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Forschung

"Dieser Sommer ist keine Katastrophe"

Ist dieser Sommer noch normal? Oder sind Regen und Kälte ein Zeichen dafür, dass sich unser Klima verändert? Im Interview mit BMBF-online erklärt der Potsdamer Klimaforscher Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe was es mit dem Sauwetter auf sich hat, wie Gewitter entstehen und warum die Italiener noch viel mehr leiden als wir.

Herr Gerstengarbe, Regen und Kälte: Dieser deutsche Sommer ist eine einzige Katastrophe. Ist das ein Zeichen für Klimaveränderung?

Nein. Dieser Sommer ist überhaupt keine Katastrophe. Er ist kein Extrem, wie wir Klimaforscher sagen würden, jedenfalls bis jetzt. Denn die Temperaturen liegen nur knapp unter dem langjährigen Mittelwert, allerdings sind die Niederschläge etwas zu hoch.

Dieser Sommer ist wirklich nicht ungewöhnlich?

Für Deutschland ist dieser Sommer normal. Das Klima und die damit auftretende Witterung können in unseren Breiten schwanken, und zwar ziemlich stark, das heißt, dass es nach "unten" wie nach "oben" immer wieder Ausreißer gibt. Der diesjährige Sommer ist aber noch nicht einmal ein solcher Ausreißer. Auch wenn das mancher anders empfinden mag.

Auffallend sind die heftigen Gewitter. Wie entstehen die eigentlich?

Es gibt im Sommer im Wesentlichen zwei Arten der Gewitterbildung. Das eine sind die konvektiven Gewitter: Durch starke Aufheizung der Erdoberfläche erwärmt sich die Luft, steigt auf, die Luftfeuchte kondensiert mit steigender Höhe, es bildet sich Cumulusbewölkung. Die Folge sind örtlich begrenzte, zum Teil heftige Niederschläge bis hin zum Hagel. Aber es können auch kalte und warme Luftmassen zusammentreffen, so wie in letzter Zeit bei uns. Dann bilden sich Gewitterzellen, aus denen sehr heftige Niederschläge fallen können. Im Extremfall können sogar sogenannte Superzellen entstehen. Aus denen entwickeln sich manchmal richtige Tornados, so wie kürzlich in Polen.

Sind das nicht Verhältnisse wie in den Tropen?

Wie bereits gesagt: Starke Gewitter sind auch in Deutschland völlig normal. Mit den Verhältnissen in den Tropen hat das nichts zu tun. Bis jetzt ist nicht zu erkennen, dass die Anzahl der Gewitter zugenommen hätte. Allerdings stellen wir fest, dass die einzelnen Gewitter intensiver, also heftiger geworden sind.

Heißt das: Wir spüren den Klimawandel in Deutschland noch gar nicht?

Oh doch, in Deutschland ist die Jahresmitteltemperatur zwischen 1951 und 2010 je nach Region um mehr als 1°C gestiegen, in manchen Gebieten sogar bis zu annähernd 2°C. Auch wenn der aktuelle Sommer nicht das hält, was der Name verspricht - die Anzahl der sehr warmen Sommer hat in den vergangenen Jahrzehnten auch in Deutschland deutlich zugenommen. Wäre das nicht der Fall, käme keiner auf die Idee, den aktuellen Sommer als zu kalt zu empfinden. Das gleiche gilt übrigens auch für die Winter, die ebenfalls deutlich wärmer geworden sind.

Ist das anderswo ähnlich? In Italien klagen die Leute in diesem Sommer, es sei viel heißer als sonst.

Richtig, rund um das Mittelmeer liegen die Temperaturen gegenwärtig mit 35 bis 40 Grad Celsius deutlich über dem Durchschnitt. Hinzu kommt noch, dass es dort seit langer Zeit nicht mehr geregnet hat. Merkwürdig ist nur: Deutsche Touristen halten das geradezu für normal, was es aber gar nicht ist. Das gilt übrigens auch für die extremen Witterungsverhältnisse in anderen Regionen der Erde. Auch in den Vereinigten Staaten gibt es gegenwärtig eine Hitzewelle, die ungewöhnlich ist.

Schreitet die globale Erderwärmung schneller voran als erwartet?

Die Folgen der globalen Erwärmung sind schon deutlich auszumachen. Die Temperaturen steigen an und die extremen Ereignisse nehmen überall auf der Welt zu. Der Rückgang des arktischen Meereises und das Schmelzen der Gletscher sind deutlich sichtbare Indizien. Die langfristigen Folgen für das Leben auf der Erde werden je nach Region sehr unterschiedlich sein. Im Moment sieht es zum Beispiel so aus, dass sich die Hypothese der Klimatologen, dass trockene Gebiete noch trockener und feuchte Gebiete noch feuchter werden, zu bewahrheiten scheint.

Welche Aufgabe haben da Forschung und Wissenschaft?

Forschung und Wissenschaft müssen belastbare Aussagen über die zukünftige Entwicklung ableiten. Sie müssen auf die möglichen Folgen dieser Entwicklung hinweisen und Vermeidungs- beziehungsweise Anpassungsstrategien aufzeigen. Nur dann kann ein "Crash" des Systems Erde vermieden werden.

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung wird auch vom BMBF gefördert. Was machen Sie genau?

Am PIK, am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, untersuchen Natur- und Sozialwissenschaftler den Klimawandel und seine Folgen: die ökologischen, ökonomischen und sozialen. Wir erforschen, wie belastbar das Erdsystems ist, und entwerfen auf dieser Grundlage Strategien, wie Mensch und Natur überleben können.

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