2. ZukunftsNacht des BMBF zum Thema "Tauschen, Teilen, Selbermachen"

Begrüßung des Staatssekretärs im Bundesministerin für Bildung und Forschung (BMBF), Georg Schütte, in Berlin

Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, im Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern
Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, im Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste,

ich freue mich sehr, Sie heute Abend hier im Bundesministerium für Bildung und Forschung im Herzen des Regierungsviertels in Berlin zu unserem 2. ZukunftsForum zu begrüßen. Herzlich willkommen!

Willkommen heißen möchte ich namentlich  unseren Themenpaten, Herrn Professor Harald Heinrichs. Begrüßen möchte ich insbesondere die zwei „Bürgervertreter“, die bereits am ZukunftsTag teilgenommen haben und uns darüber gleich berichten werden. Und  ein herzlicher Gruß auch an unsere Expertinnen und Experten, die das ZukunftsForum mit Ihrem Wissen und Ihrer Expertise begleiten.

Über Sie und von Ihnen werden wir ebenfalls gleich noch mehr erfahren.

„SharingBerlin - von der geteilten Stadt zur teilenden Stadt“ so nennt sich eine Gruppe von Sharing-Enthusiasten und –Aktivisten hier in Berlin, die gemeinsam einen Internet-Blog betreiben. Auf einer Karte sind dort rund 200 Sharing-Initiativen ganz unterschiedlicher Art verzeichnet. So übertreibe ich nicht, wenn ich sage: Wir sind hier im Zentrum der Stadt, die global sicherlich zu den Städten mit der größten Vielfalt an Unternehmen und Initiativen im Bereich der „Share & Collaborative Economy“ zählt.

Ein Beispiel dafür ist das Betahaus in Berlin-Kreuzberg, wo vor gut vier Wochen der ZukunftsTag mit rund 50 Bürgerinnen und Bürgern sowie unseren Experten stattfand. Das Betahaus eröffnete 2009 als erster offizieller Coworking-Space in Berlin.

Beim Coworking arbeiten Freiberufler, Kreative, kleinere Startups oder „digitale Nomaden“ in meist größeren, offenen Räumen zusammen und profitieren auf diese Weise voneinander. „Coworking Spaces“ stellen Arbeitsplätze und Infrastruktur wie Netzwerk, Drucker oder Besprechungsräume zeitlich befristet zur Verfügung und ermöglichen die Bildung einer Gemeinschaft, sprich „Community“. Auffällig ist auch die hohe Internationalität: über 50 Prozent der Menschen im Betahaus  kommen nicht aus Deutschland. Selbst große Unternehmen wie Daimler oder die Deutsche Bahn haben sich dort eingemietet, um ihren Mitarbeitern  eine innovative Community zu bieten.

Warum interessieren solche Trends das Forschungsministerium besonders? Nun, Forschung geht nicht ohne Neugier. Sie braucht die ständige Bereitschaft, sich in Frage zu stellen und die Grenzen des bisher Bekannten und Verstandenen zu überschreiten. Das ist einerseits Aufgabe der klassischen Forschungsorganisationen und der Hochschulen, auch der Forschungsabteilungen der Unternehmen. Damit aus Forschung Innovation wird, müssen die Erkenntnisse dann auch in die praktische Anwendung gebracht werden. Aber wir sehen, dass solche Institutionen regelmäßig an ihre Grenzen stoßen, wenn sie ihr Terrain verlassen und neue Pfade beschreiten sollen.

Es braucht neue Räume der Begegnung, der Kooperation und des Ideenaustauschs. Räume, die noch nicht durch etablierte Akteure vorgeprägt sind. Sozusagen Waldlichtungen, auf denen noch kein Platzhirsch steht. Wo solche Räume im örtlichen wie im geistigen Sinne entstehen können und unter welchen Bedingungen sie eine fruchtbare Umgebung schaffen, das interessiert uns als Forschungs- und Innovationsministerium sehr. Darum soll es heute abend gehen.   

Solche Räume, so scheint es, sind auch besonders geeignet, „Soziale Innovationen“ hervorzurufen und zu fördern. Damit  meine ich nicht klassische Sozialpolitik, sondern neue Modelle des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Es geht um Innovationen, die die Art, wie wir leben, arbeiten und konsumieren, verändern. Dazu gehören auch neue Formen, wie wir kommunizieren, uns organisieren und unsere politischen Prozesse gestalten. Wir im BMBF sind der Ansicht, dass es nicht nur technologische Treiber sind, die den Wandel bestimmen, sondern ebenso sich verändernde Wertemuster und Verhaltensweisen. In beidem stecken große Potentiale - auch für einen ganz handfest zu messenden ökonomischen Wohlstandsgewinn, wenn man es richtig macht.  

Dabei ist das, was wir unter „Tauschen, Teilen, Selbermachen“ verstehen, eine soziale Innovation im doppelten Sinne: Es stellt selbst eine soziale Innovation dar und ist gleichzeitig Motor für viele weitere kreative Neuerungen. Das ist ein simpler Gedanke, aber einer, vom dem eine große Wirkung ausgehen kann. Laut „Time Magazine“ ist der Megatrend „Zugang statt Besitz“ eine der zehn großen Ideen, die unsere Welt verändern werden. Wie eine so veränderte Welt aussehen könnte, darüber wollen wir heute Abend miteinander ins Gespräch kommen.

Der Wertewandel ist das eine, die digitalen Formen der Kommunikation und technische Entwicklungen für individualisierte Produktionsweisen wie z.B. der 3-D-Druck sind das andere. Vermutlich müssen gesellschaftliche und technologische Entwicklungen zusammenkommen, um nachhaltige Dynamik zu entfalten. Wie beides zusammenwirkt, auch das soll heute abend Gegenstand des Gesprächs sein. Drei Fragestellungen als Anregungen dazu:

Erstens: Die Digitalisierung als Chance und Risiko

Als das Internet begann sich auszubreiten, dachte man, ein großes demokratisches Instrument würde entstehen, ein Instrument des Tauschen und Teilens. Hierbei geht es einerseits um das Teilen von materiellen Dingen, die durch die Digitalisierung leichter zu vervielfältigen und zu verteilen sind, anderseits aber auch um den Austausch von Ideen, Gedanken und von Wissen. Aber wem gehört das neue Wissen, wenn es an die wirtschaftliche Verwertung geht ? Wer hat Anrecht auf den wirtschaftlichen Mehrwert ? Der Plattformbetreiber ? Die Datenlieferanten ? Die Ideengeber ? Wird das friedlich und fair zugehen, wenn man die Sharing-Modelle sich sich selbst überlässt?

Zweitens: Warum gerade Tauschen und Teilen in einer hochleistungsfähigen Konsumgesellschaft ?

Der Gedanke des Tauschen, Teilens und Selbermachens ist eigentlich so alt wie die Menschheit selbst. Innerhalb der Familie ist das tägliche Teilen ganz selbstverständlich. Zu bestimmten Zeiten, beispielsweise nach den Kriegen des 20. Jahrhunderts, wurde aus der Not heraus verstärkt getauscht, geteilt und selbergemacht. Warum kommt der Trend gerade jetzt in einer Zeit des Konsumüberflusses wieder auf ? Steckt dahinter vielleicht das Bedürfnis nach Überschaubarkeit und Verlässlichkeit in einer globalisierten anonymisierten Welt ? Können daraus feste Formen der Zusammenarbeit mit verlässlichen Regeln werden oder bleibt es eine projektbezogene, fluide Szene, in der sich die meisten mit ihrem Engagement gar nicht länger binden lassen wollen.

  • Wie viel Qualitätskontrolle ist notwendig?

Die Weisheit der vielen ist ein viel benutztes Stichwort. Aber nicht alles funktioniert schon, nur weil es in einem offenen Innovations- und Teilhabeprozess entstanden ist. Wer haftet für den Schaden, wenn es schief geht wenn die Weisheit der Vielen zum Treck der Lemminge wird ? Sind wir als mündige Bürger und aufgeklärte Verbraucher bereit, auch diese Seite der Eigenverantwortung zu tragen? Und stellt sich nicht vielleicht auch die Frage nach Qualitätsstandards für Plattformen, auf denen Wissen auf produktive und faire Weise geteilt werden kann ?

Der heutige Abend reiht sich ein in eine Reihe von Zukunftsforen zu unterschiedlichen Fragestellungen. Diese sind nicht zufällig entstanden. Um einen systematischen Blick in die Zukunft zu wagen, betreibt das BMBF den so genannten Foresight-Prozess, der auf wissenschaftlich fundierten Studien und Analysen basiert.

Beim zweiten Foresight-Zyklus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die gesellschaftlichen Herausforderungen und Forschungstrends der kommenden 15 Jahre identifiziert. Das Neue: Die technologische Vorausschau wurde mit der Beschreibung gesellschaftlicher Entwicklungen verknüpft. Die Ergebnisse liegen vor und können auf unserer Internetseite abgerufen werden. Einer der dort beschriebenen Trends ist „Tauschen, Teilen und Selbermachen“, den wir heute mit Ihnen diskutieren.

Zugleich wollen wir wissen, wie sich bestimmte Entwicklungen auf bestimmte Branchen und Wertschöpfungsketten auswirken werden. Dazu geben wir sogenannte Innovations- und Technikanalysen in Auftrag. Und auch hier haben wir Fragestellungen des heutigen Abends aufgegriffen: Unter dem Stichwort „Flexible Konsum- und Eigentumsmodelle“ möchte ich hier zwei Vorhaben erwähnen: In einem wird untersucht, inwiefern das „Tauschen und Teilen“ die Lebensmittelbranche nachhaltig verändern kann. In einem anderen wird erforscht, inwiefern in der Wohnungswirtschaft über AirBnB hinaus eine Sharing Economy möglich wäre und welche Potentiale dies hätte.

Warum widmen wir uns diesem und anderen Themen als Ministerium in der Form eines einen Bürgerdialogs? Warum rufen wir nicht einfach eine Reihe von Expertenrunden ein, klein aber fein?

Wir wollen zum einen eine Dialogkultur pflegen, die Ihnen, den interessierten Bürgerinnen und Bürgern, die Möglichkeit gibt, sich einzubringen: mit Ihren Ideen und Erfahrungen, über die institutionalisierten Formen der demokratischen Beteiligungsmöglichkeiten hinaus. Das hat am ZukunftsTag ja schon ausgiebig stattgefunden, und das wollen wir heute Abend fortsetzen. Wir tun das aber auch, weil wir glauben, dass gerade bei diesem Thema Sie die wahren Experten sind und man die Fragen, die ich aufgeworfen habe, gar nicht ohne Sie beantworten kann. 

Wichtig ist mir folgendes: Bürgerbeteiligung verfolgt keinen Selbstzweck, sondern muss sich stets an der glaubwürdigen Berücksichtigung ihrer Beteiligungsergebnisse messen lassen. In diesem Sinne werden die Ergebnisse des ZukunftsForums vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgewertet. Ziel ist es unter anderem, sie in die Entwicklung langfristiger Forschungs- und Innovationsstrategien einzubeziehen.

So haben wir  im ersten ZukunftsForum das Thema „Gesundheit neu denken“ diskutiert. Weit oben auf der Agenda der Handlungsempfehlungen, die uns die Bürgerinnen und Bürger damals mit auf den Weg gaben, steht der Bedarf für eine neue Qualität von Gesundheitsbildung in der Bevölkerung sowie wie die unabhängige Aufklärung über Chancen und Risiken neuer Gesundheitstechnologien. Wir wollen dies aufgreifen - so hat die Ministerin entschieden, für ihre diesjährige Sommerreise, die sich mit der Zukunft des Lebens im Alter befassen wird, Stationen zu wählen die eben auch dies in den Blick nehmen soll. Darüber hinaus denken wir darüber nach, eine Kampagne zur Versorgungsforschung starten, bei der es um die vielfältigen Möglichkeiten geht, die Praxis der gesundheitlichen Versorgung weiter zu verbessern .

Die  Impulse aus den Bürgerdialogen tragen wir auch in die etablierten Beratungsgremien der Hightech-Strategie. Die im Hightech-Forum berufenen Vertreter von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft werden wiederum ein Empfehlungspapier im Frühjahr 2017 veröffentlichen und damit wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Innovationsstrategie der Bundesregierung in der nächsten Legislaturperiode geben. 

In diesem Sinne können aus kleinen kreativen Freiräumen auch Veränderungen für das ganze Land entstehen.  Dazu zählen der Zukunftstag im Beta-Haus und die Zukunftsnacht hier im Humboldt-Saal.  Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen und Ideen, wie wir den Gedanken des „Tauschens, Teilens und Selbermachens“ weiterentwickeln können. Ich freue mich auf das Gespräch!