15. GAIN-Tagung

Rede der Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen, am 28. August 2015 in San Francisco  

Cornelia Quennet-Thielen spricht auf der GAIN 2015 in San FranciscoCornelia Quennet-Thielen spricht auf der GAIN 2015 in San Francisco
Cornelia Quennet-Thielen spricht auf der GAIN 2015 in San Francisco © GAIN

Es gilt das gesprochene Wort!

[Anrede]

2015 gedenken wir des Endes des zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren. Auf die totale Niederlage von 1945 folgten die erste stabile Demokratie in Deutschland – wenn auch zunächst nur in seiner westlichen Hälfte – und der wirtschaftliche Wiederaufstieg.

All das ist untrennbar mit den Vereinigten Staaten von Amerika verbunden:

400.000 Amerikaner ließen ihr Leben, um Deutschland und Europa vom verbrecherischsten Regime der Geschichte zu befreien.
Mit dem Marshall-Plan trugen die USA wesentlich zur wirtschaftlichen Erholung der Bundesrepublik und Westeuropas bei, und:
Das amerikanische Vorbild war prägend für die Entwicklung unserer Demokratie und die endgültige Verankerung der Bundesrepublik im Westen.

Auch die Wiedervereinigung wäre ohne die rückhaltlose Unterstützung der USA nicht möglich gewesen.

Warum sage ich das? Zum einen, um daran zu erinnern, wie viel Deutschland und die Vereinigten Staaten verbindet. Das ist in den letzten Jahren zuweilen etwas untergegangen. Viele waren und sind vom Ausmaß der NSA-Spionage unter Freunden entsetzt und enttäuscht. Nicht nur der Staat, auch große amerikanische Unternehmen scheinen ein anderes Verständnis von Privatheit, Persönlichkeitsrechten und informationeller Selbstbestimmung zu haben als wir in Deutschland und Europa.

Vergessen wir dabei nicht: Das Ausmaß der Enttäuschung ist Ausdruck der Nähe. Wir sind über denjenigen enttäuscht, von dem wir anderes erwarten, weil wir ihn lange kennen und schätzen.

Diese Basis der Wertschätzung und des Dialogs zwischen den USA und Deutschland zu erhalten und zu stabilisieren, ist eine nicht zu überschätzende Aufgabe in einer Welt, in der weder Europa noch die USA alleine die drängenden Herausforderungen lösen können. Wir alle können dazu beitragen, die gegenseitige Wertschätzung und den Dialog zu stärken. Sie, die Sie derzeit in den USA leben, in besonderem Maße.

Der zweite Grund, warum ich den zweiten Weltkrieg erwähne: Zwischen 1933 und 1945 fanden zahlreiche, von den Nationalsozialisten verfolgte Deutsche Zuflucht in den Vereinigten Staaten. Viele von ihnen beeinflussten Kultur und Wissenschaft in den USA, darunter Albert Einstein, Hannah Arendt, Mies van der Rohe, Max Horkheimer. Einige blieben für immer, traten aber häufig in einen intensiven Austausch mit der alten Heimat. Andere kamen nach dem Krieg zurück und prägten wiederum Deutschland mit ihren amerikanischen Erfahrungen.

Der Austausch und die wechselseitigen Verflechtungen sind seitdem nicht geringer geworden. Sie alle sind Teil dieses deutsch-amerikanischen Netzwerks, des Austauschs, des Dialogs.

Deshalb freue ich mich, dass Sie heute hier sind – mit rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zahlreicher denn je - und dass ich heute hier sein kann. Ein großer Dank für die erfolgreiche Organisation an alle GAIN-Akteure hier vor Ort wie in Deutschland - und für all ihre Aktivitäten das ganze Jahr über, die das Netzwerk mit Leben erfüllen und inspirieren! Das BMBF wird Sie gerne weiter unterstützen.

Sie wissen schon, was ich Ihnen jetzt sagen möchte: Wie sehr es sich lohnt, den Weg nicht nur in die eine Richtung zu gehen – von Deutschland in die USA, sondern auch in die andere - zurück nach Deutschland. Wir brauchen diese wechselseitige Bereicherung, Ihre Erfahrungen in zwei Gesellschaften, in zwei Wissenschaftssystemen, die so viel miteinander verbindet.

Ich bin nun zum vierten Mal bei GAIN. Da kann schon die Frage aufkommen: Was kann ich Ihnen denn noch Neues sagen?

Darauf gibt es zwei Antworten.

Die erste ist: Das Richtige muss nicht immer neu sein. Es darf auch noch einmal gesagt werden: Ja, es lohnt sich für exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, nach Deutschland zu kommen.

Die zweite und interessantere: Seit ich viele von Ihnen vor einem Jahr in Boston gesehen habe, ist in Deutschland so vieles neu in Bewegung gekommen, dass ich guten Gewissens sagen kann: Es lohnt sich noch mehr, nach Deutschland zu kommen. Mit den folgenden Punkten will ich dies illustrieren:

Die Bundesregierung setzt weiterhin eine klare Priorität auf Wissenschaft, Bildung und Forschung. Der Haushalt des BMBF steigt 2015 erneut - um über 6%; für 2016 können wir mit einer weiteren Steigerung um 7 % rechnen. Das sind mehr als doppelt so hohe Wachstumsraten wie im Bundeshaushalt insgesamt (2 % in 2015, 3 % in 2016) - ein großer Erfolg für Bildung und Forschung in Deutschland. Wir setzen dabei ganz bewusst auf Initiativen mit strukturbildender Wirkung im Wissenschafts- und Innovationssystem. Beste Beispiele dafür sind der Hochschulpakt, der Pakt für Forschung und Innovation sowie die Exzellenzinitiative.

Mit dem Hochschulpakt stellen Bund und Länder sicher, dass jeder und jede, die studieren will, dies auch kann. Ende letzten Jahres haben Bund und Länder beschlossen: Für die dritte Phase des Pakts bis 2020 stellen wir für 760.000 zusätzliche Studienanfängerinnen und –anfänger gegenüber 2005 über 19 Mrd. Euro bereit. Angesichts der demografischen Entwicklung ist dies eine der wichtigsten Investitionen in unsere Zukunft.

Wir stärken mit dem Hochschulpakt auch die Forschung an Hochschulen. Denn die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Vorhaben erhalten ab 2016 22 % ihres jeweiligen Projektbudgets zusätzlich als Overhead. 20 % zahlt wie bisher der Bund, mit ergänzenden 2 % sind künftig auch die Länder dabei. Das sind von 2007 bis 2020 4,5 Mrd. Euro zusätzlich für die Hochschulen.

Mit der Weiterführung des Pakts für Forschung und Innovation erhöhen wir die Zuwendungen für die außeruniversitären Forschungseinrichtungen und die DFG bis 2020 um jährlich 3 %. Allein dieser Aufwuchs sind 3,9 Mrd. Euro, die diesmal nur der Bund tragen wird. Hiermit entlasten wir die Länder erheblich. Und es bedeutet: Die Wissenschaftsorganisationen können sich nun schon seit 2005, dem Beginn des ersten Pakts, auf eine kontinuierliche jährliche Steigerung ihrer Budgets verlassen. Damit setzt Deutschland weltweit Standards.

Ende 2017 läuft bekanntlich die Exzellenzinitiative aus. Selten hat eine Fördermaßnahme für so viel Dynamik und Qualität gesorgt. Das sind gut investierte Milliarden, die Deutschlands Universitäten weit nach vorne gebracht haben. Die Gespräche mit den herausragenden Wissenschaftsakteuren hier in der Bay Area belegen, dass die deutsche Wissenschaftslandschaft auch an internationalem Renommee deutlich gewonnen hat. Dass es eine Nachfolge der Exzellenzinitiative geben wird, haben im Dezember letzten Jahres die Bundeskanzlerin und die Regierungschefinnen und –chefs der Ländern im Grundsatz bereits beschlossen. Mindestens im selben Umfang wie in der Exzellenzinitiative sollen auch künftig zusätzliche Mittel für exzellente Spitzenforschung an Hochschulen zur Verfügung gestellt werden. Viele Vorschläge liegen auf dem Tisch, im Januar 2016 auch das Ergebnis der international besetzten Evaluierungskommission. Bis Juni nächsten Jahres wird dann über die Ausgestaltung entschieden. Damit werden wir die produktive Wettbewerbsdynamik in den Universitäten erhalten und ihre internationale Sichtbarkeit und Konkurrenzfähigkeit weiter steigern.

Neue Freiräume eröffnet zudem das zum Januar 2015 geänderte Grundgesetz in seinem Artikel 91b. Bisher konnte der Bund die Hochschulen nur temporär fördern. Jetzt ist uns eine unbefristete Finanzierung auch im Hochschulbereich möglich.

Das Wissenschaftssystem ist der eine Teil unserer Gesamtarchitektur. Die andere Seite der Medaille ist die Hightech-Strategie. In ihr bündeln wir die Forschungs- und Innovationsaktivitäten der Bundesregierung und sorgen dafür, dass die wichtigsten Akteure von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zusammenarbeiten. Schwerpunkte sind digitale Wirtschaft und Gesellschaft, nachhaltiges Wirtschaften und Energie, innovative Arbeitswelt, gesundes Leben, intelligente Mobilität und zivile Sicherheit. Übergeordnetes Ziel ist es, dass aus Wissen und Ideen möglichst schnell Innovationen werden.

Dabei nimmt das Thema Digitalisierung und Infrastrukturen in der Wissenschaft in Deutschland derzeit richtig Fahrt auf. Als Bundesministerium für Bildung und Forschung beteiligen wir uns maßgeblich an der Umsetzung der Digitalen Agenda der Bundesregierung. Wir fördern Forschung zur Netzsicherheit und Privatheit, zu Industrie 4.0 und Big Data. Wir entwickeln Strategien für Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft und wir werden in Kürze ein öffentliches Internet-Institut ausschreiben. Es wird sich mit den zentralen gesellschaftlichen Fragen der Digitalisierung befassen.

Mit diesen gemeinsamen Anstrengungen von Wissenschaft, der Wirtschaft und der Politik haben wir seit 2005 viel erreicht. Kontinuierlich haben wir in Kompetenz, Wissen und neue Technologien investiert. Das sog. 3 %-Ziel – also der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am BIP – haben wir so gut wie erreicht. Das ist keineswegs selbstverständlich.
 

Die wissenschaftlichen Publikationen unserer Forscherinnen und Forscher gehören inzwischen zu den international besonders stark zitierten - Deutschland liegt bei der sog. „Excellence Rate“ auf dem 5. Rang, ist auch mit 382 Weltmarktpatenten pro einer Million Einwohner führend. Auch wirtschaftlich stehen wir hervorragend da: Deutschland gehört zu den weltweiten Innovationsführern. Der Außenhandel boomt und beim Export von forschungsintensiven Gütern und Dienstleistungen sind wir nach China die Nummer 2, knapp vor den USA.
 

Das alles sind beste Bedingungen, damit Deutschland ein international hoch attraktiver Hochschul- und Wissenschaftsstandort bleibt. Über 11%, das heißt mehr als 300.000 ausländische Studierende und mehr als 52.000 ausländische Gastwissenschaftler und Forscherinnen sind dafür ein guter Indikator.

Doch bei diesen Erfolgen dürfen und wollen wir nicht stehen bleiben. Auch Problembereiche gehen wir an. Für Sie von besonderem Interesse ist zweifellos das Thema planbarer und verlässlicher Karrierewege.

Nicht zuletzt die Pakte haben in Deutschland zu einer Fülle neuer Stellen in der Wissenschaft und zu vielen neuen Chancen geführt. Zwischen 2005 und 2013 ist allein das hauptberufliche wissenschaftliche Personal, das unser Wissenschaftssystem trägt und prägt, um 40 % gestiegen. Der ganz überwiegenden Mehrheit der Promovierenden gelingt nach der Promotion ein zügiger Berufseinstieg. Im Alter von 35 bis 45 Jahren sind Promovierte in allen Fachgruppen nahezu vollständig erwerbstätig. Zudem erzielen sie ein überdurchschnittliches Einkommen. All das ist erst einmal sehr positiv.

Viele dieser Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben allerdings sehr kurze Verträge. Dafür gibt es keine sachliche Rechtfertigung. Es kann nicht sein, dass Menschen, die häufig auch in der Phase der Familiengründung sind, in einem dauernden Zustand der Unsicherheit leben müssen. Das werden wir jetzt ändern und die Dauer eines Vertrages an der Dauer der Qualifizierung oder der Drittmittelbewilligung orientieren. Die entsprechende Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes soll Anfang nächsten Jahres in Kraft treten. ich setze darauf, dass unsere Hochschulen und Forschungseinrichtungen als Arbeitgeber diese neuen Regeln wie auch ihre vielfach schon bestehenden Selbstverpflichtungen konsequent und verlässlich umsetzen werden und die Länder dies mit ihren rechtlichen Regeln auch möglich machen.

Doch wir wollen noch weiter gehen: Wie Sie wissen, fällt die Entscheidung, ob jemand seinen Weg in der Wissenschaft auf Dauer gehen kann, in Deutschland sehr spät. Wir riskieren damit, dass hervorragende Köpfe sich gegen eine wissenschaftliche Karriere oder gegen Deutschland entscheiden. Deshalb hat Ministerin Wanka den Ländern ein gemeinsames Programm für die flächendeckende Einführung von Tenure-Track-Professuren vorgeschlagen. Denn: Was in den USA gang und gäbe ist, existiert in Deutschland bisher erst vereinzelt. Hier geht es um einen echten Strukturwandel. Als wir 2011 GAIN evaluiert haben, haben viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den USA gesagt: Befristungen, insbesondere mit zu kurzen Vertragslaufzeiten und der Mangel an Tenure Track machen die Rückkehr nach Deutschland häufig schwierig. Ich bin zuversichtlich, dass sich das zum Guten entwickelt. Ich hoffe, dass wir bis zum Frühjahr nächsten Jahres mit den Ländern zu konkreten Ergebnissen kommen. Und damit neue Chancen bieten können gerade in einer Zeit, in der die Tenure-Track-Möglichkeit hier in den USA weniger werden.

„Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen“, hat Antoine de Saint Exupéry gesagt. Ihre Zukunft kann ich auch nicht voraussehen, aber dass Sie eine in Deutschland haben, dazu möchte ich beitragen.

Im Übrigen gilt das amerikanische Sprichwort:
„Nothing ventured, nothing gained“

Verstehen Sie GAIN als Ansporn, etwas zu wagen! Wir freuen uns auf Sie.
Vielen Dank.