6. Forum zur deutsch-französischen Forschungskooperation

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, in Berlin

Bundesministerin Anja Karliczek während ihrer Rede zur Eröffnung des 6. Forum zur deutsch-französischen Forschungskooperation © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Ministerin Vidal, 
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
sehr geehrte Mitglieder unserer Expertengruppen,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste!

"Europa ist wie ein Fahrrad. Hält man es an, fällt es um." Dieser Satz stammt vom ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Delors. Und er beschreibt sehr gut die Dynamik, mit der sich die Europäische Union bislang entwickelt hat. Es war noch nie leicht, Europa zu vereinen, aber stets war der Wille da, das Ganze am Laufen zu halten. Und Deutschland und Frankreich haben dafür gemeinsam kräftig in die Pedale getreten. So konnte sich die EU seit ihrer Gründung beständig weiterentwickeln, anspruchsvolle Aufgaben übernehmen, Ideen und Themen vorantreiben, neue Verbindungen aufbauen.

Die aktuellen Herausforderungen – von Brexit über Migration bis zu rechtspopulistischen Strömungen – gefährden jedoch die Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte. Das Fahrrad Europa gerät ins Schlingern. Wir müssen daher neu Schwung holen und uns wieder auf gemeinsame Ziele konzentrieren. Denn nur eine funktionierende EU kann politisch und wirtschaftlich stark auftreten – nach außen und innen, das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einigen Tagen deutlich gemacht.

Deshalb ist es gut, dass Deutschland und Frankreich bei Bildung, Forschung und Innovation ein klares Ziel verfolgen: Know-How und Kräfte bündeln, damit wir bei Zukunftsthemen in Europa gute Lösungen entwickeln und umsetzen können.

Wir haben eine gemeinsame Vision von Europa: Ein Europa, in dem wir überall gut leben und arbeiten können. Ein Europa mit Top-Schulen, Universitäten und Berufsschulen, die junge Menschen auf die Lebens- und Arbeitswelt von morgen vorbereiten. Ein Europa, in dem die Reise durch verschiedene Kulturen ein Genuss ist und trotzdem das Große und Ganze wieder die Herzen der Menschen erreicht. Gemeinsamkeiten erlebt man dann am besten, wenn man sich trifft und austauscht. Deswegen wollen wir unsere jungen Menschen ermutigen, mobil und offen für Neues zu sein. In anderen Ländern lernen, studieren und arbeiten, soll selbstverständlich sein.

Gleiches gilt für Menschen, die in unserem Land nach neuer Erkenntnis streben – unsere Forscher. Ein gutes Netzwerk – ein enger Austausch – Verständnis füreinander. Das ist das Ziel. Und ein Klima schaffen, in dem Unternehmen Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die auf den Weltmärkten bestehen. Wir wollen ein Europa, das in den Schlüsselbereichen technologisch souverän ist und im internationalen Innovationsgeschehen vorne mit dabei ist.

"Vorwärts, habt keine Angst!" sagte Präsident Macron in seiner Rede zur Verleihung des Karlspreises in Aachen, damit Europa stabiler, stärker, solidarischer wird. Diese Vision verfolgen Frankreich und Deutschland gemeinsam. Bei Wissenschaft und Forschung gehen wir entschlossen voran. Das war Konsens beim deutsch-französischen Ministerrat im Juli 2017. Diesen Anker setzten wir in der neuen Weiterentwicklung des Élysée-Vertrages.

Auf dem heutigen 6. Forum zur deutsch-französischen Forschungskooperation wollen wir vereinbaren, in welchen Arbeitsgebieten wir künftig kooperieren. Dabei soll es nicht bei Absichtserklärungen bleiben. Vielmehr ist es mein Ziel, die Vorschläge, die Sie, meine Damen und Herren, in den Expertengruppen erarbeitet haben, möglichst rasch in konkrete Förderinitiativen und Projekte zu überführen.

Frau Vidal und ich legen in unserer gemeinsamen Erklärung ein Arbeitspaket vor, das uns die nächsten Jahre beschäftigt: Wir werden gemeinsam die Energieforschung, Kampf gegen Antibiotikaresistenzen und Zivile und IT-Sicherheitsforschung voranbringen – bilateral und sehr ambitioniert.

Denn die europäische Dimension unserer Kooperation ist uns heute in Meseberg wichtig zu benennen. Unser intensiver bilateraler Dialog soll ganz Europa Nutzen bringen.

Einheit in Vielfalt ist die Stärke Europas. Gerade auch in Wissenschaft und Forschung. Darauf bauen wir auf.

II.

Klar ist: Wer den Anspruch hat, in wichtigen Technologiefeldern eine Spitzenrolle einzunehmen, muss nicht nur für Ideen offen sein, sondern auch bahnbrechenden Neuerungen den Weg ebnen. Das gilt insbesondere für Schlüsseltechnologien, wie die Mikroelektronik, die Quantentechnologie, oder die Künstliche Intelligenz. Hier wollen wir gemeinsam mit Frankreich eine Vorreiterrolle in Europa einnehmen. Wenn wir über Innovationen sprechen, geht es nicht nur um naturwissenschaftliche Forschung und neue Technik, sondern auch um die grundlegende Frage, wie wir morgen zusammen leben wollen. Deswegen sind gerade auch die Geistes- und Sozialwissenschaften gefragt, die ja dazu in den heutigen Diskussionsrunden vertreten sind. Ihre Überlegungen geben wichtige Impulse für die ethische, rechtliche oder demokratische Einordnung von Innovationen.

Lassen Sie mich wesentliche Punkte der deutschen Innovationsagenda benennen, von denen Impulse für ganz Europa ausgehen können:

Dreiklang Vernetzung – Transfer - Partizipation

Mit unserer nationalen Hightech-Strategie konzentrieren wir uns auf die Zukunftsthemen Digitalisierung, Gesundheit, Klima und Energie, Mobilität, Sicherheit, soziale Innovationen und die Zukunft der Arbeit. Drei Aufgaben, die wir jetzt angehen werden:

  1. einzelne Disziplinen und Institutionen besser vernetzen,
  1. Forschung schneller in der Praxis umsetzen und
  2. die Menschen in unserem Land stärker beteiligen.

Damit die Vorteile von Forschung und Innovation auch wirklich bei den Menschen ankommen – sei es um Krankheiten besser und schneller zu heilen oder um Mobilität einfacher und kostengünstiger zu machen.

Bildungs- und Innovationspolitik verknüpfen

Zu einer strategischen Innovationspolitik gehört immer auch eine strategische Bildungspolitik. Denn wenn wir in unseren Ländern ein neues Technologieniveau erreichen wollen, müssen wir die ganze Gesellschaft mitnehmen. Ob alt ob jung, ob technologieaffin oder eher zurückhaltend bei technischen Neuerungen. Das wird die Bildung verändern. Die Grundlage legen wir in den Schulen. Auf allen Ebenen arbeiten wir daran, den Alltag des digitalen Zeitalters in unseren Schulen ankommen zu lassen. Schon zu Schulzeiten sollen unsere Kinder lernen, klug mit digitalen Medien umzugehen. Hier können wir übrigens von anderen europäischen Ländern lernen, die in der Digitalisierung der Bildungssysteme schon weiter sind, wie Estland oder die Niederlande.

Die berufliche Bildung im dualen System ist ein weiteres Pfund, um die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern. Denn die natürliche Abstimmung zwischen Theorie und Praxis macht es leicht, Entwicklungen abzubilden. Viele europäische und internationale Partner schauen auf uns. Duale Berufsbildung stärker im europäischen Kontext zu verankern, stärkt die Resilienz Europas in schwierigen Zeiten. Möglicherweise ist das ein guter Schwerpunkt für die kommende deutsche EU-Ratspräsidentschaft.

Darüber hinaus gilt es, die akademische Exzellenz weiter auszubauen. Deswegen haben wir kürzlich auf der Bologna-Ministerkonferenz in Paris vereinbart, die europäischen Hochschulkooperationen nachhaltig zu stärken. Gute Beispiele sind die Deutsch-Französische Hochschule und die regionalen Hochschulverbünde. Diese Idee werden wir weiterverfolgen. Hochschulen und Forschungseinrichtungen sollen vielfältige Kooperationen auf den Weg bringen können.

Sprunginnovationen fördern

Mein dritter Punkt ist: Mut zum Risiko, Freude am Gelingen.

Wie wollen wir das angehen? Gesetzlich lässt sich schließlich nicht verordnen, dass Menschen Ideen haben, dass Menschen den Mut zum Risiko aufbringen, dass sie ein Unternehmen gründen und dass sie dieses Unternehmen auch über längere Zeit fortführen, obwohl lukrative Exit-Angebote locken. Gerade letzteres ist ganz wichtig in einer Zeit, in der innovative Unternehmen einfach von China aufgekauft werden.

Wir brauchen viele Menschen, die mit ihren Ideen mutig voranschreiten, Unternehmen gründen und in den internationalen Markt einsteigen. Dabei will ich ganz ausdrücklich die derzeitigen aktiven Institutionen und Unternehmen, die im internationalen Innovationsgeschehen aktiv sind, hervorheben. Doch gehen daraus hauptsächlich inkrementelle Innovationen hervor. Was wir auch brauchen, sind sogenannte „Sprunginnovationen“ – Innovationen, die nicht Reform sind, sondern Revolution, die völlig neue Produkte, Geschäftsmodelle und Kundeninteressen erzeugen. Beispiele der letzten Jahre gibt es – und sie wurden teilweise sogar in Europa entwickelt. Doch wir müssen schneller werden. Schnell und schlagkräftig ist die Devise der nächsten Wochen und Monate – auf allen Ebenen.

(1) National benötigen wir eine Agentur für Sprunginnovationen, die staatlich finanziert, aber mit besonderen Freiheitsgraden ausgestattet sein soll. Für Innovatoren aus Wissenschaft und Wirtschaft entstehen so Freiräume, um visionäre Ideen zu verfolgen und in die Praxis zu bringen.

(2) Gemeinsam mit Frankreich planen wir, unsere Aktivitäten bei Sprunginnovationen stärker zu vernetzen. Mit schlanken Strukturen und systematischer Beratung wollen wir Synergien heben. Dieses neue bilaterale Innovationsnetzwerk ist der Anfang. Es freut uns, wenn wir auch andere interessierte EU-Mitgliedsstaaten zum Mitmachen bewegen können.

(3) Letztlich ist das langfristige Ziel, dass auch die EU Sprunginnovationen mit Instrumenten fördert, die komplementär zu den nationalen Initiativen sind. Damit ist der wirkliche Mehrwert dann auf europäischer Ebene angekommen.

Innovative Unternehmen benötigen genau dann Unterstützung, wenn sie am sensibelsten sind: In Gründungs- und Wachstumsphasen. Hier kann der Europäische Innovationsrat seine Wirkung entfalten. Europa als Unterstützer in entscheidenden Phasen.

Künstliche Intelligenz

In einer entscheidenden Phase befinden wir uns auch bei der Künstlichen Intelligenz. Auch hier stehen wir wirtschaftlich in einem harten Wettbewerb, insbesondere mit den USA und China. Strategische Investitionen und enge Zusammenarbeit in Europa sind daher gerade jetzt von immenser Bedeutung. Denn wer am Ende die Nase vorn hat, kann Maßstäbe und Standards setzen.

Wir haben in Deutschland in den letzten 30 Jahren im Bereich Künstliche Intelligenz eine gute Basis aufgebaut. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken ist weltweit das umsatzstärkste. Zur Wahrheit gehört aber auch: Zu oft werden die Ergebnisse unserer Forschung woanders vermarktet.

Deshalb arbeiten wir intensiv an einem nationalen Masterplan für Künstliche Intelligenz, den wir im Herbst vorstellen werden. Gemeinsam mit Frankreich werden wir diese Technologie in Europa vorantreiben und nationale Strategien mit den Aktivitäten der Europäischen Kommission an geeigneten Stellen verzahnen.

Wir haben deshalb schon vor einiger Zeit ein Netzwerk geschaffen, in dem sich Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft austauschen können. Dieses Netzwerk werden wir erweitern.

Die deutsch-französische Zusammenarbeit zur Künstlichen Intelligenz soll neben Grundlagenforschung auch den Transfer von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft sowie die Erarbeitung ethischer Standards und eines regulatorischen Rahmens beinhalten.

III.

Meine verehrten Damen und Herren,

Einzelkämpfer haben auf den Weltmärkten kaum Chancen, vorne mitzuspielen. Es ist wie bei der Tour de France. Nicht der Einzelfahrer vermag sich über den Berg zu kämpfen. Sondern es braucht eine funktionierende Mannschaft, in der immer wieder einige Fahrer bereit sind, die Spitze zu übernehmen und andere im Windschatten mitziehen lassen. Was bei den Radrennfahrern gilt, gilt im gemeinsamen Europa genauso. Nur gemeinsam sind wir stark.

Kooperationen in Forschung und Wissenschaft können ihren Anteil zur politischen und wirtschaftlichen Stabilität des geeinten Europas leisten.

Nur so werden wir die Synergien eines gemeinsamen Binnenmarktes vollumfänglich nutzen können. Zum Wohle unserer Menschen, aber auch der internationalen Gemeinschaft. Denn die Lösungen für globale Herausforderungen sind auch immer Schlüssel zur Lösung vieler nationaler oder europäischer Fragestellungen. Europäische Initiativen in Bildung und Forschung senden ein Signal der Verlässlichkeit in die Welt. Das ist in Zeiten wie diesen ebenso wichtig wie vieles andere, über das wir heute sprechen.

Ich danke allen, die ihre Ideen und Erfahrungen in die Expertengruppen und Diskussionen einbringen. Hier zeigt sich ganz konkret, wie wir aus der deutsch-französischen Partnerschaft heraus Europa gestalten können.

Lassen Sie uns weiterhin gemeinsam an der Zukunft eines starken Europas arbeiten!