09.11.2011
Forschung zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft
Um politische Entscheidungen vorzubereiten und ihre Konsequenzen zu bewerten, wird heute verstärkt auf wissenschaftliche Beratung zurückgegriffen. Dies gilt insbesondere dann, wenn es um die möglichen Folgen neuer technischer Entwicklungen geht. Die sozial- und politikwissenschaftliche Forschung untersucht politisch-gesellschaftliches Handeln und macht Zusammenhänge zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und gesellschaftlichem Handeln sichtbar. Ein Ziel ist es dabei, die Ergebnisse für das forschungs- und wissenschaftspolitische Handeln nutzbar zu machen.
Eine auf rationalen Gründen und demokratischer Legitimation fußende Wissenschaft kann sich nicht der Forderung entziehen, ihr eigenes Tun transparent zu machen und für Politik und Gesellschaft Handlungs- und Entscheidungswissen zu entwickeln. Forschung und Wissenschaft sind heute gefordert, sensibler gegenüber Risiken und zugleich problem- und nutzenorientierter zu sein. Dazu gehört insbesondere, das eigene Tun für die Allgemeinheit verständlich aufzubereiten.
Die BMBF-Förderinitiative "Forschung zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft" hat zum Ziel, durch entsprechende Forschungsvorhaben die vielfältigen Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik aufzuzeigen, um
- die sozialwissenschaftliche Beratungskompetenz für forschungspolitische Entscheidungen zu stärken,
- Strategien (des Wettbewerbs, der Transparenz, des Diskurses) zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit und Glaubwürdigkeit der Wissenschaft sowie Instrumente und Kriterien der Qualitätssicherung wissenschaftlicher Expertise voranzutreiben,
- internationale (Erfolgs-)Modelle der Steuerung von Forschung (governance of science) zu erkennen, auszuwerten und für die nationale Wissenschaftspolitik fruchtbar zu machen,
- die Konsequenzen der Veränderungsprozesse für die Wissenschaftspolitik zu beurteilen und Ansatzpunkte für notwendige wissenschaftspolitische Maßnahmen aufzuzeigen,
- die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu verbessern,
- einen selbstreflexiven Diskurs über Voraussetzungen und Formen der Wissensproduktion innerhalb der Wissenschaft zu erzeugen.
Gleichzeitig verfolgt die Förderinitiative das Ziel, das Capacity Building im Bereich der Wissenschaftsforschung in Deutschland zu stärken, um Anschlussfähigkeit an die anglo-amerikanische Forschungslandschaft zu gewährleisten.
In einer Sondierungsphase im Jahr 2002 wurde das Potenzial der deutschen Wissenschaftsforschung sowie relevante Forschungsfragen identifiziert, die im Rahmen von 20 Expertisen näher beleuchtet wurden.
I. Förderphase (2003 - 2008): Wissen für Entscheidungsprozesse
Ausgehend von den Ergebnissen der Sondierungsphase wurden in einer ersten Förderphase von 2003 bis 2007 12 Forschungsprojekte zum Thema "Wissen für Entscheidungsprozesse" gefördert. Die Ergebnisse dieser Förderphase sind in dem Buch
"Wissensproduktion und Wissenstransfer. Wissen im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit" (2008), Hg: Renate Mayntz, Friedhelm Neidhardt, Peter Weingart und Ulrich Wengenroth
zusammengefasst. Das Buch ist im Transcript-Verlag erschienen.
Nähere Informationen zu der ersten Förderphase sowie zu den 12 geförderten Projekten finden Sie unter www.sciencepolicystudies.de.
II. Förderphase (2008 - 2012): Neue Governance der Wissenschaft
Im Fokus der zweiten Phase der Förderinitiative stehen die Fragen
- welche Governance-Strukturen wissenschaftlicher Forschung sich gegenwärtig und mit Blick auf die nähere Zukunft abzeichnen,
- welche Akteure als Protagonisten sowie Kritiker solcher Veränderungen in welchen Konstellationen zusammenwirken,
- welche Auswirkungen eintretende Veränderungen auf die Autonomie und Leistungsfähigkeit wissenschaftlicher Forschung haben - und nicht zuletzt
- welche Handlungsbedingungen und -chancen sich für die Wissenschaftspolitik aus all dem ergeben.
Eine erste Bekanntmachung zur Förderinitiative "Neue Governance der Wissenschaft" wurde im Februar 2008 veröffentlicht, die erfolgreichen Forschungsprojekte werden im ersten Halbjahr 2008 die Arbeit aufnehmen. Eine zweite Bekanntmachung folgte im März 2009.
Gefördert werden Projekte, die fallbezogen Transformationsprozesse im Wissenschaftssystem analysieren. Dabei sollen sowohl die Triebkräfte (u.a. Ökonomisierung, Medialisierung und Transnationalisierung der Wissenschaft) als auch die in Abhängigkeit davon auftretenden Effekte (u.a. Indikatoren der Leistungsbemessung, Grad der Autonomie und Anwendungsorientierung in unterschiedlichen Fachkulturen) berücksichtigt werden. In den Studien sollen Theorien und Methoden der Governanceforschung genutzt und weiterentwickelt werden.
Im Kontext der Förderinitiative wurde das Querschnittsthema
Evaluationsbasierte Managementsysteme für universitäre Forschungsleistungen im Rahmen einer Studie bearbeitet. Die Studie (Stand 2008) gibt einen Überblick übr wichtige existierende bzw. in Herausbildung befindliche Instrumente.
Beirat
- Prof. Dr. Edgar Grande, Ludwig-Maximilian-Universität München, Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft
- Prof. Dr. Dorothea Jansen, Deutsche Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer (DHV), Lehrstuhl für Soziologie der Organisation
- Prof. Dr. Otfried Jarren, Universität Zürich, Prorektorat Geistes- und Sozialwissenschaften
- Prof. Dr. Arie Rip, Twente University, Department of Science, Technology and Society
- Prof. Dr. Uwe Schimank, Universität Bremen, Institut für Soziologie
- Prof. Dr. Peter Weingart, Universität Bielefeld, Institut für Wissenschafts- und Technikforschung