10 Jahre „ArbeiterKind“: Wertvolles Engagement für Chancengerechtigkeit

„Sie haben in den letzten zehn Jahren sehr wertvolle Arbeit für die Durchlässigkeit unseres Bildungssystems geleistet“, sagt Staatssekretär Michael Meister bei der Jubiläumsfeier von ArbeiterKind.de.

Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Festrede
Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Festrede © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Urbatsch,
sehr geehrter Herr Staatssekretär,
sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrte Damen und Herren,

Die ausgebildete Arzthelferin, die heute Maschinenbau studiert. Der Student der Mechatronik, dessen Opa als Bergmann aus der Türkei nach Deutschland kam und der es nicht nur als erster in der Familie an die Universität geschafft hat, sondern auch mit einem Deutschlandstipendium gefördert wird. Die junge Frau aus einer Plattenbausiedlung in Mecklenburg-Vorpommern, die nur den Alltag ihrer berufstätigen Mutter kennt: Arbeiten gehen und Geld für die Familie verdienen. Nach der Realschule macht sie zunächst eine Ausbildung zur Bürokauffrau, arbeitet in einem Call Center und holt ihr Abitur nach. Heute studiert sie – unterstützt mit einem Stipendium.

Diese Beispiele illustrieren die Durchlässigkeit des Bildungssystems. Sie sind aber leider noch immer nicht selbstverständlich. Das muss sich ändern!

  1. ArbeiterKind.de

ArbeiterKind.de hat in den letzten zehn Jahren sehr wertvolle Arbeit für die Öffnung und Durchlässigkeit unseres Bildungssystems geleistet. Sie ermutigen mit Ihrer Arbeit junge Leute ein Studium aufzunehmen. Sie informieren über Studienmöglichkeiten, Finanzierung, Stipendien. Sie beraten, begleiten an der Uni und bieten ein großes Netzwerk, das auch bei Schwierigkeiten im Studium unterstützt und Mut macht. Auf diese Weise konnten viele ihr Potenzial ausschöpfen und ihr Studium erfolgreich abschließen, die es sonst wahrscheinlich nicht gewagt und nicht geschafft hätten.

Dafür danke ich Ihnen, Frau Urbatsch, Ihren Mitstreitern in den Geschäftsstellen und allen Ehrenamtlichen sehr – auch im Namen von Bundesministerin Karliczek!

Es zählt nicht, woher Du kommst, sondern wohin Du willst – das ist die zentrale Botschaft von ArbeiterKind.de. 6.000 Ehrenamtliche engagieren sich heute dafür – nur 10 Jahre seit Gründung der Initiative ist das wirklich eine bemerkenswerte Zahl. Denn ehrenamtliches Engagement kann man nicht verordnen. Wo es blüht und gedeiht, geht es eigentlich immer um etwas, das wichtig und sinnvoll ist.

Das Engagement der vielen Ehrenamtlichen bei ArbeiterKind.de ist beeindruckend. Es zeigt: ArbeiterKind.de hat sich bewährt. Es hat einen wichtigen Platz in unserem Bildungssystem. Daher unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung ArbeiterKind.de gerne und fördert die Initiative seit 2010 auch finanziell.

  1. Durchlässigkeit Bildungssystem

Das Bildungssystem soll durchlässig sein in alle Richtungen. Die Menschen in unserer modernen Welt sollen durch frühere Ausbildungsentscheidungen möglichst wenig für ihre Zukunft eingeschränkt werden. Die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ist dafür entscheidend. Die soziale Herkunft ist in Deutschland leider immer noch mitentscheidend für den Bildungsgang und Bildungserfolg. Das abzubauen, ist ein wichtiges politisches Ziel.

Junge Menschen in unserem Land sollen ihren Bildungsweg frei wählen können. Es gibt sehr gute Gründe, sich für eine berufliche Ausbildung zu entscheiden. Sie kann nicht nur sehr erfüllend sein, sondern bietet hervorragende Chancen im Berufsleben.

Wer allerdings aufgrund einer - wie auch immer erworbenen - Hochschulzugangsberechtigung studieren möchte, soll auch studieren können. Das gilt unabhängig von Herkunft und Geschlecht. Ein Studium ist eine hervorragende Erfahrung und Vorbereitung für viele Berufe.

Wir wissen, dass die Entscheidung für ein Studium oftmals in der Schule bzw. in der Wahl des Schultyps angelegt wird. Daher ist es wichtig, dass unser Schulsystem durchlässig ist. Hier ist es Aufgabe der Länder, Barrieren auf dem Weg zum Schulabschluss zu identifizieren und zu beseitigen. Dass hier Erfolge zu verzeichnen sind, zeigt sich nicht zuletzt an der gestiegenen Quote von Studienberechtigten aus Nicht-Akademikerhaushalten. Das veranschaulicht der sogenannte Bildungstrichter. Hier zeigt sich aber auch, dass die Studierquote von Jugendlichen aus Nicht-Akademikerfamilien immer noch deutlich geringer ist als die aus Akademikerfamilien. Das ist nicht neu. Wir wissen, dass dies einerseits in den Abschlussnoten und einer kulturellen Distanz zum Studium begründet ist, andererseits aber auch an Hindernissen finanzieller Art liegt.

  1. Finanzierung

Daher hat sich der Bund zur Aufgabe gemacht, die finanziellen Hemmnisse für die Aufnahme eines Studiums zu minimieren, insbesondere durch die Verbesserung des BAföG.

Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass wir in dieser Legislaturperiode eine Milliarde Euro zusätzlich für das BAföG bereitstellen. Wir werden dies für eine BAföG-Reform nutzen. Die Bundesbildungsministerin hat bereits angekündigt, dass sie einen Gesetzentwurf vorlegen wird, der nächstes Jahr zum Schuljahresbeginn bzw. zum Wintersemester 2019/2020 in Kraft treten soll. Ziel ist, dass wieder mehr Personen von staatlicher Ausbildungsförderung profitieren und das BAföG auch die Familien entlastet, die die Ausbildung ihrer Kinder nur unter erheblichem eigenem Verzicht finanzieren können.

Seit Jahrzehnten sorgt das BAföG dafür, dass jeder, der studieren möchte, die Chance dazu erhält. Chancengerechtigkeit hat aber viele Aspekte: Dazu gehört auch, dass man die Leistungsstarken und Begabten besonders fördert. Deshalb hat die Bundesregierung ganz gezielt die Förderinstrumente zur Unterstützung begabter und leistungsstarker Studierender in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut.

Die Zahl der aus Bundesmitteln vergebenen Stipendien für Studierende hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht – auf fast 60.000 im letzten Jahr. Durch die Begabtenförderungswerke, das Deutschlandstipendium und das Aufstiegsstipendium haben wir ein breites Angebot geschaffen.

Die 13 Begabtenförderungswerke unterstützen rund 1 Prozent aller Studierenden mit einem Stipendium. Das waren im vergangenen Jahr über 29.000 junge Leute ganz unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Glaubens, mit verschiedenen Erfahrungen, verschiedenen politischen Meinungen und gesellschaftlichen Ideen. Wir fördern die 13 Begabtenförderungswerke als Ausdruck der gesellschaftlichen und weltanschaulichen Vielfalt. Sie spiegeln diese Vielfalt nicht nur wider, sie sind auch Ausdruck dafür, dass sich Staat und Gesellschaft dieser Vielfalt zunehmend bewusst geworden sind.

In diesem Sinne freue ich mich sehr, dass wir seit 2009 das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk für jüdische Studierende und seit 2013 das Avicenna-Studienwerk für muslimische Studierende fördern.

Wesentlich für eine staatliche Begabtenförderung ist, dass nur gesellschaftlich durchlässige Studienwerke gefördert werden. Maßgeblich für die Auswahl von Stipendiatinnen und Stipendiaten müssen überall Leistung und Engagement sein, nicht die soziale Herkunft oder persönliche Verbindungen.

Gerade junge talentierte Menschen aus Familien ohne akademischen Hintergrund möchte ich ermuntern, sich für ein Stipendium zu bewerben und die damit verbundenen vielfältigen Möglichkeiten zu nutzen. Bei der Auswahl der Stipendiatinnen und Stipendiaten fließen auch persönliche Lebensleistung, familiärer Hintergrund und Engagement ein.

Eine Untersuchung zum Deutschlandstipendium hat gezeigt, dass es begabte Studierende sozial sehr ausgewogen erreicht – auch in Bezug auf die Bildungsherkunft. Der Anteil der Nicht-Akademikerkinder unter den Deutschlandstipendiatinnen und
-stipendiaten beträgt wie bei allen Studierenden die Hälfte. Mehr als jeder vierte Stipendiat hat eine Einwanderungsgeschichte, im Schnitt aller Studierenden ist es jeder Fünfte. Das Deutschlandstipendium fördert also junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte überproportional.

Ein Deutschlandstipendiat erhält 300 Euro monatlich – die Hälfte vom Bund und die andere Hälfte von privaten Förderern. Darunter sind Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen. Dieses Bündnis aus zivilgesellschaftlichem Engagement und staatlicher Förderung ist das Besondere am Deutschlandstipendium. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten erhalten das Fördergeld einkommensunabhängig – also auch zusätzlich zu BAföG-Leistungen.

So können sie sich erfolgreich auf ihre Hochschulausbildung konzentrieren und erhalten Raum für persönliches Engagement: Drei Viertel von ihnen engagiert sich ehrenamtlich. Für die vielen Tausend Studierende, die in jedem Jahr mit dem Deutschlandstipendium ausgezeichnet werden, ist es nicht nur eine finanzielle Entlastung. Es ist Anerkennung und Motivation  für weitere Leistungen. Im Austausch mit den Förderern haben sie Gelegenheit, sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln und wertvolle Netzwerke zu knüpfen.

Wer bereits Berufserfahrung hat, kann mit dem Aufstiegsstipendium gefördert werden. Es soll engagierten Fachkräften mit Berufsausbildung und Praxiserfahrung finanziell ermöglichen, ein Studium an einer Hochschule zu beginnen.

Mit dem Aufstiegsstipendium wird ein Erststudium in Vollzeit oder berufsbegleitend an einer staatlichen oder staatlich anerkannten Hochschule gefördert. Das Aufstiegsstipendium ist das einzige akademische Begabtenförderungsprogramm für Menschen mit Berufserfahrung. Es wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2008 eingeführt und hat vor wenigen Tagen auch seinen zehnten Geburtstag gefeiert. In zehn Jahren wurden 10.000 Aufstiegsstipendien vergeben. Das sind 10.000 berufliche Lebenswege und 10.000 Beispiele dafür, dass nicht die Art des Abschlusses am Ende in Deutschland zählt, sondern das, was jemand daraus macht.

Entscheidend ist auch, dass unser Bildungssystem insgesamt offen genug ist für diejenigen, die nicht sofort, sondern später studieren wollen. Hier wurden große Erfolge erzielt. Die rechtlichen Voraussetzungen für den Zugang von der beruflichen Bildung in die hochschulische Bildung sind von den Ländern geschaffen worden. Die erfolgreiche Umsetzung liegt nun in den Händen der Länder und insbesondere auch der Hochschulen. Allerdings werden die offenen Türen nicht immer gesehen. Die zentrale Aufgabe ist es daher, die bestehenden Möglichkeiten transparent zu machen und neue, attraktive Möglichkeiten zu schaffen.

  1. Schluss

Meine Damen und Herren,

unser Land braucht gut ausgebildete, engagierte und kreative Menschen. Was wir mit guter Bildungspolitik erreichen wollen: Jungen Menschen in Deutschland die gleichen Chancen zu geben, ihre individuellen Fähigkeiten zu entfalten und damit auch ein starkes Fundament für den späteren Beruf zu schaffen. Dafür setzt sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit vielen Initiativen und Maßnahmen ein. Einige wenige habe ich in meiner Rede genannt. Zu dieser großen Aufgabe tragen neben der Politik aber auch viele andere bei: Familie, Schule, Berufsberatung, Unternehmen und eben auch solche beeindruckenden Initiativen wie ArbeiterKind.de.

Dafür möchte ich allen Mitstreitern und Unterstützern von ArbeiterKind.de noch einmal herzlich danken! Auf die Menschen hinter einer solchen Initiative kommt es an. Sie sind Vorbilder für junge Leute, die ein Studium aufnehmen wollen und darüber hinaus mit ihrem Engagement Vorbilder für gesellschaftliches Engagement für uns alle!

Ich freue mich darauf, hier heute noch einige von Ihnen kennenzulernen. Vielen Dank!