60jähriges Jubiläum des Cusanuswerkes

Festrede von Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen im Bundesministerium für Bildung und Forschung in der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Werte Festgemeinde,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Bewegte Zeiten
Das Cusanuswerk feiert sein 60jähriges Bestehen in wahrhaft bewegten Zeiten. Mit Siebenmeilenstiefeln schreiten die Lebenswissenschaften voran. Sie verändern unser Verständnis vom menschlichen Leben und seiner Gestaltbarkeit. Europa steht vor seiner vielleicht größten Bewährungsprobe. Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz und Solidarität werden von inneren Gegnern und von außen zunehmend in Frage gestellt. Zugleich verändert die Digitalisierung die Welt. Wie wir arbeiten, wie wir lernen und forschen, wer was von uns weiß: Das alles ist im Umbruch.

Diese beispielhaft genannten Entwicklungen werfen existenzielle Fragen auf: Wie wollen wir morgen leben? Was ist unser Bild vom Menschen? Wie gelingt es uns, die Zukunft gemeinsam zu gestalten?
Von da ist es nur ein kleiner Schritt zur ebenso entscheidenden Frage: Welche Menschen, welche Persönlichkeiten sind es, die überzeugend darauf antworten können? Was müssen diejenigen mitbringen, die heute und künftig Verantwortung übernehmen?
Damit sind wir, pars pro toto, beim Cusanuswerk. Wir sind zugleich bei der Frage nach Begabung und Verantwortung und dem Sinn staatlicher Förderung.

Über diese drei Punkte möchte ich heute sprechen:

Vom Sinn der Begabung
Vom Sinn staatlicher Förderung
Vom Sinn des Cusanuswerks

Eines schicke ich dabei vorweg: ich bin heute Minderheit – denn ich bin keine Altcusanerin; ich bin katholische Studienstifterin. Aber Cusanerinnen und Cusaner und solche, die dem Werk in besonderer Weise verbunden sind, spielen in meinem Leben eine wichtige Rolle, beruflich und privat. Angefangen von Annette Schavan, über Ludger Honnefelder, Hermann Breulmann, bis hin zu engen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im BMBF und guten Freunden. Der Sinn des Cusanuswerkes hat sich deshalb für mich immer von selbst verstanden. Zum 60jährigen Bestehen schulde ich Ihnen allerdings doch etwas grundsätzlichere Ausführungen.

(1) Vom Sinn der Begabung
Mir wird gesagt, dass die Selbstzweifel bei den frisch ausgewählten Stipendiatinnen und Stipendiaten im Cusanuswerk hoch sind. „Warum ausgerechnet ich? – Meine Mitbewerberin war doch genauso gut.“ – „Ich will nicht Teil einer Elite sein.“.
Dieser Selbstzweifel entspricht in doppeltem Sinn einem christlichen Selbstverständnis. Zum einen entdecke ich dahinter das Bewusstsein, dass vor Gott alle gleich sind. Wir sind Gottes Ebenbild. Das ist eine große Verheißung – und eine wichtige Quelle der Menschenrechte.
Zum anderen hat das Zweifeln selbst eine große christliche Tradition. Maria erschrickt, als der Engel sie als Begnadete anspricht und argumentiert, sie habe keinen Mann. Mose sagt zu Gott, um seiner Berufung zu entgehen: Er könne nicht gut reden; und Jeremia: Er sei noch zu jung.
Genützt hat es den dreien nichts. Oder positiv formuliert: Alle drei haben ihre Berufung angenommen.
Das ist dann der notwendige zweite Schritt nach den Zweifeln: Die Berufung anzunehmen, eben auch die ins Cusanuswerk. Denn ja, wir alle sind vor Gott gleich, gleich viel wert. Aber wir sind, zum Glück, nicht gleich.
Ich war beim Wiederlesen überrascht, wie viel Paulus dazu im Brief an die Korinther sagt. Er schreibt: „Wie auch immer sich die Gaben des Geistes bei jedem Einzelnen von euch zeigen, sie sollen der ganzen Gemeinde nützen.“

Er nennt dann acht unterschiedliche Gaben, von denen ich drei herausgreife: „Dem einen schenkt er im rechten Augenblick das richtige Wort. … dem Nächsten die Gabe, Kranke zu heilen; … andere sind fähig zu unterscheiden, was vom Geist Gottes kommt und was nicht.“ (1.Korinther 12, 7-10)
Gleichberechtigt stehen hier, ich nenne das einmal so, säkulare neben religiösen Gaben. Diese Gaben sind ganz unterschiedlich verteilt, nach ihrer Art und, nehmen wir Maria, Mose und Jeremia, nach ihrer Ausprägung. Die drei sind Begnadete, sagen wir: besonders Begabte. Und schließlich: Die Gaben sollen der Gemeinde, ich übersetze: der Gesellschaft nützen.

Ob sie der Gesellschaft nützen, oder doch nur dem Einzelnen oder einer kleinen Gruppe, das liegt in der freien Entscheidung eines und einer jeden. Den Nutzen der Begabung für alle können kein Staat und keine Kirche erzwingen. Verantwortung für andere übernehmen wir aus freien Stücken.
Das ist der Unterschied zwischen einer Funktionselite, die es überall gibt; und einer Verantwortungselite, die wir überall brauchen.
Wir alle wissen von Eliteversagen, monströs im Fall des Nationalsozialismus, weniger monströs dort, wo Eliten gesellschaftliche Veränderungen blockieren oder das Bankensystem destabilisieren. Machen wir es uns nicht zu einfach, indem wir sagen: „Diese Eliten haben eben keine echte Verantwortung übernommen.“? Häufig haben sie aus ihrer Sicht und der vieler anderer genau das getan. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Welche Verantwortung?

Es ist zunächst die Verantwortung für sich selbst, der Anspruch, eine Sache um ihrer selbst willen gut machen zu wollen, unabhängig von Beifall oder Gewinn. Und es ist dann die Verantwortung für andere. Die kluge Schrift der EKD von 2011 „Evangelische Verantwortungseliten“ – diesen Exkurs müssen sie leider ertragen –, bestimmt sie als eine sich selbst reflektierende, demokratisch eingebundene Verantwortung. Wer sie übernimmt, muss bereit sein, sich Kritik und Kontrolle zu stellen.

Und wer ist nun Verantwortungselite? In der Demokratie und der funktional differenzierten Gesellschaft kann das nicht ein elitärer Kreis ganz weniger sein.

Aus meiner Erfahrung in Landes- und Bundesbehörden weiß ich: Führung fängt nicht erst ganz oben an, sondern mit der Übertragung von Personalverantwortung und Gestaltungsverantwortung. Wer diese doppelte Verantwortung annimmt und ernst nimmt; wer sich traut, aus Überzeugung zu widersprechen, selbstkritisch bleibt, sich vor seine Mitarbeiter stellt und dabei ihre unterschiedlichen Fähigkeiten wertschätzt: Der gehört zur Verantwortungselite, die wir überall brauchen.

Damit komme ich zum zweiten Punkt:

(2) Vom Sinn staatlicher Förderung
Mehr als 56.000 Studierende hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2015 mit einem Stipendium gefördert, so viele wie nie zuvor. Die Zahl der Stipendiatinnen und Stipendiaten hat sich seit 2005 mehr als vervierfacht (2005: 13.415). Das ist ein klares Bekenntnis einer unionsgeführten Bundesregierung und eines unionsgeführten BMBF! Sie erhalten entweder ein Stipendium der 13 Begabtenförderwerke, oder das Deutschland-Stipendium oder das Aufstiegsstipendium, mit dem beruflich Gebildete beim Studium gefördert werden.

Warum tun wir das? Zum einem, weil es gut ist, junge Menschen bei der Entfaltung ihrer Begabung zu unterstützten. Zugleich ist der demokratische Staat in doppelter Hinsicht darauf angewiesen. Erstens lebt er vom Versprechen, dass Demokratie und Wohlstand Hand in Hand gehen. Bundespräsident Roman Herzog hat das zum 40-jährigen Bestehen des Cusanuswerkes so formuliert:
„Die soziale und wirtschaftliche Zukunft unseres Landes hängt … von der Qualität ab, mit der in … Politik, Forschung und Industrie gearbeitet wird. Für das, was an Aufgaben auf uns zukommt, werden mehr denn je Spitzenleistungen notwendig sein.“

Zweitens nützt aller Wohlstand wenig, wenn die Demokratie nicht von der großen Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger getragen wird. Das kann der freiheitliche säkularisierte Staat nicht erzwingen, weil er dann die Freiheitlichkeit aufgeben würde. Er lebt, um einmal mehr Wolfgang Böckenförde zu zitieren, von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Was ihm bleibt, ist: Begabung als Verantwortung für Demokratie und Gemeinwohl zu fördern.

Wolfgang Böckenförde hat sich die Kritik eingehandelt, er betone dabei zu sehr die ethische Kraft der Religionen. Ein Teil seiner Antwort lautete 2009: Als er den Satz 1964 formulierte, habe er „die Skepsis der Katholiken“ gegenüber dem weltlichen Staat abbauen wollen, „mit dem Argument, dass der Staat auf ihre ethische Prägekraft angewiesen ist.“

Drängt sich da nicht die Frage auf: Warum fördert der Staat dann nicht ausschließlich das Cusanuswerk? Diese nicht ganz ernst gemeinte Frage – irgendwie muss auch ich dem 11.11. im Rheinland Rechnung tragen – verdient eine ernst gemeinte Antwort: Der freiheitliche Staat ist natürlich nicht nur auf die ethische Prägekraft der Katholiken angewiesen. Er ist darauf angewiesen, dass alle Menschen guten Willens das Ethos einer Gesellschaft prägen und den säkularen Staat tragen. Daran hat Ludger Honnefelder, Leiter des Cusanuswerkes von 1982-1991, bei der Cusanus Lecture in Berlin in diesem Jahr erinnert. Er hat weiter von der „leeren Mitte“ gesprochen, die in pluralen Gesellschaften leer bleiben und vom Staat offen gehalten werden müsse. Ich für meinen Teil glaube, dass diese Mitte nicht völlig leer ist, weil sie ein gemeinsames Verständnis der Grundrechte und der Menschenrechte enthält, von Toleranz, und gerade auch vom Wert der Bildung. Dieses Verständnis muss allerdings in der pluralen Gesellschaft immer wieder neu als gemeinsames Verständnis gewonnen werden, nicht selten als „coincidentia oppositorum“, als eine Versöhnung der Gegensätze, auf die es Nikolaus Cusanus so sehr ankam.

Gerade deshalb fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung nicht nur das Cusanuswerk, sondern mittlerweile 13 Begabtenförderwerke als Ausdruck der gesellschaftlichen und weltanschaulichen Vielfalt. Insofern war es gesellschaftspolitisch zwingend, dass wir das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk für jüdische Studierende und das Avicenna-Studienwerk für muslimische Studierende auf den Weg gebracht haben und das eine seit 2009 und das andere seit 2014 fördern. Ich begrüße es sehr, dass die vier religiös geprägten Förderwerke in ständigem Austausch stehen und gemeinsame Projekte entwickeln. In einer Zeit, in der religiöse Fragen wieder an Dringlichkeit gewinnen, ist das von großer Bedeutung.
Die Anwesenheit zahlreicher Vertreterinnen und Vertreter anderer Werke heute Abend ist ein schöner Beleg dafür, dass der Austausch zwischen den Förderwerken insgesamt vielfältig und produktiv ist. Dafür bin ich sehr dankbar.

Meine Damen und Herren,
die Förderung von Begabung durch den freiheitlichen Rechtsstaat muss zwei zentrale Voraussetzungen erfüllen: Erstens. Der Staat darf nur Werke fördern, die nach Leistung und Engagement auswählen, nicht nach sozialer Herkunft, Seilschaft oder Besitz. Werke, die gesellschaftlich durchlässig sind. Das versteht sich zwar von selbst, bleibt aber weiterhin eine Herausforderung, was die soziale Herkunft anbelangt. Denken wir nur an Migranten und Flüchtlinge; denken wir daran, dass Studierende aus nichtakademischen Elternhäusern an Hochschulen und in den meisten Werken nach wie vor unterrepräsentiert sind. Hier bitte ich alle, in ihrem Engagement und ihrer Kreativität nicht nachzulassen.

Die Förderung von Begabung durch den freiheitlichen Rechtsstaat darf zweitens nicht Wenige auf Kosten der Vielen fördern, das heißt: Sie muss Teil eines umfassenden Verständnisses von Bildungsgerechtigkeit sein. Damit kann und darf allerdings nicht Bildungsgleichheit gemeint sein.
Der falsche Gleichheitsgedanke lebt leider dort wieder auf, wo Bildungsstandards verwässert oder gute Noten inflationär vergeben werden. Notwendig sind vielmehr gleiche Bildungschancen. Das prägt die Politik der Bundesregierung seit vielen Jahren. So folgt sie im Bereich der Hochschulen dem Grundsatz: Wer studieren will, darf nicht an materiellen Voraussetzungen scheitern. Nichts anderes steht hinter dem BAföG. Über 400.000 Studierende in Deutschland werden so jährlich gefördert. Das BMBF stellt dazu jährlich weit mehr als 2 Milliarden Euro zur Verfügung.

Zentraler Unterschied zwischen dem BAföG und einem Stipendium bleibt in finanzieller Hinsicht, dass das BAföG in Teilen zurückgezahlt werden muss, ein Stipendium nicht. Auch daher ist der Anspruch an die Stipendiatinnen und Stipendiaten höher. Prälat Hanssler, der erste Leiter des Cusanuswerkes, hat prägnant formuliert: „Die Rückzahlung der Geförderten soll in ihrer künftigen Lebensleistung bestehen.“ Damit bin ich bei meinem dritten Punkt:


(3) Vom Sinn des Cusanuswerks
Die 1950er Jahre sind uns nahe und fern zugleich. Das trifft auch auf die Gründung des Cusanuswerkes zu. Im Rückblick ist es durchaus befremdlich, dass zunächst und für volle zehn Jahre nur junge Männer aufgenommen wurden.

Die Anfänge des Cusanuswerkes sind uns aber zugleich nahe, zum Beispiel in der wegweisenden Entscheidung für Nikolaus von Cues als Namenspatron. Nikolaus von Cues erhob nicht den Anspruch, Wissen über Gott zu besitzen. Sein Ziel war es, Wissen über sein eigenes Nichtwissen zu erlangen und damit eine über sich selbst ‚belehrte Unwissenheit‘. Dorthin komme man nicht allein durch die Gnade Gottes, sondern durch den Gebrauch des menschlichen Geistes.

Das ist demütig und selbstbewusst, gläubig und zugleich fern jeder Naivität – und damit genau das, was Cusanerinnen und Cusaner werden sollen. Ganz in diesem Geist heißt es in den aktuellen Zielsetzungen, wer vom Cusanuswerk gefördert werde, solle „nachdenklich und beharrlich“ sein.
Von Beginn an war damit die Überzeugung verbunden, dass Leistung alleine nicht genügt; dass Begabung und Verantwortung in der Gesellschaft und für die Gesellschaft zusammengehören.

Daraus hat das Cusanuswerk ein unverwechselbares Profil entwickelt und entwickelt es fort. Annette Schavan hatte das seit den 1980er Jahren auf den Begriff und in das Konzept der Biographieförderung gebracht.
Diese Biographieförderung ist ideelle Förderung im besten Sinne. Sie ist Persönlichkeitsbildung, nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als Kern des Selbstverständnisses. Die Zeit im Cusanuswerk soll prägend sein im Sinne der Auseinandersetzung über Gott und die Welt.

Engagement fördert man am besten dadurch, dass man es zulässt. Diese Erkenntnis hat das Cusanuswerk früh beherzigt und die Stipendiatinnen und Stipendiaten stark in die Bildungsarbeit eingebunden. So viel Partizipation ist durchaus erstaunlich für ein Werk der katholischen Kirche. Und sie zahlt sich aus: 75% der Ehemaligen sind ehrenamtlich engagiert, davon 66% in ehrenamtlichen Leitungsfunktionen. Das ist nur eines von vielen eindrucksvollen Ergebnissen der großen Verbleibstudie aus diesem Jahr. Das BMBF hat sie gern und aus voller Überzeugung finanziert. Wir sind gespannt darauf, von Ihnen, lieber Herr Dr. Scheidtweiler, dazu gleich mehr zu erfahren.

Vielleicht noch erstaunlicher ist, dass das Cusanuswerk nach den genannten Anfängen zum Vorreiter der Frauenförderung geworden ist und für alle Begabtenförderwerke die Federführung für das vom BMBF mitfinanzierte Karriereförderprogramm übernommen hat. Dafür herzlichen Dank! Und herzlichen Glückwunsch zum zehnjährigen Bestehen.
Und schließlich: Katholische Kirche und moderne Kunst hatten sich im 20. Jahrhundert lange wenig zu sagen. Deshalb ist es auch bemerkenswert, dass sich das Cusanuswerk neben der Studienstiftung in herausragender Weise für die Förderung von Künstlerinnen und Künstlern engagiert. Das geschieht gerade nicht mit dem Ziel, dezidiert religiöse Kunst zu fördern, sondern um den Dialog zwischen Kunst und Glauben zu beleben. Denn beide transzendieren vermeintliche Gewissheiten, ohne deshalb weltfern sein zu wollen. Auch dafür: Herzlichen Dank!

Wir leben in der Tat in bewegten Zeiten. Die Grundlagen der Demokratie, der faire Umgang miteinander und der Austausch rationaler Argumente sind weniger selbstverständlich als noch vor wenigen Jahren. Online und offline besteht die Gefahr, dass bestimmte Milieus nur noch Informationen und Meinungen an sich heranlassen, die sie selbst bestätigen – vom Postfaktischen ganz zu schweigen.
In dieser Situation ist Verantwortung notwendig, Verantwortung für das Ganze – für den Dialog, die Demokratie und das Gemeinwohl. Ich bin davon überzeugt und ich setze darauf, dass das Cusanuswerk dazu einen wichtigen Beitrag leisten kann.

Von Anfang an war das Cusanuswerk von Spannungsverhältnissen geprägt: Dem zwischen Glaube und Vernunft; zwischen Kirche und säkularem Staat; zwischen sehr Frommen und radikalen Zweiflern – und zuweilen auch zwischen der Bischofskonferenz, der Leitung und der Geschäftsstelle. Es hält diese Spannungsverhältnisse aus und lässt sie produktiv werden, im Dialog nach innen und außen; nicht indem es einen bestimmten Typ Katholik ausprägen will, sondern indem es auf Vielfalt setzt.

Cusanerinnen und Cusaner können deshalb auch in hervorragender Weise Brückenbauer zwischen den sich immer stärker abschottenden Milieus sein. Sie können es sein vom Standpunkt des Glaubens und im Wissen, dass sie gerade damit das Ethos einer säkularen Gesellschaft prägen.
Wie können wir sie darin stärken? Vielleicht sollte Biographieförderung noch stärker werden, was sie im Kern schon ist: Bildung der Persönlichkeit und des Charakters; und das ist etwas ganz anderes als schlichte Selbstverwirklichung. Diese Bildung trägt dazu bei, dass junge Menschen intellektuell und emotional stark genug werden, sich aktiv für Ihre Überzeugungen in einer Gesellschaft der Vielfalt einzusetzen. Eine Bildung, die in der Gefahr taugt, hat hierzu Kardinal Woelki gerade in seiner Predigt formuliert. Sie vermittelt, dass die Auseinandersetzung mit dem Glauben eine Auseinandersetzung mit dem Leben ist. Und sie vermittelt einen Sinn für Institutionen und deren Bedeutung in einer zunehmend verunsicherten Gesellschaft.

Katholiken wissen vom Wert der Gemeinschaft. Cusanerinnen und Cusaner können sich deshalb für starke gesellschaftliche und politische Institutionen als Grundlage des Gemeinwesens einsetzen. Sie werden dies als selbstreflektierte Persönlichkeiten nicht in der fraglosen Akzeptanz des Bestehenden tun, sondern mit der Kraft der Veränderung. Diese Kraft ist notwendig, damit starke Institutionen in einer sich rapide verändernden Welt Bestand haben.

Allen, die sich für das Cusanuswerk als Ort religiöser, kirchlicher und gesellschaftlicher Erfahrung einsetzen und für die Bildung von Persönlichkeit und Charakter, Ihnen allen gilt, auch im Namen von Ministerin Johanna Wanka, mein herzlicher Dank: Der Geschäftsstelle mit Ihnen, sehr geehrter Herr Prof. Braungart, sehr geehrter Herr Dr. Scheidtweiler, an der Spitze; den Vertrauensdozentinnen und -dozenten, den Mitglieder des Vereins, den Ehemaligen und den engagierten Stipendiatinnen und Stipendiaten!
Die plurale Gesellschaft und der demokratische Staat brauchen Verantwortungseliten. Wir brauchen das Cusanuswerk.

Ad multos annos, begleitet von Gottes reichem Segen.