Interview mit Bundesforschungsministerin Annette Schavan zum Welternährungstag am 16. Oktober 2011

Bundesministerin Professor Doktor Annette SchavanBundesministerin
Prof. Dr. Annette Schavan
 Frage: Die Weltbevölkerung wird noch dieses Jahr die Sieben-Milliarden-Grenze durchbrechen und wächst so schnell weiter, wie nie zuvor. Gleichzeitig begrenzen klimatische Veränderungen die nutzbaren Agrarflächen immer mehr. Warum ist Forschung für die Welternährung so wichtig?

Schavan: Mehr Forschung zur Entwicklung einer nachhaltigen Agrarwirtschaft ist wichtig, um Ernährung für alle Menschen gewährleisteten zu können. Die globale landwirtschaftliche Produktion muss sich diesen Veränderungen anpassen, um die Menschen nicht nur hier bei uns, sondern weltweit zukünftig ernähren zu können. Wir konzentrieren uns auf Länder und Regionen, in denen bereits heute Ernährungsunsicherheit, Hunger und Unterernährung herrschen, wie insbesondere in Afrika. Während in den Industrienationen Lebensmittel vernichtet werden, können in Afrika bei Weitem nicht so hohe Ernteerträge erzielt werden, wie in anderen Teilen der Welt.

Frage: Was ist neu an der Initiative des Bundesforschungsministeriums zur globalen Ernährungssicherung?

Schavan: Die landwirtschaftliche Produktion muss einerseits gesteigert werden. Andererseits müssen aber auch die Verluste entlang der gesamten Wertschöpfungskette minimiert werden. Die eingeschränkt verfügbaren Flächen und begrenzten Ressourcen erfordern nachhaltige Nutzung und die Anpassung an sich ändernde Umwelt- und Klimabedingungen. Grundlage für die Entwicklung einer nachhaltigen und produktiven Landwirtschaft ist ein umfassendes Verständnis für das komplexe "Nahrungssystem" und ein Verständnis der regionalen oder lokalen Anforderungen zur Bewirtschaftung der Flächen. Genau hier setzt die Maßnahme "GlobE - Globale Ernährungssicherung" an. Mit der inhaltlichen Konzentration auf das "System Nahrung" sollen Lösungen zu zentralen Problemen in Regionen Afrikas erarbeitet werden. Besonders wichtig ist mir dabei, dass afrikanische und deutsche Forscherinnen und Forscher eng zusammen arbeiten, gemeinsam Konzepte entwickeln und diese vor Ort auch gemeinsam umsetzen.

Frage: Warum ist der Aspekt der Zusammenarbeit so wichtig?

Schavan: Welternährung ist ein übergreifendes Thema bei dem Ressort- oder Ländergrenzen keine Rolle spielen dürfen. Wir fördern ausschließlich interdisziplinäre Verbundprojekte, in denen deutsche Hochschulen, Forschungseinrichtungen oder Unternehmen mit entsprechenden Partnern aus afrikanischen Ländern zusammenarbeiten. Es sollen bestehende Kooperationen ausgebaut, aber auch neue geschlossen werden. Auch internationale Einrichtungen, wie die Beratungsgruppe für Internationale Agrarforschung, das afrikanische Insektenforschungsinstitut icipe oder das Weltgemüseforschungsinstitut AVRDC, können als Partner in die Verbundstruktur integriert werden. Hierfür hat sich das Bundesforschungsministerium mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zusammengeschlossen und die zur Verfügung stehenden Instrumente miteinander verknüpft.

Frage: Wird es bei den Maßnahmen ausschließlich um Pflanzenzüchtung gehen?

Schavan: Nein, die Besonderheit der Maßnahme ist die systemische Betrachtungsweise. Pflanzenzüchtung wird jedoch einen entscheidenden Beitrag zum Erreichen der Ziele leisten. Daneben werden beispielsweise Wasser- und Stoffkreisläufe, produktionstechnische Fragen oder standortspezifische Aspekte eine wesentliche Rolle spielen, um der Komplexität des Systems gerecht zu werden. Letztlich sollten aber immer auch die Menschen, ihre Kultur und ihre Lebenssituation, im Blickpunkt bleiben. Daher ist partnerschaftliche Kooperation mit Akteuren vor Ort Voraussetzung, um die notwendigen Kenntnisse und Erfahrungen aus den betroffenen Regionen einzubinden.

Frage: In einem themenoffenen Wettbewerb sollen die besten Forschungskonzepte zur Steigerung und Sicherung der agrarwirtschaftlichen Produktion gefunden und unterstützt werden. Was heißt in diesem Zusammenhang methodenoffen und technologieübergreifend?

Schavan: Aufgrund der Komplexität des Themas sind neben den agrar- und naturwissenschaftlichen Bereichen besonders auch angrenzende Fachdisziplinen einzubinden, wie Geowissenschaften, Ingenieurwissenschaften sowie die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Im Vordergrund steht für mich, mit den vielversprechendsten Ansätzen dem konkreten Bedarf vor Ort zu begegnen und zu Lösungen zu kommen. Für den Einsatz verschiedener Techniken und Methoden soll es daher möglichst wenige Einschränkungen geben.

Frage: Wie hängt die Initiative mit der Nationalen Forschungsstrategie Bioökonomie zusammen?

Schavan: Eine rapide wachsende Weltbevölkerung, fortschreitender Klimawandel und die Endlichkeit fossiler Rohstoffe sind die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Diesen müssen wir uns stellen. Mit der "Nationalen Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030" hat die Bundesregierung die Grundlagen für die Vision einer nachhaltigen, bio-basierten Wirtschaft bis 2030 vorgelegt Darin sind fünf große Handlungsfelder adressiert. Die weltweite Ernährungssicherung ist eines dieser Handlungsfelder und gleichzeitig zentrales Bedürfnis aller Menschen. Die GlobE-Maßnahme trifft den Kern dieses prioritären Handlungsfeldes, indem regionale Anforderungen berücksichtigt werden und die Forschung auf verschiedenen Ebenen angesetzt wird.

Frage: Weshalb ist die Initiative auf Afrika begrenzt?

Schavan: Ein Blick auf die Welthungerkarte der "World Food Programme" von 2011 zeigt es in aller Deutlichkeit: Die Unterversorgung mit Nahrungsmitteln ist in Afrika am stärksten ausgeprägt. Von den weltweit etwa 1 Mrd. hungernden Menschen lebt ein Großteil in den Ländern Sub-Sahara-Afrikas. Gerade hier bietet aber eine wissensbasierte Neustrukturierung der Produktions-, Lager- und Vertriebssysteme ein großes Potenzial. Hier müssen deutsche und afrikanische Forscher gemeinsam mit lokalen Entscheidungsträgern handeln, damit eigene, afrikanische Lösungswege erschlossen werden.

Publikationen

  • Nationale Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030 ID = 1233

    Titelbild der Publikation

    Unser Weg zu einer bio-basierten Wirtschaft

    2010, 52 Seiten
    Bestell-Nr.: 30570

    Kostenlos bestellen

    Download [PDF - 3,42 MB] (URL: http://www.bmbf.de/pub/biooekonomie.pdf)

  • National Research Strategy BioEconomy 2030 ID = 1330

    Titelbild der Publikation

    Our Route towards a biobased economy

    2011, 52 Seiten
    Bestell-Nr.: 30595

    Kostenlos bestellen

    Download [PDF - 2,65 MB] (URL: http://www.bmbf.de/pub/bioeconomy_2030.pdf)

Hier finden Sie die lieferbaren Materialien.
(URL: http://www.bmbf.de/publikationen/)