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Im Zentrum des internationalen Global Media Forums der Deutschen Welle stehen in diesem Jahr Kultur, Bildung und die Rolle der Medien. Bildung, so heißt es, sei der Schlüssel der Zukunftsfähigkeit von ganzen Gesellschaften. Ist da was dran?
Schütte: Ja absolut. Wenn wir beispielsweise nach Nordafrika, nach Ägypten schauen, dann sieht man, wie eine junge Generation hungrig ist nach Bildung. Hunger nach Bildung heißt auch: Hunger nach Zukunftschancen. Die jungen Menschen streben in die Universitäten; sie erhoffen sich von einem Studium, dass sie damit Berufschancen haben und Berufschancen zu haben heißt wiederum Zukunft gestalten. Ein Land zu gestalten heißt auch ein Land mit aufzubauen. In diesem Sinne ist Bildung, auch Hochschulbildung, ein Schlüssel für die Zukunft und zur Zukunft.
Und glauben Sie, dass Bildung noch stärker als bisher in den Mittelpunkt von Entwicklungspolitik gestellt werden sollte?
Schütte: Ja! Wir haben mit der Internationalisierungsstrategie für Bildung und Forschung schon vor drei Jahren gesagt: Entwicklungszusammenarbeit und Bildungszusammenarbeit müssen zusammenwachsen. Wir sind auch auf diesem Weg ein gutes Stück weitergekommen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat eine Bildungsstrategie entwickelt. Wir kooperieren hier eng. Zugleich erarbeiten wir bei uns im Bundesministerium für Bildung und Forschung eine Strategie zur Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern und insbesondere mit Afrika. Auch hier wollen und werden wir neue Wege gehen.
Manche behaupten sogar, ohne Bildung sei ein friedliches Nebeneinander der Nationen nicht möglich. Aber droht man das Thema nicht zu überfrachten? Ist es wirklich so einfach?
Schütte: Nein, so einfach ist es nicht. Bildung ist nicht der Schlüssel zu allem. Aber vieles wird unmöglich, wenn man nicht mit der Bildung beginnt. Wir müssen fragen: Was können wir tun? Es wird uns nicht gelingen, Schulbildungssysteme in all diesen Ländern aufzubauen und auf ein Niveau zu bringen, das mit unserem vergleichbar ist. Hier haben die einzelnen Länder Aufgaben - auch Hausaufgaben - zu bewältigen. Aber wir können da einsteigen und uns engagieren, wo man aus der Kooperation gemeinsam etwas Neues schaffen kann, wo man gemeinsam voneinander lernen kann. Das ist dann unsere Verantwortung.
Haben Sie ein konkretes Projekt im Hinterkopf?
Schütte: Wir haben im Frühjahr des vergangenen Jahres begonnen, in Ägypten eine Diskussion zu führen, wie wir nicht nur in den technischen Wissenschaften kooperieren können. Hier gibt es zahlreiche Projekte der Zusammenarbeit. Wir haben auch überlegt, wie man in den Geistes- und Sozialwissenschaften zusammenarbeiten kann. Wir haben überlegt, welchen Beitrag diese Wissenschaften leisten können, um Bedingungen für offene Gesellschaften zu schaffen, um Bedingungen dafür zu schaffen, dass ein demokratisches Gemeinwesen entstehen kann. Auch hier sehen wir Chancen für die Kooperation.
Gibt es ähnliche Kooperationen auch in Asien?
Schütte: Ja, das Spektrum ist auch hier breit. Ein Stichwort ist die Wasserforschung. Hier kooperieren wir eng mit Vietnam. Wir schauen, wie die Wasserversorgung und Abwasserreinigung etwa in Hanoi ausgestaltet werden kann. Das ist ein Beispiel für Themen, die sich aus den spezifischen Umständen vor Ort ergeben. Wir arbeiten auch intensiv mit China zusammen - dem großen Schwellenland in Asien, von dem viele sagen, es sei eine der Zukunftsmächte der Welt. Auch hier ist Wasser ein großes Thema. Wir errichten gerade gemeinsam mit chinesischen Partnern eine Demonstrationskläranlage, bei der es möglich sein wird, Reststoffe aus den Klärschlämmen wieder in die Wertschöpfungskette zurückzubringen. Zugleich zeigt sich aber, dass es, gerade mit einem Land wie China, bei der technischen Kooperation nicht bleiben darf. Deshalb haben wir ein Innovationsforum gestartet, in dem wir uns mit chinesischen Partnern darüber austauschen, wie die Bedingungen für innovative Unternehmen in beiden Ländern ausgestaltet sein müssen und welche Freiheitsgrade notwendig sind, um wirtschaftlich handeln zu können. Wir glauben, dass auch solche Dialoge wichtig sind, um neue Wege für künftiges Miteinander aufzuzeigen.
Beim internationalen Global Media Forum der deutschen Welle in Bonn ist das Verhältnis von Kultur und Bildung - kulturelle Bildung - Thema. Was ist das genau und warum hat das so einen hohen Stellenwert etwa in afrikanischen Ländern und insbesondere in der Entwicklungspolitik?
Schütte: Im weitesten Sinne ist Bildung Teil kultureller Systeme in einzelnen Ländern. Deshalb ist es richtig, Bildung in kulturellen Kontexten zu verankern. Bildungszusammenarbeit und kulturelle Zusammenarbeit gehen Hand in Hand. Bildung schafft und rekonstruiert in immer wieder neuen Formen die Bildungstradition einzelner Länder. Andersherum kann Bildung nicht aus kulturellen Kontexten herausgezogen werden. In der Bundesrepublik gibt es eine Tradition der auswärtigen Kulturpolitik. Die reicht zurück bis in die Gründungsphase der BRD. Es ging darum, Deutschland wieder in den Kontext der Weltgemeinschaft zu integrieren, und zwar auf Gebieten und auf Ebenen, auf denen Deutschland zuvor anerkannt war. Das ist die Grundidee der auswärtigen Kulturpolitik, von der Willy Brandt dann später gesagt hat, es ist die dritte Säule der auswärtigen Politik - neben der Sicherheitspolitik und der Wirtschaftspolitik. Bildungspolitik ist immer integraler Bestandteil dieser auswärtigen Kulturpolitik gewesen. Deswegen hat man Ende des 20. Jahrhunderts den Begriff auch erweitert und nicht mehr nur von auswärtiger Kulturpolitik, sondern von auswärtiger Kultur- und Bildungspolitik gesprochen.
Die erlebt ja gerade eine Renaissance. In der Welt wurde noch nie so viel Deutsch gelernt, wie zurzeit.
Schütte: Das ist richtig. Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands führt dazu, dass man auch noch einmal schaut, was genau das für ein Land ist. Es gibt ein vermehrtes Interesse, über die deutsche Sprache Zugang zum deutschen Wirtschaftssystem zu erhalten. Daneben gibt es auch ein Interesse, das Land und die Gründe für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands besser zu verstehen. Und da ist die deutsche Sprache der Schlüssel.
Im diesjährigen Deutsch-Südafrikanischen Wissenschaftsjahr geht es um forschungspolitische Zusammenarbeit, um Netzwerke. Warum ist diese Kooperation für das BMBF, für Deutschland, für die Bundesregierung so wichtig?
Schütte: Wir haben mit Südafrika ein Partnerland, welches eine zentrale Rolle auf dem afrikanischen Kontinent allgemein und zumindest südlich der Sahara spielt. Südafrika ist ein Land mit einer langen akademischen Tradition, mit einer langen Wissenschaftstradition, mit international anerkannten Universitäten und mit international anerkannten Forschungseinrichtungen. Die Zusammenarbeit mit Südafrika ist ein Schlüssel für die Zusammenarbeit auch mit weiteren afrikanischen Ländern. Südafrika nimmt hier eine aktive Rolle ein und baut aktiv Wissenschaftsbeziehungen zu anderen Ländern auf und aus - auch kulturelle Beziehungen. In diesem Sinne ist eine Partnerschaft mit Südafrika auch der Zugang zu multilateralen Partnerschaften in Afrika.
Und Südafrika ist auch einer der kommenden Staaten in der Welt?
Schütte: Das ist richtig. Gemeinsam mit den anderen BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China ist Südafrika auf dem Weg, ökonomisch und auch wissenschaftlich eine stärkere Rolle als bisher zu spielen.
Im westlichen und im südlichen Afrika entstehen zwei regionale Forschungszentren. Es geht dabei um Klimawandel und Landmanagement. Deutschland baut dort diese Zentren gemeinsam mit den Partnerländern auf. Was erhoffen Sie sich von dieser Zusammenarbeit?
Schütte: WASCAL ist ein Zusammenschluss von zehn westafrikanischen Staaten mit Wettermessstationen in zehn Ländern. Die Daten werden in Ghana gesammelt. In allen zehn Ländern gibt es an Universitäten Graduiertenschulen, in denen junge Studierende ausgebildet werden, um mit diesen Daten umzugehen, sie auszuwerten und diese Daten für die einzelnen Länder relevant zu machen. Was ist die Idee? Wir wollen lernen, wie der Klimawandel die Region beeinflusst, und wollen davon ableiten, was man tun muss, um das Land dort so zu bewirtschaften, dass es auch in künftigen Jahren noch ertragreich ist. Es geht also nicht nur darum, das Phänomen des Klimawandels zu verstehen, sondern es geht auch darum, am Ende sehr praktische Schlussfolgerungen zu ziehen, die nicht nur für die Regierung, sondern für die einzelnen Landwirte und Farmer in den Regionen von Bedeutung sind. Das ist das Ziel sowohl von WASCAL wie auch von SASSCAL. SASSCAL ist ein Verbund im südlichen Afrika - mit Südafrika, Namibia und weiteren Partnerländern - mit dem gleichen Ziel: auf der Grundlage von Datensammlungen den Klimawandel und Effekte auf Land und Böden zu verstehen, den wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden und den Transfer der Forschungsergebnisse in die Praxis sicherzustellen.
Und was ist das deutsche Interesse?
Schütte: Wir wollen Forschungskompetenz aus Deutschland auch international nutzbar zu machen und in diesen beiden Projekten zeigen, dass es möglich ist, partnerschaftlich auf Augenhöhe mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Afrika zu kooperieren. Es gilt also nicht, einen einseitigen Wissenstransfer von Nord nach Süd herzustellen, sondern eine gemeinsame Plattform zu schaffen für Lernen auf beiden Seiten. Wenn wir mehr über Klimawandlungsprozesse in Afrika erfahren und davon lernen können, hilft das auch der Klimaforschung in Deutschland.
Das Deutsch-Südafrikanische Wissenschaftsjahr dreht sich auch um viele andere Themen. Eines - die Astronomie - sticht dabei heraus. Worum geht es dabei?
Schütte: Astronomie hat in Südafrika eine lange Tradition. Schon im 19. Jahrhundert hat die damalige britische Regierung als Kolonialmacht ein Observatorium in Kapstadt errichtet. Damals war es wichtig, Daten für den Schiffsverkehr um das Kap der Guten Hoffnung zur Verfügung zu stellen. Seitdem hat Südafrika wissenschaftliche Strukturen aufgebaut, um die astronomische Forschung voranzutreiben. Die Astronomie ist heute in Südafrika eines der Gebiete in den harten Naturwissenschaften, auf dem südafrikanische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in der ersten Reihe der Forschung weltweit mitspielen können. Zurzeit gibt es beispielsweise in der Radioastronomie ein Projekt, für das Teleskope in der Wüste aufgebaut werden und mit modernstem Gerät neue Himmelsdaten erhoben werden. Das heißt, die Astronomie ist für Südafrika ein Schlüssel zum Zugang zur internationalen Spitze in der naturwissenschaftlichen Forschung. Das ist das Ziel der südafrikanischen Regierung, deswegen engagiert sie sich auch, um in künftigen Großprojekten eine führende Rolle zu spielen.
Warum geht von der Astronomie, dem Blick in die Sterne diese besondere Faszination aus?
Schütte: Es hat in der Tat etwas Faszinierendes und es fasziniert die jungen Menschen in Südafrika. Ich habe bei einem Besuch in Kapstadt erlebt, wie die jungen Studierenden an und mit diesen Geräten arbeiten. Das ist eine große Begeisterung und es gibt einen großen Ehrgeiz. Hier wird modernstes Know-how aufgebaut. Hier werden Kenntnisse geschult, die weit über die Astronomie hinausgehen, die auch später in ganz anderen Berufsfeldern von Bedeutung sind. Ein konkretes Beispiel: Moderne Astronomie hat heute viel mit modernster Datenverarbeitung zu tun, das heißt: astronomische Forschung ist der Schlüssel, um beispielsweise auch IT-Know-how in diesen Ländern aufzubauen und damit auch moderne wirtschaftliche Strukturen auf den Weg zu bringen.
Was ist über die Faszination hinaus der konkrete Nutzen für den Menschen, der von der astronomischen Forschung ausgeht?
Schütte: Die erste Antwort lautet: Man darf in der Grundlagenforschung nicht nach dem schnellen, direkten Nutzen fragen. Da ist zunächst einmal die menschliche Neugierde, den eigenen Platz im Universum zu verstehen. Aber: die Forschungsergebnisse sind dann auf vielfältigen Ebenen relevant. Der Blick ins Universum ist ein Blick in die Entstehungsgeschichte des Universums und damit ein Blick in die kleinsten Materieteilchen, die heute wiederum auch auf der Erde in Teilchenbeschleunigern untersucht werden. Der Blick ganz weit nach draußen ist auch der Blick in das ganz kleine Detail. Und diese kleinen Details sind für die Materialforschung hier auf der Erde von höchster Relevanz. Daneben aber ist moderne Radioastronomie eine Wissenschaft, die mit neuestem technischem Gerät und mit neuesten technischen Methoden arbeitet. Ich habe eben die Datenverarbeitung genannt. Eine andere Herausforderung für die Astronomie ist die Energieversorgung von Teleskopen in Regionen, in denen keine energietechnische Infrastruktur zur Verfügung steht. Das heißt, auch Themen wie Photovoltaik, Energieautarkie, Batteriestromversorgung sind für die Astronomie von Bedeutung. Wenn eine Infrastruktur für astronomische Forschung aufgebaut wird, wird gleichzeitig auch ein Know-how generiert, das in ganz anderen Bereichen relevant ist. Länder, die führend in der astronomischen Forschung sind, sind darauf angewiesen, auch in anderen Bereichen hochtechnologiefähig zu werden.