Bildung
Porträt von Katja Urbatsch

"Viele Eltern haben Angst, wenn ihre Kinder studieren"

Noch viel zu oft entscheidet die Herkunft darüber, ob Jugendliche studieren oder nicht. Eltern sind Vorbilder für ihre Kinder, das gilt auch für die Bildungswege. So nehmen von 100 Akademikerkindern in Deutschland immerhin 71 ein Hochschulstudium auf. Von 100 Kindern nicht akademischer Herkunft studieren dagegen nur 24. Denn deren Eltern fühlen sich oft hilflos: Sie wissen nicht, ob sie ihre Kinder während des Studiums finanziell und inhaltlich unterstützen können. Das Netzwerk "ArbeiterKind" will hier Abhilfe schaffen - es will Schülerinnen und Schüler aus nichtakademischen Elternhäusern ermutigen, ein Studium aufzunehmen. Katja Urbatsch, die Geschäftsführerin der Initiative, spricht im Interview mit BMBF-Online über die Ängste der Eltern, die Talente der Kinder und ihre eigenen Förderer.

Frau Urbatsch, die Zahlen sind erschreckend: Von hundert Akademikerkindern nehmen in Deutschland 71 ein Hochschulstudium auf. Von hundert Kindern nichtakademischer Herkunft studieren hingegen nur 24, und das, obwohl doppelt so viele von ihnen die Hochschulreife erreichen. Wie kommt das?

Sicherlich spielen die Ausbildungswege der Eltern und anderer Familienmitglieder eine große Rolle. Die sie sind ja die Vorbilder für Kinder und Jugendliche. Wenn noch niemand zuvor in der Familie studiert hat, muss der Jugendliche selbst auf die Idee kommen und auch den Mut haben, diesen neuen Weg dann auch zu gehen. Wenn keine Vorbilder in der Familie existieren, kann man auch meist niemanden fragen, wie ein Studium abläuft, ob man es schaffen kann. Daher ist das Studium für potenzielle Erststudierende ein großes Wagnis, insbesondere auch finanziell. Sie fürchten häufig, dass sie es nicht finanzieren können, haben Angst, BAföG in Anspruch zu nehmen, weil sie sich verschulden und sind unsicher bezüglich ihrer Berufschancen als Akademiker.

Warum unterstützen viele Eltern ihre Kinder nicht, wenn die studieren wollen?

Auch dies ist sehr unterschiedlich. Es gibt Eltern, die möchten, dass ihre Kinder studieren, haben aber das Gefühl, dass sie sie weder finanziell noch inhaltlich unterstützen können und fühlen sich hilflos. Außerdem haben viele Eltern Angst, dass ihre Kinder sehr viel Geld und Zeit ins Studium investieren, dann aber scheitern oder anschließend keinen Job bekommen. Natürlich tendiert die Mehrheit der Eltern - auch unter Akademikern - immer dazu, den Ausbildungsweg zu empfehlen, den sie selbst gegangen sind, da sie diesen als erfolgreich empfinden, sich auskennen und ihre Kinder unterstützen können. Es ist sehr gut nachzuvollziehen, dass Eltern Angst haben, ihre Kinder in eine unbekannte Welt zu schicken, in der sie sich ganz allein durchkämpfen müssen und sie als Eltern hilflos daneben stehen müssen.

Viele dieser Kinder kommen aus kaputten Familien, haben vor der Schule nicht gefrühstückt und leben in Elternhäusern voller Streit und materiellen Sorgen. Können Schule und Gesellschaft diese Lücke wirklich füllen?

Sicherlich wird es uns nicht gelingen, diese Lücke komplett zu schließen, aber zumindest sollten wir uns verantwortlich fühlen, es versuchen und unser Bestes geben. Denn die Kinder können ja nichts dafür, in welche Familien sie hineingeboren werden. Zudem bin ich der Überzeugung, dass jedes Kind über Talente verfügt, die es zu wecken gilt. Zum einen können wir es uns nicht mehr leisten, unsere Potenziale zu verschwenden und zum anderen bin ich der Überzeugung, dass jedes Kind eine Chance verdient hat.

Auch Ihre eigenen Eltern haben keinen akademischen Hintergrund. Wie haben sie reagiert, als Sie ihnen gesagt haben, dass Sie studieren wollen?

Ich hatte das Glück, dass meine Eltern meinen Bruder und mich immer auf unserem Bildungsweg unterstützt haben, das war sicherlich der größte Erfolgsfaktor. Aber im größeren Verwandten- und Bekanntenkreis stieß ich immer wieder auf Unverständnis und hatte das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, sowohl für das Studium als auch für mein geisteswissenschaftliches Hauptfach Nordamerikastudien. Für jemanden, der nicht studiert hat, ist es einfach sehr schwer, sich vorzustellen, was es bedeutet, zu studieren und, warum sich die finanzielle Investition lohnt.

Fühlten Sie sich fremd an der Universität?

In der Hochschule wurde mir sehr schnell bewusst, dass ich gerade in diesem Fach mehrheitlich von Kommilitoninnen und Kommilitonen aus akademischen Elternhäusern umgeben war, für die ein Studium selbstverständlich ist. Sie hatten nicht nur finanzielle, sondern auch inhaltliche Unterstützung von Zuhause und häufig auch mehr Informationen, wie zum Beispiel über Stipendien. Daher traten sie natürlich häufig viel selbstbewusster auf und brachten einen Wortschatz mit mehr Fremdwörtern mit als ich. Ich habe mich in der Hochschule des Öfteren unsicher gefühlt, insbesondere in den ersten Semestern. Da habe ich mich nicht getraut, Seminare von Professoren zu belegen, sondern bin nur in die Kurse von wissenschaftlichen Mitarbeitern gegangen, weil ich mich dort traute, Fragen zu stellen und weniger Sorge hatte, den Leistungsanforderungen nicht gerecht werden zu können. Nach und nach habe ich aber immer mehr Selbstbewusstsein aufbauen können, insbesondere auch durch mein Auslandsstudium an der Boston University in den USA mit einem DAAD-Stipendium. Ich bin immer wieder auf Menschen gestoßen, die mich gefördert haben und mich nach meinem Studium auch dazu ermutigt haben, zu promovieren.

Sie haben dann 2008 das Netzwerk Arbeiterkind.de gegründet. Was ist das?

Die Initiative begann 2008 mit einem Internetportal, mit dem ich Schülerinnen und Schüler aus nicht-akademischen Familien zum Studium ermutigen und auch vom Studieneinstieg bis zum erfolgreichen Studienabschluss unterstützen wollte. Inzwischen hat sich daraus ein bundesweites Netzwerk von 4.000 Ehrenamtlichen in 80 lokalen Gruppen entwickelt, die größtenteils selbst als erste in ihren Familien studieren oder studiert haben. Die Ehrenamtlichen führen zum Beispiel Informationsveranstaltungen zum Studium an weiterführenden Schulen durch, um interessierte Jugendliche und junge Erwachsene für ein Studium zu begeistern, zu motivieren, mit Informationen zu unterstützen. In den Veranstaltungen berichten die Ehrenamtlichen von ihrer eigenen Studienwahl, ihren Studienfächern und -erfahrungen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den Fragen, warum es sich lohnt zu studieren und welche Finanzierungsmöglichkeiten es gibt, beispielsweise BAföG und Stipendien. Außerdem stehen die Ehrenamtlichen als Ansprechpartner zur Verfügung, bieten regelmäßige Stammtische und Sprechstunden an, sind mit Infoständen auf Bildungsmessen vertreten und beantworten Fragen, die sie per E-Mail oder unser eigenes Online-Netzwerk erreichen. Für viele Schüler und Studierende, die ängstlich sind, sind wir niedrigschwellige Ansprechpartner und der Eingang zur Hochschule oder zu weiteren Beratungsstellen, an die wir sie weiterleiten.

Das BMBF hat vor einigen Monaten die Initiative Allianz für Bildung ins Leben gerufen, mit der der Aufbau lokaler Bildungsbündnisse unterstützt wird. Viele Initiativen, Stiftungen und Verbände haben sich schon angeschlossen. Was kann diese Allianz aus Ihrer Sicht leisten?

Ich freue mich sehr über diese Initiative, denn wir können die Herausforderung, jedes Kind unabhängig von seiner sozialen Herkunft zu fördern, nur gemeinsam bewältigen. Ich erhoffe mir daher die Entstehung eines Netzwerks, das dafür sorgt, dass alle jungen Menschen ihre Talente entfalten können. Darüber hinaus hoffe ich, dass die Allianz für Bildung, die aktuelle Aufbruchsstimmung im Bildungsbereich weiter verstärkt und sich noch mehr Menschen berufen fühlen, Verantwortung zu übernehmen und Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen.