Interview mit Staatssekretär Dr. Georg Schütte
BMBF-ONLINE: Herr Schütte, im amerikanischen Wahlkampf haben auch Wissenschafts- und Innovationspolitik eine Rolle gespielt. Stimmt es, dass der Blick dabei immer mehr nach Europa geht?
SCHÜTTE: Ja, grundsätzlich ist das immer stärker zu beobachten. Nur ein Beispiel: Der Norden Virginias, die Region, die an die Hauptstadt Washington grenzt, entwickelt sich zum Labor für transatlantisches Lernen. Egal, ob es ums Energiesparen geht oder um Regenwasseraufbereitung, um Leitsysteme für den öffentlichen Nahverkehr oder um die berufliche Bildung - auf all diesen Gebieten pflegen die Stadtväter der Northern Virginia Regional Commission einen engen Austausch mit europäischen und deutschen Partnern, mit Fachleuten in Stuttgart und Mannheim. In Sachen Nachhaltigkeit will Virginia von Europa lernen. Und nicht nur Virginia. Viele in Amerika schauen auf Deutschland, wenn es darum geht, Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit zu finden. Obenan stehen Umwelttechnologien und Energiefragen. Interessiert verfolgen sie, was der alte Kontinent an Wissenschaft und Forschung zu bieten hat, in Unternehmen, Hochschulen und Politik. So lobte Präsident Obama während seines Wahlkampfes die Energiewende.
BMBF-ONLINE: Dabei hat Amerika doch selbst einiges auf diesem Gebiet zu bieten!
SCHÜTTE: Natürlich. Es ist eine Faszination, die auch umgekehrt gilt. Deutsche Unternehmer und deutsche Verbraucher zeigen sich beeindruckt von Kalifornien und dem Silicon Valley, jenem Ort, an dem das Konzept der "Cluster", der Netzwerke aus Forschung und Unternehmensgründungen im Hightech-Sektor, entwickelt wurde. Auch heute gilt: Die Vereinigten Staaten sind das weltweit führende Land bei der Förderung von Forschung und Entwicklung. Amerikanische Forschungseinrichtungen, amerikanische Universitäten liegen bei der Wissensgenerierung vorne. Und auch der nun wiedergewählte Präsident Obama sieht Wissenschaft, Technologie und Innovation als die entscheidenden Treiber für wirtschaftliches Wachstum, für die Schaffung zukunftsfähiger Arbeitsplätze und für den Erhalt der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit.
BMBF-ONLINE: Aber haben Amerikaner und Deutsche wirklich gemeinsame Prioritäten, wenn es um Forschung und Wissenschaft geht?
SCHÜTTE: Amerika und Europa teilen den gleichen Gedanken: Wir brauchen ein Wachstum an Innovationen, das sich in Produkten und Dienstleistungen niederschlägt. Gemeinsam mit der Wissenschaft und der Wirtschaft blickt die Bundesregierung in ihrer Hightech-Strategie darum seit Jahren auf die großen gesellschaftlichen Herausforderungen und damit auf die Forschungsfelder Klima/Energie, Gesundheit/Ernährung, Mobilität, Sicherheit und Kommunikation - um Lösungen zu entwickeln, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Wir wissen, welche positiven Effekte eine kluge Forschungsförderung hat. Mit einem F&E-Anteil am Bruttoinlandsprodukt 2010 von 2,82 Prozent liegt Deutschland im Vergleich mit anderen europäischen Ländern in der Spitzengruppe. In den Vereinigten Staaten betrug der Anteil 2,9 Prozent. In beiden Ländern ist die Tendenz steigend. Und in beiden Ländern sind diejenigen, die Verantwortung in der Politik tragen, überzeugt: Der Schlüssel für Zukunftsfähigkeit und den Erhalt unseres Wohlstands liegt in Wissenschaft und Bildung.
BMBF-ONLINE: Warum arbeiten Amerikaner und Deutsche dann nicht enger zusammen?
SCHÜTTE: Sie haben recht: In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, ob wir im Westen in der Lage sind, gemeinsam ein Konzept für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit zu entwickeln. Darum müssen wir der transatlantischen Partnerschaft jetzt neuen Schwung verleihen. Es ist höchste Zeit, einen gemeinsamen transatlantischen Raum für Wissenschaft und Forschung zu schaffen. Sicher: Die transatlantische Agenda hat sich in den Jahren nach dem Mauerfall und nach den Anschlägen des 11. September entscheidend verändert. Amerikas Blick richtet sich mehr und mehr auf den Pazifik - sicherheits- und auch wirtschaftspolitisch. Und die Europäer beschäftigen sich vor allem mit sich selbst, gerade jetzt, in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise. Doch gerade jetzt haben wir die Chance, im Interesse beider Seiten, den breiten transatlantischen Dialog mit neuen Themen zu beleben. Wir haben die Chance zu einer Wissenschaftspartnerschaft, die das Vakuum füllt, das auf anderen Gebieten zwischen unseren Ländern entstanden ist. Eine Partnerschaft, die Lösungen findet für die Zukunft unserer Energieversorgung, den Umgang mit den Folgen des Klimawandels, für die demografischen Veränderungen, für die Fragen der Gesundheit sowie der Mobilität und zivilen Sicherheit. Es wäre eine Partnerschaft, die eben nicht aus der Vergangenheit heraus lebt, sondern die ihre Lebendigkeit speist aus den Herausforderungen der Zukunft. Nach wie vor gilt der Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Kongress der Vereinigten Staaten: Einen besseren Partner als Amerika gibt es für Europa nicht, und einen besseren Partner als Europa gibt es für Amerika nicht. In Wissenschaft und Forschung können wir auf der Basis gemeinsamer Werte neue Wege dieser Partnerschaft gehen.
BMBF-ONLINE: Das klingt nach einem flammenden Plädoyer! Woran denken Sie konkret?
SCHÜTTE: Welche Chancen die enge Zusammenarbeit bietet, zeigt sich im Forschungsalltag: So arbeiten amerikanische Wissenschaftler beim Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) und am großen Teilchenbeschleuniger der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) mit. Forscherinnen und Forscher aus Deutschland und den USA arbeiten an der Satelliten-Mission GRACE, um ein neues Modell des Erdgravitationsfeldes mit bisher unerreichter Genauigkeit zu erstellen. Sie wollen wissen: Schmelzen die Eiskappen an den Polen? Steigen die Meeresspiegel an? Auch deutsches Forschungs- und Entwicklungs-KnowHow ist in den USA gefragt: Fraunhofer USA, die Tochter der deutschen Fraunhofer-Gesellschaft, Europas größter Einrichtung für angewandte Forschung, verfügt mittlerweile über mehrere Forschungscenter in Amerika, die mit zahlreichen amerikanischen Forschungseinrichtungen kooperieren, darunter Elite-Universitäten. Dabei werden gemeinsam mit Auftraggebern aus der Industrie neue Produktionstechniken, Medikamente oder Software-Konzepte entwickelt. Es geht um Biotechnologie, Solarenergie und Lasertechnik. Und es geht um Marktzugangschancen auch für deutsche Unternehmen.
BMBF-ONLINE: Und die Menschen?
SCHÜTTE: Forschungskooperation fußt auf Vertrauen und persönlichen Kontakten. 1737 deutsche Wissenschaftler gingen 2010 in die USA - so viele wie in kein anderes Land. 1539 Amerikaner forschten im gleichen Jahr an deutschen Hochschulen. Zudem wächst die Zahl der Auslands-Studenten. Auch in den Vereinigten Staaten ist ein zunehmendes Bewusstsein für die Bedeutung internationaler Studienerfahrung zu beobachten.
BMBF-ONLINE: Das klingt zwar einleuchtend. Aber haben Sie auch ein Projekt im Auge, das nun als erstes angeschoben werden könnte?
SCHÜTTE: Noch einmal: Nun ist der richtige Zeitpunkt, um neue Impulse zu setzen. Es besteht die einmalige Chance, Innovationsvorsprünge auszubauen und gemeinsam unsere Wettbewerbsfähigkeit in der globalisierten Welt zu stärken. Möglichkeiten gibt es wahrlich genug. So ließe sich das vor zwei Jahren unterzeichnete amerikanisch-deutsche Rahmenabkommen zur Forschungskooperation mit dem amerikanischen Regierungsprogramm "Partnerschaft für nachhaltige Kommunen" (PSC) verbinden. Amerikanische Städte und Gemeinden wären hervorragende Partner, um gemeinsam Konzepte für eine nachhaltige Stadtentwicklung oder eine effektive Gesundheitsversorgung zu entwickeln. Mit transatlantischem Erfindergeist und transatlantischem Ideenreichtum ist viel zu gewinnen.
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