Abschlusskonferenz des Hochschulforums Digitalisierung (HFD)

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Prof. Dr. Johanna Wanka in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren!

„In fünf Jahren wird man die besten Vorlesungen der Welt kostenlos im Internet finden.“

Das hatte Bill Gates prognostiziert, und zwar 2010. Ich denke, wir sind hier einer Meinung: So weit ist es nicht gekommen. Aber es steht fest, dass sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan hat und dass die Chancen deutlich geworden sind, die durch die Digitalisierung, gerade auch für den Wissenschaftsbereich, bestehen. Große Vorteile ergeben sich beispielsweise dadurch, dass sich die Lehre an Schulen und Hochschulen mit digitalen Medien noch stärker individualisieren lässt. Auch denke ich, dass sich zusätzliche Chancen für das lebenslange Lernen eröffnen –, was zunehmend wichtiger wird und gerade auch für Deutschland ganz entscheidend ist. Wenn wir uns das mit Blick auf die Hochschule anschauen, dann wird bewusst, dass es hierbei um Zukunftsförderung geht: beim Lernen und Lehren die bewährten mit den neuen Möglichkeiten zu kombinieren. Es geht nach meiner Sicht überhaupt nicht darum, unterschiedliche Formen gegeneinander auszuspielen oder einen Wettlauf zu initiieren, sondern Analoges und Digitales zu kombinieren. Dafür bedarf es eines vernünftigen Konzepts.

Digitalisierung ist in der Bildung kein Selbstzweck. Ziel neuer Konzepte für Lernen, Lehren und Prüfen muss es immer sein, sowohl die Leistungsstärke als auch die Chancengerechtigkeit des Hochschulsystems weiter zu verbessern. Das heißt, die Entwicklung muss im Sinne einer Medienbildung vom didaktisch Sinnvollen, nicht vom technisch Machbaren ausgehen. Das sind für mich zwei verschiedene Pole. Natürlich muss geprüft werden, was machbar ist. Aber dann muss entschieden werden, was didaktisch sinnvoll ist. Das gilt als Prämisse nicht nur im Hochschulbereich, sondern generell im Bildungssystem. Das haben wir auch in der Strategie „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ verankert, die mein Haus aufgestellt hat.

Wie verändert die Digitalisierung den Lernort Hochschule und wie gelingt Digitalisierung am besten? Das waren die Ausgangsfragen, die bei dem Hochschulforum Digitalisierung Anfang 2014 gestellt wurden und auf die rund 70 Experten sehr differenzierte Antworten gefunden haben – in vielen Workshops, auf Plattformen und in verschiedenen Veranstaltungen.

Der Abschlussbericht liegt heute vor und er bietet eine sehr aufschlussreiche Zusammenfassung für die Debatte heute hier und in Zukunft. Ich denke, in diesen wenigen Jahren hat sich in der Hochschulpolitik aber auch in den Hochschulen selbst vieles beim Thema Digitalisierung bewegt.

I.

Betrachtet man den aktuellen Stand, dann kann man sagen, dass die Digitalisierung an den Hochschulen weltweit Fahrt aufgenommen hat. Digitale Hochschullehre bedeutet längst nicht nur, wie das vielleicht noch vor 10 oder 15 Jahren war, eine Onlineanmeldung für Kurse oder ein Herunterladen von PowerPoint-Folien, sondern sehr viel mehr: ob nun Lehrvideos, individualisierte Aufgaben oder MOOCs. Die Möglichkeiten sind sehr vielfältig.

Die amerikanischen und die asiatischen Hochschulen setzen im Hochschulwesen schon sehr viel stärker auf Digitalisierung und sie sind auch schon weit, was digitale Lehrumgebungen oder digitale Lernumgebungen anbetrifft. Es gibt bereits Institute, die Vorlesungen und Prüfungen ausschließlich im Netz verfügbar machen. Die Online-Akademie Udacity ist ein Beispiel. Die wurde übrigens von einem gebürtigen Deutschen, dem Stanford-Professor Sebastian Thrun, gegründet und betreut heute bereits drei Millionen Studierende weltweit.

Als es los ging mit den MOOCs, hatten wir Debatten, dass das unser Hochschulsystem total verändern wird, dass dadurch überhaupt nichts mehr Bestand haben wird, was bisher ist. Das hat sich so bei uns nicht realisiert. Das hat sich auch in den USA nicht so realisiert. Auch weil die durchschlagende Geschäftsidee dahinter nicht vorhanden war. Aber diese MOOCs haben natürlich unwahrscheinliche Wirkung, wenn es zum Beispiel darum geht, Talente aus dem Ausland, zum Beispiel aus Indien, anzuziehen. Es ist für mich ein Beispiel, dass sich nicht alles gleich radikal verändern muss, aber dass die Digitalisierung schon große Vorteile und Möglichkeiten mit sich bringt. Wir müssen aufpassen, dass wir diese nicht verpassen, sondern, dass wir sie auch im Wissenschaftsbereich nutzen.

Es wurden und werden zukunftsträchtige Ideen und Konzepte entwickelt und im Hochschulalltag erprobt. Ich nenne mal ein paar Beispiele:

Zum einen die sechs öffentlichen Hamburger Hochschulen und das Universitätsklinikum haben zusammen mit Partnern, unter anderem mit der Senatskanzlei und dem Multimediakontor Hamburg, das Projekt einer Offenen Online Universität initiiert.

Oder Lübeck. Lübeck war als Fachhochschule schon Vorreiter in den 90er-Jahren, als es mit Digitalisierung unter dem Schlagwort „Virtuelle Hochschule“ losging. Sie haben weiter daran gearbeitet und bieten jetzt Online-Studiengänge für internationale Studierende an.

Die Aachener Hochschule arbeitet mit einem virtuellen Raum, in dem Dozierende digitale Lern- und Lehrmethoden ausarbeiten und erproben können.

Auch die heutige Konferenz hat den Zweck, sich zu informieren und andere Konzepte und Projekte kennenzulernen. Es sind auch Vertreterinnen und Vertreter der Hochschulen hier, die jüngst über das Förderprogramm „Curriculum 4.0“ des Stifterverbandes und der Carl-Zeiss-Stiftung ausgezeichnet wurden. Ich habe mir das angeschaut. Das sind schon wirklich sehr interessante Projekte. In Deutschland sind wir stark darin, Geld für Projekte zu akquirieren; wir müssen es darüber hinaus schaffen, Dinge, die sich bewährt haben, weiter in die Fläche zu tragen. Darin sehe ich auch den Wert einer solchen Veranstaltung.

Wir haben, wenn man in die Hochschullandschaft blickt, einen bunten Strauß von Möglichkeiten. Aber was uns fehlt in Deutschland, ist ein wirklich struktureller, ein flächendeckender Wandel in der Hochschullandschaft insgesamt. Den haben wir nicht und der ist auch noch nicht in Sicht.

Ich möchte drei Bereiche ausführen, die durch Studien des Hochschulforums näher erforscht wurden und die Ergebnisse aufweisen, die ich zum Teil nicht so erwartet hatte, die aber sehr interessant sind und die genutzt werden sollten.

Erstens zum allgemeinen Digitalisierungsgrad der deutschen Hochschulen: Die Bereitschaft zur Veränderung ist an den Hochschulen unterschiedlich ausgeprägt – nicht nur von Hochschule zu Hochschule ist der Digitalisierungsgrad differenziert, sondern natürlich auch innerhalb einer Hochschule von Studiengang zu Studiengang.

Fast drei Viertel der Hochschulen reichern ihre Lehre bereits durch digitale Elemente an, über ein Drittel hat einen Blended-Learning-Ansatz als Leitidee, und 15 Prozent sehen in der digitalen Lehre kein strategisches Ziel. 15 Prozent, das ist ganz schön viel! Zudem gibt es zwei Prozent der befragten Hochschulen, die derzeit gänzlich auf digitale Elemente in der Lehre verzichten und auch in Zukunft darauf verzichten wollen.

Zusammenfassend heißt das: Die deutschen Hochschulen nutzen die Digitalisierung aktiv, aber das Gros befindet sich noch im Experimentieren mit den digitalen Formen des Lehrens und Lernens. Dabei werden viele Vorteile bei der Gestaltung von Infrastrukturen wie Campus-Management, Lernplattformen oder Netzwerken gesehen. Wenn es um die Lehre selbst geht, agieren die Hochschulen zurückhaltender: Erst 42 Prozent der Hochschulen betrachten die digitale Lehre als Instrument, um eben den Studienerfolg, die Qualität und auch die Vereinbarkeit von Familie und Studium zu verbessern.

Das ist nicht zufriedenstellend, wenn in dem Kernelement Lehre und Forschung eine solche große Distanz zu dem Thema Digitalisierung besteht. Das erscheint vor allen Dingen auch deshalb nicht zufriedenstellend, weil eben schon eine Menge von digitalen Instrumentarien auf dem Markt ist. Das ist auch nicht zufriedenstellend, wenn man den Blick auf die internationale Szene richtet und auch nicht, wenn wir an das Thema Arbeitswelt von morgen, Arbeitswelt 4.0, denken. Es darf nicht sein, dass so abstinent mit diesem Thema umgegangen wird. Denn der Ingenieur oder der Architekt muss sich später in einer anderen, digitalen Arbeitswelt zurechtfinden.

Der zweite Punkt, bei dem das Hochschulforum interessante Ergebnisse hervorgebracht hat, ist die Perspektive der Studierenden, also die Frage: Welche Erwartungen stellen die Studierenden selbst an den Digitalisierungsgrad ihrer Hochschule? Die meisten Studierenden sind junge Menschen, die mit den digitalen Medien aufgewachsen sind, die sie intensiv im privaten Bereich nutzen und sich gar nicht mehr vorstellen können, dass wir früher auch nicht schlecht gelebt haben, als es Internet und Smartphones noch nicht gab –  auch ich will nicht mehr darauf verzichten. Die Studierenden heute gehören zu einer neuen Generation und die zentrale Frage ist, ob das, was im normalen Alltag Gang und gebe ist, ob sich das auch automatisch auf die Lernweise und auf die Arbeitsweise in der Hochschule und im Studium überträgt. Und das Ergebnis überrascht:

Es wurden Einschätzungen von 27.000 Studierenden aus 153 Hochschulen und 11 Fachgebieten ausgewertet – also eine ordentliche Kohorte und ein breites Spektrum, von Informatik über Geographie bis Medizin. Im Ergebnis zeigt sich, dass diese jungen Leute – von denen immer gesagt wird, sie seien viel weiter als ihre Lehrer et cetera – im Studium bei der Nutzung digitaler Medien sehr konservativ agieren. Das fand ich überraschend. Es wird ja immer das Bild gezeichnet, dass die heutigen Studenten vielseitig orientiert und sehr technikaffin sind, sich aus dem umfangreichen Angebot das herausschneiden und heraussuchen, was für ihr individuelles Lernportfolio wichtig ist. Dieses Bild wird durch die Untersuchung nicht bestätigt. Das heißt: Die private Nutzung digitaler Medien übersetzt sich nicht automatisch in das Lernverhalten im Hochschulalltag.

Digitale Lehre scheint dann zu funktionieren, wenn ein Lehrender, also ein Professor oder ein Assistent, dies proaktiv einführt. Dann ist die Wirkung da. Denn dann steckt ja auch eine pädagogische Haltung, ein pädagogisches Konzept dahinter. Diese Abhängigkeit des Digitalisierungsgrades vom didaktischen Angebot wird auch deutlich am Beispiel der Befragung in den Informatikstudiengängen und der medizinischen Studiengänge: Dort, wo die digitalen Medien obligatorisch zu finden sind. Zum Beispiel im Medizinstudium ist die Verbreitung bereits heute hoch. Auch gibt es sehr große Unterschiede zwischen den Fächern.

Ein ähnliches Ergebnis hat sich ergeben bei einer Untersuchung, die mein Haus für den Bereich der beruflichen Bildung beauftragt hatte: Dabei wurden 3.000 mittelständische Betriebe in Deutschland befragt, inwieweit sie die digitalen Möglichkeiten in der beruflichen Bildung einsetzen. Es gaben über 90 Prozent an, digitale Möglichkeiten einzusetzen. Wenn man genauer hinschaut, werden allerdings nur die gängigen Formen benutzt, also etwa Internetangebote erstellt und darüber hinaus wenige Möglichkeiten ausgeschöpft. Dort wurde auch die Frage gestellt, inwieweit die Berufsausbilder zufrieden sind mit den Kenntnissen der jungen Leute, also der Lernenden. Das Klischee, dass die jungen Leute viel besser im Umgang mit den digitalen Medien seien und es Hemmungen bei den Lehrenden gebe, hat sich auch dort nicht bestätigt. Hingegen gab es große Beanstandungen vonseiten der Berufsausbilder, was den Kenntnisstand der jungen Leute anbetrifft, weil es am Arbeitsplatz eben nicht nur darum geht, ein Smartphone bedienen zu können.

Diese Untersuchung und die Studie des Hochschulforums verdeutlichen, dass wir in Deutschland einerseits über eine punktuelle Anreicherung mit der Lehre durch digitale Medien hinwegkommen müssen – in der Schule wie in der Hochschule. Andererseits müssen wir konsequent bei dem Prinzip bleiben, dass die Didaktik die Technologie führen muss und nicht umgekehrt.

Der dritte Aspekt ist die Internationalisierung. Wir sind in Deutschland gut, was Internationalisierung an Hochschulen anbetrifft. Das sage ich hier nochmal deutlich, denn ich ärgere mich häufig, dass dies auch seitens wichtiger Manager in der Wirtschaft nicht so wahrgenommen wird. Ende der 90er-Jahre gab es sicherlich noch Situationen, in denen diese Kritik zum Teil noch berechtigt war, also dass gute Leute weggehen und dass zu wenige zu uns kommen. Dass sich das mittlerweile total geändert hat, ist bei vielen leider überhaupt nicht angekommen. So stand vor kurzem in der Presse: Die Zahl der Studierenden, die ins Ausland gehen, „stagniere“ bei 30 Prozent. Dazu will ich sagen: In den USA sind es nur 10 Prozent, auch wenn ich weiß, das dies nicht ganz vergleichbar ist, denn die USA sind groß, da geht man von West nach Ost und muss nicht gleich das große Land verlassen. Aber wenn Sie die Niederlande ansehen als ein kleines Land, das ja schon immer international agieren musste, die streben an, in den nächsten Jahren auf 20 Prozent zu kommen. Und wir haben jetzt schon erreicht, dass 37 Prozent während ihres Studiums ins Ausland gehen. Das ist ein klasse Ergebnis! Deswegen betone ich, dass wir bei Internationalisierung im Moment auf einem guten Weg sind. Wir haben uns sogar noch ein bisschen mehr vorgenommen: Jeder zweite Student soll im Laufe seines Studiums ins Ausland gehen, das ist die Zielmarke von Bund und Ländern.

Die Studien des Hochschulforums zeigten, dass die Digitalisierung ganz entscheidend dazu beitragen kann, dass Internationalisierung wirklich ein zentrales Element im Studium wird. Denn wenn man die Möglichkeiten hat, im Ausland beispielweise über Onlineangebote weiter an Prüfungen der Heimathochschule teilzunehmen, dann ist die Bereitschaft natürlich sehr viel größer. Sogar die, die nicht „rausgehen“ – wenn ich das so lax sagen kann – können über die Möglichkeiten der Digitalisierung interkulturelle Erfahrungen machen. Aber es gibt auch Grenzen. Denn das, was ein Auslandsaufenthalt real bedeutet, kann nicht durch die digitalen Angebote ersetzt werden, sondern das ist immer noch eine Qualität, die für das Leben, auch für die berufliche und individuelle Entwicklung wichtig ist. Das heißt: Die Digitalisierung kann bei der Vorbereitung und bei der Nachbereitung von Auslandsaufenthalten – nicht nur für Studenten, sondern auch für Wissenschaftler – enorm wichtig sein und ist ein zentrales Element, was in den Hochschulen dazu bewegen sollte, die Internationalisierung strategisch mit der Digitalisierung zu verbinden.

Alle drei Untersuchungen haben die Erkenntnis gemein, dass nicht das umfangreiche, im Netz frei verfügbare Angebot digitaler Lernformate so verlockend ist, sondern dass eben die Verbindung mit dem Curriculum, mit dem Lehrenden, der es einführt, der es wertschätzt, sowie die organisatorische Verankerung im Studium wichtig sind. Das ist das, was dann wirklich Effekte bringt.

Wir brauchen also ein klares Bekenntnis der Hochschulen und ihrer Lehrenden, nicht nur zur fakultativen Anreicherung, sondern zum strukturellen Einsatz moderner digitaler Lernformate in der Hochschulbildung.

Auf dem zukünftigen Arbeitsmarkt werden natürlich mehr digitale Kompetenzen gefragt sein. Aber was vor allen Dingen gebraucht wird, sind: Orientierungssinn, Flexibilität, interdisziplinäres Denken, Fähigkeiten, damit man wirklich hochgradig vernetzt mit den modernen Möglichkeiten arbeiten kann. Damit man dem technologischen Fortschritt nicht hinterher läuft, sondern dort wirklich auf dem Niveau ist.

Wir fördern den digitalen Wandel vonseiten der Bundesregierung im Bildungssystem damit die Chancen für den Einzelnen gestärkt werden. Ich kann hier zugeben, dass ich auch jemand war, der - als Konservative - eine gewisse Skepsis hatte, ob digitale Bildung eher ein Hype sein könnte. Denn ich hatte es schon diverse Male erlebt, dass Phasen entstehen, in denen alles verändert werden sollte, aber dann die eigentliche Umsetzung sehr viel bescheidener ausfiel oder manches sich gar nicht bewährte. So dass ich auch in den letzten Jahren manchmal skeptisch war. Aber jetzt bin ich fest davon überzeugt, dass wir durch die digitalen Möglichkeiten, durch die heutige rasante Entwicklung, eine ganz andere Basis haben. Dass es auch Dinge gibt, die nicht gleich funktionieren, darf uns nicht dazu verleiten, es sein zu lassen.

Jörg Dräger, der heute auch im Publikum ist, hat mich mal überzeugt, mir gute Lernsoftware anzuschauen. Das habe ich in meinem Fach gemacht, also in Mathematik. Ich habe etwas ganz Klassisches ausprobiert, den Satz des Pythagoras, das war wirklich klasse! Denn man kann ihn ganz individualisiert darstellen und erfahren. Es ist für eine Lehrerin möglich, im Unterricht eine Tafel zu benutzen und darüber hinaus hat sie mit digitalen Medien die Möglichkeit, diejenigen, die pfiffig sind, mit Lernsoftware weiter zu fördern; und die anderen, die es nicht gleich kapiert haben, die länger brauchen, kann sie mit Lernsoftware Unterstützung geben - ohne dass diejenigen vorgeführt werden. Das ist aber natürlich qualitativ hochwertige Software, nicht nur ein bisschen illustrieren von Beispielen. Aus solchen Überlegungen ist dann auch die Idee einer „Schulcloud“ entstanden, als erster Schritt einer Bildungscloud. Damit man anspruchsvolle, qualitätsgesicherte Dinge zugreifbar für alle Schulen machen kann. Dazu werden Server und technische Standards gebraucht. Und das sind so Punkte, über die wir, Generalsekretär der KMK und ich, diskutieren werden.

Ich glaube, dass der 10. IT-Gipfel gut war. Beim IT-Gipfel gab es jedes Jahr ein Schwerpunktthema. Vergangenes Jahr war es Industrie 4.0 und für den diesjährigen IT-Gipfel hatten wir beschlossen, das Thema digitale Bildung in den Mittelpunkt zu rücken. Anfangs waren wir ein bisschen verzagt, ob wir innerhalb der kurzen Zeit etwas hinbekommen, was über Strategien, Konzepte und Papiere hinausgeht, etwas Progressives und Anfassbares. Ich bin sehr zufrieden. Denn wir haben zwei SmartSchools initiiert und eine Schul-Cloud vorgestellt. Das sind Vorschläge, die konkret erlebt und diskutiert werden können.

Im Bereich der Hochschulen haben wir die Förderung des Forschungsfeldes „Digitale Hochschullehre“. Denn wenn wir darüber reden, wie man pädagogisch sinnvoll in der Hochschullehre die Möglichkeiten einsetzen und nutzen kann, dann brauchen wir auch wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse. Vor allen Dingen um entscheiden zu können, welche Qualität wir brauchen und welche Wirkung und Wirksamkeit digitale Angebote haben. Darüber muss geforscht werden. Und daher stellen wir vonseiten des Bundes ausreichende finanzielle Ressourcen für das Forschungsfeld Digitale Hochschullehre zur Verfügung.

Das Hochschulforum Digitalisierung leistet für dieses wissenschaftliche Versuchen und Erproben einen wichtigen Beitrag. Der Abschlussbericht und die Arbeitspapiere demonstrieren das. Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken bei den Experten, die diese Themengruppen des Hochschulforums erarbeitet haben, und auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Geschäftsstelle.

Wir haben das Hochschulforum drei Jahre gefördert. Und wir werden es auch weiterhin fördern – das kann ich an dieser Stelle sagen.

Wir hatten letzten Freitag Abschluss des Bundeshaushalts 2017 im Deutschen Bundestag. Seit 2005, seit Angela Merkel Kanzlerin ist, ist der Etat für Bildung und Forschung jedes Jahr gewachsen, auch in der Finanz- und Wirtschaftskrise. Das ist in anderen Ländern nicht so. Ich meine damit jetzt nicht Spanien oder Griechenland, sondern blicke etwa nach Großbritannien, die dies in den vergangenen Jahren anders gehandhabt haben oder nach USA, wo die militärische Forschung zwar okay geblieben ist, aber in den anderen Forschungsbereichen herrschten Wellenbewegungen. In Deutschland haben wir hingegen eine kontinuierliche Steigerung erreicht.

Ich hatte Sorge, als ich 2013 in das Amt kam, dass dies nicht in dieser Form gelingen kann, denn wenn schon Jahr für Jahr eine Steigerung erreicht wurde, dann kann man nicht automatisch davon ausgehen, dass das immer so steil weitergeht. Aber ich kann eine sehr schöne Zahl nennen: Wir haben in dieser Legislaturperiode, was den Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung anbetrifft, eine Steigerung um 27,4 Prozent erzielt! Also von einem hohen Niveau nochmal mehr als ein Viertel.

Aber es geht nicht nur um die Höhe, sondern wichtig ist: Wofür setzen wir das Geld ein? Gerade im Bereich der Hochschulen gibt es Stellen, an denen in den nächsten Jahren noch ein Impuls auch vonseiten des Bundes notwendig ist. Es geht mir nicht um ein Gießkannen-Prinzip, sondern es geht darum, konkrete Impulse für die Zukunft zu setzen, so wie es beim Digitalpakt einen Impuls bundesweit für alle Schulen geben soll. Ich bin gespannt auf die Anregungen, die auch von dieser Tagung ausgehen.

III.

Es gibt nicht die digitale Hochschule. Angesichts der Vielzahl und der Breitenfächerung der Hochschullandschaft können die Wege sehr unterschiedlich sein. Aber es kann nicht nur darum gehen, überall Insellösungen zu kreieren, sondern wir müssen auch Mindeststandards haben, zum Beispiel wenn wir jetzt über Cloud-Lösungen nachdenken. Und wir müssen auch ein gemeinsames Verständnis dafür entwickeln, was wir erreichen wollen. Dann werden wir auch im politischen Verteilungskampf stärker, also bei der Akquise der entsprechenden Mittel.

Der Bewusstseinswandel ist wichtig. Es geht mir dabei weniger darum, die zwei Prozent der Hochschulen einzufangen, die gesagt haben „Digitalisierung interessiert uns jetzt nicht und auch nicht in den nächsten Jahren“, sondern um die Hochschulen, für die Digitalisierung eine riesen Chance ist, die sie nicht verpassen dürfen. Wir müssen nochmal einen Schub geben, um Digitalisierung stärker allgemein zu verankern. Wir brauchen Mindeststandards und kompatible Prozesse. Auch Cloud-Lösungen können wir im Hochschulbereich in Erwägung ziehen, ohne Autonomie und Flexibilität einzuschränken.

Eine Bitte habe ich gerade auch in dieser Runde: Die Bitte, dass wir nicht so lange darüber diskutieren, wer etwas machen muss, sondern was passieren muss. Wenn das was geklärt ist, dann kann man gucken, wie es geregelt wird. Wenn wir das „wer finanziert was?“ voranstellen, dann sind ellenlange Diskussionen programmiert. Wenn ein strategischer Ansatz da ist, der von vielen getragen wird, dann ist die Chance auch das „wer“ zu erreichen größer –  also in dieser Reihenfolge.

Ein zweiter Punkt, der mir sehr wichtig ist, das sind Datenschutz und Datensicherheit. Ich glaube, dass die Empfehlungen vom Rat für Informationsinfrastrukturen hierbei wichtig sind, dort wurde es als „rechtspolitisches Schlüsselthema“ thematisiert. Das Thema Datensicherheit ist noch unterbelichtet in Deutschland – es ist in vielen Unternehmen noch nicht hoch genug gehängt worden. Ich brauche hier keine Zahlen zu nennen, dass das Thema Datensicherheit noch Nachholbedarf hat, wissen wir alle.

Auch für Hochschulen ist Datenschutz und Datensicherheit ein wichtiges Thema, weil es um Lehre und um sensible Daten von Studierenden geht. Daten, die über Jahre gespeichert werden und bei denen im besonderen Maße Sorge getragen werden muss, dass damit verantwortungsvoll umgegangen wird. Ich will es mal lax formulieren: Studentinnen und Studenten, die im Studium auch mal schlecht abschneiden, können im beruflichen Leben exzellent sein. Und ein Zugriff auf diese alten Dinge wäre absolut kontraproduktiv.

Deswegen ist das Thema „Datensouveränität“ als überfassender Begriff, wie wir ihn auf dem IT-Gipfel intensiv diskutiert haben, hier ein wichtiges Thema. Und ich glaube, dass wir nicht zu viel an Dateneinschränkungen wollen, damit die Daten im Wissenschaftsbereich wirklich effektiv genutzt werden können.

Wenn ich jetzt mal ins Wirtschaftliche gehe: Deutschland ist das Land, das jetzt knapp hinter den Chinesen im Export von Hightech-Gütern an der Weltspitze steht. Auch sind wir der Weltmeister in Sensorik. Aus dieser Kompetenz und den vorhandenen Daten viel mehr zu machen, das ist etwas, was uns noch gelingen muss. Die richtige Balance zwischen Sicherheit und Verfügbarkeit müssen wir noch austarieren. Das ist eine Herausforderung, über die wir in der nächsten Zeit heftige Diskussionen in Deutschland haben werden, denn mit der Umsetzung der EU-Datenschutzgrundverordnung auf nationaler Ebene steht jetzt die Frage an, wie sich Öffnung, Datenschutz und Privatsphäre am besten in Einklang bringen lassen. Wir haben in diese EU-Verordnung zum Datenschutz nicht alles hineinbekommen, was wir aus deutscher Sicht wollten. Aber jetzt ist sie da und muss umgesetzt werden. Ich wünsche mir, dass dort eine hohe Sensibilität für den Hochschulbereich herrschen wird. Wir müssen hierbei von Anfang an aufpassen und nicht erst dann, wenn das Gesetz schon fast im Bundestag vorliegt. Da muss sich auch die Hochschulseite stark einbringen.

Bei der traditionellen Bildung hängt sehr viel davon ab, ob die Methoden und Konzepte richtig sind, ob die Umsetzung in der Praxis gelingt, ob die Lehrenden begeistert sind und die Lernenden begeistert werden können. Da unterscheidet sich die digitale Lehre nicht von der analogen Lehre. Auch dort sind diese Faktoren wichtig.

Es ist schon viel getan worden für die Modernisierung der Hochschulen. Aber es bleibt noch sehr viel mehr zu tun. Deswegen wünsche ich uns allen eine interessante Diskussion und dass alle etwas mitnehmen können – ruhig richtig mit heftigem Streit, Hauptsache, wir kommen ein Stück weiter.