10-jähriges Jubiläum der Deutsch-Jordanischen Universität

Festrede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, am 4. Mai 2015 in Madaba/Jordanien  

Johanna Wanka während ihrer Rede © BMBF

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Vor gerade einmal zehn Jahren wurde nach einem Regierungsabkommen zwischen unseren Ländern durch ein Königliches Dekret die Deutsch-Jordanische Universität gegründet. Los ging es mit 96 Studierenden. Bis zum heutigen Tag hat die Universität eine Strahlkraft entwickelt, die ganz erstaunlich ist. Sie ist ein Leuchtturm. Fast 3800 Studierende in 26 Studiengängen an neun Fakultäten sowie seit 2010 rund 1700 Absolventinnen und Absolventen – das sind sehr beachtliche Zahlen. Herzlichen Glückwunsch allen, die ihren Anteil an diesem Erfolg haben:

der jordanischen Regierung und dem Ministerium für Höhere Bildung und wissenschaftliche Forschung für die kontinuierlich enge und erfolgreiche Zusammenarbeit;
dem Deutschen Akademischen Austausch Dienst, der mit seiner Kompetenz als weltweit führende Organisation der Hochschulkooperation den Aufbau der Universität ermöglicht hat;
dem Projektleiter Professor Andreas Geiger und der Hochschule Magdeburg-Stendal, die als federführende Hochschule den Weg für mittlerweile 80 deutsche Kooperationspartner bereitet hat;
dem Bundesland Sachsen-Anhalt mit Wissenschaftsminister Hartmut Möllring, das dieses Projekt von Beginn an unterstützt hat;
und nicht zuletzt den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und ihren Partnern in Unternehmen und Organisationen, die die Qualität der anwendungsorientierten Ausbildung an der Deutsch-Jordanischen Universität garantieren.

I.

Bei der Bewältigung der Flüchtlingskatastrophe im Umfeld des Bürgerkriegs in Syrien und bei den Umwälzungen in der arabischen Welt trägt Jordanien eine ganz große Last. Deutschland hat Unterstützung nicht nur angeboten, sondern an verschiedenen Stellen auch geleistet. Und auch Deutschland hat viele syrische Flüchtlinge aufgenommen. Aber das alles ist wenig im Vergleich zu dem, was Jordanien jetzt leistet.

Angesichts dieser auch jetzt politisch schwierigen Situation stellen sich viele junge Menschen in Jordanien und in der Region unzählige Fragen. Fragen zu stellen heißt, Chancen auszuloten und zu schauen, was die Zukunft bringt. Aber es heißt vor allem für viele junge Menschen auch zu überlegen, wie man sich selber in dieses Umfeld integriert, was man selbst vom Leben erwartet. Jede Generation – unabhängig von Zeit und Ort – steht vor der Herausforderung, sich im Leben zurechtzufinden. Dafür gibt es viele Beispiele.

Der große Philosoph Immanuel Kant fragte: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Wer ist der Mensch? Auf die Grundfragen des Lebens Antworten zu finden, ist für jede Generation wichtig, und dazu kann Bildung junge Menschen befähigen.

In unsere Zeit übersetzt lauten die Fragen: Wie wird die Welt in Zukunft aussehen? Wird meine Familie, werden wir in Frieden leben können? Wo werde ich Arbeit finden? Was kann ich heute tun, um Perspektiven für die Zukunft zu haben? Und ich denke, hier gibt insbesondere diese Universität Antworten und Orientierung.

Es kommt immer auf die jungen Menschen an. Und es kommt auf den Willen der Gesellschaft an, ob sie für ein gelingendes Gemeinwesen jungen Menschen Chancen durch Bildung bieten will. Jede Gesellschaft hat die Pflicht, alles für die junge Generation und damit für ihre Zukunftsfähigkeit zu tun. Bildung ist der Schlüssel für individuelle Teilhabe und die Zukunftschancen eines Landes.

Jordanien und Deutschland sind relativ kleine Länder. In Deutschland lebt derzeit rund ein Prozent der Weltbevölkerung. Das ist wenig. Dieses kleine Land schafft es aber, die viertstärkste Industrienation der Welt zu sein und die meisten Hightech-Güter zu exportieren – mehr als das große China, mehr als die USA. Das ist nur möglich durch die Menschen, durch gute Bildung, durch Innovationskraft und Erfindergeist.

Das ist auch eine große Chance für Jordanien. Jordanien ist in der glücklichen Lage, dass es hier – anders als in Deutschland – eine demografische Entwicklung gibt, die sehr stark von einer wachsenden jungen Generation getragen ist. In Deutschland erleben wir das Gegenteil. Deshalb beschäftigen wir uns besonders mit der Frage, wie wir auch unter schwierigeren demografischen Bedingungen den Status quo halten können

Es ist wichtig, dass ein Land den jungen Menschen zeigt, dass sie gebraucht werden und dass sie Chancen durch Bildung erhalten. Dieses Bewusstsein vermittelt die Deutsch-Jordanische Universität den jungen Menschen. Und ihr Erfolg zeigt, dass die jungen Menschen dieses Angebot gerne annehmen.

Es geht aber auch um Chancengerechtigkeit von Frauen und Männern. Auch hier geht die Deutsch-Jordanische Universität mit gutem Beispiel voran. Der Anteil von jungen Frauen ist hoch, gerade auch in naturwissenschaftlichen Fächern. Und besonders erfreulich ist auch der hohe Anteil von Frauen bei den Absolventen. Junge Frauen aus Jordanien und der Region nutzen zielstrebig ihre Bildungschancen, und sie streben mit einer internationalen und praxisorientierten Hochschulausbildung eine eigene qualifizierte Berufstätigkeit an. Das ist ein ermutigendes Signal!

Sie haben für diese Hochschule ein besonderes Modell gewählt. Ich finde, es ist sehr klug, dass man sich an dem deutschen Fachhochschulmodell orientiert hat. Die Fachhochschulen in Deutschland verbinden akademische Lehre oder berufsorientierte Ausbildung mit starkem Praxisbezug. Die Deutsch-Jordanische Universität ermöglicht jungen Menschen damit Abschlüsse, die wissenschaftlich fundiert sind und die die jungen Menschen zugleich auf den Start ins Berufsleben vorbereiten. Das ist ein wichtiger Impuls für die Innovationskraft der jordanischen Wirtschaft. Und damit leistet diese Universität auch einen wichtigen Beitrag zu Wohlstand, Stabilität und sozialem Frieden in Jordanien und in der Region.

II.

Deutschland hat sich ganz bewusst dafür entschieden, Bildung und Forschung international auszurichten und konkrete Angebote zu machen. Wir wollen nicht nur Internationalität und wissenschaftliche Exzellenz in unseren Hochschulen und Forschungseinrichtungen fördern und Innovationsprozesse beschleunigen. Wir wollen durch gezielte Kooperation mit Entwicklungs- und Schwellenländern unserer Verantwortung gerecht werden und einen ganz wesentlichen Beitrag zur Bewältigung globaler Herausforderungen leisten – wenn es um Klimaschutz geht, wenn es um Wasser geht, wenn es um Ressourcen geht.

Transnationale Hochschulen wie die Deutsch-Jordanische Universität sind ein ganz wichtiges Element in den Strategien zur Internationalisierung. Und elementar ist hier der einjährige Aufenthalt der GJU-Studierenden in Deutschland, der Fachstudium und Betriebspraktikum miteinander verbindet. Das trägt nicht nur unmittelbar zur Ausbildungsqualität bei, sondern sichert auch nachhaltige Kontakte zu Bildungseinrichtungen und Unternehmen in Deutschland.

GJU-Absolventen sind deshalb auch geborene Mittler zwischen unseren Ländern. Wer heute neben praxisbezogenen Studiengängen die Gelegenheit nutzt, die deutsche Sprache zu erlernen und zudem Kenntnisse von der Situation vor Ort hat, hat morgen bessere Berufschancen.

Ebenso wichtig ist es uns, dass beispielsweise deutsche Studierende für den Bachelorstudiengang „Übersetzen“ nach Jordanien kommen. Hier können sie ihr Fachwissen erweitern und die wertvolle Erfahrung des kulturellen und sprachlichen Austauschs mit der arabischen Welt machen.

III.

Neben der Förderung und dem Austausch des akademischen Nachwuchses ist uns die gemeinsame Forschung ein besonderes Anliegen. Anfang dieses Jahres startete SMART-MOVE, also die dritte Phase des seit 2006 vom BMBF geförderten Verbundprojektes zum integrierten Wasserressourcenmanagement am unteren Jordan.

Mit dem Projekt, an dem mehr als 23 jordanische, palästinensische, israelische und deutsche Institutionen beteiligt sind, wurde in vorbildlicher Weise die Kooperation von Wissenschaft, Industrie und lokalen Entscheidungsträgern durch die Errichtung von Forschungs- und Demonstrationsanlagen vorangebracht.

Jordanien ist ein verlässlicher Partner für uns und andere europäische Länder in den Netzwerken der EU-Forschungsrahmenprogramme. Und deshalb möchte ich an dieser Stelle die Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Jordanien und in Deutschland ermutigen, sich auch im europäischen Rahmen noch stärker um gemeinsame Forschungsmöglichkeiten zu bemühen.

IV.

Angesichts der Erfolge unserer Kooperation in Wissenschaft und Forschung können wir sehr optimistisch sein und wir möchten gerne noch weiter und enger zusammenarbeiten. Dieser Universität wünsche ich, dass sie sich in den nächsten zehn Jahren ebenso dynamisch entwickelt wie in ihrem ersten Jahrzehnt. Solche Kooperationen bieten große Möglichkeiten für die Zukunft, wenn wir einander mit Offenheit begegnen. Eine Hochschule ist immer ein Ort, an dem man das im besonderen Maße auch kann.

Es sei entscheidender, wie man an einen Ort komme als wohin man reise, sagte schon der römische Philosoph Seneca. Er warb dafür, nicht nur einen einzelnen Ort, sondern die ganze Welt als „Vaterland“ zu betrachten. Wir tun gut daran, in einer sich immer stärker vernetzten Welt junge Menschen zu ermutigen, eine solche Sicht auf die Welt zu haben.

Die Zukunft unserer Länder liegt in den Händen der jungen Menschen – und nicht zuletzt in den Händen jener jungen Leute, die die Deutsch-Jordanische Universität mit einem entsprechenden Abschluss verlassen, mit guter fachlicher Kompetenz, aber eben auch mit hohem interkulturellen Verständnis. Dazu wünsche ich ihnen und uns viel Glück und Erfolg.

Vielen Dank.