1. Zukunftsfähigkeit des dualen Systems sichern

Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, bestmögliche Bildung für alle zu ermöglichen, um die vorhandenen Begabungspotenziale im Interesse der Jugendlichen wie der Wirtschaft auszuschöpfen. Dies erfordert ein quantitativ ausreichendes, qualitativ hochwertiges sowie auswahlfähiges Angebot an Ausbildungsplätzen. Mit dem im Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit beschlossenen bundesweiten Ausbildungskonsens sowie dem Sofortprogramm zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit - Ausbildung, Qualifizierung und Beschäftigung Jugendlicher - sind deutliche Fortschritte auf dem Weg zu diesem Ziel erreicht worden. Die Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt hat sich verbessert, ist jedoch - insbesondere in den neuen Ländern - noch nicht zufriedenstellend. In den Beratungen der Arbeitsgruppe "Aus- und Weiterbildung" im Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit 1   ist ein gemeinsames Grundverständnis über die Prioritäten in der Berufsbildung und Berufsbildungspolitik sowie Einigkeit in den Leitlinien für die weitere strukturelle Entwicklung der beruflichen Bildung erzielt worden. Das Ziel ist ein leistungsfähiges Berufsbildungssystem mit Verknüpfungen zwischen Ausbildung, Berufserfahrungen und Weiterbildung anstelle starrer und von einander getrennter Strukturen. Ein weiterer Schwerpunkt lag in den konzeptionellen Vorschlägen zur Verbesserung der Bildungschancen von Jugendlichen mit schlechteren Startchancen einschließlich junger Migranten und Migrantinnen. Es gilt nun, dies umzusetzen. Dabei muss berufliche Bildung auch im Kontext des gesamten Bildungssystems gesehen werden.

Die Initiativen der Arbeitsgruppe "Aus- und Weiterbildung" haben zu einer verstärkten Zusammenarbeit aller Beteiligten und zur Bündelung von bisher eher nebeneinander verlaufenden Einzelmaßnahmen geführt, insbesondere auf regionaler Ebene. Bei der Umsetzung der Maßnahmen wurde diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die seit Herbst 1999 halbjährlich in allen Regionen bundesweit durchgeführten Ausbildungsplatzkonferenzen sind ein Beispiel für diese Entwicklung. Die Vielzahl solcher regionalen Initiativen, die in den letzten Jahren entstanden sind bzw. wiederbelebt wurden, haben zum Aufbau von dauerhaften Kooperationsstrukturen und Netzwerken vor Ort geführt.

Im Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit sind darüber hinaus gemeinsam mit den Sozialpartnern Maßnahmen für eine Verbesserung der Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt sowie für die Weiterentwicklung der dualen Berufsausbildung und der Weiterbildung beschlossen worden. Dabei ging es neben der Fortführung des Sofortprogramms zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit, der Modernisierung bestehender sowie Schaffung neuer Berufe, u. a. im wachsenden Dienstleistungssektor, insbesondere um die Steigerung des betrieblichen Ausbildungsplatzangebotes in den neuen Ländern.

Im Forum Bildung ist nach vielen Jahren ein breiter Diskussionsprozess zwischen Vertretern des Bundes und der Länder, der Wissenschaft und Wirtschaft, Experten aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen sowie nationalen und internationalen Sachverständigen zum Thema "Bildungsreform" in Gang gekommen. Bis zum Ende des Jahres 2001 sollen zu bildungsbereichsübergreifenden Querschnittsthemen - z. B. zum Thema "Bildungs- und Qualifikationsziele von morgen" - Reformstrategien entwickelt werden, die die Qualität und Zukunftsfähigkeit des deutschen Bildungssystems auch im internationalen Vergleich sichern helfen.

Mädchen und junge Frauen verlassen heute das allgemeinbildende Schulsystem mit im Vergleich zu jungen Männern eher besseren oder höheren Bildungsabschlüssen. Im Hinblick auf die Nutzung der verschiedenen Ausbildungsmöglichkeiten und Wege zeigen sich jedoch nach wie vor deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Junge Frauen haben z. B. die Ausbildungsmöglichkeiten in den neuen Berufen der Informations- und Telekommunikationstechnik bisher nur wenig genutzt. Daher sollten über die bereits vorhandenen Aktivitäten 2   hinaus weitere bildungspolitische Initiativen ergriffen werden, um das Interesse von Mädchen und Frauen am gesamten Spektrum der Ausbildungsangebote zu wecken und gleiche Zugangschancen zu eröffnen.

Die Nachfrage nach Ausbildung wird sich voraussichtlich in den nächsten Jahren in den alten Ländern demographisch bedingt noch erhöhen. In den neuen Ländern ist jedoch schon jetzt ein deutlicher Rückgang der Anzahl der Schulabgänger und Schulabgängerinnen absehbar. Durch Frührenten und ähnliche Maßnahmen sind Anfang der 90er Jahre die Belegschaften durchschnittlich jünger geworden, gehen nun aber auf das Rentenalter in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts zu. Aus dem Erwerbsleben ausscheidende Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und eine sinkende Zahl von Schulabgängern dürften hier mittelfristig zu spürbarem Fachkräftemangel führen, wenn nicht durch gezielte Qualifizierungsstrategien in Aus- und Weiterbildung von den Unternehmen sowie von der Berufsbildungs- und Arbeitsmarktpolitik gegengesteuert wird.

Für die alten Länder wird in mittelfristiger Perspektive mit einer ähnlichen Entwicklung gerechnet, jedoch in abgemilderter Form, da sich die Jahrgangsstärken nicht so drastisch verringern, wie dies in den neuen Ländern ab dem Jahr 2005 der Fall sein wird.

Die demographische Entwicklung und die damit einhergehende Alterung der Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland stellen nicht nur für die sozialen Sicherungssysteme Herausforderungen dar. Nach bisher vorliegenden Prognosen wird sich auch bei einer derzeit abschätzbaren Zuwanderung das für den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft zur Verfügung stehende Angebot an Erwerbspersonen nach dem Jahr 2020 erheblich vermindern. Unternehmen und Betriebe werden in zunehmendem Maße Belegschaften mit höherem Anteil Älterer haben. Dies stellt nicht nur neue Anforderungen an die berufliche Weiterbildung, sondern auch an die Personalpolitik und Arbeitsorganisation der Unternehmen. Die Stärken älterer Mitarbeiter und das Innovationspotenzial von Nachwuchskräften gezielt zu entwickeln und deren Zusammenspiel im Arbeitsprozess optimal zu gestalten, wird in Zukunft ein wichtiges Ziel einer wettbewerbsfähigen Organisations- und Personalentwicklung in Betrieben und Verwaltungen sein müssen. Die Berufsbildungspolitik muss dies durch flexible Rahmenbedingungen und Strukturen für die berufliche Erstausbildung und das Weiterlernen in allen Phasen des Berufslebens unterstützen.

Dies gilt umso mehr, als sich die Qualifikationsanforderungen ständig und rasch verändern. In vielen Bereichen werden sie mit dem Vordringen Neuer Medien und Techniken zugleich abstrakter. Tendenziell erhöhen sich in solchen Bereichen deshalb die eher theoretischen Anteile und kognitiven Anforderungen beim beruflichen Lernen in Aus- und Weiterbildung und am Arbeitsplatz. Angesichts dieser Entwicklungen ist die Förderung der Ausbildungs- und Beschäftigungsfähigkeit von Menschen, die diese neuen Anforderungen nur schwer bewältigen können, in den Schulen und Betrieben durch entsprechende Rahmenbedingungen in der Berufsbildungs- und Arbeitsmarktpolitik sowohl im Interesse der Betroffenen als auch von Gesellschaft und Wirtschaft besonders bedeutsam. Soziale Ausgrenzungen auf der einen und eine Beeinträchtigung der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft durch Qualifikationsdefizite und Fachkräftemangel auf der anderen Seite müssen vermieden werden. Dazu gehört auch, dass die Ausbildungspotenziale in nach wie vor bestehenden Tätigkeitsfeldern mit weniger komplexen Anforderungen weiterhin voll ausgeschöpft werden. Hier eröffnet die Entwicklung zu mehr Dienstleistungen neue Möglichkeiten, die durch das duale Ausbildungssystem erschlossen werden sollten.

Die Konsequenzen des demographischen Wandels und der Entwicklung der Qualifikationsanforderungen machen die notwendige Verknüpfung von Berufsbildung und Gestaltung der Arbeitswelt besonders deutlich.

Diese Herausforderungen erfordern weitere und verstärkte Initiativen zur qualitativen Weiterentwicklung der Berufsbildung von allen Beteiligten und Verantwortlichen. Eine der wichtigsten Grundlagen für die Zukunftsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft bleibt eine solide und breit angelegte Berufsausbildung für alle Jugendlichen. Die Bundesregierung fordert deshalb die Wirtschaft und die öffentlichen Verwaltungen auf, ihre Ausbildungsangebote - auch im eigenen Interesse an qualifiziertem Nachwuchs - in den nächsten Jahren weiterhin kontinuierlich und deutlich zu erhöhen.

Die skizzierten Entwicklungen stellen auch neue Anforderungen an den Lernort Berufsschule. Berufsschule und Ausbildungsbetriebe erfüllen in der dualen Berufsausbildung einen gemeinsamen Bildungsauftrag. Die Berufsschule soll in diesem Rahmen durch die Vermittlung beruflicher und allgemeiner Lerninhalte ihren Beitrag leisten. Damit erweitert sie die vorher erworbene allgemeine Bildung und trägt dazu bei, zur Erfüllung der Aufgaben im Beruf sowie zur Mitgestaltung der Arbeitswelt und Gesellschaft in sozialer und ökologischer Verantwortung zu befähigen.

Um diesen Bildungsauftrag erfüllen zu können, müssen die Berufsschulen modern ausgestattet sein. Die Bundesregierung hat daher flankierend zu den Anstrengungen der Länder das auf zwei Jahre befristete "Zukunftsinvestitionsprogramm für berufliche Schulen" (ZIBS) schwerpunktmäßig für die Ausstattung mit modernen Informations- und Kommunikationstechnologien sowie Medien aufgelegt. 3   Notwendig ist auch, das Zusammenwirken von Betrieb und Berufsschule im dualen System neu zu gestalten. Auf regionaler Ebene sollten in Zusammenarbeit von Kammern, Innungen, Fachverbänden und Schulverwaltungen sowie Betrieben und Berufsschulen weitergehende Möglichkeiten der Lernortkooperation entwickelt und erprobt werden, die den jeweiligen spezifischen Gegebenheiten entsprechen. Länder und Kommunen sind hier gefordert, ihre darauf gerichteten Anstrengungen verstärkt fortzusetzen. Dabei wird es in den nächsten Jahren u. a. erforderlich sein, für die Ausbildung eines ausreichenden Nachwuchses an Berufsschullehrern und Berufsschullehrerinnen zu sorgen.


1 Die einzelnen Beschlüsse der Arbeitsgruppe "Aus- und Weiterbildung" im Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit sind abrufbar auf der Internet-Seite des Bündnisses: http://www.buendnis.de oder der Internet -Seite des BMBF: http://www.bmbf.de

2 Vgl. das 1999 gestartete Programm "Frau und Beruf" - Aufbruch in der Gleichstellungspolitik sowie Teil 2, Kapitel 4.1.2 und Kapitel 4.6

3 Vgl. Kapitel 8