16. GAIN-Tagung

Rede der Staatssekretärin im Bundesministerin für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen, in Washington

Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, während ihrer Rede im Rahmen der GAIN-Jahrestagung 2016 in Washington.
Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, während ihrer Rede im Rahmen der GAIN-Jahrestagung 2016 in Washington. © GAIN / Nicole Glass

Frau Ministerin Bauer,
Frau Wintermantel,
Herr Strohschneider,
Herr Aufderheide,
verehrte Bundestagsabgeordnete,
sehr geehrte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Ihren Partnern und Kindern,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

wichtiger als die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen sind die Menschen, die ein System wie die Wissenschaft tragen, weiterentwickeln und befruchten. Deshalb kommen wir hier zusammen. Wir wollen Ihnen als ehrgeizigen, kreativen und mobilen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zeigen, wie attraktiv Wissenschaft in Deutschland ist. Wir wollen Sie auf dem Laufenden halten und Austausch und Kooperation fördern.

Imposante Zahlen belegen, wie attraktiv die Wissenschaft in Deutschland ist:

  • 85.000 ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben 2014 in Deutschland geforscht.
  • Zur selben Zeit haben 43.000 deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – wie Sie – im Ausland gearbeitet.
  • Mehr als 330.000 ausländische Studierende zählen wir derzeit an deutschen Hochschulen.
  • Auch deutsche Studierende sind höchst mobil. 2015 haben annähernd 140.000 deutsche Studierende im Ausland einen Abschluss angestrebt und insgesamt 37% aller Studierenden zeitweise im Ausland studiert.
  • Publikationen aus Deutschland gehören international zu den besonders stark zitierten.

Diese Entwicklungen haben wir von Seiten der Bundesregierung und Parlament nachdrücklich gefördert. Wir haben die Rahmenbedingungen für Forschung verbessert und wir haben Planungssicherheit gegeben mit ständig steigenden Finanzmitteln (seit 2005 verdreifacht). Diese positive Entwicklung wollen wir in den kommenden Jahren weiter verstärken. In diesem Jahr haben wir einen neuen, entscheidenden Schritt dafür getan. Zusammen mit den Ländern haben wir drei große neue Programme verabschiedet.

Das ist erstens die Exzellenzstrategie in der Nachfolge der Exzellenzinitiative.

Wir werden über eine halbe Milliarde jährlich investieren, um die Spitzenforschung der deutschen Universitäten international weiter nach vorne zu bringen.

Und zwar mit nachhaltigem Effekt, denn zum ersten Mal gibt es für die Hochschulen eine gemeinsame Initiative von Bund und Ländern, die nicht nur für ein paar Jahre, sondern auf Dauer gestellt ist.

Das heißt:

  • mehr Flexibilität und Planungssicherheit,
  • mehr Dauerstellen,
  • bessere Karriereperspektiven für exzellenten Nachwuchs,
  • mehr Zeit zum Forschen – frei vom Antragsmarathon.

Wir wollen elf Exzellenzuniversitäten dauerhaft fördern – natürlich unter der Bedingung regelmäßig erfolgreicher Evaluierung. Der größere Teil dieser Mittel ist für die Förderlinie der Exzellenzcluster vorgesehen. Alle sieben Jahre können sich Universitäten – alleine oder gemeinsam – mit ihren herausragenden Forschungsfeldern um zeitlich befristete Projektmittel im Wettbewerb bewerben. Es gibt ausdrücklich keine thematischen Vorgaben, damit alle Disziplinen und alle Universitäten eine Chance haben. Und zwar unabhängig von ihrer Größe und nicht nur einmal, sondern immer wieder.

Das sind hervorragende Perspektiven für die Exzellenzuniversitäten und auch für Sie!

Meine Damen und Herren,

ein lebendiges und wettbewerbsfähiges Wissenschaftssystem zeichnet sich zweitens durch guten Transfer und Innovationsfähigkeit aus. Innovation hängt unmittelbar vom Transfer neuer Ideen und Technologien in die Praxis ab.

Dies werden wir mit der Initiative „Innovative Hochschulen“ verstärkt fördern.

Dabei adressieren wir insbesondere kleinere und mittlere Universitäten sowie Fachhochschulen mit anwendungsorientierter Ausrichtung. Gefragt sind technologische wie auch gesellschaftliche Innovationen.

Zugleich wird dies die Verankerung der Hochschulen in ihrer Region unterstützen und ihre strategische Rolle als Innovationsmotor stärken. Für die „Innovative Hochschule“ stellen Bund und Länder insgesamt 550 Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren bereit. So fügen wir Hochschul- und Innovationspolitik schlüssig zusammen.

Meine Damen und Herren,

Programme sind nur nachhaltig, wenn Hochschulen und Forschungsorganisationen dauerhaft die Besten binden können. Dies gelingt, wenn wir die Planungssicherheit und die Karrierechancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs verbessern.

Der wissenschaftliche Nachwuchs in Deutschland ist exzellent qualifiziert. Wir können ihn nur gewinnen und halten, wenn Karrierewege planbarer und transparenter werden. Deshalb haben Bund und Länder – drittens – ein großes Tenure- Track-Programm vereinbart. Damit wird die Tenure-Track-Professur an den Universitäten in Deutschland als zusätzlicher Karriereweg strukturell verankert. Zukünftig können Entscheidungen über einen dauerhaften Verbleib in der Wissenschaft früher fallen.

Für dieses Programm investieren wir ab 2017 eine Milliarde Euro für 1.000 zusätzliche Tenure-Track-Professuren.

Die Länder haben zugesagt, dass auch nach Auslaufen des Programms die neu geschaffenen Tenure-Track-Stellen immer wieder neu ausgeschrieben werden. Damit ist die Nachhaltigkeit gesichert.

Zudem ist vorgesehen, die Tenure-Track-Phase bei Geburt von Kindern um bis zu zwei Jahre zu verlängern – ohne dass Eltern dafür ihre wissenschaftliche Tätigkeit unterbrechen müssen.

Das ist ein deutliches Signal für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und gibt mehr Chancengerechtigkeit!

In zwei Monaten werden wir die erste Förderbekanntmachung veröffentlichen und ein Jahr später, im November 2017, beginnt die Förderung für die erfolgreichen Universitäten. Achten Sie also ab Ende nächsten Jahres noch mehr als bisher auf die Stellenausschreibungen der Universitäten. Die zweite Programmrunde wird im Sommer 2018 ausgeschrieben mit Förderbeginn im Herbst 2019.

Einige von Ihnen fragen sich vielleicht: Ist die Tenure-Track-Professur für mich das richtige? So kann es zum einen sein, dass Sie sich bereits für eine Juniorprofessur ohne Tenure Track oder für eine Nachwuchsgruppenleitung in Deutschland beworben haben und diese Stelle noch vor dem Zeitpunkt antreten, zu dem die Tenure-Track-Professuren ausgeschrieben sein werden. Für diese Fälle haben wir mit den Ländern vereinbart: Wer sich im Anschluss an die Promotion bereits auf dem Karriereweg zur Professur befindet, wird bei der Besetzung von Tenure-Track-Professuren adäquat berücksichtigt.

Viele von Ihnen sind in Ihrer Postdoc-Phase schon weiter fortgeschritten, so dass Sie sich bereits auf frei ausgeschriebene dauerhafte Professuren bewerben. In diesem Fall müssen Sie nicht befürchten, dass das Tenure-Track-Programm die Perspektiven auf eine dauerhafte Professur verengt. Denn wir haben mit den Ländern vereinbart, dass sie zusätzlich die Zahl der unbefristeten Professuren bundesweit um ebenfalls 1.000 steigern. Im Ergebnis wird es also insgesamt mehr unbefristete Beschäftigungsmöglichkeiten an den Universitäten geben.

Diese Initiativen sind Teil unserer Gesamtstrategie für die Wissenschaft in Deutschland. Sie ist geprägt von Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit auf der Grundlage eines BMBF-Haushaltes, der sich seit 2005 trotz Finanzkrise und Haushaltskonsolidierung verdreifacht hat. Kontinuierlich steigende Finanzierung von Spitzenforschung, und zwar in der Grundlagen- wie in der angewandten Forschung, in den MINT-Fächern wie in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, attraktive Bedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs und internationale Vernetzung bedingen und befördern sich gegenseitig. Sie machen das deutsche Wissenschaftssystem zu einem der besten weltweit.

Derzeit treiben wir ein weiteres Thema voran, das Lehre und Forschung der meisten von Ihnen bereits beeinflusst und noch viel verändern wird: Die Digitalisierung.

Ich verrate hier in den USA kein Geheimnis, wenn ich sage, dass Deutschland hier bislang nicht an der Spitze steht. Das ändert sich gerade gründlich mit der Digitalen Agenda der Bundesregierung. Die Schwerpunkte reichen von Breitbandausbau, über die Digitalisierung von Produktion und Arbeitswelt, über IT-Sicherheit bis hin zu Wissenschaft und Forschung.

Die Digitalisierung in Wissenschaft und Forschung fördert das BMBF seit Jahren. Derzeit bauen wir die Förderung erheblich aus. Das gilt für das Hoch- und Höchstleistungsrechnen, für Infrastrukturen, für die E-Humanities. Im kommenden Jahr werden wir ein öffentlich finanziertes Internet-Institut gründen. Der Bewerbungsprozess läuft. Und noch in diesem Herbst werden wir unsere Strategien für die Digitale Bildung, die Digitalisierung der Wissenschaft und Open Access vorlegen.

Unsere Politik ist von der Überzeugung geprägt, dass die Digitalisierung kein Selbstzweck ist. Wir wollen sie nutzen als ein Instrument für mehr Bildungsgerechtigkeit, exzellente Wissenschaft und Forschung und für mehr Wachstum und Beschäftigung.

Im Mittelpunkt des digitalen Wandels muss weiterhin der Mensch stehen: Der Lernende, der Lehrende, der Forschende. Wir brauchen gute Konzepte für digitale Lehre und Forschung und neue Regeln für einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten. Nur wenn uns das gelingt, zusammen mit unseren Partnern, allen voran den USA, werden wir das Vertrauen in die Politik und die Wissenschaft und letztlich die Freiheit des einzelnen bewahren.

Dies gilt umso mehr, als im Mittelpunkt der Digitalisierung die Nutzung großer Datenmengen durch Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft steht.

Diese Daten werden zu Datenschätzen, wenn es uns gelingt, sie systematisch zu speichern, klug zu analysieren und langfristig zugänglich zu machen. Zugleich gilt es die Persönlichkeitsrechte angemessen zu schützen, wenn wir die Akzeptanz dieser Technologien und entsprechender Forschung erhalten wollen. Auch die Wissenschaft steht hier in der Verantwortung.

Lassen Sie mich ein letztes aktuelles Thema ansprechen.

Wir leben in einer Zeit wachsender Konflikte, Spannungen, kriegerischer Auseinandersetzung. Über 65 Mio. Menschen, wenn nicht mehr, sind weltweit auf der Flucht vor Tod und Verfolgung, vor Unterdrückung, Umweltzerstörung und wirtschaftlicher Not. Sie streben vielfach in unsere Länder – stabilen Demokratien, gebaut auf Menschenrechten, Freiheit, Toleranz und Rechtstaatlichkeit. Es ist und bleibt unsere humanitäre und verfassungsmäßige Pflicht, den Schutz unseres Grundgesetzes zu gewähren. Zugleich sehen wir in vielen Ländern ein Erstarken nationalistischer und extremistischer Positionen und Bewegungen mit einem polemischen Stil der Auseinandersetzungen, der auch vor Unwahrheit, falschen Behauptungen nicht zurückschreckt. Politik und Gesellschaft müssen dem mit Nachdruck entgegentreten. Auch Sie, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler brauchen wir in dieser Auseinandersetzung als Experten mit starker Stimme der Rationalität und Empirie, der Ethik und Moral.

"Wir haben nicht die Aufgabe, die Zukunft vorherzusehen, sondern sie zu ermöglichen“ hat Antoine de Saint-Exupéry geschrieben. Was die Zukunft der Wissenschaft, der Lehre und der Forschung anbelangt: Daran arbeiten wir tagtäglich intensiv im BMBF und in ganz Deutschland.

Ich freue mich, wenn Sie heute, morgen oder übermorgen mitarbeiten.

Vielen Dank.