Auf Anregung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung haben die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Berufsbildungsforschungsnetz in einem zusammenfassenden Überblick aktuelle Forschungs- und Handlungsfelder im Bereich der Berufsbildungsforschung dargestellt. Die wesentlichen Ergebnisse wurden im Berufsbildungsbericht 1998 1 wiedergegeben. Im folgenden wird auf zwei dieser Forschungsfelder - Nutzen der Berufsbildung und Unternehmerische Selbständigkeit - aus der Sicht von Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft eingegangen.
Häufig ist die Diskussion zu Kosten und Nutzen der beruflichen Bildung in der Vergangenheit zu einseitig auf Kostenargumente ausgerichtet worden. Die Zukunft des dualen Systems hängt aber auch von einer realistischen Einschätzung des Nutzens der beruflichen Aus- und Weiterbildung ab; des Nutzens für junge Menschen an der Schwelle zum Berufsleben, des Nutzens für die Entwicklung der Unternehmen und schließlich des Nutzens für den Staat und die Gesellschaft. In Deutschland durchgeführte Erhebungen und Analysen - insbesondere für Betriebe und zum Teil auch für Individuen - haben sich schwerpunktmäßig mit der Kostenseite beruflicher Bildung beschäftigt und den Nutzenaspekt nur am Rande thematisiert. Im wesentlichen ist hierbei auf den folgenden Forschungsstand hinzuweisen:
In größeren Zeitabständen wurden in Deutschland durch die einschlägigen Forschungsinstitute die betrieblichen Ausbildungskosten erhoben. Die Sachverständigenkommission Kosten und Finanzierung der beruflichen Bildung führte 1971 erstmalig eine Kostenuntersuchung mittels statistisch repräsentativer Betriebsbefragungen durch. Zusätzlich zur Erfassung der Kosten wurde auch eine Schätzung wesentlicher Qualitätsdimensionen der beruflichen Bildung vorgenommen. Die Kosten der Ausbildung waren des weiteren Gegenstand von zwei um 1980 entstandenen Untersuchungen des Bundesinstituts für Berufsbildung und des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Die letzte Untersuchung zu den Ausbildungskosten erfolgte 1992 durch das Bundesinstitut für Berufsbildung; die Ergebnisse beziehen sich auf das Jahr 1991 2. Diese Ergebnisse wurden für das Jahr 1995 3 fortgeschrieben. In diesem Projekt wurde erstmalig auch eine Betrachtung des Nutzens der betrieblichen Ausbildung, der nach Übernahme des Ausgebildeten in ein Beschäftigungsverhältnis anfällt, mit einer Kostenerhebung verknüpft. Zu nennen sind hier komparative Kostenvorteile nach der Ausbildung und die Vorteile einer langfristigen Sicherung des Fachkräftebedarfs. Komparative Kostenvorteile stellen z. B. höhere Personalbeschaffungskosten für extern ausgebildete Fachkräfte und höhere Kosten für Einarbeitung und Anpassungsqualifizierung dar. Für unterschiedliche Kostenvorteile wurden vom Bundesinstitut für Berufsbildung modellhaft Abschätzungen der zu erwartenden Größenordnungen vorgenommen. Zusätzlich wurde eine Einschätzung der Bedeutung einzelner Nutzendimensionen durch die Betriebe erhoben. Eine Quantifizierung des Nutzens auf der Grundlage von Erhebungsdaten war nicht Gegenstand des Projekts.
Nach den Ergebnissen der zuletzt durchgeführten Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung ergaben sich für die Betriebe wesentliche Vorteile aus dem betrieblichen Ausbildungsengagement. Danach ist für 90 % der befragten Betriebe das Gewinnen von Fachkräften, die mit den gewünschten Fähigkeiten und Verhaltensweisen auf dem Arbeitsmarkt nicht zu finden sind, ein wichtiger bzw. sehr wichtiger Ausbildungsgrund. Ebenfalls mehr als 90 % der Betriebe bilden aus, weil sie nur so Nachwuchskräfte erhalten können, die genau den fachlichen und persönlichen Anforderungsprofilen entsprechen.
Diese Vorteile eigener Berufsausbildung hat die AEG in einer Analyse zu quantifizieren versucht 4. Dabei ergab sich, daß sich einige Vorzüge betrieblicher Ausbildung durchaus quantifizieren lassen. Hierzu gehören die Verringerung der Personalbeschaffungskosten, die Stabilisierung der Lohnstruktur, die Einsparung von Einarbeitungskosten und die Reduzierung von Kosten für die Anpassungsqualifizierung für externe Kräfte. Doch es gibt auch indirekte Vorteile eines Ausbildungsbetriebes, die sich nur schwer in Mark und Pfennig ausdrücken lassen. Dazu gehören die frühzeitige Identifikation des Auszubildenden mit dem Unternehmen und das Image eines Ausbildungsbetriebes.
Diese betriebsinternen Rechnungen der früheren AEG verdeutlichen, daß es nicht nur objektive, zu berechnende Faktoren des Nutzens der Berufsausbildung gibt, sondern auch betriebsinterne Einschätzungen. Außerdem ist zu berücksichtigen, daß einige Aspekte des Nutzens - wie die Verringerung der Personalbeschaffungskosten - sich nur ergeben, wenn die ausgebildeten Fachkräfte anschließend im Betrieb beschäftigt werden. Die Arbeitslosigkeit nach der Berufsausbildung, die Schwierigkeiten an der sogenannten 2. Schwelle verweisen darauf, daß der Nutzen eigener Berufsausbildung für den Betrieb von verschiedenen Faktoren abhängig ist, wie der Geschäftspolitik, dem Qualifikationsbedarf und der Einstellung der Geschäftsführung zur Ausbildung.
Für den Bereich der betrieblichen Weiterbildung hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln in den letzten zehn Jahre drei Erhebungen durchgeführt. Zuletzt wurden für das Jahr 1995 Formen, Volumen und Kosten betrieblicher Weiterbildung ermittelt. Für 1993/1994 wurde als Teil einer europaweit angelegten Studie eine Schätzung der betrieblichen Weiterbildungskosten vom Bundesinstitut für Berufsbildung vorgenommen 5. Abschätzungen des Nutzens der betrieblichen Weiterbildung waren allerdings nicht Gegenstand dieser Untersuchungen.
Im Hinblick auf Kosten-Nutzen-Analysen für Individuen ist zunächst auf ein Forschungsprojekt des Bundesinstituts für Berufsbildung zu den individuellen Kosten und zum individuellen Nutzen in der beruflichen Weiterbildung hinzuweisen. Um den Stellenwert der privaten Kostenbelastung durch eigenfinanzierte berufliche Weiterbildung einschätzen zu können, hat das Bundesinstitut für Berufsbildung für das Stichjahr 1992 erstmalig im Rahmen einer Interviewerhebung Privatpersonen zu ihren Weiterbildungsausgaben und zu den Nutzenmotiven befragt. Eine Quantifizierung des Nutzens war dabei nicht Gegenstand der Untersuchung, die Befragten wurden vielmehr um eine Einschätzung der jeweiligen Wichtigkeit unterschiedlicher Nutzenformen gebeten. Dominierende Ziele einer Weiterbildungsteilnahme waren hiernach eine bessere berufliche Leistungsfähigkeit, eine interessantere oder anspruchsvollere Tätigkeit, ein höherer Verdienst und bessere Aufstiegschancen. Außerdem sollten die Befragten eine Einschätzung des Nutzens im Verhältnis zum Aufwand abgeben. Demnach war der Nutzen im Verhältnis zum Aufwand für 17 % der Befragten in den alten Ländern sehr hoch und für 43 % hoch. In den neuen Ländern betrugen die entsprechenden Anteile 11 % und 37 %. Der Unterschied zwischen den Nutzeneinschätzungen in den alten und den neuen Ländern dürfte auf die unterschiedliche Arbeitsmarktsituation zurückzuführen sein.
Bezogen auf den langfristigen Nutzen einer betrieblichen Berufsausbildung für die dort Ausgebildeten liegen für das erzielte Erwerbseinkommen im Vergleich zu Absolventen anderer Bildungsgänge eine Reihe von Renditeschätzungen vor. Hier ist insbesondere auf statistische Analysen des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit und des Bundesinstituts für Berufsbildung hinzuweisen. Danach ergeben sich für Lehrabsolventen langfristige finanzielle Vorteile gegenüber Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Im Vergleich zu Hoch- und Fachhochschulabsolventen liegen die zu erzielenden Verdienste der Lehrabsolventen allerdings niedriger. Eine Abschätzung weiterer, insbesondere gesellschaftspolitischer Nutzendimensionen, die z. B. auch die für das duale System wesentliche Funktion einer gesellschaftlichen Integration der jungen Generation berücksichtigen müßte, erfolgte bisher allerdings nicht.
Zum Nutzen der beruflichen Bildung gibt es also noch erhebliche Forschungslücken. Im folgenden wird auf aktuelle Aktivitäten zur Weiterentwicklung von Forschungsansätzen im Bereich des Nutzens der beruflichen Bildung eingegangen.
Im September 1997 wurde in Berlin vom Bundesinstitut für Berufsbildung eine Fachtagung zum Thema Nutzen der beruflichen Bildung" durchgeführt 6. Ziel der Tagung war es, die Nutzenaspekte der beruflichen Bildung deutlicher in den Vordergrund zu rücken. Vertreter aus Berufsbildungspolitik, -forschung und -praxis nahmen aus ihrer Sicht Stellung zum Thema. Neben der Feststellung des Forschungsstandes ging es hierbei auch darum, Argumente einzubringen, die Unternehmen dazu veranlassen können, (mehr) auszubilden.
Insgesamt bestand auch unter den Tagungsteilnehmern Übereinkunft darüber, daß in der Berufsbildungsforschung zukünftig verstärkt Nutzenaspekte der beruflichen Bildung aufzugreifen seien. Ausgangspunkt für entsprechende Untersuchungen sollte dabei sein, daß die Frage nach dem Nutzen der Berufsbildung immer mit der Frage Nutzen für wen" verbunden werden muß. Es gibt den Nutzen der beruflichen Aus- und Weiterbildung für den einzelnen, die Betriebe und Verwaltungen sowie den Staat und die Gesellschaft. Nutzenaspekte sollten in ihrer Gesamtheit und differenziert für die einzelnen Gruppen Gegenstand von Forschungsaktivitäten sein. Der Nutzenbegriff sollte neben monetären (z. B. höheres Einkommen der Absolventen einer Berufsausbildung) auch nicht-monetäre Bestandteile des Nutzens (z. B. höhere Arbeitszufriedenheit) umfassen. Im Hinblick auf zukünftige Forschungsaktivitäten ist für die unterschiedlichen Gruppen insbesondere auf folgende Punkte aufmerksam zu machen:
In künftigen Untersuchungen zu den Kosten der betrieblichen Aus- und Weiterbildung sind Nutzenaspekte verstärkt zu berücksichtigen. Hierfür ist u. a. zu klären, inwieweit Ausbildung nicht nur als Teil des Produktionsprozesses, sondern auch als Investition betrachtet werden muß. Einen Nutzen bzw. Ertrag für den Betrieb erwirtschaftet ein Auszubildender nicht nur durch die Verrichtung produktiver Tätigkeiten während der Ausbildung, sondern auch nach Abschluß der Ausbildung ergeben sich für den Betrieb eine Reihe von Vorteilen bei Weiterbeschäftigung des von ihm Ausgebildeten. Hier sind sogenannte rekrutive Opportunitätserträge und direkte Erträge zu unterscheiden. Unter dem Begriff rekrutive Opportunitätserträge ist die Vermeidung von Kosten und Folgekosten der Einstellung von Arbeitskräften über den externen Arbeitsmarkt zu verstehen. Im einzelnen handelt es sich hier um Kosten der Personalbeschaffung, Einarbeitung und Anpassungsqualifizierung neu eingestellter Arbeitskräfte, der Fluktuation und des Fehlbesetzungsrisikos. Während in der einschlägigen empirischen Forschung die Bedeutung der entsprechenden Kosten zumindest ansatzweise thematisiert worden ist, liegen Erkenntnisse zu den direkten Erträgen beruflicher Bildung nach Abschluß der Ausbildung überhaupt nicht vor. Zu nennen ist hier insbesondere die Bedeutung beruflicher Bildung für das Produktivitätswachstum oder die Umsatz- und Gewinnentwicklung.
Die Erfassung des nach Abschluß der Ausbildung anfallenden Nutzens bereitet erhebliche Probleme. Die beschriebenen Ertragsarten können nicht ohne weiteres zum Gegenstand einer Betriebsbefragung gemacht und quantifiziert werden. Wesentlich ist deshalb die Entwicklung neuer Methoden zur Erfassung und Bewertung des Nutzens. Gangbar scheinen hier im wesentlichen zwei Wege: Zum einen können exemplarisch im Rahmen von Fallstudien Nutzendimensionen der beruflichen Bildung grundlegend untersucht und wichtige Anhaltspunkte für die Bedeutung unterschiedlicher Wirkungsfaktoren identifiziert werden. Zum anderen könnte versucht werden, wesentliche Indikatoren des Nutzens zu formulieren und ihre jeweiligen Beziehungen zur Ausgestaltung der beruflichen Bildung im Rahmen von statistischen Analysen zu untersuchen.
Im Hinblick auf Forschungsaktivitäten zum Nutzen der beruflichen Bildung aus Sicht der Betriebe ist zusätzlich auf Maßnahmen zur Steigerung der Effizienz betrieblicher Bildungsarbeit aufmerksam zu machen. Hier spielt die Weiterentwicklung des Bildungscontrollings eine besondere Rolle. Im Bundesinstitut für Berufsbildung wird zur Zeit ein Projekt durchgeführt, das sich mit den Möglichkeiten des Bildungscontrollings als Instrument zur besseren Planung und Steuerung betrieblicher Weiterbildung beschäftigt 7. Ein Schwerpunkt von Bildungscontrolling besteht darin, den Nutzen von betrieblichen Weiterbildungsmaßnahmen sichtbar zu machen und einen Zusammenhang zwischen der Maßnahme und dem Erfolg am Arbeitsplatz herzustellen. Betriebe, die dieses Instrument einführen wollen, sollen mit einem auf erfolgreiche Anwendungsfälle bezogenen Handbuch zur Nützlichkeit und zu den Anwendungsregelungen unterstützt werden.
Ebenso wichtig wie die Beschäftigung mit dem Nutzen der beruflichen Bildung aus dem Blickwinkel der betrieblichen Interessenlage ist die Vertiefung der Erkenntnisse über den Aus- und Weiterbildungsnutzen der Individuen, also der Auszubildenden und der Weiterbildungsteilnehmer. Im Hinblick auf den monetären Nutzen sind bereits vorhandene Untersuchungen zu Einkommen und Renditen bei unterschiedlichen Bildungsabschlüssen zu vertiefen. Wichtig erscheint hierbei eine möglichst differenzierte Betrachtung beruflicher Aus- und Weiterbildung. Darüber hinaus sind auch Forschungsaktivitäten zu nicht-monetären Nutzendimensionen erforderlich. Zum Qualifizierungsnutzen für Erwerbspersonen gehören auch die Chancen des beruflichen Aufstiegs, die Vermeidung von Arbeitslosigkeit, von unterwertiger Beschäftigung sowie die Zufriedenheit mit Arbeit und Beruf. Vom Bundesinstitut für Berufsbildung wird zur Zeit ein Projekt zu den Verwertungsmöglichkeiten unterschiedlicher Bildungsabschlüsse durchgeführt. Als Besonderheit dieser Untersuchung ist hervorzuheben, daß sie auf der Basis von Längsschnitt- bzw. Paneldaten erfolgt.
Neben der betrieblichen und individuellen Nutzenbetrachtung geht es auch um die Perspektive von Staat und Gesellschaft. Aus staatlicher Sicht haben Bildungsinvestitionen Infrastrukturcharakter. Bezogen auf das duale System ist hier vor allem dessen Integrationsfunktion zu nennen, die zu einer Eingliederung breiter Bevölkerungskreise in Ausbildung und Erwerbstätigkeit führt. Untersuchungen zum Nutzen von Bildungsinvestitionen sind dringend erforderlich, um einseitig an Kostengesichtspunkten orientierten Argumenten entgegenzuwirken. Neben den unmittelbaren monetären Erträgen (z. B. weniger Aufwand für Arbeitslosengelder, gesamtwirtschaftlicher Produktivitätszuwachs) sind hier auch andere Erträge einzubeziehen. Zu nennen sind beispielsweise die Kostenvermeidung in den Bereichen innere Sicherheit, Kriminalität, Gesundheit und Umwelt. Die Beziehungen zwischen Bildungsausgaben und ihrem möglichen Nutzen sind allerdings nicht unmittelbar zu erfassen. Zur Abschätzung wesentlicher Beziehungen sind neue methodische Instrumente zu entwickeln. Möglichkeiten bestehen dabei insbesondere in der Durchführung statistischer Analysen für längere Zeiträume und in internationalen Vergleichsstudien. Inwieweit sich hier abgesicherte Erkenntnisse gewinnen lassen, wird zu prüfen sein.
Das Bundesinstitut für Berufsbildung plant in 1999, mit einem Projekt zu Nutzen und Nettokosten der Berufsausbildung für Betriebe zu beginnen. Für den betrieblichen Teil des dualen Systems sollen Anhaltspunkte zum Verhältnis von Kosten und Nutzen der Ausbildung gewonnen werden. Als Vorstudie zu diesem Projekt wird das Bundesinstitut für Berufsbildung gemeinsam mit dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln Fallstudien zum Nutzen der Berufsbildung aus betrieblicher Sicht durchführen. Gegenstand der Untersuchung ist sowohl die Berufsausbildung als auch die berufliche Weiterbildung. Weiterhin wird das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sein umfangreiches Betriebs-Panel nach Ausbildungsaspekten auswerten. So wird untersucht, ob sich die Annahme statistisch bestätigen läßt, daß z. B. die Produktivität ausbildender Betriebe höher ist als nicht ausbildender Betriebe. Ein wesentliches Ziel des gesamten Projektes soll sein, einen Argumentationskatalog für den Nutzen der Berufsbildung zu erarbeiten, der den Betrieben, Kammern und Arbeitsämtern als Handreichung zur Verfügung gestellt wird.
Die Selbständigenquote befand sich seit Jahrzehnten auf dem Rückgang und erreichte 1991 mit 8,1 % einen Tiefpunkt. Dabei waren in den alten Ländern 9 % Selbständige und damit doppelt so viele wie in den neuen Ländern mit 4,5 %. Seitdem geht es wieder aufwärts. In den vergangenen sechs Jahren hat sich knapp eine halbe Millionen Menschen selbständig gemacht, davon allein 119.000 im Jahr 1997. Inzwischen liegt die Selbständigenquote bei 9,9 %. Vor allem die neuen Länder konnten Boden gutmachen; dort stehen mittlerweile fast 8 % der Erwerbstätigen auf eigenen Füßen.
Wenngleich die Gründerbilanz der letzten Jahre in Deutschland positiv ist, so bestehen doch im internationalen Vergleich noch Unterschiede. Im Vergleich zu den übrigen OECD-Ländern rangiert die Selbständigenquote in Deutschland nur im unteren Drittel. Gemessen am OECD-Durchschnitt (11,4 %) müßten hierzulande rund 550.000 mehr Menschen als Selbständige arbeiten. Diese Lücke kann allerdings nur rasch geschlossen werden, wenn die Hemmnisse und Schwierigkeiten, die potentielle Existenzgründer von dem Schritt in die eigenständige Zukunft abhalten, möglichst schnell und vollständig beseitigt werden. Hierzu gehören Rechtsvorschriften, Steuerlasten und die Bereitstellung von Risikokapital.
Wenn die bestehende Gründerwelle sich zu einer nachhaltigen Gründerkultur in Deutschland entwickeln soll, ist dies auch eine Herausforderung für die berufliche Bildung. Deshalb ist seit einiger Zeit ein Schwerpunkt der Berufsbildungsforschung die Frage, inwieweit mehr Absolventen einer Berufsausbildung und Weiterbildung in der unternehmerischen Selbständigkeit eine berufliche Perspektive erkennen und realisieren können 8. Die große Bedeutung der Berufsbildung für die Vorbereitung einer Existenzgründung geht daraus hervor, daß bei Absolventen einer Berufsausbildung quantitativ größere Potentiale bestehen als bei Akademikern. So verfügten 1995 von den insgesamt 2,8 Millionen Selbständigen, über die der Bildungsabschluß gemeldet ist, 49 % über einen Abschluß der Lehr- oder Anlernausbildung (Anlernen am Arbeitsplatz). Der Anteil der Selbständigen mit Lehr- oder Anlernausbildung lag damit um mehr als zwanzig Prozentpunkte über dem der Selbständigen mit Hochschulabschluß (27,8 %).
In der Diskussion über das berufliche Lernen mit dem Ziel einer Existenzgründung werden verschiedene Begriffe verwendet: Selbständigkeit - berufliche Selbständigkeit - unternehmerisches Denken und Handeln und schließlich unternehmerische Selbständigkeit. Wenn es ein wichtiges Ziel des beruflichen Lernens ist, die unternehmerische Selbständigkeit zu fördern, dann ist zuallererst dieses Ziel aus Sicht der Berufsbildungsforschung zu präzisieren 9.
Der selbständige Mensch und Bürger ist ein Erfordernis unserer Gesellschaft. Vielfältige wirtschaftliche, technische und allgemein gesellschaftliche Veränderungen haben dieses Erfordernis verstärkt. Hieraus ergibt sich wiederum die Aufgabe jeder Bildungseinrichtung, der Schulen wie der anderen Ausbildungsstätten, jedes Mitglied der Gesellschaft zum selbständigen Handeln zu befähigen.
Als oberstes Ziel der Berufsbildung wird zumeist die Handlungsfähigkeit des Lernenden herausgestellt. Diese erfordert Selbständigkeit, und zwar im Setzen von Zielen, im Planen, Ausführen und Kontrollieren. Ein besonderer Aspekt dieser beruflichen Selbständigkeit ist das unternehmerische Denken und Handeln". Dieser Begriff bezieht sich auf das kunden- und qualitätsorientierte Handeln sowie ein kostenbewußtes Verhalten der Mitarbeiter. Dieses Denken und Handeln zeichnet nicht nur einen qualifizierten Mitarbeiter aus, sondern kann auch die Grundlage für anschließende unternehmerische Selbständigkeit sein.
Von dieser allgemeinen beruflichen Selbständigkeit wie dem unternehmerischen Denken und Handeln unterscheidet sich die unternehmerische Selbständigkeit. Unternehmer sind solche Personen, die ihr Einkommen auf eigene Rechnung und Verantwortung und auch als Arbeitgeber für ihre Mitarbeiter unter Risiko am Markt erzielen. Diese Merkmale der Unternehmer, wie Betriebsführung, Risikobereitschaft und die Einrichtung von Arbeitsplätzen, verweisen bereits auf bestimmte Merkmale des Profils unternehmerischer Selbständigkeit.
Wenngleich die Befunde zu den Qualifikationen, die Unternehmer und Existenzgründer auszeichnen, nicht einheitlich sind, so läßt sich doch für das Profil unternehmerischer Selbständigkeit aus Sicht der Berufsbildungsforschung festhalten: Wesentliche Faktoren für erfolgreiche unternehmerische Tätigkeit sind ein Bildungsabschluß, berufliche Qualifizierung und einschlägige Berufserfahrung. Darüber hinaus sind dispositive Faktoren, wie Initiative, Risikobereitschaft und Entscheidungsfähigkeit ausschlaggebend.
Deshalb kann für die Förderung unternehmerischer Selbständigkeit durch berufliche Bildung folgende Aufgabenteilung gelten: Die Berufsausbildung ermöglicht eine allgemeine Vorbereitung zur unternehmerischen Selbständigkeit und in der darauf aufbauenden beruflichen Weiterbildung können die spezifischen Qualifikationen vermittelt werden, die für eine Existenzgründung erforderlich sind.
Seit 1986 fördert die Bundesanstalt für Arbeit vormals arbeitslose Existenzgründer mit einem sogenannten Überbrückungsgeld nach § 57 SGB III (vorher: § 55 a AFG). Damit soll während der Anlaufphase des neu gegründeten Unternehmens die soziale Sicherheit und der Lebensunterhalt des Gründers gewährleistet werden. Wenn es heute als ein neues Ziel beruflichen Lernens angesehen wird, die unternehmerische Selbständigkeit zu fördern, dann ist hierfür auch von Bedeutung, welche Erfahrungen Existenzgründer auf ihrem Weg in die unternehmerische Selbständigkeit gemacht haben.
Vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei der Bundesanstalt für Arbeit wird das Förderinstrument wissenschaftlich untersucht. Dabei wurde u. a. ermittelt, wie sich die Existenzgründer auf die Unternehmensgründung vorbereitet haben, wo der größte Beratungsbedarf gesehen wird und welche Probleme es bei der Existenzgründung gab.
Nach der Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 11 kommt der fundierten Vorbereitung und gezielten Informationsbeschaffung für den Unternehmenserfolg - neben persönlichen Fähigkeiten, Eigenschaften und Ressourcen der Gründer - eine erhebliche Bedeutung zu. Dies gilt sicher nicht nur für die befragten Existenzgründer, sondern in gleichem Maße auch für die Absolventen einer Berufsausbildung und beruflichen Weiterbildung, die die berufliche Selbständigkeit anstreben, da die eigenständige Informationsbeschaffung durch die gezielte Förderung der unternehmerischen Selbständigkeit im Rahmen des beruflichen Lernens nicht ersetzt werden kann.
Nach den Angaben der Existenzgründer wird Selbständigen-Know-how zumeist im unmittelbaren familiären und persönlichen Umfeld gewonnen. Fast jeder zweite Existenzgründer gab Kontakte zu anderen Selbständigen in der Vorbereitungsphase an. Darüber hinaus werden von ihnen in dieser Phase folgende Aktivitäten als wichtig angesehen: Markterkundung im weitesten Sinne, Teilnahme an Qualifizierungsmaßnahmen, Studium von Fachliteratur, Mitarbeit/Praktikum, Sondierungsgespräche mit Banken und selbständige Nebenerwerbstätigkeit. Nur etwa jeder vierte Existenzgründer hält eine spezielle Vorbereitung nicht für erforderlich.
Die Informationsbeschaffung durch die Existenzgründer erfolgt neben Kontakten im persönlichen Umfeld auch über verschiedene klassische Beratungsorganisationen. Am bedeutsamsten sind dabei Steuerberater, ebenfalls wichtig aber auch Kammern und Verbände. Geldinstitute werden deutlich weniger konsultiert.
Im Durchschnitt wurde versucht, sich zu zwei der nachstehend genannten Themenkomplexe Informationen zu beschaffen (n = 2.883, Mehrfachnennungen waren möglich):
Am wichtigsten waren danach Fragen zur Existenzgründung sowie zu weiteren Fördermöglichkeiten. Es fällt demgegenüber eine gewisse Zurückhaltung bezüglich kaufmännischer Fragen und insbesondere Finanzierungsaspekten auf. Im Hinblick auf den Erfolg der Existenzgründung bekommt diese Zurückhaltung einen neuen Stellenwert, wenn man berücksichtigt, daß von denen, die zum Untersuchungszeitpunkt nicht mehr selbständig waren, als Gründe für die Aufgabe der Selbständigkeit neben Auftragsmangel vor allem Finanzierungsengpässe sowie sonstige wirtschaftliche Gründe genannt wurden.
Die in der Vorbereitungsphase noch als weniger wichtig eingeschätzten Finanzierungsaspekte gewinnen im weiteren Verlauf der Gründung immer mehr an Bedeutung. Für zwei Fünftel der befragten Existenzgründer waren die laufenden Fixkosten - zumindest vorübergehend - ein Problem, ein weiteres Drittel hatte Schwierigkeiten mit der Finanzierung und fast ebenso viele hatten Probleme mit der Wettbewerbssituation. Im einzelnen wurden von den Befragten folgende Problemfelder bei der Existenzgründung genannt (n = 2.883, Mehrfachnennungen waren möglich):
Die Probleme auf der Kostenseite oder potentielle Finanzierungsengpässe sind von den Existenzgründern in der Vorbereitungsphase offensichtlich nicht deutlich genug wahrgenommen worden. Angesichts der Tragweite dieser Aspekte für den Gründungserfolg bzw. Mißerfolg (von den Befragten, die problemlos in die Selbständigkeit starteten, waren drei Jahre später noch 81 % selbständig, von denen, die unter den genannten Schwierigkeiten zu leiden hatten, waren es zum gleichen Zeitpunkt nur noch etwa 64 %) sollten die genannten Problemfelder bei der Existenzgründung Themenschwerpunkte für das berufliche Lernen sein, soweit es dabei um den Aspekt der wirtschaftlichen Selbständigkeit geht.
Die Anforderungen an die Existenzgründer sind inhaltlich sowie vom Arbeitsaufkommen und der zeitlichen Inanspruchnahme her höher als die Anforderungen aus der vorher ausgeübten abhängigen Beschäftigung. Mehr als zwei Drittel der Befragten gab an, daß die Anforderungen im Vergleich zur letzten Beschäftigung gestiegen sind. Das gestiegene Arbeitspensum der Jungunternehmer zeigt sich in einem Anstieg der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 43 Stunden in abhängiger Beschäftigung auf 54 Wochenstunden im eigenen Unternehmen. Die neuen oder stärker auftretenden Belastungen beziehen sich vor allem auf die noch ungewohnten Managementfunktionen. Sie zeigen sich - neben erhöhtem Leistungs- und Wettbewerbsdruck - beispielsweise in der hohen Eigenverantwortung und einem permanenten Entscheidungszwang. Neu hinzugekommen sind für viele Gründer auch die Erfordernisse der Marktbearbeitung in Form von Vertriebsorganisation und Marketing.
Fazit der Studie: Es sind fast nie fachliche Defizite im Kernbereich der vorangegangenen Ausbildung, die den Gründern Schwierigkeiten bereiten. Meist sind Mängel im kaufmännischen Bereich oder Schwächen in Management/Administration für die Probleme der neu gegründeten Unternehmen bzw. deren Scheitern ursächlich. Fortbildungsangebote sollten deshalb vor allem bei diesen Themenkomplexen ansetzen.
Im Zusammenhang mit verschiedenen Projekten und Vorhaben wurden die Curricula berufsbildender Schulen auf Anknüpfungspunkte für das Thema Selbständigkeit, Existenzgründung untersucht. Dabei wurde davon ausgegangen, daß Existenzgründer und Existenzgründerinnen neben ihren vorauszusetzenden fach- oder branchenbezogenen technischen Kenntnissen und Fertigkeiten vor allem praxisbezogenes und in der Praxis erworbenes verwertbares kaufmännisches Wissen im gewählten Tätigkeitsbereich vorweisen müssen. Die curriculare Auswertung anhand dieser Annahmen zu Lerngebieten, die für eine erfolgreiche unternehmerische Selbständigkeit von Bedeutung sind, ergab ein differenziertes Bild über die Inhalte aktueller Lehrpläne berufsbildender Schulen 12. Lehrpläne kaufmännischer Vollzeitschulen, insbesondere die betriebswirtschaftlich orientierten Fächer, bieten danach alle Verknüpfungspunkte zu den für eine Existenzgründung erforderlichen Kompetenzen. Allerdings wird kritisch hervorgehoben, daß oft eine Ausrichtung ausschließlich auf die Industriebetriebslehre erfolgt und betriebswirtschaftliche Fragen von Handwerk, Handel und des Dienstleistungssektors nicht explizit behandelt werden. Gerade in diesem Bereich sind Existenzgründungen jedoch am häufigsten zu erwarten, so daß zukünftige Curricularevisionen diese Bereiche der Betriebswirtschaft stärker in den Vordergrund rücken sollten.
Analysen der Lehrpläne kaufmännischer dualer Ausbildungsberufe lassen ebenfalls große Bereiche erkennen, die auf die Förderung der für unternehmerische Selbständigkeit erforderlichen Kompetenzen ausgerichtet sind. Die entsprechenden Lerninhalte sind explizit verankert. Darüber hinaus eröffnen die Curricula der letzten Jahre zunehmend Freiräume für differenzierte Unterrichtsangebote, die auf die Lernvoraussetzungen und die Interessen der Schüler und Schülerinnen eingehen. Es zeigt sich jedoch auch, daß Ziele und Inhalte, die für Selbständigkeit relevant sind, oft in verschiedenen Lehrplanabschnitten und -einheiten verankert sind, so daß sie in der Bildungsgangplanung zusammengeführt und gebündelt werden müssen.
Auch in nicht-kaufmännischen Bildungsgängen enthalten die Lehrpläne eine Vielzahl von Berührungspunkten zum Thema unternehmerische Selbständigkeit. Allerdings werden die vorauszusetzenden kaufmännischen Grundkenntnisse abhängig vom jeweiligen Bildungsgang in unterschiedlichem Umfang und auf unterschiedlichem Niveau unterrichtet.
Für zukünftige Lehrplanentwicklungen ergibt sich aus bisherigen Untersuchungen ein Bedarf nach stärkerer didaktischer und konzeptioneller Systematisierung und Verankerung des Themas Selbständigkeit. In jedem Fall kommt der didaktisch-methodischen Planung eine hohe Bedeutung zu. Verschiedene aktive Unterrichtsformen, wie Lösen komplexer Probleme, Fallstudie, Planspiel, Projekt, Juniorfirma, erscheinen dabei besonders geeignet, auf die unternehmerische Selbständigkeit vorzubereiten.
Unternehmerische Selbständigkeit ist ein vielschichtiges Persönlichkeitsmerkmal, dessen Entwicklung und Entfaltung mit kulturell-historisch geprägten Umgebungsbedingungen in Beziehung steht. Was die personale Seite betrifft, ist zwischen der Bereitschaft, den Fähigkeiten und den Kenntnissen zu unterscheiden. Wie die bereits durchgeführten Bestandsaufnahmen zeigen, werden entsprechende Kenntnisse und auch Fähigkeiten in der beruflichen Aus- und Weiterbildung jedenfalls ansatzweise vermittelt. Sie sollten allerdings noch um Bereiche ergänzt und vom Umfang her noch ausgeweitet werden, wie Ergebnisse der systematisch erhobenen Erfahrungen von Existenzgründern sowie die Lehrplanlage nahelegen.
Da Handeln und Lernen ein dynamisches Wechselspiel von Wollen, Können und Wissen ist 13, kommen Qualifikationen, die zur unternehmerischen Selbständigkeit beitragen, vor allem dann zum Tragen, wenn entsprechende Bereitschaften vorliegen. Sie wurden - nicht zuletzt durch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Forschungsprojekte - systematisch beschrieben 14. Was sich jedoch als ein weißer Fleck in der Forschungslandschaft herausstellt, ist eine empirische Erfassung personaler und kultureller Bedingungen einschließlich des Nachweises der Stärke ihres Einflusses auf die Bereitschaft unternehmerisch selbständig erwerbstätig werden zu wollen.
In Anbetracht
sehen die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Berufsbildungsforschungsnetz folgende Forschungsstrategien als vorrangig: