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Forschung
Porträtbild des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Helge Braun

"Die individualisierte Medizin markiert einen markanten Umbruch in unserer Denkweise"

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und Mediziner Dr. Helge Braun erklärt im Interview mit bmbf-online, welche Chancen und Herausforderungen mit dem Begriff der individualisierten Medizin verbunden sind und welche Rolle sie im Gesundheitsforschungsprogramm des BMBF spielt.

Porträtfoto des Parlamentarischen Staatssekretärs Herrn Dr. Helge Braun

Parlamentarischer Staatssekretär im BMBF, Dr. Helge Braun Herr Dr. Braun, vor Ihrer Zeit als Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Bildung und Forschung waren Sie als Arzt tätig. Was verstehen Sie vor diesem Hintergrund unter dem Begriff individualisierte Medizin?

 

Braun: Die individualisierte Medizin ist eine der bedeutendsten Optionen unserer modernen Medizin und eine der zentralen Herausforderungen für die Gesundheitsforschung. Es geht darum, für jede Patientin und für jeden Patienten das höchstmögliche Maß an therapeutischer Wirksamkeit bei gleichzeitiger Reduzierung der Nebenwirkungen zu erreichen. Für mich persönlich symbolisiert die individualisierte Medizin einen markanten Umbruch in unserer Denkweise. Bislang wurde versucht, Medikamente und Therapien zu entwickeln, die bei möglichst vielen Patienten und Krankheitsbildern Wirkung zeigen. Dieses Prinzip ging aber nicht selten auf Kosten der Wirksamkeit. Nun könnten wir mit der individualisierten Medizin den nächsten großen Schritt hin zu einer passgenaueren medizinischen Versorgung gehen. Zukünftig besteht die Chance, neue Therapien zu entwickeln, die bei einem kleineren Patientenkreis Anwendung finden, dort aber umso wirksamer und mit weniger unerwünschten Nebenwirkungen verbunden sind. Und mehr denn je werden Diagnostik und Therapie Hand in Hand gehen.

Welche Chancen sehen Sie in einer Individualisierung der Medizin?

Braun: Die enormen Entwicklungen, die sich innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte in der Molekularbiologie einerseits und der Bioinformatik andererseits für die  medizinische Versorgung ergeben haben, bergen großes Potenzial. Es geht darum, Krankheiten gezielt vorzubeugen, frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Die  individualisierte Medizin eröffnet die Möglichkeit, Diagnostik zu präzisieren und wirksamere Therapien abzuleiten. Sie bietet die Chance, zum Wohle der Patientinnen und Patienten neue, innovative und passgenaue Therapieverfahren und -Produkte und ein innovatives und umfassendes Konzept der medizinischen Versorgung zu entwickeln.

Haben Sie auch Zweifel?

Braun: Es gibt einige Fragestellungen, die wir mit der Forschung diskutieren müssen: Wie werden wir zukünftig verantwortungsvoll mit dem neuen Wissen umgehen? Gibt es ein Recht des Einzelnen auf Nicht-Wissen? Und inwiefern sind unsere Individualität oder auch unsere Selbstbestimmung betroffen? Diese Fragen bedürfen eines breiten gesellschaftlichen Dialogs, an dem sich alle - vom Patienten über den Forscher bis hin zu den Unternehmen- beteiligen. Diesen Dialog wird das Bundesministerium für Bildung und Forschung aktiv vorantreiben und unterstützen.

Welchen Stellenwert hat die individualisierte Medizin in der Forschungsförderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung?

Braun: Das enorme Potential einer zunehmenden Individualisierung in der Medizin und auch die damit verbundenen Chancen für die Gesundheitswirtschaft in Deutschland sind der Grund dafür, dass die individualisierte Medizin ein eigenständiges Aktionsfeld im aktuellen Rahmenprogramm Gesundheitsforschung der Bundesregierung bildet. Auch in Zukunft wird es hier attraktive Förderinstrumente geben, die die kooperative Zusammenarbeit aller Akteure entlang der Wertschöpfungskette zum Gegenstand haben. Unser Ziel ist es, Innovationen zu befördern und die Translation zu beschleunigen, um individualisierte Diagnostik- und Therapieverfahren zügig in die Anwendung zu bringen. Daneben wollen wir uns aber auch mit den Auswirkungen der individualisierten Medizin befassen, die nicht unmittelbar die medizinisch-naturwissenschaftliche Forschung, sondern gesellschaftspolitische oder rechtliche Rahmenbedingungen betreffen. So sind ethisch-rechtliche Fragen zu klären, wie das Verhältnis zwischen Arzt und Patient, der Umgang mit den großen Datenmengen, die Ausbildung der ärztlichen Berufe bis hin zu Fragen der Zulassung und Erstattung. Hier werden wir in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Akteuren die Diskussion anstoßen und moderieren.


Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die PerMediCon?

Braun: Mit ihrem Motto "Die Zukunft der Gesundheit gestalten" greift die PerMediCon eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen auf. Vor allem im Hinblick auf den demografischen Wandel brauchen wir eine neue Qualität der Gesundheitsversorgung. Die individualisierte Medizin verspricht Lösungen, jedoch bedarf es noch großer Anstrengungen, um zum Erfolg zu gelangen: Sie braucht interdisziplinäre Zusammenarbeit, Vernetzung und Dialog. Nur wenn Wissenschaft, Industrie und Regulierer an einem Strang ziehen, sind die gesteckten Ziele zu erreichen. Die PerMediCon bietet allen Akteuren der individualisierten Medizin genau diese Plattform und kann damit ein Ausgangspunkt für produktive Kooperationen sein.

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