50-jähriges Bestehen der Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung

Festrede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Johanna Wanka in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren!

In Schillers Wilhelm Tell heißt es an einer Stelle: „Wir könnten viel, wenn wir zusammenstünden.“ Der Kern der Aussage ist noch immer aktuell, auch wenn es heute um andere gesellschaftliche Herausforderungen geht als in Schillers Drama.

Wer zusammen an einem Strang zieht und gemeinsame Ziele hat, kann viel und großes erreichen: Mehr als 12.500 Frauen und Männer wurden im Rahmen der KAS-Begabtenförderung in den vergangenen fünf Jahrzenten im In- und Ausland gefördert. Sie bilden heute ein festes Netzwerk, mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und dem Willen, sich auf der Grundlage christlich-demokratischer Wertvorstellungen gesellschaftlich zu engagieren. Unter ihnen sind Studierende unterschiedlicher Fächer, Berufstätige in allen Feldern und sogar ein Nobelpreisträger – kurz: Frauen und Männer mit besonderen Fähigkeiten und Begabungen.

Das ist von unschätzbarem Wert für uns alle. Nur wenn sich Menschen für das Gemeinwohl einsetzen, können wir unser Land weiterentwickeln. Wir brauchen Menschen, die die Initiative ergreifen, Entscheidungspositionen anstreben und helfen, gesellschaftliche Weichen zu stellen. Die Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung trägt dazu bei, die Elite von morgen zu bilden. Ich sage bewusst „Elite“. Aus meiner Sicht ist das eine Vokabel, die viel zu selten verwendet wird.

Die Elite zu bilden, ist keine leichte Aufgabe: Denn nicht jeder ist bereit und hat den Mut, an Weichenstellungen mitzuwirken und für das eigene Handeln einzustehen: Oft hören wir öffentlich Kritik an den Entscheidungsträgern. Noch immer wird heute ihre Verantwortung gering geschätzt. Gleichzeitig wächst bei vielen Menschen jeden Alters der Wunsch nach Orientierung und nach Handelnden, deren Entscheidungen sie vertrauen können.

Die Situation erhöht den Druck auf die Eliten enorm und kann junge Menschen abschrecken, selber Verantwortung zu übernehmen. Dieser Entwicklung müssen wir uns entgegenstellen: Ohne das Wechselspiel aus Vertrauen und Verantwortung kann Gesellschaft nicht funktionieren. Deshalb müssen wir überlegen, wie wir Vertrauen und Verantwortung wieder zu zentralen Kategorien in unserer Gesellschaft machen können.

Die KAS-Begabtenförderung trägt dazu bei: Sie ermutigt, Verantwortung zu übernehmen und so zu handeln, dass Vertrauen entsteht – und das nun schon seit 50 Jahren mit großem Erfolg.

I.

Wir brauchen ein gesellschaftliches Umdenken. Für mich ist Bildungsgerechtigkeit dabei ein zentrales Thema. Bildungsgerechtigkeit ist bei uns sehr stark auf die Förderung der Schwächeren konzentriert, auf die Unterstützung derjenigen, die unbedingt Unterstützung brauchen. Das ist auch gut so.

Aber Bildungs- und Chancengerechtigkeit bedeutet eben auch, die zu fördern, die stark sind, die stark sein könnten, die Talente, die Begabungen haben. Wir müssen diesen Menschen zeigen, dass wir stolz auf sie sind. Momentan hat man manches Mal aber den Eindruck, talentierte junge Leute müssten sich schämen, dass ihre Begabungen unterstützt werden. Selbst einige Entscheidungsträger bei uns denken so: Sie glauben gar nicht, welche Diskussionen wir schon im Bundestag hatten, weil wir die Mittel für Stipendien so massiv erhöht haben.

In den vergangenen zehn Jahren hat die Bundesregierung die Mittel für die Begabtenförderung fast verdreifacht: von rund 81 Millionen Euro in 2005 auf rund 233 Millionen Euro 2014 und 2015. Damit halten wir an unserem klaren Ziel fest: Seit 2008 unterstützen die Begabtenförderungswerke rund ein Prozent aller Studierenden mit einem Stipendium. Das waren 2014 rund 26.900 Studierende und rund 4.100 Promovierende. Die Zahl der KAS-Stipendiaten hat sich von 1.700 im Jahr 2005 bis heute verdoppelt.

Zusätzlich zum Ausbau der Begabtenförderungswerke haben wir mit dem Deutschlandstipendium und dem Aufstiegsstipendium für beruflich Qualifizierte neue Unterstützungsinstrumente. In Deutschland ist die Wertschätzung für eine nichtakademische Qualifikation noch immer geringer als für eine akademische. Das wollen wir ändern. Wir bemühen uns um eine noch stärkere Durchlässigkeit. Und deshalb bieten wir Menschen mit beruflicher Qualifikation, die studieren oder andere Wege gehen wollen, Aufstiegsstipendien an.

Insgesamt kamen im letzten Jahr über 50.000 Studierende in den Genuss eines Stipendiums. Das sind viermal so viele wie noch vor zehn Jahren.

Trotzdem wollen wir die Stipendienkultur in Deutschland noch weiter ausbauen. Das BMBF ist seit längerem in der Kultusministerkonferenz intensiv darum bemüht, etwas für die Begabtenförderung im schulischen Bereich zu erreichen. Daran mangelt es. Und ich bin sehr froh, dass sich die KMK in diesem Jahr, nach wirklich vielen Bemühungen, geöffnet hat und bereit ist, eine Förderstrategie für begabte Schüler zu etablieren.

Wir kümmern uns auch um die vielen jungen Menschen, die im Moment nach Deutschland fliehen. Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge ist noch nicht einmal 25 Jahre alt. Diese jungen Menschen haben unterschiedliche Qualifikationen. Unter ihnen sind natürlich auch viele, die gerne studieren möchten. Wir wollen nicht die Qualitätsanforderungen absenken, aber wir wollen ihnen den Weg in die Hochschulen erleichtern. Es ist unsere Aufgabe, die Begabungen dieser jungen Leute zu entdecken und zu fördern – ideell und finanziell. Wir haben deshalb dafür gesorgt, dass Asylbewerber künftig schneller BAföG-Leistungen beziehen können. Ihnen steht somit auch der Weg in ein Begabtenförderungswerk offen.

II.

Die finanzielle Unterstützung ist die eine Seite der Begabtenförderung. Mit Leben erfüllt werden Stipendien aber erst durch ideelle Förderangebote. Diese ideelle Förderung macht unsere Begabtenförderungswerke auch im internationalen Vergleich zu etwas besonderem. Sie ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Beispielsweise gibt es in den USA College-Stipendien für die begabtesten High-School-Schüler; unabhängig von ihrer Bedürftigkeit. Aber die ideelle Förderung ist dort nicht verankert. Diese ideelle Förderung ist uns allen aber besonders wichtig. Denn wir wollen, dass junge Menschen auf Basis eines festen Wertesystems handeln, dass sie Einschätzungs- und Beurteilungsvermögen besitzen.

Es geht hier um die Eliten der Zukunft. Aber es geht nicht nur um eine Führungs- und Entscheidungsposition, die die Elite einnehmen wird. Eine Demokratie braucht den mündigen Bürger, der in der Lage ist, zu entscheiden. Deswegen wollen wir junge Menschen dazu befähigen, das gesellschaftliche Umfeld reflektiert in den Blick zu nehmen. Wir müssen sie motivieren, sich einzubringen und den Bestand der Demokratie zu sichern und zu stärken.

Alle Stiftungen setzen für diese Persönlichkeitsbildung auch eigene Mittel ein. Die Konrad-Adenauer-Stiftung macht das aber in vorbildlicher Weise. Sei es zu Themen wie der europäischen Identität, zur Unternehmensethik oder zu aktuellen Herausforderungen wie der alternden Gesellschaft: Die ideellen Förderangebote der Konrad-Adenauer-Stiftung rütteln wach, öffnen Augen und machen Mut, Verantwortung zu übernehmen. Nicht warten und zuschauen, sondern überzeugen und handeln – das ist die Intention.

Kreativ zu denken und Perspektiven zu entwickeln: Auch dazu motiviert die Konrad-Adenauer-Stiftung immer wieder. Am besten geht das mit einem Blick über den Tellerrand des eigenen Faches und des eigenen Umfeldes. Dazu bietet die KAS viele Gelegenheiten, wenn sie beispielsweise Menschen verschiedener Fächergruppen und Lebenserfahrungen in Seminaren und Veranstaltungen zusammenbringt. Dass die Konrad-Adenauer-Stiftung diese Angebote für sehr viele junge Menschen realisieren kann, ist etwas, wofür nicht nur die Politik dankbar ist, sondern sicher auch die, die davon profitieren.

Das Besondere an der Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung ist dabei das Wertefundament, das beständig für Orientierung sorgt. Fortschritt in der Sache und Kontinuität in der Haltung: Das ist der Grundsatz der Konrad-Adenauer-Stiftung. Und das ist auch eine Einstellung, die für die Entscheider der Zukunft ganz wichtig und notwendig ist. Entscheidungen sind oft Abwägungssache. Gerade bei ethischen Fragen können wir vor einer Zerreißprobe stehen. Dafür braucht man Rüstzeug und Sicherheit und den Mut, sich für menschlich vertretbare Lösungen einzusetzen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung ermutigt dazu, Standhaftigkeit zu haben, die eigenen Ansichten zu vertreten, gleichzeitig offen zu sein für andere Meinungen, im Abwägen Kompromisse zu finden und zugleich die Folgen des Handelns einzuschätzen.

III.

Aber die Begabtenförderung ist keine Einbahnstraße: Sie ist nicht nur für die jungen Menschen, die in den Genuss der Förderung kommen, ein Gewinn. Sie ist es auch für die Stiftung. Denn Begabtenförderung lebt davon, dass etwas zurückgegeben wird.

Verantwortliches Engagement bedeutet Engagement über die aktive Zeit als Stipendiat hinaus. Dann ist auch das Netzwerk der Konrad-Adenauer-Stiftung tragfähig und kann wachsen. Ich bin überzeugt, dass dieses Netzwerk sowohl aktiven als auch ehemaligen Stipendiaten Gewinn bringt.

Junge Menschen brauchen Vorbilder, die motivieren, Verantwortung zu übernehmen. Konrad Adenauer sagte einmal: „Kritiker haben wir genug. Was unsere Zeit braucht, sind Menschen, die ermutigen.“ Das gilt zeitlos, gilt immer, aber das gilt besonders für junge Menschen. Sie sind häufig auf der Suche nach Orientierung.

Das sagt auch eine Jugendstudie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Werte wie Sicherheit und Ordnung haben für junge Menschen hohe Bedeutung. 95 Prozent der befragten Jugendlichen verbinden mit Sicherheit etwas Gutes, 91 Prozent mit Stabilität.

Sicherheit und Stabilität bedeuten für sie Planbarkeit und Vertrauen, gerade in Zeiten, in denen die Zukunft zwar viele, aber ungewisse Möglichkeiten bietet und die Gesellschaft sie mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Hier können Altstipendiaten Unterstützung anbieten. Sie können durch ihre Leistung und ihren Lebenslauf junge Stipendiaten ermutigen und Erfahrungen weitergeben. Sie können Vorbilder werden und ihre eigenen Werte vermitteln. In Studien gaben Zweidrittel der Befragten, die Spitzenpositionen in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern einnehmen, an, Verantwortungsgefühl sei für sie der wichtigste Grund für die Ausübung einer Führungsposition. Das ist, finde ich, ein sehr optimistisch stimmendes Ergebnis und davon können junge Menschen profitieren.

Ich möchte alle – die Stipendiaten, die Vertrauensdozenten, die Altstipendiaten – ermutigen, die Chancen und die Potenziale dieses Netzwerks und all das, was die Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung vermittelt, zu nutzen.

Eines ist klar: Wenn wir die jungen Menschen von heute nicht überzeugen, dass sie morgen die Gesellschaft mitgestalten müssen, dann haben wir alle übermorgen die Konsequenzen zu tragen. Und deswegen hatte Roman Herzog sehr Recht, als er einmal sagte, Begabtenförderung sei keine Belohnung für zurückliegende Leistungen, sondern eine „Hoffnung auf einen zukünftigen bedeutsamen Beitrag zum Gemeinwesen“. Deshalb, meine Damen und Herren, ist die Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung so wichtig.

Vielen Dank!

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung