68. Nobelpreisträgertagung

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, anlässlich der Eröffnung in Lindau

Bundesministerin Anja Karliczek eröffnet mit einer Rede das 68. Nobelpreisträgertreffen in Lindau © Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Es gilt das gesprochene Wort.

Exzellenzen,
sehr verehrte Nobelpreisträger von nah und fern,
liebe junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler,
sehr geehrte Laureaten,
sehr verehrte Gräfin Bernadotte,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Lindau ist etwas ganz Besonderes. Jedes Jahr im Juni wird die Stadt für einige Tage zu so etwas wie dem wissenschaftlichen Nabel der Welt. Die beiden Lindauer Ärzte Franz Karl Hein und Gustav Parade werden das wohl kaum zu hoffen gewagt haben, als sie im Jahr 1951 die großartige Idee hatten, deutsche Ärzte und Forscher mit Nobelpreisträgern zusammenzubringen. Nach den auch geistigen Verwüstungen des zweiten Weltkriegs wollten sie Brücken bauen, wissenschaftliche Brücken zwischen den Völkern. Sie wollten zeigen, dass Wissenschaft vom Austausch lebt, von der Vernetzung über Grenzen hinweg. Und sie wollten die Isolation überwinden, in der die deutsche Wissenschaft damals gefangen war – ein Zustand, der heute für uns ganz unvorstellbar geworden ist.

Damals, am 11. Juni 1951, kamen in Lindau sieben Laureaten und rund vierhundert Ärzte zusammen. Das war der Anfang. Seitdem haben sich die jährlichen Tagungen immer weiter entwickelt.

Sie sind zu einem internationalen Forum der Begegnung geworden, zu einem Forum, das in dieser Form einzigartig ist in der Welt. Einmalig vor allem, weil hier in Lindau der Austausch nicht nur über die Nationen, sondern auch über die Generationen hinweg gelingt, weil sich hier auch junge Wissenschaftler und junge Studenten mit Nobelpreisträgern austauschen.

Dieser persönliche Kontakt gibt dem Treffen seinen besonderen Akzent – und macht inzwischen auch seinen Erfolg aus. Denn Lindau eilt von Rekord zu Rekord: Fast 40 Laureaten sind in diesem Jahr an den Bodensee gekommen, so viele wie noch nie zu einer Nobelpreistagung der Medizin. Und: Die rund 600 Teilnehmer kommen aus sage und schreibe 84 Ländern! Die Hälfte von Ihnen sind Frauen.

Meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr darüber, dass Sie so zahlreich gekommen sind, um zu diskutieren, oft ganz informell und direkt. Und ich bin stolz darauf, dass eine solche bedeutende Tagung hier bei uns in Deutschland, in Oberschwaben, in Lindau, also mitten in Europa stattfindet und dass wir hier zeigen können, wie wichtig uns die Internationalisierung des Wissenschaftsstandorts Deutschlands ist.

Wir wollen unser Land und die Forschungsorganisationen interessant machen für Forschende, gerade auch für junge, international Forschende. Und wir wollen damit einen Beitrag leisten zu einer guten Entwicklung unserer Welt.

Ihr Motto, das Motto der Lindauer Nobelpreisträgertagungen, beeindruckt mich:

educate, inspire, connect!

Es steht für eine Haltung, die die Welt heute mehr denn je braucht:

Zum einen Wissen vermitteln und Wissenschaft erklären, dann die Menschen für Wissenschaft begeistern - und zum anderen einen Dialog führen über die Chancen und Risiken der Forschung.

Es zeigt, dass Sie, die Wissenschaftler, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen wollen, dass sie erkannt haben, dass ihre Arbeit gesellschaftlich relevant ist, dass sie die Gesellschaft zusammenhalten kann.

Das ist typisch Lindau: In der Geschichte der Tagung entstanden mehrere politische Appelle, ganz früh schon, 1955, die Mainauer Deklaration gegen die Nutzung der Atomwaffen. Sechzig Jahre später, im Jahr 2015, forderten Sie uns Politiker auf, sich dem Klimaschutz stärker zu verpflichten.

Meine Damen und Herren,

wir leben in einer komplexen, oft sehr unübersichtlichen Zeit, in der die Entwicklung so wenig vorgezeichnet ist wie nie. Zu den bekannten, großen gesellschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen kommen neue hinzu.

Es geht um die Bekämpfung des Terrorismus und der Armut, um eine gute Gesundheits- und Energieversorgung für alle Menschen auf der Welt. Es geht aber auch und zunehmend um Digitalisierung, um Globalisierung und Migration und in der Folge um anwachsenden Nationalismus. Es geht darum, diese komplexe Welt zu erfassen und zu gestalten.

Dazu braucht die Gesellschaft wissenschaftliche Analysen und Werkzeuge. Wenn wir – ich darf das einmal etwas leidenschaftlich und mit Pathos sagen – wenn wir die Welt retten wollen, dann brauchen wir Forscher, die ihrer Verantwortung gerecht werden und heraus kommen aus ihren Forscherstübchen. Dann brauchen wir Forscher, die sich einmischen.

Darum gefällt mir so, was Sie hier in Lindau machen.

Denn ich wünsche mir, dass in Zeiten einfacher Antworten die Stimme der Wissenschaft deutlich zu hören ist – als Anker des Vertrauens. Denn einfache Antworten gibt es nicht mehr in einer derart vernetzen Welt, wie wir sie heute erleben.

Darum ist es gut, dass sich die Lindauer Tagung eingehend mit der Rolle der Wissenschaft in der „postfaktischen Ära“ beschäftigt. Die Wissenschaft muss zu den Menschen kommen. Sie muss den Menschen sagen: Warum machen wir diese Art von Forschung? Wozu nützt sie? Was sind die Risiken? Dadurch kann es gelingen, Vertrauen in die Wissenschaft zurückzugewinnen, Vertrauen, das in den vergangenen Jahren leider geringer geworden ist. Jede Bürgerin und jeder Bürger muss spüren können, wie wissenschaftliche Erkenntnisse ihm und ihr im Alltag helfen können.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Medizin – das Thema, dem sich die Tagung in diesem Jahr wieder widmet.

Ich persönlich finde beispielsweise die Forschung zur Chronobiologie, zu unserer „Inneren Uhr“ besonders faszinierend, für die kürzlich der aktuelle Medizinnobelpreis verliehen wurde. Einige der stolzen Preisträger sind hier in Lindau dabei. Die Forschung dazu ist einer der Schwerpunkte Ihres Treffens.

Das Thema interessiert uns alle: Warum tickt die berühmte biologische Uhr, und wie zieht man sie wieder auf? Wie steuert die biologische Uhr den Schlaf, unser Essen, den Blutdruck? Alle wollen alt werden – aber keiner will alt sein. Von Botox bis Hirnjogging, von Anti-Aging-Cremes bis Ernährungswahn ist dies ein großes Thema für die Gesellschaft.

Hier kann Wissenschaft besonders deutlich zeigen, wie sehr sie uns hilft, unser Leben zu verbessern. Ganz persönlich würde mich das übrigens interessieren: Mein Mann ist Pilot und Piloten kennen keine Arbeitszeiten und Ruhezeiten – mal müssen sie früh um vier Uhr starten, mal spät bis in die Nacht fliegen. Gern hätte ich ein paar Tipps, wie er danach schneller wieder in unseren Rhythmus findet.

Meine Damen und Herren,

unsere Welt braucht den Dialog sowohl zwischen den Wissenschaftlern untereinander als auch zwischen den Wissenschaftlern und den Menschen über alle Grenzen und Kulturen hinweg. Wir brauchen den wissenschaftlichen Austausch auf allen Ebenen, also nicht nur zwischen einzelnen Fachdisziplinen, sondern auch zwischen Staaten und Forschungskulturen.

Wissenschaftsdiplomatie, wie hier beim Lindauer Treffen ist in diesen Zeiten wichtiger denn je. Fast ist es schon ein Allgemeinplatz, aber man muss es doch immer wiederholen:

Kein Land kann allein Lösungen auf die Herausforderungen dieser Zeit finden!

Dazu brauchen wir die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft und Forschung – ebenso wie in der Politik. Mir ist es ein Anliegen, dass Deutschland ein weltoffenes, vielfältiges Land bleibt.

Die Bundesregierung setzt sich ein für internationale Aufgeschlossenheit und Kooperation – so möchten wir den Forschungs- und Innovationsstandort Deutschland stärken. Ich möchte dazu beitragen, dass wir die enormen Potenziale nutzen, die in der immer stärker vernetzten Welt entstehen. Alles andere wäre eine Gefahr nicht nur für unser friedliches Zusammenleben, sondern auch für unseren Wohlstand.

Darum ist es mir eine große Freude, dass die Bundesregierung die Lindauer Tagungen als Paradebeispiel für die gute Forschungs- und Wissenschaftslandschaft in unserem Land fördert. Und es ist eine Ehre für mich, Sie, die internationale Gemeinschaft „der klügsten Köpfe“, hier im Namen der Bundesregierung begrüßen zu dürfen.

Wenn exzellente Forschende aus der ganzen Welt aufeinander treffen, sind beste Voraussetzungen geschaffen, um auf etwas Neues zu stoßen.

Wenn frische, vielleicht unkonventionelle Ideen der jungen Forschenden mit dem Sachverstand erfahrener Wissenschaftler zusammenkommen, so wie hier in Lindau, dann weitet sich der Blick, dann wird Raum geschaffen für neue Herangehensweisen.

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer sagte einmal: „Gewöhnliche Menschen überlegen nur, wie sie ihre Zeit verbringen. Ein intelligenter Mensch versucht, sie auszunutzen.“

In diesem Sinne wünsche ich uns allen hier eine guten Start der diesjährigen Tagung, inspirierende Gespräche und einen erfolgreichen Verlauf!