4.6 Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Lebens- und Arbeitssituation erwerbstätiger Absolventen und Absolventinnen des Berufsbildungssystems

Im Kapitel 4.4 wurden Untersuchungsergebnisse vorgestellt, nach denen keine substanziellen geschlechtsspezifischen Differenzen beim Übergang von Ausbildung in Beschäftigung feststellbar sind. Mit Hilfe der Daten der BIBB/IAB-Erhebung 1998/19991 sind Aussagen möglich, ob sich zwischen den beiden Geschlechtern auch im weiteren Berufsleben diese Entwicklung bestätigt. Eine repräsentative Stichprobenuntersuchung bei rund 34.000 erwerbstätigen Personen in Deutschland bildet die Grundlage dieser Erhebung2. Ausgewählt wurde eine Teilstichprobe von 6.641 erfolgreichen Absolventen und Absolventinnen anerkannter Ausbildungsberufe. Es wurden dabei nur solche Berufe berücksichtigt, bei denen männliche und weibliche Personen so häufig vorkommen, dass vergleichende Untersuchungen zwischen den beiden Geschlechtern möglich sind. Stark frauen- oder stark männerdominierte Berufe, wie Arzthelferin oder Elektriker, wurden somit nicht in die Untersuchung einbezogen. Die berücksichtigten Berufe können der Übersicht 78 entnommen werden3. Untersuchungsgegenstände waren Indikatoren zur allgemeinen Lebenssituation der erwerbstätigen Frauen und Männer, strukturelle Merkmale ihrer Arbeitsplätze, die Weiterbildungsaktivitäten der letzten beiden Jahre sowie verschiedene Aspekte der Arbeitszufriedenheit. Zudem wurde untersucht, welche Faktoren mit der Höhe des Einkommens korrelieren und bis zu welchem Ausmaß sich Einkommensunterschiede zwischen den Männern und Frauen über Unterschiede in den hier berücksichtigten Merkmalen der allgemeinen Lebenssituation, der Arbeitsplätze und des Weiterbildungsverhaltens erklären lassen.

Bezüglich der allgemeinen Lebenssituation zeichnen sich im Lebensalter, in den Fragen, ob mit einem Partner bzw. einer Partnerin zusammengelebt wird und ob Kinder im eigenen Haushalt wohnen, keine beträchtlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen ab. Ähnliches gilt auch für die Frage, ob bisher stets im selben Beruf gearbeitet wurde, bzw. nach der Anzahl der bisherigen Arbeitgeber. Große Differenzen gibt es dagegen dahingehend, ob der eigene Lebenspartner selbst berufstätig ist oder nicht. Insgesamt 47,4 % der hier untersuchten Männer leben mit einer nicht berufstätigen Partnerin zusammen, dagegen nur 13,6 % der Frauen mit einem nicht berufstätigen Mann4. Für Frauen, die selbst arbeiten und mit einem Partner zusammenleben, ist es also nahezu der Regelfall, dass auch ihr Partner einer Erwerbstätigkeit nachgeht, während berufstätige Männer häufig noch in einer Partnerschaftskonstellation leben, die den traditionellen Verhältnissen entspricht. Dies ist zum großen Teil davon abhängig, ob Kinder im Haushalt leben, gilt aber auch umso häufiger, je älter die männlichen Erwerbstätigen sind.

Frei von bisherigen Arbeitslosigkeitserfahrungen sind insgesamt 73,9 % der männlichen Untersuchungsteilnehmer, aber nur 68,4 % der weiblichen Probanden. Zwischen den Berufen zeichnen sich ebenfalls merkliche Unterschiede ab. So konnten Bankkaufleute mit Abstand häufiger Arbeitslosigkeit vermeiden als Gärtner und Gärtnerinnen. Doch gilt für jeden der hier untersuchten Berufe, dass Frauen häufiger arbeitslos waren als ihre jeweiligen männlichen Berufskollegen. Die häufigere Erfahrung der Frauen mit Erwerbslosigkeit steht auch im Zusammenhang mit der höheren Erwerbsbeteiligung der Frauen in den neuen Ländern. Die Untersuchungsteilnehmerinnen stammen deshalb im Vergleich zu den Männern öfter aus den neuen Ländern und wurden dementsprechend häufiger mit den wirtschaftlichen Umbrüchen nach der Wiedervereinigung konfrontiert5.

Die unterschiedliche regionale Herkunft ist zum Teil auch dafür verantwortlich, dass die Frauen unter den hier untersuchten Absolventen und Absolventinnen anerkannter Ausbildungsberufe seltener über eine Studienberechtigung verfügen. Hier wirkt offenbar ein unterschiedliches Bildungsverhalten aus früheren Jahren nach. Die Fachhochschul- oder Hochschulreife ist unter den Fachkräften in den neuen Ländern generell seltener (13,8 %) zu finden als in den alten Ländern (20,5 %). Die geschlechtsspezifischen Differenzen im Schulabschluss beruhen aber auch auf unterschiedlichem Weiterbildungsverhalten nach Beendigung der Berufsausbildung. So haben 25,3 % der männlichen, aber nur 13,3 % der weiblichen Fachkräfte zusätzlich zur Berufsausbildung weitere Aus- und Weiterbildungen absolviert.

Die Differenzen im Weiterbildungsverhalten der Männer und Frauen korrespondieren wiederum mit geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Erwerbssituation. Mit einer Quote von 14,0 % sind Männer doppelt so häufig selbstständig wie Frauen (7,1 %). Spürbar seltener arbeiten sie in Teilzeit, mit Abstand häufiger (32,5 % gegenüber 8,1 % der Frauen) geben sie an, mehr als 45 Arbeitsstunden pro Woche zu arbeiten. Im Großen und Ganzen arbeiten Männer und Frauen etwa gleich häufig im erlernten Beruf. Es sind dabei aber deutliche Abweichungen zwischen den einzelnen Herkunftsberufen erkennbar. Wechselschichtarbeit kann von den Frauen und Männern etwa gleich häufig vermieden werden. Unterschiede folgen hier insbesondere den jeweiligen Berufen. Von unbefristeten Arbeitsverhältnissen profitieren die hier untersuchten Männer etwas häufiger als die weiblichen Untersuchungsteilnehmer.

Das Monatseinkommen der Beschäftigten differiert im Schnitt sehr deutlich. Einem mittleren Betrag von 2.467 € bei den Männern steht ein durchschnittliches Einkommen von 1.889 € bei den Frauen gegenüber. Bei den genannten Zahlen handelt es sich bereits um standardisierte Beträge. Sie wurden einheitlich auf der Grundlage einer fiktiven 40-Stundenwoche berechnet, um die Effekte unterschiedlicher Beteiligungen an Teilzeitarbeit zu eliminieren. Der reale Einkommensabstand zwischen den Frauen und Männern fällt somit noch deutlicher aus, als es sich in den in der Übersicht 78 genannten Werten widerspiegelt. Er ist in allen hier untersuchten Berufen gegeben, auch wenn die Effekte des jeweiligen Ausbildungsberufs auf die Höhe des Einkommens ebenfalls von großer Bedeutung für die Einkommensdifferenzen zwischen den Erwerbstätigen sind.

Männer arbeiten mit Abstand häufiger in Führungspositionen. Der Anteil derer, die angaben, selbst Vorgesetzter von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu sein, liegt bei 43,0 %. Der Vergleichswert bei den Frauen beträgt 19,6 %. Dass der Anteil unter den Männern etwa doppelt so hoch (oder sogar noch höher) ist wie unter den Frauen, gilt dabei mit Ausnahme der Gärtner und Gärtnerinnen für jeden der hier untersuchten Berufe. Nur 10,1 % der Männer haben weibliche Vorgesetzte. Von Frauen haben dagegen 29,4 % eine Vorgesetze. Dieses Phänomen findet sich bis auf wenige Ausnahmen (Steuerfachangestelter/Steuerfachangestellte, Metallfeinbauer/Metallfeinbauerin) in allen der hier berücksichtigten Berufe6.


Insgesamt verrichteten die hier untersuchten männlichen Erwerbstätigen deutlich häufiger (65,0 %) als die Frauen (57,4 %) eine Tätigkeit, für die aus ihrer Sicht eine Ausbildung erforderlich ist. Dies heißt im Umkehrschluss, dass die Frauen häufiger in ausbildungsinadäquater Beschäftigung zu finden waren. Größere geschlechtsspezifische Unterschiede sind auch im Hinblick auf das Ausmaß der Weiterbildungsaktivitäten in den letzten zwei Jahren vor dem Untersuchungstermin 1998/1999 zu finden. So hatten sich 74,6 % der männlichen, aber nur 61,9 % der weiblichen Fachkräfte weitergebildet. Von einem von Mobbing freien Verhältnis zu Kollegen/Kolleginnen und Vorgesetzten berichteten fast alle Beschäftigten, Männer aber in nahezu allen hier unterschiedenen Ausbildungsberufsgruppen noch etwas häufiger (94,1 %) als Frauen (92,7 %).

Im Vergleich zu ihren männlichen Berufskollegen zeigten sich die weiblichen Fachkräfte etwas häufiger mit ihrer Arbeitszeitregelung zufrieden, ebenso mit ihren Vorgesetzten und mit dem Ausmaß des Arbeitsdrucks bzw. der Arbeitsbelastung. Insgesamt etwas unzufriedener waren sie dagegen mit Art und Inhalt ihrer Tätigkeit, mit ihren Möglichkeiten, eigene Fähigkeiten anzuwenden und sich weiterzubilden, mit ihren Aufstiegsmöglichkeiten und mit ihrem Einkommen. In den geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Arbeitsplatzzufriedenheit spiegeln sich die berichteten Unterschiede in den strukturellen Merkmalen der Arbeitsplätze wider. Dennoch fallen die Zufriedenheitsunterschiede deutlich geringer aus, als aufgrund der strukturellen Unterschiede zu erwarten gewesen wäre. Dies betrifft insbesondere das Einkommen: 79,0 % der Männer, die angaben, zumindest im Großen und Ganzen mit ihrem Gehalt zufrieden zu sein, stehen 75,1 % der Frauen gegenüber, die dasselbe behaupteten. Dabei verdienten die Frauen, bezogen auf das standardisierte Monatseinkommen, im Schnitt 578,14 € bzw. 23,4 % weniger als die Männer.

Wie Korrelationsanalysen ergaben, zeichnen sich in der hier untersuchten Stichprobe von Absolventinnen und Absolventen des Berufsbildungssystems deutliche Zusammenhänge zwischen der Höhe des standardisierten Einkommens und anderen Aspekten ab, wie Schulabschluss, zusätzliche Bildungsabschlüsse neben der Lehre, der bisherige Erwerbsverlauf (konnte Arbeitslosigkeit erfolgreich vermieden werden?), Vermeidung von Teilzeitbeschäftigung, Ausübung einer Vorgesetztenfunktion, Verrichtung einer Tätigkeit, die besondere Kenntnisse erforderlich macht, Ausmaß der Weiterbildungsaktivitäten in den letzten beiden Jahren. Diese Zusammenhänge sind im Großen und Ganzen sowohl bei Männern als auch bei Frauen zu finden. Doch sind sie bei den männlichen Fachkräften mit Abstand stärker ausgeprägt als bei den weiblichen. Die gemeinsame Varianz zwischen den genannten Aspekten und der Einkommenshöhe erreicht bei den Männern einen Wert von 31 %, bei den Frauen dagegen nur einen Wert von neun Prozent7. Sicherlich können nicht sämtliche Aspekte uneingeschränkt in einen ursächlichen Zusammenhang mit der Einkommenshöhe gebracht werden. Gleichwohl deuten die Ergebnissen auf strukturelle Benachteiligungen von weiblichen Arbeitskräften hin, die sich z. B. darin äußern, dass "bei personalpolitischen Entscheidungen der berufliche Einsatz, und damit verbunden das dort erzielte Einkommen, unabhängig von den erlernten Kenntnissen und Fertigkeiten zugeordnet wird"8. Stattdessen wird das Geschlechtsmerkmal selbst als Entscheidungsfaktor herangezogen, um zu bestimmen, welche Tätigkeitsinhalte und Einkommensmöglichkeiten für die Fachkräfte der jeweiligen Berufe vorzusehen sind.

Die relativ geringen geschlechtsspezifischen Unterschiede in den verschiedenen Aspekten der Arbeitsplatzzufriedenheit deuten allerdings auch auf eine subjektiv unterschiedliche Verarbeitung des Themas Beruf, Einkommen und Karriere bei Männern und Frauen hin. Denkbar ist, dass die weiblichen Fachkräfte insgesamt stärker an ganzheitlichen Lebensentwürfen interessiert sind und eine ausschließliche Fixierung auf eine Maximierung des Einkommens und der Karrierechancen öfter vermeiden als Männer. Dies führt möglicherweise zugleich bei einem Teil der Frauen zu einer größeren "Toleranz" im Umgang mit beruflichen Benachteiligungen9. Im Rahmen der BIBB/IAB-Erhebung, die primär als arbeitsplatzbezogene Untersuchung konzipiert ist, liegen allerdings keine näheren Informationen dazu vor, welche Erwartungen die befragten Erwerbstätigen mit Karriere, Einkommen und Aufstieg verbinden. Somit können diese Aspekte auch nicht auf mögliche geschlechtsspezifische Differenzen und auf ihre Auswirkungen auf die individuelle berufliche Entwicklung hin untersucht werden.


1 Vgl. auch Kapitel 4.4

2 Informationen zur BIBB/IAB-Erhebung sind im Internet zu finden unter www.bibb.de. Vgl. auch: Jansen, R. (Hrsg.): "Die Arbeitswelt im Wandel"; weitere Ergebnisse aus der BIBB/IAB-Erhebung 1998/1999 zur Qualifikation und Erwerbssituation in Deutschland; Bielefeld 2000

3 Geschlechtsspezifische Differenzierungen der Ergebnisse der BIBB/IAB-Erhebungen auf der Ebene von Berufsgruppen finden sich in: Biersack, W. u. a. (2001): "Arbeitssituation, Tätigkeitsprofil und Qualifikationsstruktur von Personengruppen des Arbeitsmarktes (BeitrAB 248); Nürnberg

4 Die Prozentangaben beziehen sich jeweils auf Männer und Frauen, die angaben, eine Lebenspartnerin bzw. einen Lebenspartner zu haben.

5 Vgl. hierzu auch: Holst, E./Schupp, J. (2001): "Erwerbsverhalten von Frauen": Trotz Annäherung immer noch deutliche Unterschiede zwischen Ost und West; in: Wochenbericht des DIW 42/2001

6 Vgl. Hinz, Th./Schübel, Th. (2001): "Geschlechtersegregation in deutschen Betrieben"; in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (MittAB), 34. Jahrgang

7 Die multiple Korrelation erreicht bei den Männern einen Wert von R = 0,554, bei den Frauen R = 0,303.

8 Vgl. Engelbrech, G. (1996): "Die Beharrlichkeit geschlechtsspezifischer beruflicher Segregation: Betriebliche Berufsausbildung und geschlechtsspezifische Einkommensentwicklung beim Berufseinstieg in den 80er Jahren"; in: Liesering, S./Rauch, A. (Hrsg): "Hürden im Erwerbsleben"; Aspekte beruflicher Segregation nach Geschlecht (BeitAB 198); Nürnberg

9 Vgl. Krekel, E.M/Ulrich, J.G. (1996): "Qualifizierungs- und Berufschancen von Nachwuchskräften mit Studienberechtigung"; in: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis (BWP), 25. Jahrgang, Heft 4