Forschung

Berichterstattung zur sozio-ökonomischen Entwicklung in Deutschland: Arbeit und Lebensweisen.

Warum stellt sich die Arbeitswelt heute so verändert dar, dass Eltern oft nicht mehr verstehen, was ihre Töchter und Söhne beruflich machen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen neuen Arbeitsformen, Berufsverläufen und dem Rollenverständnis von Mann und Frau? Diesen und ähnlichen Fragen widmet sich ein neues Konzept der gesellschaftlichen Berichterstattung, das von vier sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituten erarbeitet wurde und Veränderungen im Verhältnis von Arbeit und privaten Lebensweisen vor dem Hintergrund der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten dreißig Jahren untersucht.
Die Arbeitswelt verändert sich. Nicht von heute auf morgen, aber andauernd und mit wachsender Geschwindigkeit. Der Acht-Stunden-Tag in der Fabrik oder im Büro, die lebenslange Beschäftigung in derselben Firma von der Lehre bis zur Pensionierung, die alleinige Zuständigkeit der Frau für Haushalt und Kindererziehung: Immer weniger Menschen leben nach diesem Muster.

Die Lebensrealität sieht heute für die meisten anders aus: Befristete Arbeitsverträge, eine zweite oder dritte Ausbildung, Unterbrechung des Berufslebens durch Phasen von Selbständigkeit, Weiterbildung oder Arbeitslosigkeit sind keine Ausnahme mehr, vor allem bei männlichen Erwerbstätigen. Für Frauen hingegen gilt, dass sie qualifizierter ausgebildet und zunehmend erwerbstätig sind und ihre Berufstätigkeit - wenn sie Kinder bekommen - nicht mehr aufgeben, sondern oft nur für kurze Zeit unterbrechen. Besonders Frauen mit Kindern arbeiten in Teilzeit, um Erwerbsarbeit und Familienarbeit vereinbaren zu können.

Zugleich ändern sich auch die Arbeitsinhalte: Industriearbeit und einfachere Tätigkeiten spielen eine immer geringere Rolle. Dienstleistungstätigkeiten und qualifizierte Tätigkeiten erlangen immer größere Bedeutung. Diese Tätigkeiten verlangen neben Fachwissen und beruflichen Qualifikationen vermehrt Engagement, Eigeninitiative und Selbstorganisation bis hin zur Selbstvermarktung.

Für die Beschäftigten können sich hieraus neue und erweiterte Handlungsspielräume ergeben. Grundsätzlich möglich sind vielfältigere Arbeitsinhalte und flexible Arbeitszeitmodelle oder die Wahl des Arbeitsortes durch Telearbeit. Wenn die Arbeit größere Freiräume erlaubt, sind damit oft auch Schattenseiten verbunden. Die Grenzen zwischen Arbeit und anderen Lebensbereichen verschwimmen, die zeitlichen und persönlichen Anforderungen von Arbeit, Familie und privaten Interessen konkurrieren direkter miteinander. Aufgrund der unterschiedlichen Zeitstrukturen nimmt der Koordinationsaufwand für die einzelnen Personen zu.

Solche gesellschaftlichen Veränderungen, die durch wirtschaftliche als auch soziale Entwicklungen angestoßenen werden, sind Gegenstand einer neuen Form der sozio-ökonomischen Berichterstattung. Acht sozialwissenschaftliche Forschungsinstitute analysierten die sozioökonomische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen drei Jahrzehnten. Das BMBF finanzierte die Arbeit über mehr als acht Jahre mit insgesamt 3,8 Millionen Euro.

Dieses neue sozialwissenschaftliches Berichtssystem legt den Fokus auf die Zusammenhänge und Wechselwirkungen von sozialer und ökonomischer Entwicklung in Deutschland und will damit bereits existierende sektorale Berichtssysteme wie z. B. Armuts-/Reichtumsbericht oder Gesundheitsberichterstattung ergänzen. Um die neue Vielfalt der Arbeits- und Lebensmodelle angemessen berücksichtigen und sozialen Ungleichheiten bei Bildung, Arbeit und sozialer Sicherheit entgegen treten zu können ist eine differenzierte Datenbasis unerlässlich, die neue Entwicklungen in ihren Zusammenhängen sichtbar werden lässt. Das Berichtssystem richtet sich vor allem an Politik und Verwaltung sowie Verbände und die Wissenschaft.

Berichtet wird aus der Perspektive der einzelnen Personen bzw. Haushalte und der Betriebe mit Blick auf den deutschen Sozialstaat und die gesamte Volkswirtschaft. Neben den dargestellten Veränderungen in der Arbeitswelt und der damit in Wechselwirkung stehenden geänderten Rollenverteilung zwischen Mann und Frau werden weitere, damit eng verbundene Bereiche untersucht, wie zunehmende soziale Ungleichheit d. h. Anstieg sowohl der Armut als auch des Reichtums in der Gesellschaft, Veränderungen im Bildungssystem und der Stellenwert neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (z. B. Internet, Mobiltelefon etc.) nicht als bloßes Kommunikationsmittel, sondern als wichtiger sozialer Handlungsraum.

Der erste Bericht hat die Machbarkeit eines sozioökonomischen Ansatzes für eine regelmäßige Berichterstattung gezeigt. Auf dem Weg zu einer laufenden Berichterstattung fördert das BMBF die Erstellung eines zweiten Berichts, der von einem sozialwissenschaftlichen Verbund unter Federführung des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) Göttingen erstellt wird. Die Veröffentlichung des 2. Berichts ist für den Sommer 2009 geplant. Aktuelle Informationen zur Arbeit des Forschungsverbunds unter www.soeb.de.

Der erste Bericht mit dem Titel "Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland: Arbeit und Lebensweisen" (August 2005) ist im VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden erschienen.

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