6. Münsterscher Bildungskongress

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, in Münster

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek während ihrer Rede
Bundesbildungsministerin Anja Karliczek während ihrer Rede © Michael Kuhlmann

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Professor Wessels, 
sehr geehrte Frau Kollegin Benning, 
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Länder und der Wissenschaft, 
liebe Schulleiterinnen und Schulleiter, 
liebe Lehrerinnen und Lehrer,
liebe Eltern,

meine sehr geehrten Damen und Herren, 

vor kurzem war ich bei der Preisverleihung von „Jugend forscht!“ und habe viele talentierte Schülerinnen und Schüler kennengelernt. Eine davon war Jule Thaetner, eine junge Frau aus Kassel. Ich habe mich nach der Preisverleihung mit ihr unterhalten. Jule Thaetner  hat ein neues Verfahren zur Brustkrebsdiagnostik entwickelt und dafür einen Preis gewonnen: Mit 14 Jahren hat sie angefangen, sich dafür zu interessieren, wie Brustkrebs entsteht. Sie hatte in Zeitungsberichten gelesen, dass viele Frauen aus Angst vor der Mammographie nicht zur Vorsorge gehen. 

Damit war ihr Forschungsprojekt geboren. Sie wollte ein neues, sanfteres Verfahren mit Wärmebildkameras zur Früherkennung der Krankheit entwickeln. Jule ist mittlerweile 18 Jahre alt und im Gespräch mit verschiedenen Firmen, die Interesse an ihrem Verfahren haben. Das finde ich beeindruckend. 

Jules Leidenschaft hat mich fasziniert. Sie hat besondere Interessen und Begabungen. Und sie ist in der glücklichen Lage, das, was ihr Freude bereitet und was sie gut kann, schon in jungen Jahren entdeckt zu haben. Ich habe mich gefragt, wer sie auf ihrem Weg unterstützt hat. 

Die Antwort fiel nicht ganz überraschend aus: Jules Talent war einer Lehrerin der MINT-Fächer aufgefallen. Noch heute schwärmt Jule von ihrem Unterricht. Bei dieser Lehrerin konnte jeder Schüler nach eigenem Tempo arbeiten und sich mathematisch-naturwissenschaftliche Themen sowohl theoretisch als auch praktisch erschließen. Jule ging offenbar ganz offen an die Aufgaben heran und so war schnell klar, dass sie von einer intensiveren Förderung profitieren würde. Die Lehrerin empfahl sie an das Kasseler Schülerforschungszentrum, wo sie an aktuellen naturwissenschaftlichen Themen forschen konnte – praxisorientiert und eigenständiger als bisher.

Ihre Eltern haben ihr dabei den Rücken freigehalten. Für sie war es okay, wenn sie bis spät abends über Datenauswertungen saß.  Selbstbewusst hat Jule dann auf einem Krebskongress einen Professor angesprochen, der sie bei dem nun preisgekrönten Projekt begleitet hat.

I.

Sicher: Nicht jedes Kind hat diese Art von naturwissenschaftlicher Affinität. Aber jedes Kind und jeder Jugendliche trägt Begabungen in sich – manche sind offensichtlich, andere müssen erst noch entdeckt und vor allem entwickelt, gefördert werden. 

Kinder sind von Natur aus neugierig. Als Mutter von drei Kindern weiß ich: Von Anfang an löchern sie einen mit Fragen zu Phänomenen, die uns Erwachsenen oft gar nicht mehr auffallen. Sie hinterfragen grundlegende Dinge und entdecken dadurch ihre Welt. Diese natürliche Neugierde ist ein Motor, mit dessen Antrieb sie sich immer neue Welten erschließen. 

Wir Eltern haben die Aufgabe, genau hinzusehen, wo sich Interessen, Neigungen und besondere Talente zeigen. Diese Neugierde und diese Lust am Lernen müssen wir immer wieder altersgerecht – und vor allem individuell – fördern. Denn das Elternhaus prägt ganz entscheidend die individuelle Einstellung zur Leistung, die uns dann durchs ganze Leben begleitet. 

Aber auch außerhalb des Elternhauses ist wichtig, dass die Leistungspotenziale junger Menschen erkannt und gefördert werden und sie die nötige Wertschätzung erfahren. Eine Schlüsselrolle spielen deshalb Sie, liebe Lehrerinnen und Lehrer. Sie erreichen alle Heranwachsenden und können – wie Jules Lehrerin - ihre eigene Begeisterung weitergeben und Ihre Schülerinnen und Schüler zu hohen Leistungen motivieren. 

Gute Bildungspolitik schafft dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen. 

Deshalb hat mein Ministerium, gemeinsam mit den Ländern, im Januar den Startschuss zur Initiative „Leistung macht Schule“ gegeben. Leistungsstarke und potenziell besonders leistungsfähige Schülerinnen und Schüler sollen im Regelunterricht optimal gefördert werden. Dafür stellen Bund und Länder über die nächsten zehn Jahre insgesamt 125 Millionen Euro bereit. 

II.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, dass dieser Kongress in Münster stattfindet – und das nicht nur, weil ich unweit von hier Zuhause bin. Die Westfälische Wilhelms-Universität Münster ist mit Recht stolz auf ihren - auch über die Landesgrenzen hinaus – ausgezeichneten Ruf in der Bildungs- und Begabungsforschung. Der heute zum sechsten Mal ausgerichtete Kongress erfährt eine hohe Resonanz – ich blicke hier in den vollbesetzten Saal und habe gehört, dass eine Live-Übertragung zwei weitere Säle erreicht! Herzlich grüße ich auch alle außerhalb dieses Saals. Dass Sie alle da sind zeigt, wie groß der Bedarf an Austausch, Input und Vernetzung ist.

Viele von Ihnen sind Pioniere der Begabungsförderung in Deutschland und auch international. Sie engagieren sich bereits für junge Talente – aus wissenschaftlicher Perspektive, als Vertreter von Kultusministerien und Landesinstituten, als Verantwortliche für die Lehreraus- und -fortbildung, aber vor allem auch als Lehrkräfte im schulischen Alltag. Das verdient größte Anerkennung. Denn man kann einem jungen Menschen keinen größeren Gefallen tun, als ihm oder ihr zu helfen, die eigenen Stärken zu entdecken. Dabei geht es um nichts weniger als ihnen die bestmöglichen Chancen auf ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu eröffnen. Unabhängig davon, ob ihre Eltern gut verdienen oder nicht, ob sie auf dem Land wohnen oder in einer Großstadt, ob sie in Deutschland geboren wurden und ob ihre Regale mit Büchern gefüllt sind – oder ob sie diese Startvorteile eben nicht haben.

Man kann auch unserem Land keinen größeren Gefallen tun, als diese Talente zu fördern. Denn: Um Antworten auf die globalen Herausforderungen zu finden, um auch wirtschaftlich in Zukunft die Nase vorn zu haben – dafür sind wir auf die klugen Köpfe von morgen dringend angewiesen. Wir brauchen ihre Kreativität und Leidenschaft, ihr kritisches Denkvermögen. Wir brauchen diese jungen Talente an den Hochschulen und wir brauchen sie in der beruflichen Ausbildung. Denn auch mit einer handfesten Ausbildung stehen jungen Menschen alle Türen zu einer guten Zukunft offen.

III.

Noch immer hat die soziale Herkunft in unserem Land einen zu großen Einfluss auf den Bildungserfolg.  Ich möchte dazu beitragen, dass sich das ändert. Jeder, der etwas leisten will, soll das auch können. Jede und jeder soll das Beste aus seinen Talenten machen können. Das ist es, was wir ermöglichen wollen. Dafür setzen wir uns entlang der ganzen Bildungskette ein: Das beginnt bei der frühkindlichen Bildung, setzt sich fort beim Übergang von der Schule in die berufliche Bildung oder an die Hochschule und endet auch dort noch nicht. Lebenslanges Lernen ist mehr als ein Schlagwort. Es ist zur Notwendigkeit des privaten und beruflichen Alltags geworden. 

Was tragen wir dazu bei, dass junge Menschen ihren Bildungs- und Berufsweg erfolgreich gehen? Ich möchte Ihnen drei Beispiele nennen:

Erstens müssen die richtigen Weichen schon in den frühen Lebensjahren gestellt werden. Mit unserem Programm „Lesestart“ helfen wir, dass kleine Kinder zum Lesen und Eltern zum Vorlesen ermuntert werden.  Das erhöht die Chancen für einen erfolgreichen Bildungsweg. Und mit dem „Haus der kleinen Forscher“ wecken wir bei Kindern Interesse an MINT-Fächern. Mittlerweile sind die Hälfte aller Kindergärten in Deutschland aktive „Häuser der kleinen Forscher“. Das ist ein toller Erfolg! Dass wir mit frühkindlicher Bildung so viel erreichen können wie an fast keiner anderen Stelle in der Bildungskette, wissen diejenigen unter Ihnen, die in Kitas arbeiten, besonders gut.

Wichtig für den Bildungserfolg von Kindern ist zweitens auch die Ausstattung der Schule, in der sie tagtäglich lernen. Dazu gehört im 21. Jahrhundert auch eine vernünftige digitale Ausstattung. Damit unsere Kinder guten Unterricht bekommen, individuell auf ihre Fähigkeiten zugeschnitten, mit Mitteln auf der Höhe der Zeit. Von den Mitteln des Digitalpakts werden Schulen bereits im nächsten Jahr profitieren.

Und drittens fördern wir besondere Talente. Dafür gibt es „Bildung & Begabung“, die zentrale Anlaufstelle für Talentförderung und die Deutsche Schülerakademie. Wir unterstützen außerdem die mittlerweile 13 Begabtenförderungswerke und haben zusätzlich das Deutschlandstipendium ins Leben gerufen. 

Wir haben gute Angebote geschaffen. Ich möchte die talentierten jungen Leute ausdrücklich ermutigen, sie auch zu ergreifen! Eltern und Lehrer können dabei Hilfestellung leisten. Bedanken möchte ich mich auch bei den vielen Stiftungen, die in der Begabungsförderung aktiv sind  – einige von ihnen unterstützen diesen Kongress. Ihr Engagement kann gar nicht hoch genug geschätzt werden.

IV.

Jetzt aber gehen wir einen neuen, wichtigen Schritt. Mit der Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“. Es geht um Leistung ganz allgemein. Ich spreche bewusst nicht von „Wunderkindern“ oder „Hochbegabten“, die selbstverständlich auch ganz gezielter Förderung bedürfen. Ich spreche von leistungsstarken Schülern und solchen, die das Potenzial zu besonderer Leistungsstärke mitbringen. Und das sind Viele! Diese Schülerinnen und Schüler wollen wir erreichen. Wir finden sie in allen Schularten. Sie bleiben häufig unentdeckt. Oft haben sie kaum Gelegenheit, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und zum Ausdruck zu bringen. Genau das wollen wir mit unserer Initiative flächendeckend ändern. Am Ende geht es darum, die Leistung eines jeden anzuerkennen und wertzuschätzen.

Wie genau gehen wir vor? Zunächst einmal – und das ist mir wichtig – werden renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Leistungs- und Begabungsforschung mit den 300 Schulen zusammenarbeiten, die bei dieser Initiative mitmachen. Auf Augenhöhe. Die Schulen können dabei von wissenschaftlicher Erkenntnis profitieren, aber umgekehrt kann die Wissenschaft viel vom reichhaltigen Erfahrungswissen der Lehrkräfte und Schulleiter lernen. Gemeinsam konzentrieren wir uns auf drei Punkte: 

Erstens: die Schulentwicklung. Um Schüler individuell zu fördern, bedarf es eines schulischen Lernumfelds, in dem jeder so sein darf, wie er ist. Ein Umfeld, in dem es Spaß bringt, Leistung zu bringen, das Anstrengung anerkennt und Schüler auf vielfältige Weise die Lust am Lernen vermittelt. Leistung sollte im Leitbild jeder Schule als erstrebenswert verankert werden! 

Zweitens wollen wir den Unterricht weiterentwickeln. Zur Frage, was guten Unterricht ausmacht, hat nicht zuletzt der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie mit seiner bekannten Meta-Analyse beigetragen. Ihm zufolge kommt es – na klar - auf die Lehrerin und den Lehrer an! Darauf, wie er das einzelne Kind im Blick hat, wie er seine Klasse aktiviert und wie er dabei auch sein eigenes Handeln reflektiert. 

Drittens geht es – auch um länderübergreifende - Vernetzung, denn im Austausch über Landesgrenzen hinaus können Schulen von den guten Beispielen anderer lernen. Von dieser Art des Erfahrungsaustausches profitieren viele – allen voran unsere Schüler.

Und selbstverständlich lassen wir evaluieren, welche Strategien und Konzepte funktionieren und welche nicht. Wir nennen uns schließlich nicht umsonst „Bundesministerium für Bildung und Forschung“. Nur die wirklich wirksamen, die erfolgversprechenden, wollen wir in Phase II der Initiative der gesamten Schullandschaft zur Verfügung stellen.

Meine Damen und Herren,

Ich freue mich, dass so viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Forschungsverbundes „Leistung macht Schule“, auf diesem Kongress vertreten sind und ihre Expertise einbringen. Ich weiß, dass Sie die nächsten Tage auch dazu nutzen werden, in die ganz praktische Zusammenarbeit mit den Schulen zu starten. Deshalb habe ich gern zugestimmt, den Kongress als Schirmherrin zu unterstützen.

Wir schaffen ein starkes Netzwerk. Bund, Länder, schulische Praxis und Wissenschaft arbeiten eng zusammen. Denn: Wenn wir zum Wohle unserer Schülerinnen und Schüler unsere Kräfte bündeln, dann können in Zukunft noch viel mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland ihr volles Potenzial ausschöpfen. Dann ermöglichen wir im besten Falle, was ich vor einigen Wochen auch am Gesicht von Jule, der jungen Forscherin, ablesen konnte: Freude daran, sich durch eigene Leistung eine tolle Zukunftsperspektive zu schaffen.