Abschlussveranstaltung der „Arbeitswelten der Zukunft“

Rede von Christian Luft, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, auf der Abschlussveranstaltung des Wissenschaftsjahres 2018 „Arbeitswelten der Zukunft“.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie ganz herzlich hier auf der Zeche Zollverein zur Abschlussveranstaltung der „Arbeitswelten der Zukunft“. Das ist natürlich paradox, aber so sind Zeitreisen eben: Hier geht etwas zu Ende, was eindeutig noch vor uns liegt – unsere Arbeitswelt von morgen.

Die Homepage unseres Veranstaltungsorts sagt dazu:

„Wo vor mehr als 150 Jahren Kohle gefördert wurde, wird heute die Zukunft gestaltet, werden Impulse für neue Ideen gesetzt und große Momente erlebbar gemacht: als Bildungsstandort, Gründerzentrum oder Event-Location.“

Dieser Ort steht dafür, dass man den Umbruch der Arbeitswelt bewältigen kann – nicht durch ein passives „Abwarten, sondern durch aktives Erleben, Erlernen und Gestalten.

Mit diesem Dreiklang sind wir im Februar in Berlin in das Wissenschaftsjahr gestartet. Und er hat uns durch ein Wissenschaftsjahr geführt, das in vielen Punkten einzigartig war – auch und gerade dort, wo auf den ersten Blick eingespielte und bewährte Formate eingesetzt wurden.

I. Ein besonderes Wissenschaftsjahr

Schon bei der Auftaktveranstaltung konnte man sehen: Arbeitswelten der Zukunft werden nicht alleine aus Wissenschaft und Technik bestimmt. In folgenden Aspekten ging das Thema hierüber hinaus:

Das Zusammenspiel von Menschen und Technik ist nicht alleine von der Technik bestimmt oder von der Wissenschaft. Zunächst einmal brauchen wir für die Wissenschaft und die Technik die Menschen. Menschen, die in der Lage sind zu forschen und zu gestalten. Wir brauchen die Bereitschaft zum Lebensbegleitenden Lernen und zur Gestaltung. Wir brauchen die akademische und die berufliche Bildung genauso wie eine Allgemeinbildung. Diese Bildung stellt sicher, dass wir der Zukunft nicht ausgeliefert sind. Vielmehr sind wir Menschen es, die die Zukunft bestimmen.
Wie in keinem Wissenschaftsjahr zuvor konnten wir sehen, wie sehr wir berufliche Bildung brauchen, wenn wir die neuen technischen Möglichkeiten nutzen wollen. Kein Land wird erfolgreich Maschinen oder Autos bauen, nutzen und verkaufen, wenn es einzig über Konstrukteure verfügt. Ohne die Facharbeit wird uns die Arbeit insgesamt sehr bald ausgehen.

Jedes Land ist gut beraten, wenn es neben Wissenschaft auch die Unternehmen und die Beschäftigten in die Gestaltung der Arbeitswelten der Zukunft einbindet. In Deutschland ist es die eingespielte Sozialpartnerschaft, die dafür sorgt, dass die Interessen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern ausgeglichen und Maßnahmen ausgehandelt werden. Und deshalb war es gut, dass sich Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften als Partner in das Wissenschaftsjahr eingebracht haben. Viele Formate wären ohne diese Partner gar nicht denkbar gewesen.

Und drittens:

Wir brauchen Kooperationen. Zum Beispiel die Kooperation der eher auf Technik zielenden Wissenschaften, vertreten durch die acatech, und die in der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft vertretenen Disziplinen, die sich ausdrücklich der Arbeitsforschung und –gestaltung zuwenden. Diese Kooperation war ein Merkmal des Wissenschaftsjahres. Durch diese Kooperation wurde das Zusammenspiel zwischen Menschen und Technik, das jede Innovation treibt, besonders deutlich.

Diese drei Zwillingsbeziehungen – akademische/berufliche Bildung, Arbeitgeber/Arbeitnehmer und Technik-/Arbeitswissenschaften – haben den Charakter der Veranstaltungen, das Wesen von Ausstellungen, die Themen der Diskussionsrunden etc. geprägt. Diese Wirkung kann man nicht in Zahlen beschreiben, man muss sie erleben.

Aber auch die Zahlen sind durchaus beeindruckend, deshalb hier einige Beispiele:

437 Partner aus allen Bereichen der Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft engagierten sich bis zum Ende des vierten Quartals 2018 als Partner des Wissenschaftsjahres 2018.
700 Veranstaltungen in ganz Deutschland mit Bezug zum Thema Arbeitswelten der Zukunft wurden bis Ende Dezember 2018 realisiert, darunter regionale und überregionale Events wie Ausstellungen, Wettbewerbe, Vortragsreihen, Symposien und Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler.
Insgesamt sind bis Ende Dezember 2018 4.841 Beiträge (davon 2.116 Print, 2.193 Online, 334 Hörfunk, 163 TV und 35 von Nachrichtenagenturen) erschienen.
Die Auflage aller Print-Beiträge lag bei rund 32,0 Mio. Die damit erzielte Reichweite (Auflage x Leser pro Exemplar) belief sich auf rund 72,4 Mio., die Online-Reichweite lag bei über 730 Mio. Besuchen, im Rundfunk waren es über 120 Mio.

Ich denke, dass ich mich nicht zu weit hervorwage, wenn ich sage: Es ist in dem Wissenschaftsjahr gelungen,

die zentrale Frage, auf welchem Weg wir die Arbeitswelten der Zukunft erreichen, vielfältig und mit einer großen Zahl von Menschen zu diskutieren und dabei
die Möglichkeiten der zukünftigen Arbeitswelten durch Exponate auf der MS-Wissenschaft, im Future Work Lab und an zahlreichen anderen Zukunftsorten zu demonstrieren.

An dieser Stelle danke ich allen, die sich im Wissenschaftsjahr engagiert haben. Mit ihrem Einsatz haben sie gezeigt, dass „Wissenschaftskommunikation“ die Gesellschaft wirklich voranbringen kann.

Einen herzlichen Dank an Sie im Organisationsteam und natürlich an alle, die mit wissenschaftlichen Beiträgen, Projekten und Diskussionen zum Erfolg des Wissenschaftsjahres beigetragen haben. Gemeinsam haben wir in vielen, teilweise auch kontroversen Diskussionen ein erlebnis- und erfahrungsreiches Jahr durchlebt!

In den Projekten des Wissenschaftsjahres hat sich die Bandbreite der Themen gespiegelt. Da ging es um die Entwicklung der Industrie, die Digitalisierung, die Frage von Partizipation und Kreativität im Arbeitsleben, aber auch um Fragen der Gesundheit, bis hin zu Themen in Kunst und Kultur.

Auch die Formate des Wissenschaftsjahres waren breit gestreut: Neben Diskussionsforen waren es Filme oder Podcasts zum Thema „Arbeitswelten der Zukunft“ und natürlich die vielen Rückmeldungen über die sozialen Medien. Ich freue mich, dass wir in den vergangenen 12 Monaten diese Formate ausprobieren und nutzen und damit auch viele neue Ideen aufgreifen konnten. Die kreative Zusammenarbeit z. B. mit YouTube oder mit jungen Moderatorinnen und Moderatoren der Uni-Radios hat auch unsere Arbeit inspiriert.

II. Berufsbildung

Meine Damen und Herren,

ich habe es vorhin bereits angesprochen. Im Wissenschaftsjahr 2018 spielte die Berufliche Bildung eine Rolle, die ihr bisher in Wissenschaftsjahren nicht zugekommen ist. Dabei waren zwei Aspekte besonders wichtig:

Zum einen: Berufliche Bildung ist und bleibt eine Voraussetzung für unser Ziel „Wohlstand für Alle“ zu schaffen. Über qualifizierte Facharbeit partizipiert der größte Teil der Menschen in unserem Land am Wohlstand.

Zum anderen: Berufliche Bildung ist selbst Forschungsgegenstand, wenn es um die Frage geht, wie wir die Ausbildung in einer Zeit sich wandelnder Berufe und sich wandelnder Technik gestalten können und müssen.

Meine Damen und Herrn,

Frau Bundesministerin Karliczek hat die Berufliche Bildung in der Arbeit des Bundesministeriums in genau diesem Sinne zur Priorität erklärt. Für gute Bildungsangebote sind dabei nicht nur Bund, Länder und Kommunen zuständig. Bildung liegt in der Verantwortung der gesamten Gesellschaft.

Und jeder Euro, den wir investieren, ist gut angelegt. Drei Aspekte möchte ich hier besonders ausführen.

1. Durchlässigkeit

Talente und Interessen junger Menschen sind vielfältig. Unser Ziel ist es, dass jeder den Weg gehen kann, der am besten zu seinen Neigungen und Fähigkeiten passt. Individualität und Leistungsbereitschaft müssen sich in der beruflichen wie der akademischen Ausbildung gleichermaßen entfalten können. Dazu gehört auch, dass sich der Karriereweg über eine berufliche Ausbildung über den Lebensweg genauso lohnen muss wie der über eine Fachhochschule oder eine Universität.

Das BMBF möchte Transparenz und Durchlässigkeit mit einer neuen „Programminitiative“ fördern. Wir wollen Verzahnung zwischen beruflicher und akademischer Bildung weiter ausbauen, z.B. durch hybride Ausbildungsformate, die berufspraktische und theoretisch-wissenschaftliche Inhalte der Ausbildung, Fortbildung und Hochschule kombinieren. Wir wollen neue Perspektiven schaffen und die Attraktivität der beruflichen Bildung weiter steigern.

2. Anerkennung und Wertschätzung

Zur Freiheit bei der Wahl des Bildungsweges gehört auch, dass die verschiedenen Bildungswege gesellschaftlich gleichberechtigt nebeneinander sehen. Deutschland braucht Auszubildende genauso wie Studierende. Aus dieser Erkenntnis folgt zwingend, dass wir die berufliche und die akademische Bildung gleich wertschätzen müssen. Beide Bildungswege sind gleichwertig.

Aus diesem Grund steht das BMBF für eine deutliche Stärkung der Attraktivität der beruflichen Bildung. Wir fördern attraktive Karrierewege, indem wir die Bildungsbereiche besser miteinander verzahnen und die Übergänge Hochschule und Berufsbildung weiter vereinfachen.

Wir wollen aber auch an die appellieren, die für junge Menschen besondere Verantwortung tragen und von Ihnen als wichtige Ratgeber empfunden werden. Eltern, Lehrer, Freunde. Schätzen Sie und respektieren Sie eine berufliche Karrierewahl in ihrem Umfeld und drängen Sie nicht in Richtung Hochschule, wenn die praktische Veranlagung in eine andere Richtung weist.

3. Gemeinsam Handeln

Nur gemeinsam bewegen wir etwas. Deshalb haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, alle Initiativen auf dem Feld der beruflichen Bildung dieser Legislaturperiode zu einem Berufsbildungspakt und in einer nationalen Weiterbildungsstrategie zusammen zu fassen.

Damit wir die gesellschaftliche Sichtbarkeit herstellen, hat das BMBF das Jahr 2019 zum Jahr der Berufsbildung erklärt. Die wichtigsten Elemente möchte ich kurz vorstellen:

In einem bundesweiten Innovationswettbewerb sollen Unternehmen, überbetriebliche Berufsbildungsstätten, Bildungszentren, Berufsschulen und Hochschulen innovative Aus- und Weiterbildungsformate entwickeln und erproben.
Mit der Novelle des Berufsbildungsgesetzes sollen drei transparente Fortbildungsstufen eingeführt werden Berufs-Experte, Berufs-Bachelor, Berufs-Master. Außerdem beinhaltet die Novelle zum ersten Mal eine Mindestvergütung für Auszubildende sowie die Verbesserung der Durchlässigkeit innerhalb der beruflichen Bildung.
Ein weiterer wichtiger Baustein des Berufsbildungspaktes sind die Verbesserungen beim Aufstiegs-BAföG. Dafür stellen wir zusätzlich 350 Millionen Euro bereit – mehr denn je seit Bestehen des Gesetzes. Aufstieg darf nicht am Geldbeutel der Menschen scheitern!
Um auch die Lehrenden bei ihrer Weiterbildung zu unterstützen, sieht der Berufsbildungspakt auch eine „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ vor.
Schließlich setzt sich das BMBF für eine flächendeckende Berufsorientierung an allen Schulen ein – also auch an Gymnasien.

So haben es junge Menschen leichter, sich unvoreingenommen und entsprechend ihren Fähigkeiten und Neigungen für einen Beruf zu entscheiden. Dabei möchten wir auch denjenigen, die bisher nur akademische Ausbildungswege im Blick hatten, die Vorteile und Chancen der beruflichen Bildung aufzeigen.

Um die Idee hinter all diesen Maßnahmen mit den jungen Menschen zu besprechen, gab es keinen besseren Ort als das Wissenschaftsjahr 2018. Die Jugendaktion „Zeitreisende – Entdeckt die Berufe im Wandel“ beispielsweise hat Jugendliche dazu begeistert, sich vertieft mit einem dualen Ausbildungsberuf auseinanderzusetzen.

III. Schluss

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

am heutigen Tag findet ein weiteres außerordentlich gelungenes Wissenschaftsjahr hier in der Zeche Zollverein einen würdigen Abschluss. Ohne die zahlreichen Partner-Institutionen, die mit Herzblut und viel eigenem Engagement zum Gelingen des Wissenschaftsjahres beigetragen haben, wäre dieses Wissenschaftsjahr nicht so erfolgreich verlaufen.

Zugleich freue mich bereits jetzt auf das neue Wissenschaftsjahr. Mit dem Thema „Künstliche Intelligenz“ haben wir wieder ein sehr aktuelles, brisantes und bewegendes Thema gewählt. Erste Diskussionen zu diesem Thema konnten wir schon in den „Arbeitswelten der Zukunft“ erleben.

Ich bin mir sicher, dass auch dieses Wissenschaftsjahr – auch Ihrer aller Unterstützung – wieder ein großer Erfolg werden und damit dazu beitragen wird, die Debatte um „KI“ in Deutschland in die Breite zu tragen.

Herzlichen Dank!