Gute allgemeine und berufliche Bildung haben eine wachsende Bedeutung für die individuellen Lebenschancen der Menschen sowie die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten in unserem Land. Neue Technologien, eine veränderte Arbeitsorganisation, ein wachsender Dienstleistungssektor und zunehmende internationale Verflechtung der Wirtschaft erfordern neue Qualifikationen und mehr Flexibilität. Eine Gesellschaft, die sich solchen Entwicklungen nicht nur anpassen, sondern diese globale Herausforderung aktiv gestalten und auch morgen in Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit leben will, braucht mehr und bessere Bildung und die Bereitschaft zu Innovation. Bildung, Wissenschaft und Forschung stärken - das ist die bildungspolitische Antwort der Bundesregierung auf die umfassenden Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.
Die qualifizierte Aus- und Weiterbildung ist das Kernstück jeder modernen Bildungspolitik und eine wichtige Zukunftsvorsorge. Sie entscheidet über die Berufs- und Lebenschancen und damit über die Chancen auf soziale Teilhabe jeder und jedes Einzelnen in Wirtschaft und Gesellschaft. Nur mit gut ausgebildeten Menschen können Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit sowie Arbeitsplätze gesichert werden und neue Arbeitsplätze entstehen. Der Sicherung einer breiten und qualitativ hochwertigen beruflichen Ausbildung kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu.
Die Aufgabe, möglichst allen ausbildungsgeeigneten Ausbildungsplatznachfragern und -nachfragerinnen einen Ausbildungsplatz anbieten zu können, war 2002 mit großen Herausforderungen verbunden. Mit 572.227 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen und damit rund 42.000 weniger im Vergleich zum Vorjahr ging die Anzahl der neuen Ausbildungsverträge in einer unerwarteten Größenordnung zurück.
Der entscheidende Grund für diesen Rückgang der Angebote dürfte vor allem die schwache konjunkturelle Entwicklung sein, die Betriebe und Unternehmen zurückhaltender in Ausbildung investieren lässt, da sich diese tendenziell erst mittelfristig rechnet. Zudem erschwert eine als unsicher wahrgenommene wirtschaftliche Entwicklung die Einschätzung des zukünftig erforderlichen Bedarfs an Fachkräften. Der Rückgang des Ausbildungsplatzangebotes betrifft daher nahezu alle Ausbildungsbereiche und Berufe, vom Tischlerhandwerk, in der Bauwirtschaft, im Bankwesen bis zur IT- und Medienbranche.
Das Angebot ist allerdings auch von anderen Gründen abhängig, wie z.B. ganz allgemein von der Nachfrageentwicklung und mit welchen Kompetenzen die Schüler und Schülerinnen die allgemeinbildenden Schulen verlassen und ob sie die für eine erfolgreiche duale Berufsausbildung notwendige Ausbildungsreife besitzen.
Infolge des unzureichenden betrieblichen Ausbildungsplatzangebotes hat sich auch das Verhältnis zwischen den noch nicht besetzten Ausbildungsplätzen und den noch nicht vermittelten Bewerbern und Bewerberinnen zum 30. September 2002 verschlechtert. Am 30. September 2002 wurde ein Ausgleich von Angebot und Nachfrage noch nicht vollständig erzielt. Dieser konnte allerdings durch nachträgliche Vermittlungen, durch den beachtlichen Einsatz staatlich finanzierter Sonderprogramme, durch zusätzliche Länderinitiativen zum Ende des Jahres annähernd erreicht werden. Dabei hat sich auch das Nachfrageverhalten der Jugendlichen verändert, die sich häufiger als im Vorjahr für alternative Qualifizierungswege wie die Aufnahme eines Studiums oder den Besuch einer Berufsfachschule entschieden haben. Zugleich stieg die Zahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen an berufsvorbereitenden Maßnahmen weiter an1. Erfreulich ist die gestiegene Studierneigung der Schulabsolventen und Schulabsolventinnen mit Hochschulzugangsberechtigung (+ 1,4 %), die auch auf Verbesserungen des BAföG zurückzuführen sein dürfte.
Damit hat sich im Jahr 2002 - auch bedingt durch das deutlich zurückgegangene Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen - die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen erneut von der demografischen Entwicklung entfernt. Vor allem deshalb blieb der Anstieg der Zahl der noch nicht vermittelten Bewerber und Bewerberinnen vergleichsweise gering. Gemessen an der demografischen Entwicklung hätte bei unverändertem Berufswahlverhalten der Jugendlichen die Ausbildungsplatznachfrage in den alten Ländern größer ausfallen müssen als in den Vorjahren, in den neuen Ländern wäre eine geringere Abwärtsentwicklung der Nachfrage zu erwarten gewesen.
Die Rückwirkungen des gesunkenen Ausbildungsplatzangebotes und eines veränderten Nachfrageverhaltens auf die Zukunftsfähigkeit und Stabilität des dualen Systems dürfen nicht unterschätzt werden. Gegenwärtig befinden sich zwar immer noch insgesamt rund 1,7 Millionen Auszubildende in einer dualen Berufausbildung. Es wäre jedoch schon wegen der demografischen Entwicklung eine Fehleinschätzung, wenn die hohen Anteile der jeweiligen Altersjahrgänge, die in den vergangenen Jahrzehnten eine duale Ausbildung absolviert haben, als selbstverständlich fortgeschrieben würden. Die 2002 besonders spürbare Konjunkturabhängigkeit des Ausbildungsplatzangebotes muss deshalb durch nachhaltige Anstrengungen und konkrete Maßnahmen der Wirtschaft zur Erhöhung des betrieblichen Ausbildungsplatzangebotes überwunden werden. Die aktuellen Daten der Ausbildungsvermittlungsstatistik für das Vermittlungsjahr 2002/2003 der Bundesanstalt für Arbeit lassen vermuten, dass im Ausbildungsjahr 2003 mindestens ähnliche Probleme auftreten werden wie im vergangenen Jahr, so dass verstärkte Anstrengungen erforderlich sind, um eine ausgeglichene Bilanz von Angebot und Nachfrage erreichen zu können.
Angesichts der bekannten demografischen Kerndaten - deutlicher Rückgang der Jahrgänge in den neuen Ländern ab den Jahren 2005/2006, in den alten Ländern ab 2009 - bleibt die Wirtschaft gefordert, wieder verstärkt in die Ausbildung des Fachkräftenachwuchses zu investieren. Dies gilt umso mehr, wenn in einzelnen Wirtschaftsbereichen und einigen Regionen über einen partiellen Fachkräftemangel geklagt wird. Diesem Mangel kann nur begegnet werden, wenn Betriebe und Unternehmen rechtzeitig und verstärkt ausbilden. Dabei müssen Arbeitgeber auch verstärkt prüfen, Jugendlichen mit schlechteren Startchancen eine Ausbildungschance zu geben. Ob sich insbesondere leistungsstärkere Jugendliche in den nächsten Jahren für die duale Berufsausbildung oder für eine andere Form der beruflichen Qualifizierung entscheiden werden, wird neben einem quantitativ und qualitativ hinreichendem Angebot an Ausbildungsplätzen auch davon abhängen, mit welcher Ausbildung sich welche Optionen auf dem Arbeitsmarkt und für berufliche Weiterentwicklung eröffnen.
Diese Herausforderungen erfordern auch weitere und verstärkte Initiativen zur qualitativen Weiterentwicklung der Berufsbildung von allen Beteiligten. Eine der wichtigsten Grundlagen für die Zukunftsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft bleibt eine solide und breit angelegte Berufsausbildung für alle Jugendlichen.
Die Bundesregierung hat entsprechend der Vereinbarung im Ausbildungskonsens ihr Ausbildungsplatzangebot ausgeweitet. Sie fordert von der Wirtschaft, dass diese ihren Teil der Vereinbarung ebenso einlöst und in diesem Jahr ihr Ausbildungsangebot deutlich erhöht. Sie fordert zu dem die öffentlichen Verwaltungen auf, dies in ihrem Verantwortungsbereich ebenfalls zu tun.
Ein Schwerpunkt der künftigen Berufsbildungspolitik der Bundesregierung wird darin liegen, die Wirtschaft bei ihren Anstrengungen, ein der Nachfrage entsprechendes Ausbildungsplatzangebot bereit zu stellen, durch förderliche Rahmenbedingungen zu unterstützen. Dazu gehört neben der Reform des Berufsbildungsrechts auch eine mittelstandfreundliche Wirtschaftpolitik, die neben einer Verbesserung der konjunkturellen Entwicklung hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten kann. Zugleich werden die in der vergangenen Legislaturperiode begonnen Reformen zur Modernisierung, Flexibilisierung und internationalen Öffnung der beruflichen Aus- und Weiterbildung mit Nachdruck ausgebaut.
Das System der dualen Berufsausbildung verfügt durch seine innere Struktur und durch die Einbindung der in der Berufsausbildung Verantwortlichen über ein weiteres Innovationspotenzial, um auch die zukünftigen Herausforderungen bewältigen zu können. Dieses Potenzial gilt es - durch alle Beteiligte - in den nächsten Jahren über Reforminitiativen und innovative Maßnahmen zur strukturellen und fachlichen Verbesserung der beruflichen Bildung auch auszuschöpfen.
1 Ein Teil dieser Maßnahmen betrifft die Grundausbildungslehrgänge, mit denen ausbildungsgeeignete Jugendliche gefördert werden, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz gefunden haben.