35. Jubiläum des McCloy Programms

Rede der Bundesministerin Anja Karliczek anlässlich des McCloy-Jahrestreffens in Berlin

"Berufliche und akademische Bildung als echte gleichwertige Bildungswege nebeneinander zu stellen - das ist mein Ziel", sagte Anja Karliczek. © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Dr. Julius,
sehr geehrter Herr Professor Risse, lieber Mathias,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Wer die Chance bekommt, als McCloy Stipendiat an der Kennedy School zu studieren, der hat so etwas wie das große Los gezogen. Ich selbst hatte vor zwei Jahren die Gelegenheit, über die Bosch-Stiftung eine Woche dort zu verbringen. Schon nach dieser einen Woche kam ich begeistert zurück. Ich habe Amerikaner kennengelernt, zu denen ich zum Teil immer noch Kontakt habe. Ich habe manches Vorurteil revidiert, das ich hatte. Und ich bin ein Stück weit sensibler dafür geworden, wie sehr unsere kulturellen Erfahrungen unseren Blick auf die Welt prägen. Ich verstehe viele Äußerungen weit besser und kann sie eher einordnen, als ich das vorher konnte.

Gerade in dieser Zeit, in der Länder wieder auseinanderzudriften scheinen, in der alte Nationalismen wieder auftauchen, ist der persönliche Kontakt wichtig. Wer Freunde in anderen Ländern hat, der versteht, wie Menschen dort ticken. Der hat ein persönliches Interesse daran, dass das Verhältnis zwischen den Ländern ein gutes ist.

Auch das starke transatlantische Bündnis ist längst nicht mehr so selbstverständlich, wie es einmal war. Dabei verbinden uns gemeinsame Werte wie individuelle Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Grundwerte. Umso wichtiger ist es, dass kluge junge Deutsche weiter Brücken in die USA bauen.

McCloy Stipendiaten sind solche Brückenbauer, von denen wir erwarten, dass sie einmal Verantwortung in unserem Land übernehmen. Sie haben zwei Jahre lang die Chance, von herausragenden Wissenschaftlern intensiv zu lernen; sich mit brillanten Studierenden aus der ganzen Welt auszutauschen; Land und Leute und die amerikanische Kultur richtig kennen zu lernen.

Und Sie haben die Chance, einen neuen Blick auf ihr eigenes Land zu gewinnen, auf angenehme Eigenheiten ihres eigenen Landes. Manchmal sind das ganz einfache Dinge. Das Frühstück zum Beispiel. Wie habe ich angesichts süßer Donuts mein tägliches herzhaftes Körnerbrot vermisst.

Doch neben Alltäglichkeiten wie unserer Frühstückskultur gibt es noch vieles mehr, das uns für Deutschland begeistern lässt. Als erstes will ich Ihnen unsere Bildungs- und Forschungspolitik ans Herz legen.

Schließlich sind Sie als McCloy Stipendiaten immer auch Botschafter unseres Landes. Es kann nicht schaden, wenn Sie ein paar mehr gute Geschichten über Deutschland zu erzählen haben.

I. Forschung und Innovation

Begeisterung für deutsche Forschung habe nicht nur ich als frischgebackene deutsche Forschungsministerin. „Cool Germany“ titelte der Economist kürzlich.

Und wirklich: Deutschland geht es gut. Die Wirtschaft ist stark, die Finanzen sind gesund und die meisten Menschen haben einen stabilen Arbeitsplatz. Mittlerweile ist Deutschland wieder einer der attraktivsten Wissenschafts- und Forschungsstandorte weltweit.

Innovationen aus unserem Land, dem Land der Dichter und Denker sind international gefragt.

Ich wette, kaum einer von Ihnen weiß, wo die MP3-Technologie einst entwickelt wurde. Nein, nicht im Silicon Valley, sondern hier bei uns in Deutschland.

Nicht, dass wir Blinde wieder sehend machen können, aber aus unserem Land kommt auch ein Sehchip, mit dem blinde Menschen wieder erste Seheindrücke wahrnehmen können.

Dies sind nur zwei Geschichten aus Deutschland, die wir über uns erzählen können.

Aber: Wir stehen wirtschaftlich in einem harten Wettbewerb, insbesondere mit den USA und China. Die USA investieren stark ins Silicon Valley. Geld spielt keine Rolle. Und China kennt keine Kultusministerkonferenz…

Strategische Investitionen und enge Zusammenarbeit in Europa sind daher gerade jetzt von immenser Bedeutung. Denn wer am Ende die Nase vorn hat, kann Maßstäbe und Standards setzen.

Nehmen wir die Künstliche Intelligenz. Sie stellt uns vor eine Riesenaufgabe. Die meisten von uns bewegen sich irgendwo zwischen Faszination und Furcht. Es ist praktisch, Alexa oder Siri oder andere Sprachassistenten nach dem Wetter zu fragen. Man kann sogar Spaß mit ihnen haben, wenn man zum Beispiel fragt, woran sie gerade denken. [Manchmal ist es auch frustrierend, wenn sie zum zehnten Mal antworten: „Das weiß ich leider nicht.“ Dann wirkt die künstliche Intelligenz plötzlich doch nicht so schlau.]
Aber was ist, wenn unsere privaten Unterhaltungen zu Hause dadurch mitgezeichnet und irgendwo gespeichert werden?

Wir freuen uns, wenn uns Maschinen langweilige oder gefährliche Arbeit abnehmen. Aber wir fragen uns: Was ist, wenn Computer demnächst schlauer zu sein scheinen als wir? Wer trifft dann die Entscheidungen? Wer trägt die Verantwortung?

Wir wissen um die riesigen Chancen zum Beispiel für die Gesundheitsforschung, wenn wir Daten von Krankheits- und Behandlungsverläufen sammeln und sie mittels künstlicher Intelligenz auswerten. Aber die meisten von uns möchten bestimmt nicht, dass jeder Einsicht in unsere individuelle Krankenakte hat. Wir wollen selbst über unsere Daten bestimmen. Hier eine Lösung zu finden, ist alles andere als trivial.

Deswegen müssen wir alle diese Fragen offen und breit diskutieren. Es gilt Chancen und Risiken miteinander abzuwägen. Und am Ende müssen wir einen rechtlichen und ethischen Rahmen setzen.

Durchsetzen werden wir uns mit unseren Vorstellungen aber nur, wenn starke Unternehmen in Deutschland in der Lage sind, international den Ton anzugeben.

Die gute Nachricht zuerst: Wir haben in Deutschland in den letzten 30 Jahren im Bereich Künstliche Intelligenz eine gute Basis aufgebaut. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken ist weltweit das umsatzstärkste.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Zu oft werden die Ergebnisse deutscher Forschung in anderen Ländern vermarktet.

Wer hat zum Beispiel am Ende deutsche MP3-Player gekauft? Die Technologie entsteht bei uns, die Wertschöpfung überlassen wir noch zu oft anderen.

Wir brauchen in Deutschland mehr mutige neue Unternehmer, gerade auch aus der Forschung heraus, die aus ihren innovativen Ideen marktfähige Produkte machen. Dabei ist auch diese Herausforderung keine triviale. Denn es erfordert neben gezielten Unterstützungsmaßnahmen auch einen gesellschaftlichen Mentalitätswandel.

Dabei muss sich die Politik auch an die eigene Nase fassen. Wir dürfen nicht in alten Mustern verharren, wenn die Veränderungen um uns herum zunehmend disruptiv verlaufen. Um echte Innovationssprünge herbeizuführen, muss auch der Staat mehr Freiräume und Risikobereitschaft zulassen. Ich will deswegen neue Wege gehen, wenn es darum geht, Sprunginnovationen zu fördern.

II. Allgemeine Bildung

Wir wollen als ganze Gesellschaft ein neues Technologielevel erreichen. Und wir müssen dabei die ganze Gesellschaft mitnehmen. Ob alt ob jung, ob technologieaffin oder eher zurückhaltend bei technischen Neuerungen.

Dafür brauchen wir Bildung. Lebenslanges Lernen ist nicht mehr nur ein Schlagwort.  Die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens hat unseren Alltag erreicht.
Wir müssen uns auf allen Ebenen bewegen. Zuallererst in den Schulen. Dort wird das Fundament gelegt. Damit bin ich bei meinem zweiten Punkt.

Schon Kindergartenkinder gehen heute mit digitalen Medien um. Sie sind inzwischen selbstverständlicher Teil ihrer Lebenswelt. Wie sollen wir es diesen Kindern erklären, wenn in der Schule digitale Medien überhaupt nicht stattfinden? Wie sollen wir allen Kindern beibringen, dass man auf dem Smartphone nicht nur daddeln kann?
Wie wollen wir unseren Kindern ermöglichen, in der digitalen Welt klug zu agieren, wenn wir sie nicht auch in die Schulen holen? Unser gelebter Alltag muss auch in unseren Schulen stattfinden. So lernen Kinder einen vernünftigen Umgang mit Instrumenten, die für ihr weiteres Leben normal sind.

Ich will an dieser Stelle aber auch einmal eine Lanze für unsere Lehrkräfte brechen. Denn ihr Stellenwert wird stets unterschätzt.

Eine gute pädagogische Anleitung zum Lernen und persönliche menschliche Betreuung durch den verantwortlichen Lehrer ist durch nichts zu ersetzen. Ebenso werden unsere Kinder stets eigene analytische Fähigkeiten und handwerkliches Rüstzeug erlernen müssen. Allerdings bieten digitale Medien uns neue Chancen. Wir müssen sie nutzen, um Kinder individuell zu fördern und sie dort abzuholen, wo sie stehen.

Dafür wollen wir als Bund viel Geld in die Hand nehmen: Insgesamt 5 Milliarden Euro, davon allein 3,5 Milliarden in dieser Legislaturperiode, um die Schulen fit für das digitale Zeitalter zu machen. Eine Investition in die Zukunft von jungen Menschen. Voraussetzung ist die Änderung des Grundgesetzes. Nur mit einer Grundgesetzänderung können wir sicherstellen, dass wirklich unser ganzes Engagement in unseren Schulen ankommt.

Ich bin aber zuversichtlich, dass uns das gelingt. Wenn Politik auf allen Ebenen noch ernst genommen werden will, dann müssen wir nun an einem Strang ziehen. Bildung in all seinen Facetten muss von Bund, Ländern, Kommunen, Eltern, Lehrern und Schülern gemeinsam gedacht werden, unabhängig davon, wer dafür im Einzelnen die Verantwortung trägt.

Wir haben keine Zeit zu verlieren. Einige von Ihnen haben vielleicht mit ihren Kindern in den USA gelebt und damit festgestellt, wie viel selbstverständlicher dort der Umgang mit digitalen Medien dort an den Schulen ist.

III. Berufliche Bildung

Nach den Schulen kommen die Berufs- und Hochschulen. Auch sie sollen die Chancen der Digitalisierung systematisch nutzen.

Vermutlich erwarten Sie jetzt, dass ich vor McCloy-Stipendiaten nun ausführlich auf die Hochschulen eingehe. Das mache ich aber nicht. Mit meinem dritten Punkt möchte ich meine Begeisterung für die berufliche Bildung mit Ihnen teilen. Hier bin ich echte Überzeugungstäterin.

Ein Land wie Deutschland, das wenige Rohstoffe hat, lebt von seinen klugen hochqualifizierten Köpfen.

Und hochqualifizierte Köpfe sind eben nicht nur Spitzenakademiker wie die McCloy-Stipendiaten. Ebenso wichtig sind unsere hochqualifizierten Praktiker.

Wir gewinnen sie durch unser System der dualen Ausbildung, um das uns die Welt beneidet. Vielleicht haben manche von Ihnen darüber sogar mit Ihren amerikanischen Gastgebern gesprochen.

Denn durch die enge Verzahnung von theoretischem Wissen und praktischer Ausbildung in den Betrieben, werden deutsche Fachkräfte auf hohem Niveau für ihren Beruf vorbereitet. Es ist kein Zufall, dass viele Betriebe händeringend nach ihnen suchen.

Und wer sich nach der Ausbildung zum Beispiel zum Meister weiterbildet, der hat auch einen Abschluss in der Tasche, der dem Bachelor entspricht - allerdings mit dem klaren Vorteil, dass er neben theoretischen Kenntnissen auch schon sehr praktisch weiß, worüber er spricht.

Berufliche und akademische Bildung als echte gleichwertige Bildungswege nebeneinander zu stellen - das ist mein Ziel. 

Unser Ausbildungssystem - parallele theoretische und praktische Ausbildung mit einer engen Zusammenarbeit zwischen Schule und Unternehmen - ist ein Stabilitätsanker in einer sich derart schnell entwickelnden Welt, wie wir sie gerade erleben. Das duale Studium erlebt gerade einen Attraktivitätsschub, weil es so praxisnah ist.

Wenn wir es ernst meinen, dass jeder junge Mensch seinen Weg gehen soll - den Weg, der seinen Neigungen und Wünschen entspricht -, dann ist es jetzt höchste Zeit, der beruflichen Bildung eine neue Wertschätzung entgegenzubringen. Das werden wir tun - strukturell, finanziell, aber auch in der Ausstattung. Wir brauchen deshalb nicht nur hervorragende Hochschulen; wir brauchen auch Top-Berufsschulen. Und auch für Azubis muss es selbstverständlich sein, eine Zeit im Ausland zu verbringen. Auch sie sind Brückenbauer. Wir brauchen solche Brücken in allen Teilen der Gesellschaft.

Einen weiteren Punkt, den ich zu Beginn schon kurz angesprochen habe, möchte ich noch einmal aufgreifen. Die Erstausbildung ist der Beginn. Danach werden noch viele Weiterbildungen folgen. Denn die Zukunft der Arbeitswelt ist nicht einfach die Verlängerung der Gegenwart. Wir brauchen eine Kultur in unserem Land, die Lust erweckt, lebenslang immer wieder Neues dazuzulernen.

Auch noch im hohen Alter. Gerade ältere Menschen können enorm vom technischen Fortschritt profitieren, wenn sie offen sind und bereit sind, zu lernen mit neuen technischen Möglichkeiten umzugehen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir erleben gewaltige Umwälzungen, die auch Fliehkräfte erzeugen - in unserer Gesellschaft und zwischen den Staaten.

Es ist unsere Verantwortung, diesen Fliehkräften entgegenzuwirken. Es ist unsere Verantwortung unsere Gesellschaft und unsere Welt zusammenzuhalten. Je mehr unterschiedliche kluge Köpfe dabei zusammenwirken, neue Kontakte suchen, Menschen und Länder verbinden, desto eher wird das gelingen.

Liebe McCloy-Stipendiaten,

Sie haben eine große Chance bekommen. Sie tragen damit auch eine besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Erzählen Sie in den USA, was hier gut funktioniert. Wecken Sie Verständnis für die Art, wie wir denken und handeln. Beobachten Sie gleichzeitig genau, was Ihnen auf der anderen Seite des Atlantiks besser gefällt und bringen Sie das anschließend mit in Ihre Heimat. 

Sie sind Brückenbauer in vielfacher Hinsicht! Gerade jetzt werden Sie gebraucht!