3. Nationaler MINT-Gipfel des Nationalen MINT-Forums

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Johanna Wanka, am 25. Juni 2015 in Berlin

Johanna Wanka auf dem 3. Nationalen MINT-Gipfel
Johanna Wanka auf dem 3. Nationalen MINT-Gipfel © Nationales MINT Forum / Ausserhofer

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Gefühlt fast täglich gibt es neue Prognosen zu künftigen Fachkräftelücken. Mal stehen einzelne Berufe oder Berufsgruppen im Fokus, ein anderes Mal sind es Branchen oder Regionen. Manchmal werden auch auf den Euro genau die wirtschaftlichen Einbußen beziffert, die der deutschen Wirtschaft durch einen Fachkräftemangel entstehen könnten. In ihren Interpretationen weichen die Studien teilweise erheblich voneinander ab.

Was mich als Mathematikerin immer aufregt, ist die Scheingenauigkeit, die über diese Prognosen transportiert wird. Ich wünsche mir in diesen Meldungen oft weniger Alarmismus und – das wird Sie von einer Mathematikerin nicht überraschen – mehr Transparenz in den Berechnungen, vor allem zu den getroffenen Annahmen. Denn: Es gibt nicht den einen Algorithmus für die Berechnung künftiger Fachkräftebedarfe!

2011 hat die Bundesregierung deshalb ein Fachkräftekonzept aufgesetzt. Nennen möchte ich zudem die Allianz für Aus- und Weiterbildung, die Partnerschaft für Fachkräfte und die drei Arbeitsgruppen der Demografiestrategie der Bundesregierung, die sich mit inländischem und ausländischem Fachkräftepotential sowie mit der Bildungsberatung befassen.

In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren ist im MINT-Bereich viel passiert: sowohl staatlich als auch privat und gesellschaftlich organisiert. Das hat deutlich messbare signifikante Effekte. Die Studierendenzahlen steigen seit 2005 in starkem Maße. Der Anteil der Studierenden in den MINT-Fächern ist ebenfalls prozentual gestiegen, auch wenn bei den jungen Frauen immer noch sehr viel Luft nach oben ist. Im Vergleich zu anderen ist der Anteil der Studierenden in den MINT-Fächern in Deutschland sogar überproportional groß. Das ist sehr positiv. Erfreulich ist auch, dass die Zahl der Studenten aus dem Ausland enorm zugenommen hat. Wir sind das drittbeliebteste Einwanderungsland für Studierende. Erster Platz USA, zweiter Platz Großbritannien. Gerade der Anteil der ausländischen Studierenden, die in Deutschland Ingenieurfächer wählen, ist höher als in den anderen Fächern. Deutsche Ingenieurausbildung wirkt anziehend. Die deutsche Wirtschaft muss zugreifen und diese jungen Leute bei uns halten. 

Die berufliche Bildung ist ein Erfolgsmodell!

Sie ist Rückgrat der deutschen Wirtschafts- und Innovationskraft und zentraler Grund für die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland. Sie ist deshalb längst auch ein Exportschlager.

Im vergangenen Jahr (2014) war der amerikanische Arbeitsminister zu Besuch und hat sich hier bei Siemens in Berlin angesehen, wie die duale Ausbildung in der Praxis funktioniert. Anfang Juni haben wir mit den USA nun eine engere Zusammenarbeit bei der dualen Berufsausbildung vereinbart. Und im März war der belgische König mit einer 70-köpfigen Delegation im BMBF zu Besuch und hat sich ebenfalls über unser Berufsbildungssystem informiert.

Anders als vor 20 Jahren ist die berufliche Bildung aber kein Selbstläufer mehr in Deutschland! Auch das müssen wir sehen. 37.000 Ausbildungsstellen blieben 2014 laut Berufsbildungsbericht unbesetzt. Das ist ein Höchststand im langjährigen Vergleich.

Bundesweit gehen die Schulabgängerzahlen in Folge des demografischen Wandels zurück. Zudem wird die Zahl der nicht-studienberechtigten Schulabgänger – immerhin drei Viertel des traditionellen Potenzials für die berufliche Bildung – spürbar sinken.

Die steigende Studierneigung hat das Verhältnis zwischen beruflicher und akademischer Bildung verändert: Inzwischen ergreift mehr als die Hälfte eines Jahrgangs ein Studium. Während sich also andere Länder nach unserer dualen Ausbildung strecken, wollen in Deutschland immer weniger junge Menschen eine Ausbildung machen.

Ein Schwerpunkt dieser Legislaturperiode ist deshalb die Stärkung der beruflichen Bildung.

Mein Haus hat diese Zielsetzung Anfang 2014 programmatisch mit der Initiative „Chance Beruf“ gebündelt. Und auch die Allianz für Aus- und Weiterbildung hat dieses Ziel. Wir brauchen diesen Fokus, denn wir stehen vor großen Herausforderungen.

Auch wenn der Anteil erfreulicherweise sinkt, bleiben viele Bewerber noch immer unversorgt. 2015 waren es 21.000 – und das bei den hohen Zahlen unbesetzter Ausbildungsplätze! Dieses Passungsproblem ist angesichts der regionalen und branchenspezifischen Unterschiede alles andere als trivial.

Wir müssen diesem Passungsproblem früh entgegenwirken: Die „Bildungsketten“ sind ein hervorragendes Instrument, um Jugendliche ab der 8. Klasse individuell zu ermutigen, eine Ausbildung zu beginnen und diese Ausbildung auch abzuschließen.

Bei Lehrern und Ausbildern ist die Akzeptanz groß. Viele Erfolgsgeschichten sind inzwischen geschrieben worden: über Jugendliche, denen vor einigen Jahren kaum etwas zugetraut wurde, und die sich inzwischen – von Ausbildern und Kollegen hochgeschätzt – im zweiten Jahr ihrer Ausbildung befinden.

Fachleute gehen in die Schulen und gemeinsam werden dann die Potenziale herausgearbeitet. Danach gibt es eine Empfehlung für bis zu fünf Berufe und die Möglichkeit, innerhalb von drei Wochen diese Berufe kennenzulernen, also sich selbst dort ein Stück weit auszuprobieren.

Um die Bildungsketten wirklich in die Breite zu bringen, habe ich mich mit der Arbeitsministerin zusammengetan. Wir werden in den nächsten Jahren über 100.000 jungen Menschen eine Berufseinstiegsbegleitung anbieten können; 500.000 eine individuelle Potentialanalyse. Das gab es in dieser Dimension noch nicht.

Auch Gymnasiasten werden angesprochen, bevor sie sich für Studium oder Beruf entscheiden. Wir haben zu hohe Studienabbrecherzahlen. Gute individuelle Beratung im Vorfeld kann an dieser Stelle nützen.

Und wir müssen auch Frauen gewinnen. Gerade in technischen Ausbildungsberufen liegt der Frauenanteil unter den Auszubildenden bei nur 11 Prozent (Durchschnitt: 38,6 Prozent). Hier gibt es noch viel zu tun und ich sehe mit Freude, dass viele Unternehmen und Verbände diese Herausforderung annehmen und sich im Nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen engagieren.

Auch um die Qualität und Effektivität der beruflichen Bildung müssen wir uns kümmern. Der Großteil der Auszubildenden ist mit der Qualität der Ausbildung zufrieden. Auffällig sind aber die in einigen Berufsgruppen stark unterdurchschnittlichen Abschlussquoten: In den Ernährungsberufen, bei den Malern und Lackierern und in den Bauberufen erreicht gerade einmal die Hälfte einen Abschluss. Im Durchschnitt sind es drei Viertel.

Es gibt viele Gründe für Ausbildungsabbrüche; in jedem Fall verschwenden beide Seiten Ressourcen.

Wir müssen deshalb an der Ausbildungsqualität arbeiten. Das ist umso wichtiger bei den eher unbeliebten Branchen und Berufsgruppen. Wir werden Schwierigkeiten haben, junge Menschen für diesen Karriereweg zu gewinnen, wenn die entsprechenden Berufe eher abschreckende als einladende Arbeitsbedingungen und Einkommensmöglichkeiten bieten. Hier sind ganz klar die Wirtschaft, die Branchenverbände und Sozialpartner gefragt.

Die berufliche Bildung hat sowohl für leistungsstarke als auch leistungsschwächere junge Menschen viel zu bieten. Aber nicht überall sind diese Vorzüge bekannt.

Die Ausbildungsanfängerquote junger Ausländer (32,1 Prozent) liegt beispielsweise deutlich unter der junger Deutscher (57 Prozent). Junge Menschen mit Migrationshintergrund haben sich in den letzten Jahren aber schulisch stark verbessert. Jetzt geht es darum, sie für die Ausbildung zu gewinnen, Bewusstsein für die Qualität solcher Berufe zu schaffen. Dafür haben wir Beratungsstellen eingerichtet, in denen auch Eltern und Großeltern, aber auch Unternehmer mit Migrationshintergrund als Multiplikatoren informiert werden.

Außerdem fällt auf, dass ein Viertel derjenigen, die sich für einen Karrierestart in der beruflichen Bildung entscheiden, eine Hochschulzugangsberechtigung haben. Schaut man aber etwas genauer hin, dann stellt man fest, dass sich Abiturienten nur für wenige Ausbildungsberufe interessieren: bei einer Bank, in den neuen Medien und für kaufmännische Berufe.

Ich halte nichts davon, Jugendliche über staatliche Lenkungsmanöver in bestimmte Berufsfelder oder Bildungsbereiche zu zwingen. Junge Menschen müssen selbst entscheiden können, wo sie ihre Zukunft sehen und an welcher Stelle sie mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten am besten aufgehoben sind. Aber dabei brauchen sie Unterstützung. Potenzialanalysen sind dafür eine hervorragende Sache. Und die brauchen eben auch manche Gymnasiasten. Seit diesem Jahr können deshalb nun auch Gymnasien Potentialanalysen und die individuelle Berufsorientierung nutzen.

Wir schätzen, dass in Deutschland pro Absolventenjahrgang an den Hochschulen jeweils 100.000 junge Menschen ein angefangenes Hochschulstudium abbrechen. Viele von ihnen treten ohne weitere Qualifikation in den Arbeitsmarkt ein. In den MINT-Studiengängen an Universitäten sind die Abbruchquoten trotz leichter Verbesserung besonders hoch.

Hier sehe ich zum einen die Hochschulen und die Länder in der Verantwortung, zum anderen aber auch die Unternehmen, die das Potenzial der Studienaussteiger noch besser nutzen müssen.

Ganz wichtig für die Leistungsstarken sind die Verzahnung und die Durchlässigkeit von beruflicher mit akademischer Bildung – also auch die gegenseitige Anrechnung und Anerkennung von Ausbildungs- und Studienleistungen. Man kann heute auch in jedem Bundesland, wenn man eine dreijährige Ausbildung und Berufserfahrung hat, studieren. Leider gibt es aber noch zu oft Hürden: Wer macht denn, wenn er Jahre in der Praxis war, eine Aufnahmeprüfung? Wer besteht eine Aufnahmeprüfung in Physik, nachdem er zehn Jahre aus der Schule raus ist? Deshalb muss der Eingang unkomplizierter werden. Am Ende muss aber dieselbe Qualität stehen.

Auch die Anforderungen haben sich verändert – das gilt sowohl für den Kompetenzerwerb während der Ausbildung als auch für die Notwendigkeit von Fort- und Weiterbildungen.

Ich meine hier nicht in erster Linie den kompetenten Umgang mit den „neuen Medien“ – hier kennen sich die Azubis ja meist besser aus als ihre Ausbilder. Gerade in den gewerblich-technischen Berufen werden vielmehr immer stärker Diagnosekompetenz bei Wartung, Service und Reparatur sowie das Verständnis komplexer Prozesse und Systeme erwartet.

Mit neuen Ausbildungsordnungen haben wir darauf reagiert. Und auch in der kürzlich gestarteten Plattform Industrie 4.0 ist das ein Thema.

Wir wollen die berufliche Bildung im Rahmen der Digitalisierung attraktiver machen. Wir müssen Spitzenqualifikationen ausbauen und den Schnittstellenbereich zur akademischen Ausbildung stärker besetzen.

Wir brauchen insgesamt mehr Aufgeschlossenheit, mehr Offenheit, mehr Neugier und Experimentierfreude in der Gesellschaft – für MINT-Bildung und für die berufliche Bildung. Im Moment haben wir eine niedrige Arbeitslosenquote in Deutschland. Bei den Akademikern sind es zwei Prozent, also Vollbeschäftigung. Und bei denjenigen zwischen 24 und 35 Jahren, die keinen beruflichen Abschluss haben, liegt die Arbeitslosigkeit bei 19 Prozent. Wir unterstützen deshalb die jungen Leute dabei, dass sie einen Berufsabschluss machen. Das ist nicht nur unter volkswirtschaftlichen Aspekten wichtig, sondern auch für das Lebensglück der jungen Leute.

Vielen Dank.