Navigationsbereich

"Die meisten von uns küssen rechts"

Der Biopsychologe Onur Güntürkün ist einer von elf Wissenschaftlern, die Träger des Leibniz-Preises 2013 sind, des wichtigsten Forschungsförderpreises in Deutschland. Seine Arbeiten sind gekennzeichnet durch die Verknüpfung psychologischer, biologischer und neuroanatomischer Fragestellungen. Im Gespräch mit bmbf-online erklärt er, warum er sich so sehr für die Evolution des Denkens interessiert, was es mit der Asymmetrie unseres Gehirns auf sich hat und warum es wichtig ist, komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge auch einfach erklären zu können.

 

Herr Professor Güntürkün, herzlichen Glückwunsch zum Leibniz-Preis, dem wichtigsten Forschungsförderungspreis in Deutschland! In der Begründung der Jury heißt es, Sie seien einer der wichtigsten Vertreter einer biologisch fundierten Psychologie. Was ist Biopsychologie eigentlich?

Wir versuchen zu ergründen, wie Wahrnehmung, Denken und Handeln im Gehirn entstehen. Wir wollen wissen: Was sind die Gehirngrundlagen von mentalen Funktionen?

Prof. Dr. Onur Güntürkün. Fotograf: Heiner Bayer

 

 

Bekannt geworden sind Sie durch die Erforschung des Küssens. Manche Südeuropäer küssen sich beim Begrüßen auf die rechte, andere auf die linke Wange. Woran liegt das?

Dass Menschen verschiedener Völker sich mal zuerst links, mal zuerst rechts auf die Wange küssen, hat wahrscheinlich primär etwas mit verschiedenen kulturellen Gewohnheiten zu tun. Ich habe deshalb nicht den Wangen- sondern den Lippenkuss untersucht. Hierbei ging es mir um die Frage, ob die Menschen beim Lippenkuss den Kopf eher ein bisschen nach rechts oder nach links drehen, um nicht mit der Nase zusammen zu stoßen.

Und?

Um es gleich zu sagen: Die meisten von uns küssen rechts! Was zuerst nach professoraler Spinnerei klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Es geht um die Gehirnasymmetrie - um die Frage, warum die Asymmetrie unserer Gehirnhäften entsteht. Bei Tauben konnten wir zeigen, dass die Funktionsasymmetrien ihrer Gehirne durch einen ganz einfachen Mechanismus entstehen: Die noch ungeschlüpften Küken drehen in den Tagen vor dem Schlag ihren Kopf nach rechts und liegen dann so im Ei, dass ihr rechtes Auge der Eischale zugewandt ist und ihr linkes Auge durch den eigenen Unterleib lichtdicht abgeschirmt ist. Jedes Mal, wenn die Elterntiere aufstehen, fällt Licht auf das Ei. Rund zehn Prozent davon dringt durch die Schale und stimuliert das rechte Auge. Genau in der Entwicklungsphase des Gehirns kommt es somit zu einer stärkeren Aktivierung der linken Hirnhälfte, die ihren Input vom rechten Auge erhält. Wir konnten zeigen, dass diese asymmetrische Lichtstimulation die Funktionsasymmetrien im Gehirn von Tauben erzeugt.

Und beim Menschen?

Tatsächlich drehen auch menschliche Föten in den Monaten vor der Geburt zu zwei Dritteln den Kopf nach rechts. Und Neugeborene halten in den ersten Lebensmonaten ebenfalls zu zwei Dritteln den Kopf nach rechts. Da habe ich mich gefragt: Könnte das einen Einfluss auf die Entwicklung unserer Hirnasymmetrien haben? Wenn "ja" musste ich nachweisen, dass die Tendenz,  den Kopf nach rechts zu drehen, nicht ein paar Monate nach der Geburt verschwindet. Dann wäre der Effekt nämlich zu kurz, um unsere Hirnentwicklung zu beeinflussen. Also habe ich mich in den USA, Deutschland und der Türkei  in Flughäfen in die Wartehallen gesetzt und beobachtet, wie die Menschen den Kopf beim Lippenkuss drehen. Tatsächlich: Sie drehten ihn zu zwei Dritteln nach rechts. Eventuell könnte also auch unsere Rechtskopfdrehung die Asymmetrien unseres Gehirns beeinflussen. Wir konnten das mittlerweile auch zum Teil für die Entstehung unserer Händigkeit beweisen.

Ihnen gelingt es besonders gut, wissenschaftliche Erkenntnisse für ein breites Publikum verständlich zu erklären. Als akademischer Lehrer genießen sie einen hervorragenden Ruf. Wie schaffen Sie es, die Zuhörer immer wieder in ihren Bann zu schlagen?

Auch komplexe Zusammenhänge haben häufig einen einfachen Kern, den man ohne allzu viele Fremdworte erklären kann. Wenn man diesen Kern gut vermittelt und auf die vielen existierenden Details bewusst verzichtet, lernen die Menschen wirklich etwas über unsere Forschung. Nur darum kann es in der Wissenschaftskommunikation gehen. Dass Wissenschaftler einen Fachjargon haben, mit dem sie sich untereinander sehr effizient unterhalten können, ist verständlich und legitim. Aber als Wissenschaftler, die wir das Privileg genießen, mit Steuergeldern an den Problemen forschen zu dürfen, für die wir brennen, sollten wir darauf achten, den Menschen unsere Forschung so allgemeinverständlich wie möglich und trotzdem so richtig wie es nur geht zu vermitteln.

Was sind Ihre wichtigsten Forschungsergebnisse?

Ich interessiere mich sehr für die Evolution des Denkens. Unser eigenes Denken ist eng mit der Aktivität unserer Hirnrinde verknüpft, dem Cortex. Lange Zeit gingen Wissenschaftler davon aus, dass höhere Denkprozesse nur mit einem Cortex möglich sind und dass erst durch seine evolutionäre Entstehung die hohe geistige Flexibilität und Lernfähigkeit möglich wurden, die uns Menschen charakterisieren. Diese Erklärung hat etwas verführerisch Einfaches: Wir können geistigen Leistungen ein ganz bestimmtes materielles Substrat zuordnen und gleichzeitig im Tierreich eine "kognitive Hierarchie" postulieren. Die Säugetiere - also auch wir - wären dann Teil einer kognitiven Elite, alle anderen hätten einfach nicht die entsprechenden Hirnstrukturen, um mitzuhalten.

Stimmt es, dass Sie viel mit Vögeln arbeiten?

Ja, mit Tauben und Elstern. Wir und viele andere Wissenschaftler konnten zeigen, dass Vögel die gleichen kognitiven Leistungen erbringen wie Säugetiere - mit Ausnahme des Menschen. Vor allem Rabenvögel zeigen die identischen Fähigkeiten wie zum Beispiel Schimpansen. So konnten wir zeigen, dass Elstern sich im Spiegel erkennen. Und das, obwohl Vögel keinen Cortex haben sondern ein vollständig andersartig aufgebautes Vorderhirn! Ich ziehe daraus den  Schluss,  dass der Cortex nur eine von mehreren möglichen Hirnstrukturen ist, die hohe geistigen Leistungen möglich machen. Intelligenz kann somit durch verschiedene Hirnarchitekturen erzeugt werden.

Das Denken hat also eine richtige Architektur?

Ja, Denken hat ein Substrat. Und dieses Substrat, also unser Gehirn, bestimmt durch die Art und Weise seiner Verschaltung wie unser Denken funktioniert. Durch dieses Interview ändern wir beide gerade die synaptischen Verknüpfungen in Teilen des Gehirns unserer Leser. Wir ändern also etwas am Substrat ihres Denkens. Je erfolgreicher das passiert, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich unsere Leser noch morgen an dieses Interview erinnern.

Sie sind eine der Preisträger des Leibniz-Preises 2013. Wie wichtig ist es für Sie, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das Bundesbildungsministerium Ihre Arbeit fördern?

Es ist eine großartige Auszeichnung meiner Arbeit. Wissenschaft ist ein sehr hartes Geschäft und obwohl wir alle extrem viel arbeiten, müssen wir doch sehr häufig Fehlschläge und Ablehnungen einstecken. Der Leibniz-Preis zeigt mir, dass ich doch im Großen und Ganzen erfolgreich geforscht haben muss. Das beruhigt. Übrigens möchte ich bei all der Leibniz-Euphorie das Bundesforschungsministerium nicht vergessen. Ich leite das BMBF-Projekt neuronale Mechanismen des Lernens motorischer Sequenzen und freue mich immer über die freundliche und unbürokratische Unterstützung aus dem Ministerium.

Sie sind Ehrendoktor der Universität Istanbul und ein Mittler zwischen den akademischen Kulturen der Türkei und Deutschlands. Was ist das Besondere an den deutsch-türkischen Wissenschaftsbeziehungen?

Diese beiden Nationen sind durch Millionen Menschen lebendig miteinander verbunden. Jede Vertiefung der akademischen Bindungen durch Studierendenaustausch oder gemeinsame Forschung kommt beiden Seiten zugute. Ich bin sowohl in Baden-Baden als auch in Izmir zur Schule gegangen und habe sowohl in Deutschland als auch in der Türkei an den Universitäten geforscht. Überall habe ich Menschen getroffen, die viel mit dem jeweils anderen Land zu tun hatten. Gerade in Deutschland mit unseren vielen Deutschtürken können wir vom Potenzial der Gegenseite viel profitieren, wenn wir existierende Verbindungen nicht einfach absterben lassen, sondern sie immer wieder revitalisieren. Das liegt mir am Herzen.

Zusatzinformationen