10 Jahre Aufstiegsstipendium

Rede Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung in Berlin

Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Festrede.
Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Festrede. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Herr Dr. Schweitzer,
sehr geehrter Herr Bauer,
verehrte Damen und Herren,
liebe Stipendiatinnen und Stipendiaten des Aufstiegsstipendiums,

es ist mir eine große Ehre, heute hier gemeinsam mit Ihnen 10 Jahre Aufstiegsstipendium zu feiern. Die Bundesministerin für Bildung und Forschung Frau Karliczek lässt sie herzlich grüßen. Sie kann leider nicht kommen. Ich habe den Termin mit Freuden übernommen. Es interessiert mich immer, zu sehen, was ein Förderprogramm konkret bewirkt, wie es funktioniert, wer es trägt. Damit meine ich nicht die Bilanzzahlen und Statistiken. Sondern die beteiligten Menschen. Sie alle hier im Raum.

Warum gibt es eigentlich das Aufstiegsstipendium? Sie alle wissen natürlich: Berufliche Bildung bedeutet fachliche Exzellenz. Die berufliche Bildung ist ein Job-Motor und ein Fachkräfte-Generator. Die berufliche Bildung ist eine wichtige Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands.

Der Staat hat deshalb ein handfestes Interesse daran, dass die berufliche Bildung für Leistungsstarke attraktiv ist. Wer gut ist und weiterkommen will, soll nicht auf Sackgassen stoßen. Begabte Fachkräfte sollen möglichst viel Unterstützung bekommen, wenn sie sich weiterqualifizieren wollen. Das Bildungssystem soll durchlässig sein in alle Richtungen. Die Menschen in unserer modernen Welt sollen durch frühere Ausbildungsentscheidungen möglichst wenig für ihre Zukunft eingeschränkt werden. Das ist auch eine Frage der Chancengerechtigkeit. 

Seit 10 Jahren trägt das Aufstiegsstipendium des Bundesministeriums für Bildung und Forschung dazu bei. Denn eine Ausbildung ist heute nicht mehr das Ende der Karriere. Sondern der Anfang. Niemand hat heute mehr „ausgelernt“.

Eine Ausbildung ist eigentlich sogar eine doppelte Chance: Sie ist ein Karrieresprungbrett in den Beruf. Und sie lässt die Möglichkeit offen, später zu studieren.

Mit der Verknüpfung von Theorie und Praxis ist eine Ausbildung dynamisch; das ist in unseren Zeiten rasanter technologischer Veränderungen ein enormer Vorteil. Die berufliche Ausbildung verdient mehr Wertschätzung. Sie verdient mehr Sichtbarkeit. Und sie verdient es, neben der akademischen Ausbildung viel stärker als gleichwertiger Bildungsweg wahrgenommen zu werden. Das ist ein politisches Ziel des BMBF.

Dass es in der beruflichen Bildung eine Begabtenförderung gibt, gehört zur Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung dazu. Wer klassisch nach der Schule studiert, für den gibt es das BAföG, die Begabtenförderungswerke und das Deutschlandstipendium. Wer nach einer Ausbildung weitermachen will, hat aber oft ganz andere Bedarfe. Dafür gibt es das „Aufstiegs-BAföG“, das Weiterbildungsstipendium und das Aufstiegsstipendium. 

Die Begabtenförderung Berufliche Bildung - mit den Programmen Weiterbildungsstipendium und Aufstiegsstipendium - hat zwei Besonderheiten: Die eine ist, dass die Förderung einkommens- und vermögensunabhängig erfolgt. Die andere ist, dass auch berufsbegleitende Studiengänge gefördert werden.

Beides gibt es sonst nicht. Damit trägt die Begabtenförderung Berufliche Bildung den besonderen Umständen Rechnung, in denen Menschen sind, die aus dem Beruf heraus weiterlernen wollen. Ich stelle mir das ganz schön stressig vor, neben dem Beruf ein Studium durchzuziehen, womöglich mit Familie und Kindern. Und es ist bestimmt nicht leicht, eine gesicherte berufliche Existenz aufzugeben, um zu studieren. All dies erfordert hohe Selbstmanagementfähigkeiten, Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen und Ausdauer. Es verdient Respekt und Unterstützung!

10 Jahre Aufstiegsstipendium zeigen: Das Programm ist ein Erfolg. Es trägt dazu bei, dass wir in Deutschland die hochqualifizierten Fachkräfte mit Ausbildung, Berufserfahrung und Studium haben, die wir brauchen.

Natürlich habe ich Bilanzzahlen dabei:

  • 40 % der Stipendiatinnen und Stipendiaten studieren berufsbegleitend.
  • 60 % studieren an einer Fachhochschule.
  • Zwei Drittel studieren, wie man sagt, „ohne Abitur“, d.h. sie haben sich die Berechtigung zu studieren während oder nach der Ausbildung erarbeitet.
  • Die größte Gruppe sind 26 bis 30-Jährige. Das Durchschnittsalter liegt bei etwas unter 30 Jahren, auch wenn es keine Altersgrenze gibt
  • Fast 190 Millionen Euro hat das BMBF in den letzten 10 Jahren bereitgestellt für diese Förderung.
  • 10.000 Aufstiegsstipendien konnten bisher vergeben werden.

Das sind 10.000 beeindruckende berufliche Lebenswege. 10.000 Menschen, die eine interessante Bildungsbiographie haben.

10.000 Beispiele dafür, dass nicht die Art des Abschlusses am Ende in Deutschland zählt, sondern das, was jemand daraus macht.

So wie Frau Tordai, gelernte Altenpflegerin und Mutter von zwei Kindern. Sie hat nach über 10 Jahren im Beruf eine Fortbildung zur Fachwirtin im Sozial- und Gesundheitswesen gemacht. Damit hat sie auch die Fachhochschulreife erreicht. Mit dem Aufstiegsstipendium hat sie medizinisches Informationsmanagement an der Hochschule Hannover studiert und 2016 einen Masterabschluss erworben.

Oder so wie Herr Soetebier, gelernter Tischler, der eigentlich die Tischlerei seines Vaters übernehmen wollte und schon deshalb nie an ein Studium gedacht hatte. Er hat bei seinen Aufstiegsfortbildungen zum Handwerksmeister und zum Betriebswirt gemerkt, wie sehr ihm das Lernen Spaß macht. Mit dem Aufstiegsstipendium hat er dann zunächst Holztechnik studiert bis zum Bachelor und dann noch einen Master drangehängt - beides mit Einser-Abschlüssen.

Frau Tordai und Herr Soetebier gehören zu den vier beruflich Begabten von den 10.000, die ich gleich stellvertretend für alle ehren darf. Sie geben dem Programm ihr Gesicht. Ihre Bildungsbiografien sprechen für sich.

Unser berufliches Ausbildungssystem wird wegen seiner Praxisnähe, der guten Übergänge von der Ausbildung in die Beschäftigung und der im EU-Vergleich geringen Jugendarbeitslosigkeit überall zu Recht gelobt. Das ist nicht nur der guten Konjunktur geschuldet. Die Berufserfahrung im Betrieb ist oft wie eine Garantie für die direkte Übernahme nach dem Ende der Ausbildung. Betriebe müssen nicht lange nach geeigneten Mitarbeitern suchen – man kennt sich nach drei Jahren genau.

2017 hat die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze zugenommen. Und zugenommen hat auch die Zahl der jungen Menschen, die eine Ausbildung nachfragen. Das ist ein guter Trend. Wer eine Ausbildung oder eine Lehre gemacht hat, der beherrscht sein Geschäft von der Pike auf. Das ist eine hervorragende Grundlage für eine Karriere. Zumal wenn man bedenkt, dass in den kommenden Jahren eine viertel Million Betriebe eine Nachfolge für die Übernahme suchen.

Unser bestehendes Berufsbildungssystem wird getragen von einer einzigartigen Zusammenarbeit von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat. Das ist kein Selbstläufer, sondern eine Mammutaufgabe, die uns alle kontinuierlich fordert.

Die Stiftung Begabtenförderung Berufliche Bildung - die SBB - ist ein schönes Beispiel dafür, wie gut das funktionieren kann. Die Träger der SBB - der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, der Deutsche Handwerkskammertag und der Bundesverband Freier Berufe - sind das Rückgrat der beruflichen Begabtenförderung.

Das gilt natürlich vor allem für das seit über 25 Jahren bestehende Schwesterprogramm Weiterbildungsstipendium. Mit dem Weiterbildungsstipendium des BMBF werden talentierte Berufseinsteiger unter 25 Jahren bei der weiteren Qualifizierung im Anschluss an den erfolgreichen Abschluss ihrer Berufsausbildung gefördert. Das Weiterbildungsstipendium wird von den Kammern und zuständigen Stellen der drei Träger komplett dezentral gemanagt. Nur im Bereich der Gesundheitsfachberufe macht das Herr Bauer mit seinem Team der SBB selbst.

Das ist beim Aufstiegsstipendium anders. Hier liegt die gesamte Programmdurchführung bei der SBB. Für das hohe Engagement bei der Betreuung des Aufstiegsstipendiums möchte ich dem Geschäftsführer Herrn Bauer und seinem Team an dieser Stelle einmal herzlich danken!

Auch beim Aufstiegsstipendium gilt aber: Es geht nur gemeinsam. Es braucht die Menschenkenntnis, die berufliche Erfahrung und das Fachwissen der Wirtschaft, um das Aufstiegsstipendium durchführen zu können.

Begabtenförderung, das bedeutet ja immer, dass die Förderung nur für eine kleine Gruppe da ist. Das bedeutet, dass eine Auswahl getroffen werden muss. Beim Aufstiegsstipendium ist das wirklich nicht einfach. Denn die Förderung richtet sich an Berufserfahrene. Bei der Bewerbung zählen die beruflichen Leistungen. Es können sich auch Fachkräfte bewerben, die schon viele Jahre im Beruf stehen.

Wenn wir vom Erfolg des Aufstiegsstipendiums sprechen, sprechen wir deshalb auch über Sie, werte Jurorinnen und Juroren. Sie tragen das Aufstiegsstipendium wesentlich. Und sie tun das ehrenamtlich.

Das ist eine Kultur der Kammern und Innungen, die Sie in das Förderprogramm hineintragen: Dass man sich kümmert um Ausbildung und Fortbildung und Verantwortung dafür übernimmt. Dafür an dieser Stelle danke zu sagen, ist ein wichtiger Grund, warum ich heute hier bin.

Ehrenamtliches Engagement kann man nicht verordnen. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wo es blüht und gedeiht, geht es eigentlich immer um etwas, das wichtig und sinnvoll ist. Es ist beeindruckend, dass Jurorinnen und Juroren eine Schirmherrschaft für Regionalgruppen übernehmen, Treffen mit Stipendiatinnen und Stipendiaten organisieren, Mentoring machen, Seminare und Unternehmensführungen durchführen.

Es nötigt mir Respekt ab, dass Stipendiatinnen und Stipendiaten des Aufstiegsstipendiums bei Auswahlgesprächen helfen, Hochschulveranstaltungen organisieren, um das Aufstiegsstipendium bekannt zu machen, sich ehrenamtlich als Stipendiums-Botschafter einsetzen. Es ist wunderbar, dass sich inzwischen die ersten ehemaligen Aufstiegsstipendiaten als Juroren einbringen.

Das alles zeigt: Das Aufstiegsstipendium hat sich bewährt. Es hat einen wichtigen Platz in unserem Berufsbildungssystem. Es hilft engagierten Menschen, ihre Talente und Fähigkeiten zu entfalten und einzubringen. 

Ich freue mich darauf, jetzt gleich einigen von Ihnen persönlich gratulieren zu dürfen - stellvertretend für alle, die sich bitte mitgemeint fühlen. Denn wir alle gemeinsam verantworten, dass das Aufstiegsstipendium so gut funktioniert. Heute und in Zukunft. 

Vielen Dank!