Wachsende Bedeutung internationaler Kooperationen
Internationalisierungsstrategie der Bundesregierung
Die Zusammenarbeit mit den weltweit Besten stärken
Innovationspotenziale international erschließen
Die Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern in Bildung und Forschung nachhaltig stärken
International Verantwortung übernehmen und globale Herausforderungen bewältigen
Umsetzung der strategischen Ziele
Umsetzung der bilateralen Zusammenarbeit
Europäische Zusammenarbeit: Europa weiterbauen
Umsetzung auf globaler Ebene: Forschungspolitische Verantwortung in globalen Fragen übernehmen
Wissenschaft und Forschung leisten einen wichtigen Beitrag, um die großen globalen Herausforderungen zu bewältigen. Die Zunahme und Vertiefung grenzüberschreitender Verflechtungen auf vielen gesellschaftlichen Feldern verleiht der internationalen Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung zusätzliche Bedeutung. Dies zeigt sich beispielsweise an den wissenschaftlichen Antworten auf globale Herausforderungen, etwa auf den Klimawandel, deren Qualität insbesondere von der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit internationaler Forscher- und Expertenteams abhängt.
Forschung und Bildung sind die wesentlichen Treiber für die Entwicklung von Innovation und die Bewältigung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturwandels - in Deutschland wie in seinen Partnerländern. Forschung und Bildung gewinnen immer mehr Bedeutung für eine internationale Zusammenarbeit im Hinblick auf übergeordnete Ziele auswärtiger Politik, sei es in den Feldern Wirtschaft, Sicherheit, europäische Integration oder bei globalen Kooperationen zur Bewältigung globaler Herausforderungen wie Klima- und Umweltschutz, Gesundheit, Migration oder demografische Veränderungen.
Die forschungs- und innovationspolitischen Ziele der Bundesregierung in Verbindung mit dem erklärten Willen Europas, die weltweit wettbewerbsfähigste wissensbasierte Volkswirtschaft zu werden, erfordern eine verstärkte Nutzung der Chancen der zunehmenden Internationalisierung. Mit der Strategie zur Internationalisierung von Wissenschaft und Forschung hat die Bundesregierung auf diese Herausforderungen reagiert. Zusammen mit der Hightech-Strategie, dem Pakt für Forschung und Innovation und der Exzellenzinitiative ist die Internationalisierungsstrategie ein Kernelement der deutschen Forschungspolitik.
Die Internationalisierungsstrategie hat vier prioritäre Zielfelder benannt, die den roten Faden für die internationalen Aktivitäten der deutschen Wissenschaft und Forschung bilden sollen. Sie zielt darauf ab, im kontinuierlichen internationalen Vergleich jeweils das beste Wissen, die optimalen Strukturen und die zielführenden Prozesse zu identifizieren und für den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland nutzbar zu machen. Sie soll sowohl Leitfaden als auch Ausgangsbasis für die Kooperation von Akteuren des deutschen Wissenschafts- und Innovationssystems sein, die Aufgaben und Missionen der deutschen Wissenschafts-, Forschungs- und Mittlerorganisationen im internationalen Umfeld durch verbesserte Abstimmung und verstärkten Informationsaustausch in ihren Zielen und Wirkungen unterstützen und damit bislang nicht ausreichend genutzte Synergien erschließen.
Deutschland will die Qualität seiner Bildungs- und Forschungslandschaft auf höchstem Niveau weiterentwickeln. Im Zentrum steht dabei die Stärkung der nationalen Exzellenz unter anderem durch Ausbau und Vertiefung der Zusammenarbeit mit den weltweit besten Wissenschaftlern, Fachkräften und Instituten. Deutschland ist heute einer der attraktivsten Studien- und Forschungsstandorte, und deutsche Forscherinnen und Forscher sind weltweit gefragte Partner. Beides ist eng miteinander verbunden, muss auf hohem Niveau erhalten und ausgebaut werden.
Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Hochschulen werden bei der Erschließung internationaler Innovationspotenziale unterstützt, um sich im weltweiten Wettbewerb besser zu positionieren. Zwei zentrale Aufgaben der Innovationspolitik sind dabei besonders zu nennen - die effektive Nutzung des globalen Wissens für die eigenen forschungsgetriebenen Innovationen sowie die Erleichterung des Zugangs innovativer deutscher Produkte und Dienstleitungen zu internationalen Märkten. Dies beinhaltet die Gestaltung innovationsförderlicher Rahmenbedingungen für die internationale Zusammenarbeit sowie die Förderung der Vernetzung deutsche Innovationsakteure mit Partnern überall auf der Welt.
Durch die Internationalisierungsstrategie soll die Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern in Bildung, Wissenschaft und Forschung eine neue Qualität erhalten, indem berufliche Bildung, tertiäre Bildung, Wissenschaft und Forschung v. a. im Blick auf ihren Gesamtzusammenhang ausgebaut werden. Gleichzeitig erfolgt durch die Kooperationen ein Auf- und Ausbau von Kapazitäten in den Entwicklungsländern. Dadurch wird deutschen Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen die Vernetzung mit Partnern in Entwicklungsländern ermöglicht und eine notwendige Grundlage für die gemeinsame Lösung der anstehenden globalen Fragen geschaffen.
Die Menschheit steht im 21. Jahrhundert vor immensen und global wirkenden Herausforderungen: Ressourcenverbrauch, Klimawandel und Artenschwund bedrohen unsere Zukunft. Die Versorgung von Bürgern und Wirtschaft mit sicherer, kostengünstiger und umweltfreundlicher Energie, Nahrungsmitteln und anderen Ressourcen ist zu einer systemischen Transformationsaufgabe geworden. Die Bewältigung dieser Herausforderungen verlangt nach Anstrengungen in allen Politikbereichen. Deutschland kann mit seinen Forschungs- und Innovationskapazitäten beachtliche Beiträge leisten für eine evidenzbasierte Lösung globaler Herausforderungen.
Zur Umsetzung der Internationalisierungsstrategie hat die Bundesregierung in der jetzigen Legislaturperiode die politische Verständigung und Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft und Forschung auf internationaler Ebene intensiv und engagiert vorangetrieben. Dazu zählen zum einen die Regierungskonsultationen, bei denen Bildung und Forschung eine wichtige Rolle spielen (z. B. mit Russland im Juli 2011, mit China im Juni 2011, mit Indien im Mai 2011, mit Israel im Januar 2011 sowie die halbjährlich stattfindenden Regierungskonsultationen mit Frankreich). Zum anderen gehören dazu die Verhandlungen im Rahmen der wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit (WTZ). Seit Ende 2010 hat das BMBF für die Bundesregierung WTZ-Verhandlungen mit sieben Partnerländern (China im November 2010, USA und Kanada im September 2011, Russland im Oktober 2011, Chile und Mexiko im November 2011, Vietnam im November 2011) durchgeführt. Zur Vertiefung der internationalen Zusammenarbeit fanden zudem sogenannte "Forschungsforen" statt - im Jahr 2011 mit Partnern wie Israel (Juni 2011) und Frankreich (Oktober 2011).
Die bilaterale Kooperation mit wichtigen Partnerländern weltweit steht für Deutschland im Mittelpunkt der internationalen Zusammenarbeit in der Forschung. Hierdurch wird die deutsche Forschungspolitik besonders sichtbar. Dies gilt insbesondere für Länder mit hoher Entwicklungsdynamik und bedeutenden Zukunftsmärkten und ist zudem im Hinblick auf attraktive Wissenschafts- und Technologieressourcen von strategischer Bedeutung. Die bilaterale Kooperation erfolgt meist im Rahmen der WTZ, wobei langfristig laufende Austauschprogramme und gemeinsame Forschungsprojekte im Vordergrund stehen. Neue Ansätze ergeben sich durch die Vernetzung in Netzwerken und Clustern sowie durch eine stärkere Einbeziehung von KMU bei der Technologiekooperation. Beispielsweise gibt es im Rahmen des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand eine Zusammenarbeit mit Israel.
Ein weiteres Beispiel für die bilaterale Zusammenarbeit sind die deutsch-französischen Forschungsprojekte zur "Genomik und Pathophysiologie von Herz-Kreislauf- und metabolischen Erkrankungen". Bewährt hat sich auch die deutschfranzösische Forschungskooperation DEUFRAKO, über die eine Vielzahl strategisch wichtiger Vorhaben im Verkehrsbereich vorangetrieben werden.
Hervorzuheben ist ebenfalls das deutsch-brasilianische Jahr der Wissenschaft, Technologie und Innovation 2010/11 (DBWTI). Als wichtiges Element zur Umsetzung der Internationalisierungsstrategie trug das DBWTI zu einer Stärkung der Kooperation bei gleichzeitig hoher Sichtbarkeit bei. Unter dem gemeinsamen Motto "nachhaltig: innovativ" fanden bis April 2011 über 100 deutsch-brasilianische Veranstaltungen zu den übergreifenden Themen Nachhaltigkeit und Innovation satt. Dass solche bilateralen Aktivitäten auch mittel- und langfristig tragen sollen, verdeutlichen die Planungen zu einem deutsch-brasilianischen Forschungsfonds; eine entsprechende gemeinsame Absichtserklärung wurde von den Forschungsministern beider Länder im April 2011 unterzeichnet. Auch haben das BMELV und das BMBF 2011 ein "Memorandum of Understanding" mit der staatlichen brasilianischen Agrarforschungsorganisation Empraba unterzeichnet, das dazu dient, die bilaterale Zusammenarbeit beider Staaten auf dem Gebiet der Agrarforschung zu stärken.
Ein weiteres Beispiel für die Bedeutung bilateraler Forschungszusammenarbeit ist das "Memorandum of Understanding" zwischen Deutschland und China zur wissenschaftlichen Kooperation in der Grundlagenforschung zur Elektromobilität anlässlich der Reise von Bundesministerin Schavan nach China im Juni 2010. Auf dieser Grundlage haben die Vereinigung der deutschen Technischen Hochschulen (TU9) und eine Gruppe chinesischer Hochschulen unter Führung der Tongji-Universität eine Zusammenarbeit im Bereich der Grundlagenforschung für die Elektromobilität begonnen. Auch die erste ausländische Beteiligung am bemannten Raumfahrtprogramm Chinas 2011, der Mitflug der deutschen Forschungsanlage SIMBOX an Bord der Raumkapsel Shenzhou- 8, ist ein gelungenes Beispiel für die internationale Wertschätzung deutscher Forschung.
Auch die Expertenkommission Forschung und Innovation betont die Herausforderung durch den Aufstieg Chinas für den Wirtschaftsstandort Deutschland und begrüßt die bereits vorhandenen vielfältigen Kooperationen zwischen beiden Ländern.
Als wichtiges Instrument der bilateralen und regionalen Zusammenarbeit haben sich zudem die Projekte der Aufbaustäbe der Deutschen Wissenschafts- und Innovationshäuser (DWIH) in New York, Sao Paulo, Tokyo und Moskau 2011 erwiesen. Der Aufbau und Betrieb der DWIH bzw. Zentren erfolgt in Abstimmung zwischen Auswärtigem Amt, BMBF und der "Allianz" der Wissenschaftsorganisationen seit 2009.
Deutschland gestaltet die Entwicklung des Europäischen Forschungsraums (EFR) aktiv mit. So sind mit dem Start der fünf EFR-Initiativen 2008 (1. Bessere Karrieremöglichkeiten und mehr Mobilität: Eine Europäische Partnerschaft für die Forscher, 2. Forschungsinfrastrukturen: ESFRI und Europäischer Rechtsrahmen für Forschungsinfrastrukturen - ERIC, 3. Wissenstransfer: Europäische Charta zum Umgang mit geistigem Eigentum, 4. Gemeinsame Programmplanung: Bessere Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen, 5. Europäischer Strategierahmen für die internationale wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit) zentrale Strukturelemente im Aufbau, welche die Konturen des EFR deutlich erkennbar machen. Bei der Koordinierung nationaler Aktivitäten und Programme mit Blick auf den EFR sind die Prinzipien der Freiwilligkeit und der variablen Geometrie zentrale Gestaltungsfaktoren. In Ergänzung zu nationalen Forschungsprogrammen ist das 7. Europäische Rahmenprogramm für Forschung, Entwicklung und Demonstration (Forschungsrahmenprogramm) inzwischen das weltweit größte Programm in diesem Bereich. Um die Chancen dieses Programms optimal nutzen zu können, steht deutschen Antragstellern ein vielfältiges Beratungsangebot zur Verfügung. Die Bundesregierung trägt mit dem Netzwerk Nationaler Kontaktstellen (NKS) zum Forschungsrahmenprogramm bei. Europäische zwischenstaatliche Initiativen wie EUREKA und COST bieten darüber hinaus einen offenen Rahmen für anwendungsnahe Forschung und Entwicklung. Europäische Forschungsorganisationen wie CERN bilden die institutionelle Basis der Forschung in Europa.
Den Prozess zur Vorbereitung des kommenden Forschungsrahmenprogramms für Forschung und Innovation, "Horizont 2020" ab 2014, hat Deutschland mit Positionspapieren bzw. Stellungnahmen mitgestaltet. Die Bundesregierung setzt sich dabei in besonderer Weise für das Exzellenzprinzip als Kriterium der Förderung ein, ebenso für die Vereinfachung der Förderverfahren, eine hohe Gewichtung der Verbundprojektförderung und die Stärkung von Schlüsseltechnologien. Einen besonderen Stellenwert für den weiteren Ausbau des Europäischen Forschungsraums haben zudem die Integration des Europäischen Technologieinstituts (EIT) in "Horizont 2020" sowie der Ausbau des grundlagenforschungsorientierten Europäischen Forschungsrats (ERC).
Speziell bei den Energietechnologien ist die europäische Zusammenarbeit von besonderer Bedeutung. Die Bundesregierung unterstützt den Strategic Energy Technology (SET)-Plan der Europäischen Kommission und engagiert sich bei seiner Umsetzung. Ziel ist es, die anwendungsnahe Energieforschung bei Schlüsseltechnologien mit europäischer Dimension zu stärken. Dazu gehören u. a. Netztechnik, Windenergie und Biomasse.
Deutschland will international eine größere forschungspolitische Verantwortung übernehmen, um zur Bewältigung globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und Ausbreitung von Infektionskrankheiten beizutragen. Hierzu sind multilaterale Initiativen der unterschiedlichen forschungspolitischen Akteure sowie die Einbeziehung der neuen Gestaltungsmächte erforderlich. Im Rahmen der G8 und der OECD verfolgt das BMBF das Ziel, die multilaterale Zusammenarbeit und Steuerung von Forschungspolitik zu verbessern.
Das gilt bspw. bei der Sicherung der Welternährung bei global steigender Bevölkerungszahl. Auf immer weniger Fläche muss immer mehr Nahrung produziert werden. Der Klimawandel verschärft die Nahrungsmittelversorgung. Dürrekatastrophen und Überschwemmungen führen zu Ernteausfällen. Das ist verbunden mit Preissteigerungen für Lebensmittel und Lebensmittelknappheit. Beides birgt eine große Gefahr von regionalen Unruhen. Die Forschung muss zu einer nachhaltigen Sicherung und Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität, des Ertragspotenzials von Pflanzen unter verschiedenen klimatischen Bedingungen und Bodengegebenheiten und zur Entwicklung innovativer Agrartechnik beitragen.
Ein Beispiel für den wissenschaftlichen Beitrag zur Lösung globaler Probleme sind die Klimakompetenzzentren, die das BMBF im Jahr 2010 startete. Zusammen mit Partnern aus dem südlichen und westlichen Afrika zielt diese Initiative auf den Aufbau von regionalen Kompetenzzentren (Regional Science Service Centres) zu den Themen "Klimawandel und angepasstes Landmanagement in Afrika".
Darüber hinaus analysiert seit 2010 auf Betreiben des BMBF in der OECD ein internationales Forschungsnetzwerk unter Führung des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE), welche Formen multilateraler Kooperation in Forschung und Innovation besonders geeignet sind, globale Herausforderungen wie Klimawandel, Energieknappheit, Nahrungsmittelkrisen oder grenzüberschreitende Infektionskrankheiten anzugehen. Auf der Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen OECD-Leitlinien für die multilaterale Forschungskooperation entwickelt und verabschiedet werden.