50 Jahre Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb

Festansprache von Forschungsstaatssekretär Georg Schütte anlässlich des Festaktes zum 50-jährigen Jubiläum des Max-Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb am 12. Mai 2016 im Kaisersaal der Residenz München

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Ministerin Aigner,

sehr geehrter Herr Professor Stratmann,

sehr geehrte Herren Professoren Drexl, Harhoff und Hilty,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

Herzlichen Dank für die Einladung und für die sehr freundliche Begrüßung. Ich bin sehr gerne zu diesem Festakt anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Max-Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb zu Ihnen nach München gekommen und soll Ihnen die besten Wünsche von Frau Ministerin Wanka ausrichten.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

die Zukunft eines Landes wird nicht durch seine technologischen Potentiale bestimmt, sondern was es imstande ist daraus zu machen. Mit anderen Worten: von der Kraft zur Innovation. Der Wohlstand eines Landes wird auch nicht durch das Ausmaß der globalen Herausforderungen gefährdet, sondern inwieweit es mißlingt, diese Herausforderungen gemeinschaftlich anzunehmen. Mit anderen Worten: von der Fähigkeit zum Zusammenhalt. Innovation und Zusammenhalt sind die entscheidenden Schlüsselfaktoren. Beides lässt sich nicht verordnen, sondern braucht eine entsprechende Kultur und einen klugen politischen Rahmen. Dieser Rahmen muss nicht nur Sicherheit und Unterstützung bieten, sondern ebenso wichtig: Er muss Offenheit sichern und faire Chancen für jedermann. Er muss, wiederum mit anderen Worten, eine kluge Wettbewerbsordnung errichten und erhalten.

Es ist unschwer zu erkennen, dass das Max Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb also an ganz zentralen Fragestellungen für Zukunft und Wohlstand unseres Landes arbeitet.

Noch immer ist vielen die Dimension der Umbrüche nicht bewusst, vor denen wir stehen: Neue Formen der Mobilität, eine andere Energieversorgung, Umbrüche in der Wertschöpfung über neue digitale Geschäftsmodelle sind hier nur einige wenige Stichworte. Unsere Wirtschaft und Gesellschaft sind in einem Maße komplex geworden, wie sich das weder die Väter unserer Wirtschaftsordnung noch die Gründer unserer Forschungsinstitutionen geträumt haben. Die klassische Steuerungsfähigkeit der Politik nimmt ab. Die Bedeutung der weichen, kulturellen Faktoren nimmt zu. Zudem stecken wir selber mittendrin in den Veränderungen. Das macht es besonders schwer zu erkennen, was punktuelle Ereignisse und was lange Linien sind  Verstehen wir wirklich schon die Grundmuster und Leitthemen der aktuellen Veränderungen?

Hier ist der unvoreingenommene Forscherblick, die harte Prüfung an Fakten und Empirie, gepaart mit kreativem Spürsinn und Mut zum langen Atem von unschätzbarem Wert. Wir brauchen diese Expertise z.B. zur Nutzung von Innovationsindikatoren, zu einer größeren Dynamik bei der Gründung neuer Unternehmen, beim Herausbilden neuer Formen industrieller Organisation oder bei der sinnvollen Ausgestaltung von Normen zum geistigen Eigentum. Kurz: Aus allen diesen Gründen benötigen wir in Deutschland eine starke Innovationsforschung.

Evidenzbasierte Politikberatung baut hierauf auf. Sie muss aus meiner Sicht ein unverzichtbarer Bestandteil einer guten Innovationspolitik sein. In diesem Zusammenhang freue ich mich besonders, dass uns Herr Professor Harhoff innerhalb der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) seit langer Zeit als wissenschaftlicher Berater zur Verfügung steht. Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, dass unsere FuI-Politik nicht nur gelobt wird. Nicht immer sind wir einer Meinung. Anders wäre eine Politikberatung aber auch langweilig und vor allem sinnlos.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

die Max-Planck-Gesellschaft ist in Deutschland und der Welt schon seit langer Zeit ein Synonym für exzellente Grundlagenforschung. Auch in den schnellen Zeiten der Digitalisierung ist der Weg von der Grundlagenforschung bis zur marktreifen Innovation meist weit und steinig. Auch in den harten Zeiten des globalen Wettbewerbs ist es so, dass die bahnbrechendsten neuen Ideen gerade nicht unter dem Druck unmittelbarer Verwertbarkeit auf dem Markt entstehen. Und auch in einer Welt des umfassenden Informationsaustausches ist es so, dass viele Erkenntnisse erst Jahrzehnte später Eingang in die Praxis finden. Grundlagenforschung ist und bleibt daher das Fundament wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Innovation.

Grundlagenforschung wird aber immer auch durch Tendenzen der übermäßigen Spezialisierung, der Selbstgenügsamkeit und der geschlossenen Kommunikationsräume gefährdet bleiben. Um den Transfer zukunftsweisender Erkenntnisse in Anwendungen zu beschleunigen, sollten daher aus meiner Sicht Grundlagenforschung und angewandte Forschung noch enger miteinander verzahnt werden. Mit dieser stärkeren Integration lässt sich das deutsche Innovationssystem weiter verbessern, so dass damit auch gesamtwirtschaftlich größere Effekte erzielt werden können.

Die Max-Planck-Gesellschaft beweist z.B. mit der erfolgreichen Arbeit der Max-Planck-Innovation GmbH, dass bereits im frühen Stadium der Grundlagenforschung wirtschaftlich verwertbare Ergebnisse möglich sind. Aus meiner Sicht schlagen auch beide Abteilungen des Max-Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb diese Brücke zur Anwendung.

Einer der entscheidenden qualitativen Veränderungen der Digitalisierung besteht darin, dass immaterielle Güter zunehmend eine Schlüsselrolle in unserer Wirtschaft spielen. Dies zeigen z.B. die Diskussionen um Datenspeicherung, Datenzugang und Datennutzung. Ebenso denke ich an spektakuläre Patentstreitigkeiten zwischen Technologiekonzernen und Patentverwertern (auch Patent-Trolle genannt), die Diskussion um die Patentierbarkeit von Pflanzensorten und Tierrassen oder die schwierige Patent-Durchsetzung bei Medizinprodukten in Schwellenländern.

Es gibt eine zunehmende Anzahl von Spannungsfeldern zwischen dem legitimen Schutz der privaten Forschungsinvestitionen, dem geistigen Werk des Forschers und der notwendigen Diffusion von Wissen, um Innovation zu ermöglichen. Wieviel Offenheit verträgt Wissenschaft, wieviel Wirtschaft? Die richtige Grenzziehung ist nicht trivial. Mit ehrlichem Blick muss man sagen: Wir tasten uns voran. Wenn die Innovationsforschung dabei hilft, unseren Tastsinn spürbar zu verfeinern, dann hat sie schon einiges geleistet.

Hinzu kommt, dass die Durchdringung der Digitalisierung aller Arbeits- und Lebensbereiche dazu führt, dass immaterielle Güter immer mehr zum integralen Bestandteil von neuen Geschäftsmodellen in unserer netzbasierten Wirtschaft werden. Diese Geschäftsmodelle werden voraussichtlich nicht nur unser zukünftiges Arbeiten, sondern auch unsere Lebensweise sehr maßgeblich prägen. Damit kommen zunehmend ethische Fragestellungen auf: Wer hat das größte Anrecht auf personenbezogene Daten und vor allem auf die daraus generierten Erkenntnisse ? Der Datengeber, der Datenerheber oder der Datennutzer ? Wem erkennt die Rechtsordnung originär das Verfügungsrecht über nicht personalisierte, gleichwohl verhaltensbezogene Daten zu, auch wenn sie dann vielleicht weiterveräußert werden ? Und wie lässt sich hier ein gemeinsamer Grundkonsens im internationalen Zusammenwirken erzielen? Dies sind Fragen, die ohne rechtsethische Wertungen nicht zu beantworten sind.

Mit Ihrem Institut haben wir eine Institution, die sowohl mit Fragestellungen rund um den Schutz von immateriellen Gütern als auch mit den korrespondierenden Themen zu Innovation und Entrepreneurship eine wichtige Lücke in der deutschen Forschung schließt. Die Bündelung der Kompetenzen innerhalb eines Max-Planck-Institutes ist aus unserer Sicht gut gelöst. Mit der Neuausrichtung des Instituts auf so relevante Themen spielt das Institut eine herausragende Rolle innerhalb der Innovationsforschung in Deutschland. Umso wichtiger ist uns auch Ihr Rat dazu, welche Wege uns offenstehen, um die Innovationsforschung in Deutschland zu fördern. Wir haben hier in den vergangenen Jahren an Breite verloren und sollten deshalb gegensteuern.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Exzellenz bedeutet: Grundlagenforschung auf höchstem Niveau zu betreiben, erstklassige Forschungsinfrastrukturen bereitzustellen, attraktiv für die Besten der Welt zu sein. Die Max-Planck-Gesellschaft ist dafür bekannt, hervorragende Voraussetzungen für Forscherinnen und Forscher zu schaffen. Damit daraus Spitzenpositionen werden, müssen wir die bestmöglichen Arbeitsbedingungen schaffen. Das Motto ist nicht Abschottung, sondern hohe Attraktivität. Die Max-Planck-Gesellschaft ist hier im internationalen Vergleich sehr gut positioniert. Dies machen allein die Anzahl ausländischer Direktoren und Direktorinnen in den Max Planck-Instituten und der hohe Anteil ausländischer Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen deutlich. Sie haben in den vergangenen Jahren herausragende Spitzenkräfte gewinnen können.

An dieser Stelle lobe ich – als wichtige andere Seite der Medaille – insbesondere Ihre Maßnahmen im Bereich der Nachwuchsförderung – wie die Einführung von Arbeitsverträgen anstelle von Stipendien für Promovierende.

Erwähnen möchte ich auch die Gleichstellungspolitik der MPG, die nicht nur den Anteil von Frauen in Leitungspositionen angehoben hat, sondern mit der MPG-weiten Zertifizierung durch die Stiftung berufundfamilie auch die Familienfreundlichkeit und damit die internationale Attraktivität der Max-Planck-Gesellschaft als Arbeitgeber weiter steigern konnte. Es ist hier allerdings auch noch durchaus ein Stück des Weges zu gehen! Bleiben Sie deshalb bei der Umsetzung dieser Konzepte bei den hohen Anforderungen an sich selbst, für die die Max-Planck-Gesellschaft bekannt ist. Wir unterstützen diesen Weg mit dem Pakt für Forschung und Innovation sehr gerne.

Das Selbstverständnis des Wissenschaftlers von seinem Beruf und seiner Berufung darf und soll sich weiterentwickeln, ohne dabei den unverzichtbaren Kern aufgeben. Ich möchte Sie daher ermutigen, auch neue Ansätze wie die Bürgerforschung in Ihre Arbeit einzubauen. Wenn wir zunehmend über die Bedeutung von sozialer Innovation im Sinne von gesellschaftlicher Innovation diskutieren, dann ist auch das eine spannende und in sich innovative Fragestellung. Und wenn Forschung in der Kommunikation auch einmal populär und unterhaltsam daher kommen darf, ohne gleich den Anspruch auf Seriösität aufzugeben, dann ist auch das aus meiner Sicht ein Fortschritt in der deutschen Wissenschaftskultur. Wirklich guter Science Slam setzt meist auch gute Forschung dahinter voraus. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute und morgen intellektuell anregende und zugleich unterhaltsame Vorträge und Gespräche sowie exzellente Spitzenforschung auch in den kommenden fünfzig Jahren.

Vielen Dank.