1. Forum Versorgungsforschung mit Routinedaten: „Innovation aus Forschung und Praxis“

Grußwort der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Johanna Wanka, am 3. Juni 2014 in Berlin

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede

Salz mit Cognac vermischen und das auf dem Kopf verreiben – für Fürst Herrmann von Pückler-Muskau war das im 19. Jahrhundert ein probates Mittel gegen Kopfschmerzen. Fürst von Pückler hatte eine Menge an Ratschlägen für die Menschen seiner Zeit parat, die Sie heute noch in zahlreichen Briefen nachlesen können. Fürst von Pückler war ein sehr exotischer, aber auch überaus interessanter Mann. Seine Heimatorte waren Schloss Muskau im Landkreis Görlitz sowie Schloss Branitz mit seinen wunderschönen Gärten in der Nähe von Cottbus. Die Ratschläge, die Pückler aufschrieb, wurden über Jahrhunderte berücksichtigt. Aufzeichnungen dieser Art waren außerordentlich wichtig.

Wissen über Krankheiten und deren Heilungsmöglichkeiten sind von großer Bedeutung. Denn wir haben hier in Deutschland den Anspruch, jedem Menschen die bestmögliche Therapie zukommen zu lassen. Das Ziel: Eine hohe Lebensqualität in jedem Alter.

Deshalb freue ich mich, dass es dieses Forum gibt, das sich der Versorgungsforschung und insbesondere der Forschung mit Routinedaten widmet. Die Routinedaten der Krankenkassen sind ein Schatz, den es adäquat und mit der entsprechenden Sensibilität zu nutzen gilt. Dafür ist es nötig, dass alle relevanten Akteure zusammenarbeiten. Ich wünsche mir, dass diese Veranstaltung dazu beiträgt, Kooperationen zwischen Krankenkassen, Wissenschaft und Leistungserbringern weiter zu stärken und auszubauen. Dieses Ziel wird das BMBF unterstützen.

Die Gesundheitsforschung hat für die Bundesregierung einen hohen Stellenwert. Schon in der letzten Legislaturperiode sind beachtliche Summen in diesen Bereich geflossen. Und auch im Koalitionsvertrag haben wir eindeutig Position zu dem hohen Stellenwert der Gesundheitsforschung bezogen. Gesundheit ist nach wie vor ein wichtiges Thema der Hightech-Strategie der Bundesregierung. Die Hightech-Strategie ist ganz entscheidend für die hohe Innovationskraft und für die Leistungsstärke, die Deutschland heute in der Welt hat.

Ziel ist, Fördermittel entsprechend der gesellschaftlichen Belange zu verteilen. Im Rahmen der Hightech-Strategie wollen wir in den nächsten Jahren Geld in fünf große Bereiche investieren. Das sind Bereiche, die für unser Leben in Deutschland wichtig sind. „Gesundheit/Ernährung“ ist einer der fünf Bereiche – und das bleibt auch weiterhin so.

Wir wollen, dass Forschungsergebnisse möglichst schnell ans Krankenbett kommen und zu allen anderen, die Medikamente brauchen. Wir müssen also die Translation verbessern, die schnelle Übertragung der Forschungsergebnisse aus der Grundlagenforschung zu den Patienten. In der Grundlagenforschung sind wir in Deutschland sehr gut aufgestellt. Aber die Grundlagenforschung soll noch sehr viel stärker darauf abzielen, dass Menschen in medizinischer Hinsicht qualitativ hochwertig und gut versorgt werden. Darum brauchen wir eine leistungsstarke Versorgungsforschung.

Wir knüpfen drei Erwartungen an die Versorgungsforschung.

Erstens: Die Versorgungsforschung soll noch mehr Hinweise auf Über-, Unter- oder Fehlversorgung im Gesundheitssystem geben. Im europäischen Vergleich ist Deutschland das Land, in dem die meisten Operationen an Hüft- und Kniegelenken durchgeführt werden. Da stellt sich die Frage: Sind wir kränker? Sind Hüfte und Knie bei uns besonders belastet? Sind wir vielleicht sensibler und reagieren eher? Oder gibt es auch finanzielle Anreize? – Wir wissen es nicht. Wir haben nur die Fakten. Ein anderes Beispiel: Brandenburg war immer das Bundesland mit der höchsten Zahl an Kaiserschnitten. Da muss man sich natürlich fragen, woran das liegt. Wir hoffen, dass wir durch die Versorgungsforschung vernünftigen Korrelationen von Ursache und Wirkung auf die Spur kommen. Wenn man die Gründe kennt,kann man auch entsprechend reagieren.

Zweitens: Die Versorgungsforschung darf nicht einfach nur Ergebnisse produzieren, sie muss Versorgung wirklich verbessern. Sie soll helfen, Sinnvolles von weniger Sinnvollem oder sogar Überflüssigem zu unterscheiden.

Ein gutes Beispiel, an dem deutlich wird, wie die Menschen den Erfolg der Versorgungforschung heute unmittelbar spüren können, ist die Priscus-Liste. Diese Liste gibt Auskunft darüber, welche Medikamente bei alten Menschen kombiniert werden dürfen und welche nicht. Diese Priscus-Liste wird besonders stark nachgefragt, denn sie ist wirklich nützlich für den Einzelnen.

Drittens: Die Versorgungsforschung hat neben dem medizinischen Aspekt der guten Versorgung auch den ökonomischen Aspekt im Blick. Denn wir müssen bei der Gesundheitsversorgung auch die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems berücksichtigen.

Meine Damen und Herren,

die Versorgungsforschung braucht viele Erkenntnisse, insbesondere auch Patientendaten. Und hier hat die Bundesregierung mit dem Gesundheitsministerium als verantwortlichem Ministerium bereits erste Schritte unternommen. Wir haben eine gesetzliche Grundlage geschaffen und mit der Datentransparenzverordnung klar geregelt, wie die Routinedaten aller Krankenkassen der Forschung zur Verfügung gestellt werden können – was natürlich bei medizinischen Daten besonders sensibel zu handhaben ist. Wir haben uns im Wissenschaftsrat lange mit dem Zugang der Wissenschaft zu Daten beschäftigt und damit, wie wir vernünftige Informationsinfrastrukturen schaffen können. Ein Ergebnis ist, dass wir in diesem Frühsommer einen Rat für Informationsinfrastrukturen einrichten, bei dem unter anderem die Wirtschaft beteiligt ist. Wichtig ist, dass wir diese Daten allen Forschenden zugänglich machen. Das ist ein Grundanliegen meines Hauses.

Entwicklung und Umsetzung müssen in der Forschung noch besser ineinander greifen und hier ist es maßgeblich, dass bei allem Transfer immer der Patient im Mittelpunkt steht. Deutlich wird das zum Beispiel bei der Brustkrebstherapie. Hier hat die Forschung in den vergangenen Jahren erstaunliche Fortschritte gemacht. Alle aktuellen medizinischen Erkenntnisse zur Behandlung von Brustkrebs sind in medizinischen Leitlinien zusammengestellt. Mittlerweile ist nachgewiesen, dass Patientinnen, die nach diesen Leitlinien behandelt werden oder auch sich selbst entsprechend verhalten, länger leben. Aber in der Realität ist es so, dass im medizinischen Alltag nur 60 bis 70 Prozent der Patientinnen nach diesen Leitlinien behandelt werden. Das Beispiel zeigt, dass dort ein deutlich verbesserter Informationsfluss notwendig ist.

Die Frage ist: Warum fließen Forschungsergebnisse in die alltägliche medizinische Versorgung oftmals so langsam ein? Das Transferproblem haben wir auch in anderen Forschungszweigen. Doch bei der Gesundheitsforschung, bei der es um das Leben und Leiden von Menschen geht, wäre ein schneller Transfer besonders wünschenswert.

Dass neues Wissen in der Gesundheitsforschung möglichst schnell in die Anwendung gelangt, diesem Ziel dienen eine Reihe von Forschungsprojekten an unseren medizinischen Fakultäten, aber eben auch die Gründung der sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung. Die Gründung dieser sechs Zentren war eine kleine Revolution im Gesundheitsforschungsbereich.

Es gibt eine Reihe von Wünschen, für welche Bereiche man noch gerne ein Gesundheitszentrum hätte. Wir werden darüber aber erst dann entscheiden, wenn wir unsere Gesundheitszentren evaluiert haben: Welche Wirkung, welche Effekte haben sie? Was kann man eventuell besser machen? Entscheidend ist, dass bei den Gesundheitszentren Hochschulen, Universitätskliniken und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten.

Bei den Gesundheitszentren muss der Bund aufgrund der Verfassungslage immer den außeruniversitären Einrichtungen Kompetenzen übertragen. Bei manchen Gesundheitszentren spielen jedoch die universitären Einrichtungen eine wichtige Rolle. Auf sie kann der Bund derzeit allerdings keinen Einfluss nehmen. Wir sind jetzt aber soweit, dass wir uns an dieser Stelle mit dem Koalitionspartner zum Grundgesetz verständigt haben und es in diesem Jahr ändern werden. Dann können wir auch die universitären Forschungseinrichtungen sehr viel stärker und besser und ohne Umwegkonstruktionen fördern. Und das dient natürlich auch der Schlagkräftigkeit von Forschung.

Wir wollen Forschungskapazitäten nicht nur in den Gesundheitszentren, sondern an vielen Orten in Deutschland regional bündeln. Deshalb wollen wir die Kooperationsstrukturen stärken und sie zu einer verlässlichen Basis für gemeinsame wissenschaftliche Projekte machen, besonders in der Versorgungsforschung. Wir denken an wissenschaftsgeführte Kooperationsnetze, die alle wesentlichen Partner einbeziehen sollen. Dazu zählen regionale Netze aus Ärztinnen und Ärzten, um den direkten Bezug zur Praxis zu haben und diese wirklich zu erreichen. Dazu gehören aber auch Pflegeheime und Pflegedienste, um die Bedarfe und die Entwicklungsnotwendigkeiten in der Pflege stärker zu berücksichtigen. Ebenso wichtig sind Patientenorganisationen, um sich bei der Forschung auch am Patientenbedürfnis zu orientieren, und schließlich Krankenkassen und kassenärztliche Vereinigungen, um ihre Sichtweise zu kennen und ihre Datenschätze, die für die Versorgungsforschung die Grundlagen sind, besser nutzen zu können.

Als einen weiteren Schlüsselbereich für das Thema Versorgungsforschung haben wir die Gesundheitsökonomie in den Blick genommen. Die gesundheitsökonomische Forschung fördern wir, indem wir die Kapazitäten in Zentren bündeln. Diese Zentren bearbeiten zum Beispiel wichtige Fragestellungen, die immer mehr an Bedeutung gewinnen, wie zum Beispiel die Evaluation psychischer und pflegeintensiver Erkrankungen.

Während der letzten zwanzig Jahre war Versorgungsforschung nur wenigen Spezialisten bekannt. Heute jedoch kennt man die große gesellschaftliche Relevanz dieses Gebietes. Und unsere Förderpolitik will diesem gesellschaftlichen Bedarf Rechnung tragen. Wir wollen und werden die Bedeutung der Versorgungsforschung stärken. Vielleicht können Sie heute schon bei Ihrer Tagung über wichtige Fragestellungen und über förderungswürdige Aspekte nachdenken.

Der Bund will weiterhin seinen Beitrag leisten. Wir brauchen für Fortschritte aber auch Ihre Kooperationsbereitschaft. Aus diesem Grund haben wir uns über Ihre Veranstaltung gefreut und ich bin Ihrer Einladung gerne gefolgt.

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Vielen Dank.