Im folgenden wird ein zusammenfassender Überblick über die Lern- und Arbeitserfahrungen in der Ausbildung aus der Sicht der Auszubildenden gegeben. Grundlage dafür sind die wesentlichen Ergebnisse einer repräsentativen Befragung des Bundesinstitut für Berufsbildung 1 bei 6.248 Auszubildenden verschiedener Ausbildungsjahrgänge aus 15 unterschiedlichen Berufen 2.
Bei rund 80 % der Ausbildungsbetriebe ist nach Wissen der Auszubildenden ein Ausbildungsplan vorhanden, der auch überwiegend eingehalten wird. Allerdings verläuft bei rund einem Drittel der Befragten die Ausbildung nicht oder für sie nicht erkennbar nach diesem Plan. Insbesondere in kleineren Betrieben ist die Einhaltung des Ausbildungsplans nicht immer möglich, da der Ausbildungsablauf vor allem durch den betrieblichen Arbeitsanfall bestimmt wird.
Zentrale Bedeutung hat nach wie vor in allen Berufen das Lernen am Arbeitsplatz. Im Durchschnitt verbringen die Auszubildenden hier knapp drei Viertel ihrer betrieblichen Ausbildungszeit 3. Vor allem in den industriellen Großbetrieben findet die systematische Vermittlung von Ausbildungsinhalten häufiger in der Lehrwerkstatt sowie in Lerninseln, Lehrecken und Lernstationen statt. Auszubildende im handwerklichen Bereich nehmen verstärkt an überbetrieblichen Unterweisungen teil.
Bei jedem zweiten Auszubildenden steht die selbständige und eigenverantwortliche Bearbeitung von Arbeitsaufträgen im Vordergrund 4 - häufig in Büroberufen, bei Arzthelfern/Arzthelferinnen und Hotelfachleuten - und steigt mit zunehmender Ausbildungsdauer an. In größeren Arbeitszusammenhängen und/oder Projektaufgaben im Team werden knapp 40 % qualifiziert, verstärkt vor allem im gewerblich-handwerklichen Bereich. Lediglich ein Viertel der Auszubildenden wird überwiegend nach dem Konzept "Zuschauen und Nachmachen" ausgebildet, besonders im ersten Lehrjahr.
Nahezu alle befragten Auszubildenden 5 können sich, wenn sie fachliche Hilfe bei ihren Arbeitsaufgaben benötigen, jederzeit an ihre Ausbilder oder Meister wenden. Allerdings fühlen sich 15 % nicht ausreichend betreut. Die meisten Jugendlichen erhalten von ihren Ausbildern klare und eindeutige Arbeitsanweisungen (91 %). Bei jedem zweiten findet nach Erledigung der Arbeitsaufgabe ein reflektierendes Gespräch statt. Knapp zwei Drittel berichten, daß sie für gute Leistungen von den Ausbildern gelobt würden. Damit zeichnet sich insgesamt ein positives Interaktionsklima zwischen Ausbildern und Auszubildenden ab.
Bei fast jedem dritten Auszubildenden kommt es nach eigener Einschätzung vor, manchmal auch Arbeiten verrichten zu müssen, die nicht zur Ausbildung gehörten. Jeder zehnte Auszubildende gibt an, ab und zu "nichts zu tun zu haben". Dieser "Leerlauf" scheint allerdings weniger an mangelnder Betreuung als am normalen Betriebsablauf/Kundenandrang (z. B. beim Friseur oder im Verkauf) zu liegen.
Alles in allem sind drei Viertel der Auszubildenden der Überzeugung, in ihrer Ausbildung einen umfassenden Überblick über alle Anforderungen im Beruf zu erhalten, so daß sie sich gut auf die spätere Tätigkeit als Fachkraft vorbereitet fühlen.
Der Vermittlung von beruflichen Qualifikationen durch die Mitarbeit im Betriebsablauf wird in der Ausbildung zunehmende Bedeutung eingeräumt, insbesondere im Hinblick auf den Erwerb von Schlüsselqualifikationen und beruflicher Handlungskompetenz 6. Einsatz im Arbeitsprozeß, Ernstcharakter und Verbindlichkeit in der konkreten Arbeit sind Elemente, die die Attraktivität der dualen Berufsausbildung ausmachen und entscheidend die Motivation der Auszubildenden beeinflussen. Allerdings muß hierbei eine Lernintensität des Arbeitseinsatzes gegeben sein.
Bis auf wenige Ausnahmen in den gewerblich-technischen Berufen der Industrie werden nahezu alle Auszubildenden der untersuchten Berufe überwiegend in der laufenden Produktion, in Wartung und Reparatur, Montage im Betrieb bzw. außerhalb beim Kunden, Verkauf, Praxis oder Büro - d. h. im jeweiligen berufstypischen Arbeitsprozeß - ausgebildet. Diese praxisorientierte Ausbildung im Rahmen des betrieblichen Arbeitsablaufs macht im Durchschnitt zwischen fünf und sechs Stunden eines Arbeitstages aus. Bei jeweils einem Drittel der Jugendlichen gehören außerdem Vor- und Nachbereitungsarbeiten zur täglichen Ausbildungsroutine. Im Mittel führen die Auszubildenden im Verlauf eines betrieblichen Ausbildungsalltags zwischen zwei und drei unterschiedliche Tätigkeiten durch. Je nach Beruf liegen unterschiedliche Akzentuierungen vor 7. Der Arbeitsalltag von angehenden Arzthelfern und Arzthelferinnen sowie Bankkaufleuten ist in besonderem Maße durch ein vielfältiges Aufgabenspektrum gekennzeichnet.
Die einzelnen Arbeitsaufgaben werden überwiegend allein durchgeführt. Entsprechend betonen rund drei Viertel der Auszubildenden die Selbständigkeit und Eigenverantwortung mit der sie diese Aufgaben verrichten. Vor allem in oft oder überwiegend von Frauen gewählten Berufen, wie Arzthelferin, Bank- und Einzelhandelskauffrau sowie Hotelfachkraft, verläuft der berufliche Qualifizierungsprozeß häufig über die selbständige und eigenverantwortliche Aufgabenwahrnehmung. Bei vielen dieser Aufgaben handelt es sich allerdings um regelmäßig anfallende Tätigkeiten, die in der betrieblichen Praxis eingeübt und gefestigt werden.
Die Einbeziehung der Auszubildenden in den betrieblichen Ablauf und die selbständige und eigenverantwortliche Durchführung von Arbeitsaufgaben spiegeln sich auch in anderen Ergebnissen der Untersuchung wider: Rund 70 % der Jugendlichen bekunden, daß sie in ihrem Ausbildungsalltag auch Tätigkeiten verrichten, die sie "genau so schnell und gut ausführen wie eine Fachkraft" 8. Bei diesen Arbeiten kann es sich sowohl um Urlaubs- oder Krankheitsvertretungen von Kollegen und Kolleginnen, als auch um die Zuweisung fester Aufgaben oder um die Mitarbeit in einem Arbeitsprojekt handeln. Bei rund einem Drittel macht der zeitliche Anteil dieser produktiven Arbeitsleistungen mehr als die Hälfte, bei einem weiteren Drittel mehr als ein Viertel ihrer betrieblichen Ausbildungszeit aus. Auch wenn hier eine gewisse Selbstüberschätzung der Jugendlichen nicht auszuschließen ist, ist die Arbeitskraft der Auszubildenden, vor allem in kleineren und mittleren Betrieben, oftmals von hohem Nutzen.
Im folgenden wird aus der Sicht der Auszubildenden beschrieben, auf welche Sozial- und Fachkompetenzen die Betriebe besonderes Gewicht legen 9. Hierbei geht es vor allem um fachübergreifende Anforderungen. Nach den Angaben der Jugendlichen legen die Betriebe in erster Linie Wert auf sorgfältige und präzise Arbeitsleistungen, verbunden mit hoher Qualität der Arbeitsergebnisse und Produkte.
Soziale Verhaltensanforderungen, wie freundlicher Umgang mit Kunden bzw. Patienten, sowie das äußere Erscheinungsbild der Auszubildenden stehen naturgemäß bei Berufen mit engem Kunden-, Klienten- oder Patientenkontakt im Vordergrund. Zu nennen sind hier insbesondere Arzthelfer/Arzthelferinnen, Bank-, Hotelkaufleute, Friseure/Friseurinnen, Einzelhandelsfachleute sowie Fachverkäufer/Fachverkäuferinnen im Nahrungsmittelhandwerk. Zwischen den männlichen und weiblichen Auszubildenden zeigen sich in dieser Einschätzung signifikante Unterschiede. Diese Anforderungen werden vor allem von weiblichen Auszubildenden genannt. Arbeitstugenden, wie Ordnungssinn, Einhalten von Regeln und Vorschriften, liegen im oberen Drittel der Häufigkeitsnennungen. Das gilt auch für Schlüsselqualifikationen, wie Eigeninitiative und Selbständigkeit. Dies sind Anforderungen, die vor allem in solchen Berufen eine wichtige Rolle spielen, in denen die Auszubildenden bereits während der Ausbildung die Aufgaben von Fachkräften ganz oder teilweise übernehmen - Arzthelferinnen und Hotelfachkräfte stehen hier an oberster Stelle.
Auf gute Material- und Produktkenntnisse kommt es bei Berufen an, bei denen fachkundige und überzeugende Beratung der Kunden im Vordergrund steht, z. B. im Verkauf, beim Friseur, im Malerbetrieb und bei den Banken. Im Zusammenhang mit den Material- und Produktkenntnissen spielen auch Fragen des Umweltschutzes und der Abfallentsorgung eine Rolle. Dies wird bei knapp 60 % 10 der Maler und Lackierer sowie der Kraftfahrzeugmechaniker als sehr wichtig erachtet. Für einen Teil der Berufe hat aus der Sicht der Auszubildenden Umweltschutz und Entsorgung jedoch so gut wie keine Bedeutung, z. B. bei den Bank-, Versicherungs- und Industriekaufleuten.
Guten Rechen- und Deutschkenntnissen wird von den Ausbildungsbetrieben - so die Wahrnehmung der Auszubildenden - eine etwas geringere Priorität eingeräumt. Auf alle Berufe verteilt, legen 46 % der Betriebe großen Wert auf gute Rechenkenntnisse und 42 % auf gute Deutschkenntnisse. Rechenfertigkeiten werden vor allem von Fachverkäuferinnen im Nahrungsmittelhandwerk (78 %) und Steuerfachangestellten (71 %) erwartet. Sie spielen ebenfalls bei den gewerblich-technischen Berufen in der Industrie (bei jeweils 60 % der Industriemechaniker und Energieelektroniker) eine überdurchschnittliche Rolle. Gute Deutschkenntnisse stehen erwartungsgemäß bei den kaufmännischen Berufen im Vordergrund, besonders häufig aber auch bei den Hotelfachkräften und bei den Arzthelfern/Arzthelferinnen. Dagegen legen die Betriebe bei den gewerblich-technischen Berufen (vor allem der Industrie) weitaus weniger Wert auf gute Deutschkenntnisse.
Fremdsprachenkenntnisse stehen aus der Sicht der Auszubildenden bisher nur bei wenigen Ausbildungsberufen im Vordergrund der betrieblichen Anforderungen. Lediglich 10 % der Auszubildenden geben an, daß ihr Betrieb darauf großen Wert lege. Diese Qualifikationsanforderungen sind überwiegend in Angestelltenberufen zu finden, die internationale Bezüge aufweisen, wie in der Industrie, im Hotel und bei den Banken (vgl. Schaubild 7 ).
Ausbildungsablauf und Arbeitsklima im Betrieb werden von der Mehrheit der Befragten positiv bewertet. Bei den meisten Jugendlichen überwiegt die Zufriedenheit mit ihrer Ausbildung: 23 % sind sehr zufrieden und 59 % sind überwiegend zufrieden 11. Auszubildende berichten aber auch von Problemen in der Ausbildung. Über ein Viertel der Befragten gibt an, häufig oder manchmal Schwierigkeiten mit ihren Ausbildern zu haben. Das Verhältnis zu den Kollegen und Kolleginnen ist zwar etwas entspannter, doch immerhin geraten 22 % der Auszubildenden mit ihnen häufiger in Konflikt. Das Klima der Auszubildenden untereinander wird lediglich von 17 % als belastend empfunden.
Um bereits im Vorfeld Informationen und Hinweise für mögliche Ursachen einer vorzeitigen Vertragslösung zu erhalten, sollten die Auszubildenden selbst Auskunft darüber geben, ob sie einen Abbruch ihrer Ausbildung in Erwägung ziehen und welche Gründe sie dafür hauptsächlich haben.
Zum Zeitpunkt der Befragung dachte jeder 10. Auszubildende ernsthaft daran, die Ausbildung abzubrechen. Mit zunehmender Ausbildungsdauer denken Auszubildende tendenziell seltener an einen Ausbildungsabbruch. Die Spannweite zwischen den einzelnen Berufen liegt zwischen 2 % und 16 %: Bei den Friseuren/Friseurinnen und den Einzelhandelskaufleuten stellt sich die Frage nach vorzeitiger Lösung ihrer Ausbildung besonders häufig (16 % bzw. 15 %). Beides sind Berufe mit traditionell hohen Lösungsquoten. Einen Gegenpol bilden die Energieelektroniker/Energieelektronikerinnen sowie die Industriekaufleute. Mit 2 % bzw. 4 % steht bei diesen Auszubildenden eine Vertragslösung nur selten zur Diskussion.
In erster Linie wird Abbruch wegen Schwierigkeiten mit Ausbildern und Vorgesetzten (44 %) erwogen. Überdurchschnittlich häufig kommt dies in kleineren und mittleren Betrieben bis zu 50 Beschäftigten vor. Gerade hier, wo man sich kaum aus dem Weg gehen kann, ist das soziale Klima zwischen den Mitarbeitern besonders wichtig. Als weiteren wichtigen Grund für eine Vertragslösung nennen 42 % der betreffenden Auszubildenden, daß der Beruf nicht ihren Vorstellungen entspreche. Diese Auszubildenden äußern oft andere Ausbildungswünsche. Von ihrer Ausbildung überfordert fühlen sich 16 % der möglichen Ausbildungsabbrecher. Andere Gründe (Gesundheit, finanzielle Aspekte) spielen nur eine geringere Rolle (vgl. Schaubild 8 ). Für die Abbruchüberlegungen wird in der Regel nicht nur ein Motiv geltend gemacht. In der Regel sind es mehrere.
Für viele Auszubildende, die ihrer derzeitigen Ausbildung gern den Rücken kehren würden, wäre dies noch keinen endgültiger Verzicht auf eine berufliche Bildung: Knapp ein Drittel strebt eine Ausbildung in einem anderen Beruf an. Weitere 12 % möchten statt einer Lehre doch lieber eine schulische bzw. hochschulische Ausbildung aufnehmen. Vor allem Bank- und Industriekaufleute sowie Energieelektroniker/Energieelektronikerinnen - dies sind Berufe, in denen ein hohes Vorbildungsniveau der Auszubildenden zu verzeichnen ist - sehen darin eine Alternative. Jeder zehnte potentielle Abbrecher würde jedoch auf eine weitere berufliche Qualifizierung zunächst verzichten und sofort eine Arbeit aufnehmen. Dazu neigen männliche Auszubildende tendenziell etwas häufiger.
Ein gutes Drittel der Auszubildenden hält das Lehrlingsentgelt für angemessen oder sogar für sehr gut. Aber knapp zwei Drittel sind der Ansicht, daß ihre Ausbildungsvergütung zu niedrig sei 13. Die Unzufriedenheit mit der Ausbildungsvergütung steigt mit den Lehrjahren. Dies ist möglicherweise ein Indiz dafür, daß sich viele für ihre Leistungen im Betrieb nicht entsprechend entlohnt sehen. Insbesondere bei den gewerblich-technischen Berufen (Elektroinstallateur/Elektroinstallateurin, Gas- und Wasserinstallateur/Gas- und Wasserinstallateurin, Kfz-Mechaniker/Kfz-Mechanikerin, Maler und Lackierer/Malerin und Lackiererin) wird oft in der Freizeit hinzuverdient.