14 Tage auf einer Eisscholle

Zwei Wochen wollen Wissenschaftler auf der neuesten Expedition der Polarstern mit einer Eisscholle durch die Arktis treiben. Ein Interview mit Expeditionsleiter Andreas Macke, Direktor des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung in Leipzig.

Polarstern bricht zur neuen Expedition auf
Andreas Macke, Direktor des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung in Leipzig, leitet die Expedition der Polarstern. © TROPOS

Herr Macke, Sie brechen heute in den arktischen Sommer auf. Wie ist die Ausgangslage in der Arktis?

Die Meereisbedeckung hat in den vergangenen Jahren dramatisch abgenommen. Wir werden an Spitzbergen vorbei etwa 500 Kilometer weiter nördlich ins arktische Eis fahren. Dann wollen wir uns zwei Wochen bis zur Eiskante zurück treiben lassen. Über den gesamten Zeitraum müssen uns die Polarflugzeuge Polar 5 und 6 erreichen können, die Atmosphärendaten aus der Luft messen. Weil das Meereis bei den Rekord-Temperaturen in diesem Winter besonders weit abgeschmolzen ist, hatten wir schon befürchtet, dass wir erst zu weit nördlich auf Eis stoßen, wo die Flugzeuge uns nicht mehr erreichen. Glücklicherweise sieht es gerade aber wieder ganz gut aus.

Sie sind Wolkenforscher. Was genau untersuchen Sie auf der Fahrt?

Wir möchten herausfinden, warum das Meereis so schnell schmilzt. Der Ozean spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Eisbedeckung nimmt aber so schnell ab, dass wir vermuten, dass es noch eine weitere, schnellere Klima-Komponente gibt, die da mitwirkt. Das kann eigentlich nur die Atmosphäre sein. Und der wichtigste Faktor für die Energiebilanz in der Atmosphäre sind Wolken. Deshalb wollen wir in diesem Experiment herausfinden, wie stark Wolken die Wärmestrahlung am Boden beeinflussen.

Wie lautet ihre Theorie, wie Wolken das Klima beeinflussen?

Wir vermuten, dass die Wolken einen verstärkenden Effekt auf die Klimaerwärmung in der Arktis haben. Im Klimasystem gibt es Rückkopplungsmechanismen, die dämpfend oder verstärkend sein können. Und wenn die Wolken verstärkend wirken, wäre das ein Alarmzeichen.

Im Herbst 2019 beginnt ein bisher einmaliges Experiment: Während der MOSAiC-Expedition wird sich die Polarstern im arktischen Eis einfrieren lassen und ein Jahr lang mit dem Packeis treiben lassen. Auch Sie werden auf der jetzt anstehenden Expedition an einer Scholle festmachen und ein Stück mittreiben. Gibt es einen Bezug zwischen den beiden Expeditionen?

Ja, unsere Expedition ist quasi eine kleine, eigenständige MOSAiC-Expedition: Wir werden uns jetzt für etwa 200 Kilometer treiben lassen, während wir im MOSAiC-Experiment ein ganzes Jahr lang durch die gesamte Arktis driften. Im Wesentlichen nehmen wir jetzt und bei dem Drift in 2019 Atmosphärendaten mit den gleichen Geräten, nur eben über einen kürzeren Zeitraum. Und auch da kommt ein Forschungsflugzeug zum Einsatz, und zwar das Atmosphärenflugzeug HALO des Bundesforschungsministeriums.

Worauf freuen Sie sich besonders?

Ich freue mich darauf, wenn wir eine gute Scholle gefunden haben, an der wir festmachen können.

Was zeichnet eine „gute Scholle“ für Sie aus?

Eine gute Eisscholle zeichnet aus, dass sie nicht bricht. Außerdem, dass sie uns zwei Wochen lang hält und wir nicht gleich wieder herausgetrieben werden. Und dass sie groß genug ist, um uns viele Informationen über eine größere Fläche zu geben. Gerne zehn mal zehn Kilometer mit einer Dicke von mindestens einem halben Meter, damit wir gut darauf arbeiten können. Und dann freue ich mich auf das Zusammenarbeiten mit den anderen Forschern: Meeresbiologen werden den Polardorsch unter dem Eis untersuchen, Ozeanographen werden physikalische Messungen durchführen und ich freue mich auf einen reibungslosen Ablauf für alle Experimente.

Mit welchen Geräten führen sie zusätzlich zu den Forschungsflugzeugen Messungen durch?

Bilder von der Polarstern-Expidition ARK XXVII-3 in die zentrale Arktis.
Forscher installieren Untereissensoren während einer Expedition. © Stefan Hendricks/Alfred-Wegener-Institut

Die Meeresphysiker werden einen unbemannten Tauchroboter unter das Eis lassen und dort das Meereis untersuchen. Wir Atmosphärenforscher nutzen  Lidar- und Radargeräte zur Fernerkundung der Atmosphärensäule über dem Schiff. Wir haben auch Messdrohnen dabei, mit denen wir durch die Atmosphäre fliegen und Wolken vermessen. Und wir haben einen Fesselballon, mit dem wir Messungen in anderthalb Kilometer Höhe durchführen können. Dafür mussten wir extra eine Genehmigung beantragen. Wir haben für die gesamte Fahrt ein Sicherheitssperrgebiet bewilligt bekommen, damit unsere Drohnen und Ballons keinem Passagierflugzeug in die Quere kommen.

Das Forschungsschiff Polarstern wird mit dem Mittagshochwasser am 24.05.2017 gegen 12:00 Uhr in Bremerhaven auslaufen. Herr Macke, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen eine erkenntnisreiche Expedition!