6. Nationaler MINT-Gipfel

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek in Berlin

Bundesministerin Anja Karliczek während ihrer Rede © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Doktor von Siemens,

sehr geehrter Herr Doktor Winter,

sehr geehrter Herr Professor Kleiner,

sehr geehrter Herr Minister Holter,

liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,

sehr geehrte Damen und Herren!

Wer von Ihnen weiß, wann unsere Flugzeuge fliegen?

Hier heute bestimmt alle: nur wenn der Auftrieb stärker ist als der Widerstand und die Schwerkraft eines Luftfahrzeugs zusammen. So hat es schon Otto Lilienthal festgestellt, als er immer wieder versucht hat, seinen ersten Flieger in die Luft zu bekommen.

Und so machen es kleine Kinder auch: sie bauen Sandburgen bis das Meer sie wegspült. Sie sammeln Maikäfer und stecken sie in Opas Zigarrenkiste und damit die armen Maikäfer nicht ersticken machen sie Löcher in den Deckel und holen Blätter zu fressen. Warum machen sie das? Um sie zu beobachten. Weil es einfach spannend ist.

Was stellen wir fest? Die Freude und der Spaß an Wissenschaft und Technik liegt unseren Kindern in der Wiege.

Das ist doch schon mal eine gute Nachricht.

Jetzt die schlechte Nachricht: mit 20 ist bei vielen die Freude und Neugier erloschen. Das ist einerseits schade für den Einzelnen.

Aber gerade für unsere Volkswirtschaft, die aufgrund mangelnder Bodenschätze auf innovative Köpfe angewiesen ist, eine Katastrophe.

„Know how“ – im besten Sinne des Wortes – ist unsere Ressource.

Deshalb dürfen wir uns nicht einfach damit abfinden.

Der Wohlstand dieses Landes hängt an unserer Wettbewerbsfähigkeit. Und unsere Wettbewerbsfähigkeit hängt daran, dass unsere Unternehmen stets in der Lage sind, bessere innovativere und leistungsfähigere Produkte zu entwickeln.

Darauf können wir sehr stolz sein. Wie oft wird anderswo auf der Welt versucht es uns nachzumachen. Bisher häufig ohne Erfolg. Andere nutzen unsere Produkte, kaufen sie bei uns ein, weil „Made in Germany“ nach wie vor ein besonderes Gütesiegel ist.

Den klugen Köpfen in unserem Land sei Dank.

Wenn wir weiterhin Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit für unser Land erhalten wollen, wird es Zeit: mehr Menschen für Mathematik, Naturwissenschaften Informatik und Technik zu begeistern.

Denn in diesem Wissen liegt unsere Zukunft. Aktuell gelingt uns das leider noch nicht zufriedenstellend.

Das ist jedenfalls das Ergebnis der PISA-Studie der OECD von 2015: Leider müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass fünfzehnjährige Schülerinnen und Schüler in Deutschland weniger Freude am naturwissenschaftlichen Unterricht haben und  seltener bereit sind, einen MINT-Beruf zu ergreifen, als Jugendliche in anderen OECD-Ländern. Ein weiteres Phänomen ist bemerkenswert: selbst die leistungsstärksten Mädchen haben wenig Selbstvertrauen in ihre Fähigkeit, wissenschaftliche und mathematische Probleme zu lösen.

Was ist also passiert?

Zwischen der Wiege und dem Ende der Schulzeit ist die Flamme der Begeisterung erloschen.

Damit ist die Aufgabe umrissen:

Wir – und zwar alle gemeinsam: Eltern, Lehrer und alle, die sich für das Wohl unserer Kinder engagieren – sind gefragt, die Leidenschaft und Freude an Wissenschaft und Technik wie die Fackel bei den Olympischen Spielen stets am Brennen zu halten.

Was braucht es dafür:

  1. eine anregende Umgebung
  2. eine Gesellschaft die Versuch und Irrtum schätzt und achtet; die stolz ist auf ihre Tüftler und Bastler ist und
  3. eine Politik die diese Rahmenbedingungen ermöglicht.

Kommen wir zuerst zu der anregenden Umgebung.

Gerade hier wollen wir die Chancen des Digitalpaktes nutzen und wichtige Impulse setzen. Unterricht mit digitalen Medien bietet gute Voraussetzungen dafür, Unterricht anschaulicher und experimenteller zu machen.

Nehmen Sie etwa den Physikunterricht: Manche Experimente können im Unterricht vor Ort nicht durchgeführt werden, aber mit digitalen Medien simuliert werden, zum Beispiel die Entstehung und  Ausbreitung von Schallwellen. Plötzlich ist der sogenannte Doppler-Effekt ganz einfach zu verstehen und Physik extrem spannend.

II.

Meine verehrten Damen und Herren,

Viele Formate und Zielgruppen von MINT-Bildung fördern wir als Bundesregierung seit vielen Jahren. Regional und lokal ist daraus ein bunter Strauß vielfältiger Angebote entstanden. Ich bin übrigens sehr froh darüber, dass dieses Engagement der Bundesregierung so einhellig und mit breiter Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen des Deutschen Bundestages getragen wird.

Daran können sie sehen, dass allen sehr bewusst ist, wie relevant dieses Wissen und Können in Mathematik, Informatik Naturwissenschaft und Technik für unser Land ist.

Deswegen werden wir unser Engagement für MINT noch ausbauen:

  1. In den Kitas und in Schulen sind wir bereits erfolgreich mit einigen Initativen unterwegs. Das „Haus der kleinen Forscher“ ist mittlerweile eine etablierte Größe für Kinder im kindergartenalter. Rund 90 Prozent aller Kitas nutzen die Angebote des „Haus der kleinen Forscher“ und ebenso auch schon Grundschulen. Bei 2,4 Millionen Kindern wird so die Fackel der Neugierde und des Spaßes an Wissenschaft und Technik am Brennen gehalten. Auch Wettbewerbe wie „Jugend forscht“ oder „Invent a Chip“ laden ein, sich intensiv mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik auseinanderzusetzen. Vor kurzem habe ich die diesjährigen Bundespreise für „Jugend forscht“ verliehen. Ich muss ehrlich sagen: auf diese jungen Menschen können wir sehr stolz sein.  Die Fantasie und Tiefe der wissenschaftlichen Auseinandersetzung hat mich schwer beeindruckt. Es war ein Morgen, an dem wir die Zukunft und seine Möglichkeiten greifen konnten. Diese jungen Menschen können Vorbild sein, aber nicht die Herausforderungen unser aller Zukunft allein auf ihren Schultern tragen. Wir brauchen ein Interesse für MINT-Themen in der Breite unserer Gesellschaft. Deshalb wollen wir, MINT-Aktivitäten in die Fläche tragen. Vor Ort müssen solche Angebote wie Musikschulen und Sportvereine zum Standard gehören.

  1. In Deutschland bewegt sich die Zahl der Initiativen für MINT im fünfstelligen Bereich. Dieses umfassende Portfolio ist schon heute eine große Bereicherung für unsere Bildungslandschaft. Den vielen Menschen, die sich schon heute dafür engagieren, sei an dieser Stelle einmal ein herzliches Dankeschön gesagt. Nun ist es wichtig, diese vielen guten Angebote breit zugänglich zu machen. Was ist da besser zu nutzen als das Internet? Mit einem „MINT E-Portal“ können sie zukünftig suchen…und finden.

Ein schönes Anliegen meiner Kollegen im Deutschen Bundestag das ich gerne aufgegriffen habe und das nun zur Umsetzung ansteht.

Wer also eine gute Idee zur konkreten Ausgestaltung hat, kann sich gerne noch melden.

  1. „Qualität sichern, Wirkung erzielen“ heißt Ihr Motto für den heutigen  Gipfel. Was macht gute MINT-Bildung aus? Das ist die zentrale Frage des „Nationalen MINT-Forums“.

Auch wir wollen dieser Frage noch intensiver nachgehen. Ein Baustein des MINT-Aktionsplans ist es, die Forschung zu diesen Fragen zu verstärken.

Die Frage, warum zwischen der Wiege und dem Ende der Schulzeit die Flamme der Begeisterung so oft erlischt, steht mehr denn je im Raum. Wir werden gute Beispiele untersuchen lassen. Wie erhalten wir Begeisterung. Auch eine Frage der Nachhaltigkeit, wenn wir ehrlich sind. Damit werden dann eine systematische Qualitätssicherung und Entwicklung der schon vorhandenen Angebote erst möglich.

III.

Sie merken: auch uns treibt die Sorge um genügend Qualifikation im Land zu Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik um.

Mit dem MINT-Aktionplan wollen wir als Bundesregierung einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Flamme der Begeisterung für MINT in unserem Land wieder größer wird.

Doch, meine Damen und Herren, über eins müssen wir uns im Klaren sein: „Versuch und Irrtum“ hat unser Land bis hierher gebracht. Auch der erste Flugversuch Otto Lilienthals war nicht gleich von Erfolg gekrönt.

Wir brauchen Menschen, die den Mut haben Neues zu probieren, zu scheitern, wieder aufzustehen und von vorne anzufangen.

Wir müssen stolz sein auf die vielen jungen Menschen, die heute Startups versuchen, mit innovativen Ideen unser Land nach vorne zu bringen. Sie bringen uns die Zukunft.

Sie bringen uns die Innovationskraft, die wir brauchen, um im weltweiten Wettbewerb langfristig bestehen zu können.

Sie zeigen uns, dass Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik spannende Zukunftsfelder sind. Sie sind unsere besten Botschafter. Sie sind die Vorbilder, die wir für unsere Kinder in den Schulen brauchen.

Dann wird unser Engagement erfolgreich sein, MINT in die Breite zu tragen. Mehr junge Menschen zu begeistern – ihre Flamme brennen zu lassen – und das ein Leben lang.