40 Jahre Energieforschungsprogramm der Bundesregierung

Forschungspolitisches Grußwort des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung Dr. Georg Schütte anlässlich des Festaktes in Berlin

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Zypries,
sehr geehrter Herr Bundesminister Hauff,
sehr geehrter Herr Kempf,
sehr geehrte Damen und Herren,

40 Jahre Energieforschungsprogramm der Bundesregierung – was bedeutet das eigentlich für das Bundesministerium für Bildung und Forschung?

Dazu vier Denkanstöße meinerseits:

Erstens: Das BMBF war und ist ein verlässlicher Partner, Vordenker und Wegbereiter für Antworten zu zentralen Energiepolitischen Fragestellungen.

Über viele Jahre waren wir in der Bundesregierung das einzig zuständige Ressort für die Energieforschung. Wir haben die Basis für die heutige Spitzenstellung deutscher Energieforschung gelegt.

Sechs Energieforschungsprogramme seit 1977 – das sind 18,3 Mrd. EUR vom BMBF und seinem Vorgängerministerium, dem Bundesministerium für Forschung und Technologie, kurz BMFT. Das sind rund 85 Prozent der Gesamtausgaben.

Das BMBF nutzte dafür zwei Instrumente:

  1. Die Projektförderung und
  2.  die institutionelle Förderung.

Es geht uns darum, auf dem Weg über Grundlagenforschung hin zur Anwendung hoch innovative Forschungsprojekte zu fördern. Zugleich finanzieren wir leistungsfähige Forschungsinfrastrukturen. Diese suchen weltweit ihres gleichen. Nehmen Sie z.B. das „EMIL“-Labor am HZB [Energy-Materials-In-Situ-Laboratory]. Sie werden weltweit keine vergleichbare Anlage zur kombinierten Synthese und Analyse von Grenzflächen finden.

Allein im vergangenen Jahr haben wir 274 Millionen EURO für die institutionelle Förderung des Forschungsbereichs Energie der Helmholtz-Gemeinschaft bereitgestellt. Das ist über ein Drittel der Gesamtausgaben der Bundesregierung für die Energieforschung 2016. Zusammen mit der Projektförderung haben wir 385 Millionen EURO bereitgestellt. Das waren gut 44% der Ausgaben der Bundesregierung.

Damals wie heute gilt: Wir wollen, das modernste Spitzentechnologien das Energiesystem auf den jeweils neuesten Stand bringen.

Schon Anfang der 1990er Jahre haben wir mit dem „1000-Dächer-Programm“ und den Vorhaben „100 MW Wind“ bzw. „250 MW Wind“ den Weg dafür geebnet, dass die Versorgung einer Industriegesellschaft auf der Grundlage von Wind und Sonnenenergie keine Utopie geblieben ist.

Diese Programme waren ein Wegbereiter der Energiewende. Sie wären nicht möglich gewesen, wenn nicht schon zwei Dekaden vor der politischen Entscheidung wichtige Grundlageninnovationen auf den Weg gebracht worden wären. Forschung denkt in größeren Zeitzyklen als Politik. Deshalb ist es so wichtig, früh neue Weichen zu stellen, damit Wissenschaft die notwendige Zeit hat, Ideen bis zur Realisierungsreife zu treiben.

Unlängst haben wir die Kopernikus-Projekte gestartet: In vier Zehn-Jahres-Projekten schlagen wir mit breit angelegten Forschungsnetzwerken aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft eine Brücke von der Grundlagenforschung zur Anwendung. Mehr als 250 Partner arbeiten in diesen, auf 10 Jahre angelegten Projekten. Hier sollen Lösungen im systemrelevanten Maßstab Wirklichkeit werden.

Uns kommt es nicht darauf an, dass möglichst viele an unterschiedlichen Themen arbeiten, sondern dass sich die besten Köpfe gemeinsam auf zentrale Fragen fokussieren. Damit schaffen wir optimale Voraussetzungen für dringend benötigte technische, ökonomische und soziale Innovationen bei Netzen, Speichern, Industrieprozessen und der Systemintegration.

Bis 2025 haben wir allein für die Kopernikus-Projekte eine Gesamtfördersumme von bis zu 400 Mio. EUR vorgesehen. Sie sind die bisher größte Energieforschungsinitiative der Bundesregierung.

Zweitens: Wer Innovationen für die Energiewende will, kann auf eine starke Grundlagenforschung nicht verzichten.

Ich war unlängst in den USA. Von unseren dortigen Forschungspartnern konnten wir hören, dass es dort wieder einen Trend hin zur Stärkung der Grundlagenforschung gibt. Einerseits will man Defizite aufholen, andererseits legt man heute schon Grundlagen für eine Renaissance der Forschung an Erneuerbaren (nach Trump).

Innovationen – gerade im Energiesektor – brauchen Zeit. Das zeigt auch die Erfahrung aller Energieforschungsprogramme hierzulande. Realismus ist hier ein guter Begleiter.

Wir investieren heute in Lösungen, die uns ab 2025 zur Verfügung stehen sollen. Das BMBF steht für Zukunftsforschung und bereitet das energietechnische Übermorgen vor.

Die Energiewende bedeutet einen kompletten Umbau unserer Wirtschaftskreisläufe und Wertschöpfungsketten. Denn bei der Energiewende ist es nicht damit getan, Kohle- und Atomkraftwerke durch Wind- und Solaranlagen zu ersetzen. Unsere Forschung geht daher über diese Technologien weit hinaus. Zwei Innovationstreiber bestimmen dabei die Ausrichtung unserer Forschung mit: die Energiewende im Kontext von Digitalisierung und Klimaschutz.

Wir brauchen dabei auch die Unterstützung für disruptive Ansätze und Sprunginnovationen.

Das geht nur mit einer Verzahnung von Grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung. Beide müssen sich überlappen und dürfen nicht länger als eigenständige Teilsegmente im Wissenschaftssystem versstanden werden. Hier ist stärker als bisher ein Miteinander gefragt. Das gilt auch für die Zusammenarbeit zwischen den Ministerien. Damit ist keineswegs nur die Zusammenarbeit von Wirtschafts- und Forschungsministerium gemeint, spätestens mit dem Klimaschutzplan ist eindrucksvoll deutlich geworden, wie intensiv die einzelnen Sektoren voneinander abhängen. Forschung muss darauf mit ganzheitlichen Ansätzen reagieren. Energieforschung ist heute Klimaforschung. Klimaforschung aber geht weit über das Thema Energieforschung hinaus. Alte Zuständigkeitsregeln können hier hinderlich sein. Dass das geht, zeigen wir bei Energiespeichern und Stromnetzen. Beim Solaren Bauen haben wir gemeinsam die erfolgreichen Projekte ausgewählt. Es zeigt sich aber auch bei der Forschung für die Entwicklung klimafreundlicher Städte oder neue Mobilitätsansätze.

Auch für die Kopernikus-Projekte wünsche ich mir den engen Schulterschluss unserer Ressorts in der nächsten Legislatur.

Drittens: Nur mit Technologieoffenheit führen wir die Energiewende zum Erfolg. Dabei müssen wir teure Pfadabhängigkeiten vermeiden.

Die Energiewende wäre ohne die Verfügbarkeit technologischer Alternativen unmöglich. Der „Blick über den Tellerrand“ war und ist ein Wesenskern der Energieforschungsprogramme. Für diese Weitsicht gebührt Ihnen, Herr Bundeminister Hauff, unser ganze besonderer Dank. Technologieoffenheit war ein Markenzeichen ihrer Arbeit als Forschungsminister.

Ohne Technologieoffenheit schaffen wir die neue Phase der Energiewende nicht. Die ersten 30 Prozent Erneuerbare am Strom waren im Vergleich zu dem, was noch vor uns liegt, einfach. Allein die Sektorkopplung ist eine Riesenaufgabe. Dabei wären wir gut beraten, neue Pfadabhängigkeiten zu vermeiden. Sie produzieren volkswirtschaftliche Fehlinvestitionen.

Flexibilität und Offenheit sind das Gebot der Stunde. Die Energiewende ist ein kontinuierlicher Lernprozess. Sie ist von Unwägbarkeiten geprägt. Wir stehen in der Verantwortung, die Energiewende so ökonomisch und ökologisch effizient und sozial tragbar wie möglich umzusetzen.

Dafür brauchen wir den Wettbewerb der Ideen. Dieser ist ein Garant für die besten Lösungen in einem kohärenten Gesamtsystem. Innovationsketten müssen entstehen. Dafür brauchen wir die besten Köpfe. Deshalb brauchen wir auch im vorwettbewerblichen Bereich die Wirtschaft mit ihren Ideen. Unsere Carbon2Chem-Initiative ist ein vorbildliches Beispiel. Mit „Carbon2Chem“ arbeiten wir an der klimaneutralen Ausrichtung zweier deutscher Kernbranchen. Wir machen perspektivisch 20 Mio. Tonnen des jährlichen CO2-Ausstoßes der deutschen Stahlbranche wirtschaftlich nutzbar. Dies entspricht 10 Prozent der jährlichen CO2-Emissionen der deutschen Industrieprozesse und des verarbeitenden Gewerbes.

Das BMBF steht für Vorsorgeforschung. Denken Sie hier nur an die Speicherforschung, die noch eine große Wegstrecke vor sich hat. Wir haben damals die Initiative hierfür ergriffen. Das war eine richtige Entscheidung. Ohne Speicher keine Energiewende. Grundsätzlich gilt: Wir wollen eine breite Palette an Lösungsoptionen für den Umbau des Energiesystems. Daher fördern wir gezielt die Forschung für den „Plan B“.

Ein aktuelles Beispiel ist die Aufgabe, eine nachhaltige Mobilität zu gestalten. Mit Elektromobilität alleine werden wir die Klimaschutzziele nicht erreichen. Das BMBF denkt daher weiter: Wir beschäftigen uns etwa mit synthetischen Kraftstoffen mit denen die Emissionen im Verkehr schnell, effizient und im großen Maßstab gesenkt werden können (und ich will mich auch dazu bekennen, dass wir mit Forschung ausloten, welche Chancen die Fusion für die Energiegewinnung der Zukunft hat).

Viertens: Wir brauchen die Stimme der Forschung für den Dialog aller gesellschaftlichen Akteure zur Energiewende.

Für mich steht fest: Wir brauchen den offenen Diskurs. Mit einer neuen Diskussions- und Dialogkultur finden wir aus Konfrontationssituationen heraus. Unsere Forschung zeigt dies. Bei der Trassenplanung haben wir mit unseren Beteiligungsformen gute Lösungen gefunden.

Mehr denn je brauchen wir eine evidenzbasierte Energie- und Klimapolitik. Unsere Entscheidungen müssen nachvollziehbar und objektiv begründet sein. Nur so erhalten wir das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in politische Entscheidungsprozesse und setzen gezielt Kontrapunkte zum Postfaktischen.

Wissenschaft und Forschung tragen gesellschaftspolitische Verantwortung. Sie sind:

  • neutraler Vermittler zwischen Bürgern, Wirtschaft, und Politik und
  • ein Korrektiv politischer Entscheidungsfindung.

Positionen und Argumente, aber auch Risiken politischer Entscheidungen sind offen zu diskutieren.

Meine Bitte an alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Beziehen Sie aktiv Stellung. Bringen Sie Fakten ein. Zu Fakten gibt es keine Alternative.

Das heißt für mich auch: Wissenschaft und Forschung müssen raus aus selbstreferentiellen Echokammern und rein in den Dialog mit Anwendern, Politik und anderen gesellschaftlichen Akteuren.

Das BMBF setzt auf trans- und interdisziplinäre Dialog- und Agendaprozesse. Dabei gibt es kein Schubladendenken – wir eröffnen und nutzen gezielt die Schnittstellen zwischen verschiedenen Denkwelten von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Bei uns sitzen alle an einem Tisch. Wir lassen das „Wissen jenseits der Wissenschaft“ nicht außer Acht.

Der Dialog im Forschungsforum Energiewende, unsere Dialogplattform unter Beteiligung aller Ressorts, hat zum Beispiel entscheidende Impulse für das zukunftsweisende Konzept der Kopernikus-Projekte gegeben.

Zum Abschluss: Forschung und Bildung gehören ganz oben auf die politische Agenda der 19. Legislatur. Das gilt gerade auch für Energieforschung.

Deutschlands wirtschaftliche Stärke ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist das Resultat internationaler Technologieführerschaft und innovativer Produktideen. Sie kommen aus der Forschung.

Der internationale Innovationswettbewerb ist hochdynamisch. Unser Ziel muss es sein, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung weiter zu steigern. Im Jahr 2015 haben wir gemeinsam mit der Wirtschaft erstmals das Ziel erreicht, 3% des BIP in F&E zu investieren – mehr als je zuvor. Deutschland gehört weltweit zu den TOP 5 bei den F&E-Ausgaben.

Mit der Projektförderung haben wir immer wieder gezielt Impulse gesetzt.

Das BMBF ist fest entschlossen: Wir wollen Forschung und Entwicklung mobilisieren und unsere Wirtschaft fit für die Zukunft machen. Dabei verstehen wir uns als Partner und Moderator.

Deutschland muss Industrieland bleiben! Das BMBF wird den Umbau deutscher Kernbranchen wie Stahl, Auto und Chemie mit Forschung und Entwicklung für branchenspezifische Lösungen und Geschäftsmodelle weiter vorantreiben.

Die Energiewende ist systemisch in Richtung einer Wärmewende und Verkehrswende weiterzuentwickeln:

  • Wir nutzen über die Hälfte unserer Endenergie für Wärme und Kälte, dabei müssen wir noch viel effizienter werden, etwa im Gebäudebereich
  • Und im Verkehrssektor mussten wir einen Anstieg der Emissionen feststellen.

Die Energieforschung bleibt eine Gemeinschaftsaufgabe der Bundesregierung. Wir werden die Ausarbeitung eines 7. Energieforschungsprogramms gemeinsam mit dem BMWi und dem BMEL vorantreiben.

Dabei gilt: Energieforschung ist Klimaschutz. Sie ist ein zentraler Beitrag zur Umsetzung des Klimaschutzplans 2050.

Diese Themen diskutieren wir auch am 23. und 24. Mai auf dem BMBF-Zukunftskongress „Energieoffensive 2030“. Ich lade Sie schon jetzt herzlich dazu ein.

40 Jahre Energieforschungsprogramm belegt, dass die Bundesregierung in welcher Konstellation auch immer, zu ihrer gemeinsamen Verantwortung steht, dass Energiesystem kontinuierlich auf neuestem Stand zu halten.

Vielen Dank!