Forschung

Berichterstattung zur sozio-ökonomischen Entwicklung in Deutschland (soeb)

Die sozioökonomische Berichterstattung ist ein sozialwissenschaftliches Berichtssystem, welches den Fokus auf die Zusammenhänge und Wechselwirkungen von sozialer und ökonomischer Entwicklung in Deutschland legt und damit bereits existierende sektorale Berichtssysteme wie z. B. Armuts-/Reichtumsbericht oder Gesundheitsberichterstattung ergänzt. Berichtet wird aus der Perspektive der einzelnen Personen bzw. Haushalte und der Betriebe mit Blick auf den deutschen Sozialstaat und die gesamte Volkswirtschaft. Das Berichtssystem richtet sich vor allem an Politik und Verwaltung sowie Verbände und die Wissenschaft.

Der Forschungsverbund zur sozioökonomischen Berichterstattung deutet die Entwicklung der letzten Jahrzehnte als Umbruch des deutschen Produktions- und Sozialmodells: Das Zusammenspiel von Ökonomie, Politik, Institutionen und Individuen folgt nicht mehr dem Muster, das die gesellschaftliche Entwicklung der "alten" Bundesrepublik geprägt hat. Wirtschafts- und Lebensweise ändern sich gleichzeitig und jeweils eigensinnig. Wie ein einzelner Haushalt, so muss die Gesellschaft als Ganzes ökonomische Motive und individuelle Bedürfnisse und Lebensziele mehr oder weniger gut in Einklang bringen. Die sozioökonomische Berichterstattung nimmt die einzelnen Veränderungen ebenso unter die Lupe wie den Wandel des Zusammenspiels. Es stellt sich die Frage: Kann unsere "Gesellschaft im Umbruch" die Menschen "mitnehmen" oder bleiben viele von ihnen auf der Strecke?

Arbeit und Lebensweisen

Der erste Bericht zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland zeigte die Machbarkeit eines sozioökonomischen Ansatzes für eine Berichterstattung. Er erschien mit dem Titel "Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland: Arbeit und Lebensweisen" (August 2005) im VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Die Veränderungen im Verhältnis von Arbeit und privaten Lebensweisen wurden vor dem Hintergrund der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten dreißig Jahren untersucht. Es kamen Fragen auf wie: Warum stellt sich die Arbeitswelt heute so verändert dar, dass Eltern oft nicht mehr verstehen, was ihre Töchter und Söhne beruflich machen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen neuen Arbeitsformen, Berufsverläufen und dem Rollenverständnis von Mann und Frau?
Die Veränderungen in der Arbeitswelt treten nicht von heute auf morgen auf, aber andauernd und mit wachsender Geschwindigkeit. Der Acht-Stunden-Tag in der Fabrik oder im Büro, die lebenslange Beschäftigung in derselben Firma von der Lehre bis zur Pensionierung, die alleinige Zuständigkeit der Frau für Haushalt und Kindererziehung: Immer weniger Menschen leben nach diesem Muster.

Die Lebensrealität vieler Menschen sieht heute anders aus: Befristete Arbeitsverträge, eine zweite oder dritte Ausbildung, Unterbrechung des Berufslebens durch Phasen von Selbständigkeit, Weiterbildung oder Arbeitslosigkeit sind keine Ausnahme mehr, vor allem bei männlichen Erwerbstätigen. Für Frauen hingegen gilt, dass sie qualifizierter ausgebildet und zunehmend erwerbstätig sind und ihre Berufstätigkeit - wenn sie Kinder bekommen - nicht mehr aufgeben, sondern oft nur für kurze Zeit unterbrechen. Besonders Frauen mit Kindern arbeiten in Teilzeit, um Erwerbsarbeit und Familienarbeit vereinbaren zu können.

Zugleich ändern sich auch die Arbeitsinhalte: Industriearbeit und einfachere Tätigkeiten spielen eine immer geringere Rolle. Dienstleistungstätigkeiten und qualifizierte Tätigkeiten erlangen immer größere Bedeutung. Diese Tätigkeiten verlangen neben Fachwissen und beruflichen Qualifikationen vermehrt Engagement, Eigeninitiative und Selbstorganisation bis hin zur Selbstvermarktung.

Für die Beschäftigten können sich hieraus neue und erweiterte Handlungsspielräume ergeben. Grundsätzlich möglich sind vielfältigere Arbeitsinhalte und flexible Arbeitszeitmodelle oder die Wahl des Arbeitsortes durch Telearbeit. Wenn die Arbeit größere Freiräume erlaubt, sind damit oft auch Schattenseiten verbunden. Die Grenzen zwischen Arbeit und anderen Lebensbereichen verschwimmen, die zeitlichen und persönlichen Anforderungen von Arbeit, Familie und privaten Interessen konkurrieren direkter miteinander. Aufgrund der unterschiedlichen Zeitstrukturen nimmt der Koordinationsaufwand für die einzelnen Personen zu.

Teilhabe im Umbruch

Der zweite Bericht beobachtet die Veränderung individueller Teilhabemuster von Personen und Haushalten sowie die institutionellen Veränderungen im deutschen Produktions- und Sozialmodell und bezieht beide Beobachtungsebenen auf einander.
Teilhabe konkretisiert sich in der Ausübung von Erwerbsarbeit, an engen sozialen Beziehungen, an bürgerlichen, politischen und sozialen Rechten und in der Teilhabe an Bildung und Kultur. Für soeb erfüllt das Teilhabe-Konzept zum einen die Funktion eines individuellen Wohlfahrtsmaßes, das dem Individualisierungsgrad der Gesellschaft angemessen ist, indem es Teilhabechancen und realisierte Teilhabe in den Blick nimmt. Mit der Betrachtung kollektiver Teilhabemuster wird der Begriff zum anderen im Rahmen der Sozialstrukturanalyse anschlussfähig.

Aus der Perspektive dieses Konzepts - insbesondere der Teilhabeformen Erwerbsarbeit, enge persönliche Beziehungen und soziale Sicherung - wird der Umbruch auf der Mikroebene von Individuen und Haushalten/Familienformen betrachtet. Unsichere Erwerbsbeteiligung, zunehmende Vielfalt der Geschlechterarrangements im Haushalt, zunehmende soziale Selektivität des vorsorgeorientierten deutschen Sozial(versicherungs)staats und zunehmende Bildungsungleichheit stellen den für das »deutsche Modell« der Nachkriegsjahrzehnte typischen Teilhabemodus in Frage.
Im Umbruch des Produktionsmodells sind auf der Makroebene die treibenden Faktoren zu identifizieren, von denen Anpassungsbedarf im Sozialmodell ausgeht.

Das Konzept der Teilhabe ermöglicht dabei eine dynamische Perspektive auf neue und alte Ungleichheiten: Erstens werden in einer Längsschnittbetrachtung individueller Lebensverläufe der Modus und das Ausmaß gesellschaftlicher Teilhabe sichtbar (zum Beispiel Dauer von Erwerbs- und Nichterwerbszeiten, Häufigkeit von Erwerbsunterbrechungen, Summe der Erwerbszeiten über den Lebenslauf). Zweitens ist Teilhabe ein graduelles und kein zweiwertiges Phänomen, d.h. es geht nicht um die bloße Gegenüberstellung eines "Drinnen" und eines "Draußen". Ein zentraler Befund des Berichts: Nicht nur Risiken und Chancen des Umbruchs, sondern auch der Anpassungsbedarf sind sehr ungleich verteilt. Soziale Ungleichheit und Vielfalt, Stabilität und Turbulenz in den Lebensverläufen nehmen gleichermaßen zu.

Der zweite Bericht zur sozioökonomischen Berichterstattung erscheint unter dem Titel "Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland: Teilhabe im Umbruch" im Sommer 2011 im VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Verbundprojekte zur sozioökonomischen Berichterstattung werden seit dem Jahr 2000 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die Koordination der Forschungsverbünde und die Projektleitung liegen beim Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) Göttingen. Im Anschluss an ein erstes Verbundvorhaben (soeb I: 2000 bis 2004) zum ersten Bericht zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland, wurde der sozioökonomische Berichtsansatz in der Arbeit an einem zweiten Bericht (soeb II) konzeptionell, thematisch und methodisch weiter entwickelt und seine empirische Datenbasis verbreitert. Dazu wurde der zweite Forschungsverbund neu zusammengesetzt. Das Verbundprojekt endete im Juni 2009. Seit August 2009 ist ein drittes Verbundprojekt (soeb III) in Vorbereitung. Bestandteil zur Konzeptphase ist ein Modellprojekt "Kollaborative Datenauswertung und Virtuelle Arbeitsumgebung", mit dem das Konzept einer virtuellen Forschungsumgebung erstmals in die Sozialwissenschaften eingebracht wird. Weiterhin soll soeb III in größerem Umfang die durch BMBF-Förderung deutlich verbesserte Infrastruktur im Bereich der Sozial- und Wirtschaftsdaten nutzen.

Aktuelle Informationen zur sozioökonomischen Berichterstattung (soeb) unter:www.soeb.de.


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