Abschlusskonferenz des Forschungsvorhabens "Amerika-Reisetagebücher Alexander von Humboldts"

Grußwort von Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, anlässlich der Abschlusskonferenz des Forschungsvorhabens in der Staatsbibliothek zu Berlin

Bildungsstaatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen während ihrer Rede. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Professor Parzinger,
sehr geehrter Frau Schneider-Kempf,
sehr geehrte Frau Weber,
sehr geehrter Herr Professor Ette,
liebe Familie Heinz,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Goethe sagte über Alexander von Humboldt: "Was ist das für ein Mann! Ich kenne ihn so lange und bin doch von neuem über ihn in Erstaunen. Man kann sagen, er hat an Kenntnissen und lebendigem Wissen nicht seinesgleichen. Und eine Vielseitigkeit, wie sie mir gleichfalls noch nicht vorgekommen ist! Wohin man rührt, er ist überall zu Hause und überschüttet uns mit geistigen Schätzen.“

Bestimmt entspricht dies auch Ihren Erfahrungen bei der Auswertung der Reisetagebücher. Selbst für ausgewiesene Humboldt-Experten gibt es immer wieder Neues zu entdecken.

Goethe beschreibt Humboldt hier als einen Universalgelehrten und damit als einen der Letzten seiner Art. Seine wissenschaftliche Neugier war unersättlich: Kein Berg so hoch, dass Humboldt ihn nicht bestiegen hätte, kein Käfer zu klein, um nicht von Humboldt seziert zu werden.

Diese besondere Forscherpersönlichkeit Alexander von Humboldt, seine Vielseitigkeit, seine Akribie und Detailversessenheit auf der einen Seite und seine Fähigkeit, in großen Zusammenhängen zu denken, auf der anderen Seite treten uns in seinen Reisetagebüchern lebendig vor Augen. Diese gehören zweifelsohne zum national bedeutsamen kulturellen Erbe und, lieber Herr Parzinger, Sie haben natürlich Recht - dieser Ankauf war und ist eine „Jahrhunderterwerbung“. Sie war nur möglich durch eine breite Allianz öffentlicher und privater Geldgeber. Es ist ein großer Erfolg, dass die Amerikanischen Reisetagebücher heute ihren festen Platz in der Berliner Staatsbibliothek gefunden haben.

Wir haben dieses Erbe nicht nur als nationalen Kulturschatz gesichert, sondern auch als Quelle für die Forschung erschlossen. Das BMBF hat insgesamt 3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um diese historische Chance zu nutzen.

In den vergangenen drei Jahren sind die Reisetagebücher im Zusammenhang des gesamten Humboldt-Nachlasses in den Kontext der Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts gestellt worden. Im Fokus stand dabei auch die spezifische Materialität der Tagebücher. Keiner weiß besser als Sie, dass diese Tagebücher nicht nur als reine Textquelle bearbeitet werden können. Vielmehr ist ihre Materialität – u.a. benutzte Schreibwerkzeuge, Tinten, Papierarten – von immenser Bedeutung, um die Genese dieser Aufzeichnungen nachzuvollziehen und damit fundierte Rückschlüsse auf Erkenntnisprozesse ziehen zu können.

Damit trifft dieses Projekt den Kern der Förderstrategie des BMBF zur wissenschaftlichen Erschließung des kulturellen Erbes. Es geht uns darum, die einzigartigen Bestände der Museen, Bibliotheken, Archive und Sammlungen in Deutschland besser zugänglich zu machen. Sie waren und sind zum Teil vielfach noch in Schränken und Schubladen verwahrt bzw. verschlossen. Was für ein Gewinn für die Forschung und die Öffentlichkeit, sie zu erschließen!    

Wir haben diesen Förderschwerpunkt als Teil unseres Rahmenprogramms Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften seit 2007 entwickelt und bisher über 37 Millionen Euro in die Projektförderung der Erforschung materieller Kultur investiert. Zu nennen wäre hier insbesondere die Ausschreibung „Die Sprache der Objekte“, die demnächst ein drittes Mal ausgeschrieben wird.

Im Rahmen der Bekanntmachung „Allianz für Universitäre Sammlungen“ gehen außerdem bald 15 neue Projekte im Gesamtumfang von ca. 9 Mio. Euro an den Start. Sie werden das zum Teil schlummernde Forschungs- und Lehrpotential von Sammlungen an Hochschulen ausloten und zugleich die Grundlage für deren weitere wissenschaftliche Nutzung legen.

Wir wollen damit vor allem auch neuartige Bündnisse zwischen verschiedenen gleichberechtigten Partnern anregen. Bei den universitären Sammlungen geht es um Bündnisse innerhalb der Hochschulen und mit weiteren außeruniversitären Partnern, z.B. mit Museen, deren spezifisches Know-How an Hochschulen so meist nicht vorhanden ist.

Das Humboldt-Projekt basiert auch auf einer solchen gewinnbringenden Allianz zwischen der Universität Potsdam und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Zudem ist es eindrucksvoll gelungen, die Zusammenarbeit mit der Krakauer Jagiellonen-Bibliothek zu intensivieren, in der auch Teile des Nachlasses Alexander von Humboldts verwahrt werden. Dadurch ist eine beispielhafte europäische Kooperation entstanden, die einmal mehr zeigt: Humboldt verbindet auch heute.

Ein wichtiges Ziel des Humboldt-Projektes war es, den kriegsbedingt zerrissenen Nachlass Humboldts, der in Berlin und Krakau verwahrt wird, wenigstens virtuell zusammenzuführen. Physisch getrennte Nachlassteile konnten durch digitale Erfassung online zusammengebracht werden und sind erstmals uneingeschränkt recherchierbar. Das ist wissenschaftliche Kärrnerarbeit, die eindrücklich zeigt: Die Digitalisierung revolutioniert auch die Forschung in den sammlungsbezogenen Geisteswissenschaften.

Museen, Archive und Bibliotheken stehen hier vor immensen Herausforderungen. Sammlungen beinhalten so unterschiedliche Objekte, wie es diverse menschliche Kulturen gibt - neben der sog. „Flachware“ gibt es unzählige dreidimensional ausgreifende Objektarten, und jede Objektgruppe erfordert spezifische Herangehensweisen bei der Erschließung und Digitalisierung. Dafür fehlen häufig die notwendigen zusätzlichen Mittel.

Die Bundesregierung adressiert mit Ihrer ressortübergreifenden „Digitalen Agenda“ die verschiedenen gesellschaftlichen Aspekte der Digitalisierung. Das BMBF zeichnet dabei für Fragen der Wissenschaft und Bildung verantwortlich, und im Kontext unseres Förderschwerpunktes zum Kulturellen Erbe haben wir im Juni 2016 die Bekanntmachung „eHeritage“ veröffentlicht. Ziel dieser Förderinitiative ist es, dreidimensionale Objekte des kulturellen Erbes in größerem Umfang zu digitalisieren, zu erschließen und der Wissenschaft online zugänglich zu machen.

Sie haben heute für Ihre Veranstaltung ein Motto gewählt, das auch den Sinn der digitalen Erfassung von Sammlungsgut treffend umschreibt: „Ideen können nur nützen, wenn sie in vielen Köpfen lebendig werden“. Unser Ziel der Förderung von Digitalisierung des kulturellen Erbes ist es, die bedeutenden Sammlungen, die in Deutschland an den verschiedensten Orten – auch an kleineren Museen und Archiven in kleineren Städten – aufbewahrt werden, stärker ins öffentliche und wissenschaftliche Bewusstsein zu holen und weltweit der Forschung zur Verfügung zu stellen. Sammlungsobjekte sind dann überall und vernetzt recherchierbar. Was für eine Erfüllung kühner Träume!

Humboldt hätte an diesen neuen Forschungsmöglichkeiten sicher große Freude gehabt. Sein Verständnis von Wissenschaft kommt dem heute immer wieder eingeforderten ganzheitlichen und transdisziplinären Denken – z.B. hinsichtlich des drohenden Klimawandels – überraschend nahe: nicht spezialisierte Einzelerkenntnisse, sondern den Zusammenhang und insbesondere die Wechselwirkungen zwischen natürlichen und sozialen Gegebenheiten gelte es zu untersuchen. Was Forschergeist, Erkenntnisinteresse, Tiefgang und ganzheitliches Denken angeht, kann Alexander von Humboldt heute noch als Vorbild dienen.

In den letzten Jahrzehnten wurde viel unternommen, um das Denken Alexander von Humboldts für die Gegenwart zurück zu gewinnen – ein Denken, das so unterschiedliche zeitgenössische Persönlichkeiten wie Charles Darwin, Goethe oder den amerikanischen Dichter David Thoreau inspiriert hat. Aber es blieb immer der leise Verdacht, er sei ein nur in Auszügen bekannter Klassiker der Moderne. Das universelle Denken Humboldts, seine reichhaltigen Aufzeichnungen und Beobachtungen wirklich umfassend zugänglich gemacht zu haben, sie „in vielen Köpfen lebendig werden zu lassen“ – das ist Ihnen, lieber Herr Professor Ette und liebe Frau Schneider-Kempf, in Ihrem Projekt eindrucksvoll gelungen und dazu möchte ich Ihnen auch persönlich herzlich gratulieren!
Was für ein schöner Tag: Nach dem erfolgreichen Ankauf in 2013 können wir heute den erfolgreichen Abschluss des dreijährigen Forschungsprojekts zur Erschließung und öffentlichen Zugänglichkeit der Alexander von Humboldt Tagebücher mit dieser Tagung gemeinsam würdigen.

Vielen Dank!