Hightech-Strategie

Konferenz "20 Jahre Aufbau Ost in Forschung und Innovation"

Hochkarätige Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft bilanzierten am 28. September 2010 in Berlin 20 Jahre Aufbau Ost und identifizierten die zentralen Weichenstellungen für die kommenden 20 Jahre. Unter dem Motto "ideenreich.zukunftssicher." erzählten sie aus verschiedenen Blickwinkeln über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit der Forschungs- und Innovationslandschaft der Neuen Länder, diskutierten Erfolge und bestehende Herausforderungen.

Konferenz

Mehr als 500 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft hatte das BMBF ins axica Kongress- und Tagungszentrum nach Berlin geladen. Sie erlebten geistreiche und teilweise sehr persönliche Reden und Statements, sahen Filmbeiträge - unter anderem den Vorbericht zu einer Weltpremiere - und verfolgten eine Talkrunde mit Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft. Tenor: Es wurde viel erreicht, aber es gibt noch immer viel zu tun, um die Herausforderungen der nächsten 20 Jahre zu bewältigen. Und dafür hatte jeder der Konferenzteilnehmer seine ganz eigenen Ideen.

Professor Dr. Kurt Biedenkopf war von Moderator Christoph Teuner als Vertreter der "Aufbaugeneration" angekündigt worden. Der erste Ministerpräsident des Freistaates Sachsens wandte sich allerdings schnell der Gegenwart zu. Vor allem auf den Gebieten Naturwissenschaften, Medizin und Technik gebe es heute keinen qualitativen Unterschied zwischen Ost und West mehr, stellte Biedenkopf fest - und lobte zwei Programme des BMBF: Der Spitzenclusterwettbewerb und die Exzellenzinitiative "greifen, unabhängig ob die Universität in Dresden, Leipzig, Stuttgart oder München ist".

Für die Zukunft forderte Biedenkopf, angesichts sich verknappender Haushalte, auf keinen Fall bei Bildung und Forschung zu sparen. Er plädierte dafür, alle Ressourcen zu mobilisieren, wobei er die Neugierde der über 50jährigen als "Riesenchance" bezeichnete sowie dazu aufforderte, das Potenzial der nachwachsenden Generation auszuschöpfen. "Wettbewerb und Offenheit sind für die Zukunft unverzichtbar", stellte Biedenkopf fest und forderte die "Großzügigkeit, das zu unterstützen, was Chance hat, nicht was sicher ist.

Eine Bilanz über zwanzig Jahre Forschung im Vereinigungsprozess zog Prof. Dr. Karl Ulrich Mayer. Der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft legte dabei den Schwerpunkt auf die außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Mayer lobte den insgesamt sehr erfolgreichen Vereinigungsprozess in der Forschung im Allgemeinen und die "Erfolgsgeschichte der Transformation" der Akademie der Wissenschaften bzw. ihrer Institute im Speziellen - wies allerdings auch auf die damaligen Probleme hin des Umwandlungsprozesses hin. Die neuen und engen Kooperationen, die außeruniversitäre Einrichtungen damals in Ostdeutschland mit den Hochschulen eingingen, seien etwa "für die Exzellenzinitiative wegweisend" gewesen. Mit Blick auf die Zukunft plädierte er dafür, die Grenzen zwischen grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung noch stärker infrage zu stellen.

Einen "innovationsphilosophischen Blick von außen" warf Prof. Dr. Hans N. Weiler auf die ostdeutschen Hochschulen. "Ostdeutschland hat einiges zu bieten", stellte Weiler fest und verwies auf die neuen Verbundformen der Hochschulen mit außeruniversitärer Forschung und Wirtschaft, auf die vielfältigen Formen der Interdisziplinarität, die internationale Verflechtung sowie auf grenzüberschreitende Studiengänge. In der Zukunft seien allerdings mehr finanzielle Mittel nötig, um gute Ideen auch umsetzen zu können. Die Wettbewerber in Asien - v.a. in Indien und China - würden immer stärker, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Hochschulen in Ost wie West sei noch nicht gesichert. Weiler wünschte sich eine weitere Differenzierung von Wissen und Ausbildung, etwa mittels neuer Möglichkeiten des Übergangs von der Sekundarstufe II zur universitären Ausbildung. Wie zuvor Kurt Biedenkopf verwies er auf das Innovationspotenzial der älteren Generation und schlug eine Aufhebung der Altersgrenze für Hochschulprofessoren vor.

Anschließend sahen die Konferenzteilnehmer und -gäste den Film "Weltpremiere in der dritten Dimension", der die Vorbereitungen zum ersten 3-D-Live-Konzert der "Fantastischen Vier" am Abend der Konferenz in Halle dokumentiert. Die bisher einmalige Live-Übertragung in 88 Kinos in Deutschland, Österreich, Belgien und in der Schweiz wurde unter anderem vom Innovationsforum "3-D Cinema und Stereoskopische Medienproduktionen" ermöglicht, das vom BMBF gefördert wird.

"In den Neuen Ländern ist eine überzeugende Wissenschafts- und Forschungslandschaft gewachsen, die weit über die Grenzen Berlins, Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns, Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens hinaus wirkt", bilanzierte Prof. Dr. Annette Schavan in ihrer Rede. Die Bundesministerin für Bildung und Forschung hob den "großen intellektuellen Beitrag" hervor, den Wissenschaft und Forschung für die innere Einheit geleistet haben, und verwies auf die "Erfolgsgeschichten und die damit verbundene qualitative und nachhaltige Verbesserung der ostdeutschen Innovationslandschaft". Die Hochschulen hätten sich vielerorts zu Motoren von Innovationen entwickelt, die Zusammenarbeit von Hochschulen mit außeruniversitären Einrichtungen und der Wirtschaft funktioniere gut.

Schavan merkte an, dass die Förderphilosophie des BMBF den spezifischen strukturellen Voraussetzungen Ostdeutschlands gerecht werde, insbesondere mit dem Programm "Spitzenforschung und Innovation für die Neuen Länder und der Innovationsinitiative für die Neuen Länder "Unternehmen Region", die bis dato rund 350 regionale Bündnisse und mehr als 2.000 Einzelprojekte gefördert habe.

"Wir kommen vom Aufbau Ost und haben die Zukunft Ost fest im Blick" erklärte Schavan. Auf den Zukunftsfeldern erneuerbare Energien, Medizintechnik, Gesundheitswirtschaft, Informations- und Kommunikationstechnologien brauche Ostdeutschland den internationalen Vergleich nicht zu scheuen. Dennoch erfordere die Zukunft einen höheren Wirkungsgrad und eine höhere Umsetzungsgeschwindigkeit von Fördermaßnahmen, einen besseren Technologietransfer, eine stärker beworbenes Unternehmertum und besseres Innovationsmanagement. Schavan kündigte den ostdeutschen Ländern an: "Das BMBF wird auch in der nächsten Dekade ein verlässlicher Partner sein."

Auch Dr. Reiner Haseloff, Minister für Wirtschaft und Arbeit in Sachsen-Anhalt sprach von einer "Erfolgsgeschichte, die in keinem anderen Nationalstaat weltweit in den letzten Jahren" stattgefunden hat. Schon heute gebe es in vergleichbaren Strukturen, etwa bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), keine Ost-West-Unterschiede mehr; den Unterschied machten allerdings die fehlenden Großunternehmen.  Konkret forderte Haseloff die Zulassung von Mehrfachförderungen bei Unternehmenserweiterungen und den Abbau steuerrechtlicher Hemmnisse beim Generationswechsel. Der Minister warb für mehr Kooperation und Spezialisierung auch bei Hochschulen. In der Wettbewerbsfähigkeit der ostdeutschen Hochschulen erkannte Haseloff noch Nachholbedarf und schlug deshalb vor, "dass man etwas mehr ankommen lässt bei uns als rein mathematisch berechnet wurde".

Dr. Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern, wies auf in Ostdeutschland vielerorts entstandene Schwerpunkte in Forschung und Innovation hin und forderte Wissenschaftler und Unternehmern auf: "Machen wir was aus den Schwerpunkten!". De Maizière, der auch Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Länder ist, legte den Fokus auf die Gleichwertigkeit anstelle einer Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West - und schlug vor, sich nicht ständig am (bundesdeutschen) Durchschnitt zu orientieren. Hochschulen wie Unternehmen müssten stattdessen den Mut zu Exzellenz und Profilbildung aufbringen, den "Mut zu differenzieren und zu sagen, was gut ist und was nicht". Dies könne der Staat nicht. Schließlich warb er dafür, weniger über Abwanderung zu reden und stattdessen die positive Seite unbesetzter Lehrstellen zu betonen: "Keine Generation von jungen Leuten hatte in den letzten 20 Jahren so gute Chancen wie heute."

Im Anschluss konnten die Konferenzgäste einige der angesprochenen Erfolgsgeschichten der Forschungsförderung in den Neuen Ländern kennen lernen. Der Film "7 aus über 2000" berichtete von spannenden Projekten aus Greifswald, Berlin, Potsdam, Magdeburg, Leipzig, Hermsdorf und Jena.

In der abschließenden Talkrunde "Zukunft Ost: Perspektiven, Chancen und Notwendigkeiten" diskutierten Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft die Herausforderungen, denen sich Forschung und Innovation im Jahr 2010 gegenübersehen.

Prof. Dr. Tilman Brück, Leiter der Abteilung Weltwirtschaft am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, forderte mehr Mut zu Reformen und eine höhere Reformgeschwindigkeit. Die Politik müsse den Trägern von Forschung und Innovation vor Ort mehr Freiheiten zugestehen und mehr Verantwortung übertragen - und Unterschiede zulassen. Prof. Dr. Michael Baumann, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie der TU Dresden, schloss sich Brücks Forderung nach mehr Freiheit von politischer Seite an, verlangte aber auch eine stärkere Fokussierung und mehr Mut auf Seite der Wissenschaft: "Voraussetzung für Erfolg ist, dass man etwas leisten kann und will".

Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst, Präsidentin der Universität Potsdam und des DAAD verwies auf die Kreativität und das Innovationspotenzial, das in der Zusammenarbeit von Hochschulen und Forschungseinrichtungen liegt. Dabei müssten Hochschulen wie Politik mit Blick auf mögliche Partner vor Ort die Standorte mit Zukunftspotenzial festlegen. Die Hochschulen müssten deutlich internationaler werden, etwa durch Anstellung ausländischer Hochschullehrer - und das bei einer guten finanziellen Ausstattung. Für mehr Internationalisierung plädierte auch Prof. Dr. Thomas Pertsch von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Er prophezeite einen internationalen Wettkampf um Studenten, dem man sich mit gezielter Werbung stellen müsse - etwa durch Gründung von Dependancen im Ausland. Dabei müsse man grundsätzlich über die Grenzen von Bundesländern hinweg denken.

Olaf Mollenhauer, geschäftsführender Gesellschafter der TETRA GmbH in Ilmenau, schlug ein bundesweit einheitliches Schulsystem vor und betonte die Notwendigkeit lebenslangen Lernens. Außerdem müssten Innovationen schneller und besser in Geld umgewandelt werden - und weitere Anstrengungen zur Aggregation und Vernetzung von KMU unternommen werden.

"Wir werden mehr Transferleistungen brauchen, wir werden aber auch Ideen liefern müssen, um die Mittel umzusetzen", gab Prof. Dr. Thomas Lenk zu bedenken. Der Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen und
Public Management an der Universität Leipzig wünschte sich zudem eine noch stärkere Fokussierung auf naturwissenschaftliche und technische Disziplinen und verwies auf die Notwendigkeit Technischer Universitäten in dicht besiedelten Regionen.

Im Anschluss an den offiziellen Teil der Konferenz nutzten Teilnehmer und Gäste den Empfang, um die gewonnenen Erkenntnisse zu vertiefen und zu diskutieren, um ihr Exemplar des von der Ministerin vorgestellten "Innovationsatlas Ostdeutschland 2010" durchzublättern und um die Ausstellung "ideenreich.zukunftssicher. Die Zukunft Ost im Blick" zu besuchen - oder aber, um am Abend der Weltpremiere in 3-D beizuwohnen - und so ein ganz konkretes Ergebnis aus 20 Jahren Innovationsförderung in Ostdeutschland zu erleben.

Innovationsatlas Ost

Zur Konferenz waren etwa 500 geladene Gäste aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft geladen. Sie alle erhielten den "Innovationsatlas Ost 2010", den Prof. Dr. Annette Schavan im Rahmen der Konferenz vorstellte. Mit sieben Bänden und rund 450 Seiten ist er das neue Standardwerk zur Wissenschafts- und Innovationslandschaft Ostdeutschland. Er bietet eine Vielzahl von Karten und Tabellen, alle wichtigen Struktur- und Innovationsindikatoren und liefert einen Überblick zur öffentlichen Forschung.

Daneben erläutert er die Förderkonzeption des BMBF und die zentralen Förderprogramme für die Neuen Länder und erzählt 24 Erfolgsgeschichten aus den neuen Bundesländern.  Der "Innovationsatlas Ost 2010" ist Zwischenbilanz und Statusbericht des Aufbaus Ost - und gibt gleichzeitig einen Ausblick auf die Zukunft Ost.

  • Hightech-Strategie

    Heft I: Die Innovationslandschaft in den Neuen Ländern - Ein Überblick

    In den vergangenen zwanzig Jahren ist in den Neuen Ländern eine blühende Wissenschafts- und Innovationslandschaft gewachsen, die weit über die Grenzen Berlins, Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns, Sachsen-Anhalts, Sachsens und Thüringens hinaus wirkt.
    mehr (URL: http://www.bmbf.de/de/15249.php)
  • Hightech-Strategie

    Heft II - Berlin

    Mehr Einwohner, mehr Touristen, mehr Innovationen: Berlin boomt. Und trotz einiger Großbaustellen hat die Bundeshauptstadt die Zukunft fest im Blick.
    mehr (URL: http://www.bmbf.de/de/15251.php)
  • Hightech-Strategie

    Heft III - Brandenburg

    Das größte der Neuen Länder hat einiges zu bieten: viel Platz für schöne Landschaft, viele Branchen und - besonders in der Metropolregion um Berlin - Spitzenforschung und Innovationen.
    mehr (URL: http://www.bmbf.de/de/15253.php)
  • Hightech-Strategie

    Heft IV - Mecklenburg-Vorpommern

    Mit dem Slogan "MV tut gut." zieht Mecklenburg-Vorpommern nicht nur Touristen an. Unternehmer und Forscher finden vor allem die Maritime Wirtschaft und die Life Sciences attraktiv.
    mehr (URL: http://www.bmbf.de/de/15255.php)
  • Hightech-Strategie

    Heft V - Sachsen

    Das Land im Herzen Europas bietet mehr als barocke Baukultur: Sachsen im Jahr 2010 bedeutet Industrie mit Tradition, Wirtschaft mit Zukunft - und Menschen mit Ideen.
    mehr (URL: http://www.bmbf.de/de/15257.php)
  • Hightech-Strategie

    Heft VI - Sachsen-Anhalt

    Das junge Bundesland hat sich auf den Weg gemacht. Mit einem bunten Branchen-Mix, mit Netzwerken und Kooperationen und mit innovativen Ideen bekämpft Sachsen-Anhalt strukturelle Defizite.
    mehr (URL: http://www.bmbf.de/de/15259.php)
  • Hightech-Strategie

    Heft VII - Thüringen

    In Thüringen liegt nicht nur das geografische Zentrum der Bundesrepublik. 20 Jahre nach der Einheit ist das Land auch in wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Sicht in der Mitte Deutschlands angekommen.
    mehr (URL: http://www.bmbf.de/de/15261.php)

Reden

  • 28.09.2010

    Bilanzkonferenz "ideenreich.zukunftssicher. 20 Jahre Aufbau Ost in Forschung und Innovation"

    Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Annette Schavan, MdB, anlässlich der Bilanzkonferenz "ideenreich.zukunftssicher. 20 Jahre Aufbau Ost in Forschung und Innovation" am 28. September 2010 in Berlin.

    Download

    [PDF - 30,0 kB]  barrierefrei

    [URL: /pub/reden/mr_20100928.pdf]

Dokumente

Publikationen

  • Innovationsatlas Ost 2010 ID = 1235

    Titelbild der Publikation

    Ideenreich Zukunftssicher - 2010

    2010, 471 Seiten
    Bestell-Nr.: 30561

    Kostenlos bestellen

    Download [PDF - 13,79 MB] (URL: http://www.bmbf.de/pub/innovationsatlas.pdf)

Hier finden Sie die lieferbaren Materialien.
(URL: http://www.bmbf.de/publikationen/)