 Jul 2010 - 11:34
Insbesondere chronische Erkrankungen nehmen als Folge des demografischen Wandels zu. Der Forschung für den alternden Menschen wird also eine zentrale Bedeutung zukommen und zwar über die gesamte Innovationskette (von der Grundlagen-, über die translationale, die klinische bis hin zur Versorgungsforschung) hinweg. Gerade die Versorgungsforschung kann die von Frau Prof. Baum angesprochenen Probleme in der ambulanten Versorgung adressieren und Lösungskonzepte entwickeln.
Bewiesenermaßen hat das Wohnumfeld einen Einfluss auf das körperliche Aktivitätsverhalten und somit auf die physische und psycho-soziale Gesundheit. Für viele v.a. angloamerikanische Länder konnten eindeutige Korrelate des Wohnumfeldes zum Aktivitätsverhalten identifiziert werden. Wichtig ist es, diese Forschungen auch in Deutschland zu intensivieren und die Ergebnisse in die Planung der "Zukunftsfähigen Lebensräumen" zu integrieren. Eine aktive Gesundheitsförderung muss immer interdisziplinär erfolgen. Hier sollten Architekten, Stadtplaner, kommunale Entscheidungsträger, Bewegungs- und Public Health Spezialisten an einem Strang ziehen, um somit das Gesundheitspotential der Lebensräume beschreiben, Möglichkeiten und Grenzen aufgreifen sowie die Potenziale fördern.