20 Jahre Bologna-Prozess: Viele junge Menschen leben Europa

„Für junge Menschen ist es heute normal, in verschiedenen europäischen Ländern zu studieren. Sie leben Europa. Das ist eine große Errungenschaft des Bologna-Prozesses“, sagt Staatssekretär Georg Schütte bei der Konferenz „20 Jahre Bologna-Prozess".

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Georg Schütte, anlässlich der Eröffnung der Konferenz „20 Jahre Bologna-Prozess – Neue Impulse für den Europäischen Hochschulraum“ in Berlin am 26.11.2018.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Verehrter Herr Minister Wolf, Frau Prof. Groß,

liebe Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Hochschulcommunity,

liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Europäischen Hochschulraum,

Vielen Dank, Herr Minister Wolf, für den Bericht der wichtigsten Ergebnisse der Ministerkonferenz in Paris. 

Lassen Sie mich aus Sicht der Bundesregierung den Versuch unternehmen zu skizzieren, was nunmehr vor uns liegt.

In der Tat war die Konferenz in Paris ein Erfolg.

Das wohl wichtigste und raumgreifende Thema der Konferenz waren die Diskussionen zu den Werten des Europäischen Hochschulraums.

Wissenschaft, Forschung und Lehre brauchen Freiheit. Nur in Freiräumen kann neues Wissen entstehen.

Alarmierend ist daher, dass die Wissenschaftsfreiheit in vielen Ländern der Welt unter Druck gerät. Die Freiheit der Forschung und Lehre wird beschnitten, ein faktengeleiteter Diskurs untergraben; Hochschulangehörige werden entlassen, politisch unliebsamen Einrichtungen droht die Schließung. Das stellt gemeinsame europäische Werte in Frage und den Europäischen Hochschulraum auf die Probe.

Für Deutschland sind die Werte, die dem Europäischen Hochschulraum zugrunde liegen, nicht verhandelbar – namentlich die Wissenschaftsfreiheit, die institutionelle Autonomie der Hochschulen, die Partizipationschancen von Studierenden, Lehrenden und Forschenden. Deshalb begrüße ich es sehr, dass sich der Europäische Hochschulraum dieser Diskussion stellt und diese Punkte auch deutlich im Kommuniqué betont.

Bis zur nächsten Ministerkonferenz in Rom im Jahr 2020 wird sich eine Task Force dieses Themas annehmen. Deutschland wird sich hier aktiv beteiligen. Ich muss nicht betonen, dass die Aufgabe keine leichte, diplomatisch wahrscheinlich eine äußerst schwierige ist. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir Verstöße gegen die Wissenschaftsfreiheit nicht ignorieren können und sie deshalb im Dialog mit allen Staaten im Europäischen Hochschulraum bearbeiten müssen. Dieser Dialog und vor Allem die von uns geförderte Mobilität und der Wissensaustauch von Studierenden und Lehrenden sind äußerst wirkmächtig. Die sanfte Macht des Wissens, wie es in anderen Ländern wirklich aussieht, wie freie Gesellschaften zusammenleben, welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräfte durch die Möglichkeit zur freien Entfaltung freigesetzt werden, kann mehr erreichen, als manche scheinbar harte Maßnahme. Meine Damen und Herren,

Unser gemeinsames Ziel ist, unsere Hochschulsysteme qualitativ weiterzuentwickeln und stärker zu vernetzen. Das ist ein wichtiger Baustein für ein demokratisches und wirtschaftlich erfolgreiches Zusammenleben in Europa. Wir schaffen einen Europäischen Hochschulraum, der freiheitlich denkende, an Fortschritt und am Gemeinwohl interessierte Studierende, Lehrende und Forschende vereint.

Deshalb setzt sich Deutschland dafür ein, dass der Dialog im Europäischen Hochschulraum nicht nur fortgeführt, sondern intensiviert wird. Wichtig ist uns, auch diejenigen Länder mitzunehmen, die aus eigener Kraft nicht so schnell voranschreiten können.

Für junge Menschen ist es heute normal, in verschiedenen europäischen Ländern zu studieren. Sie leben Europa. Das ist eine große Errungenschaft des Bologna-Prozesses.

Er hat es ermöglicht, dass die Hochschulbildung in Europa vergleichbar ist, und wir sie gegenseitig anerkennen können. Damit haben wir eine neue europäische Generation Studierender hervorgebracht, die nicht übereinander, sondern miteinander redet und gemeinsam Lösungen für anstehende Herausforderungen sucht.

Der europäische Hochschulraum hilft uns, ein Fundament zu bauen, auf dem die EU sich weiterentwickeln kann und auf dem auch die Beziehungen zu unseren Nicht-EU Nachbarn besser gestaltet werden können. Zum europäischen Hochschulraum gehören z.B. auch Russland, die Türkei und auch nach dem BREXIT weiterhin das Vereinigte Königreich. Eine gute Kenntnis voneinander, möglichst intensive Kooperationen, kurz gute Beziehungen zu allen unseren europäischen Nachbarn sind für Europa ein hohes Gut.

Das wollen wir weiter vorantreiben.

Deshalb begrüße ich die Initiative des französischen Staatspräsidenten Macron und der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union, Europäische Hochschulnetzwerke aufzubauen. Und ich freue mich, dass es inzwischen konkrete Informationen der Europäischen Kommission zur Ausschreibung dieser Netzwerke gibt.

Wenn es gelingt, die Kooperation unserer Hochschulen in Lehre, Forschung, Innovation und Transfer auf ein neues Niveau zu heben, kann Europa in wichtigen Zukunftsfeldern – wie der Digitalisierung –voranschreiten.

Dabei habe ich beim Stichwort Digitalisierung nicht nur den wirtschaftlichen Fortschritt vor Augen, sondern die Chancen für den Europäischen Hochschulraum selbst: Wir wollen Interoperabilität sicherstellen und Standards setzen, die auch über Europa hinausstrahlen. Dies gilt sowohl mit Blick auf konzertiert und transnational betriebene digitale Lern- und Lehrplattformen für innovative neue Formen akademischer Interaktion als auch für digital unterstützte administrative Prozesse, um z. B. Studierendenmobilität oder auch Studienfinanzierung zu vereinfachen.

Daher unterstützen wir gemeinsam mit den Ländern die Europäische Kommission, Europäische Hochschulnetze bereits im nächsten Jahr zu fördern. Die Ausschreibung der Kommission wurde Ende Oktober veröffentlicht und trägt unserem Anliegen Rechnung, den Hochschulen in Europa sehr viel Spielraum einzuräumen, ihre Kooperationen weiter zu entwickeln. Wir in Deutschland planen, diese Netze komplementär zu fördern. Im Oktober gab es dazu bereits eine Informationsveranstaltung, die wir gemeinsam mit dem DAAD und der Europäischen Kommission durchgeführt haben. Weitere werden folgen.

Ein weiteres Thema, das Herr Minister Wolf auch schon angesprochen hat, beschäftige die Ministerinnen und Minister in Paris. Noch immer gibt es Staaten, die Defizite bei der Umsetzung wichtiger Bologna-Reformen haben. Dafür wurde ein Unterstützungsverfahren vereinbart. Denn so können wir die Staaten, die die wichtigsten Reformen national noch nicht hinreichend umgesetzt haben, mit aller Kraft weiter unterstützen. Denn es ist unser gemeinsames Ziel, diese in den Bologna-Prozess einzubinden und so die Mobilität unserer Studierenden über ganz Europa hinweg zu intensivieren. Dafür brauchen wir auch Ihre Unterstützung. Die deutschen Hochschulen können ihre Partnerhochschulen in Europa dabei unterstützen, wie diese adäquat Bachelor und Master einführen, das Thema Anerkennung meistern und die Qualitätssicherung gemäß der Europäischen Standards und Richtlinien umsetzen.

Denn Deutschland liegt bei der Umsetzung der Bologna-Reformen in der Spitzengruppe. Hier gilt es, den Verantwortlichen in der deutschen Hochschullandschaft Respekt zu zollen. Dank an alle, die die Umsetzung der Reformen in Deutschland ermöglicht haben und Deutschland damit zu einem der attraktivsten Hochschulstandorte gemacht haben.

Wir wollen ihre und unsere Expertise in dem nun beginnenden Unterstützungsverfahren einbringen, aber auch für Reformen, die bei uns noch verbessert werden können, lernen wie andere Staaten hier erfolgreich waren. Gerade beim Thema Digitalisierung können wir in Deutschland sicher etwas von unseren europäischen Nachbarn lernen.

Frau Ministerin Karliczek hat es als besondere Erfahrung empfunden, dass die deutsche Delegation bei allen hier dargestellten Themen mit einer Stimme gesprochen hat. Diese gemeinsam getragenen Überzeugungen wollen wir in die Folgeaktivitäten des Bologna-Prozesses einbringen und hoffen, auf Sie zählen zu können.

Vielen Dank.