"Angst davor, etwas Neues auszuprobieren, können wir uns nicht leisten"

Forschungsstaatssekretär Georg Schütte über den demografischen Wandel, die Hightech-Strategie und darüber, dass die digitalen Möglichkeiten das Leben im Alter erleichtern können. Ein Interview mit dem Behörden-Spiegel vom 9. Juli 2015.

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Denzel, Jesco / BPA

Behörden-Spiegel: Die Flüchtlingssituation ist derzeit in den Kommunen das drängendste Thema. Die Bevölkerungsprognosen gingen im Schnitt von 100.000 Zuwanderungen jährlich aus – jetzt kommen 400.000 Zuwanderer jährlich zu uns. Ist der demografische Wandel erst einmal vertagt?

Schütte: Das sehe ich nicht so. Der demografische Wandel ist eine langfristige Entwicklung. Zuwanderungszahlen hängen von vielen Faktoren ab und unterliegen Schwankungen, wie die Erfahrungen der vergangenen Jahre klar zeigen. Betrachten wir zudem die gesamte Bevölkerungsentwicklung, stellen wir fest, dass die Zuwanderungszahlen nach den derzeit bekannten Prognosen dann doch einen relativ überschaubaren Anteil abbilden. Die Wirkung auf den großen Trend der Bevölkerungsentwicklung ist also eingeschränkt.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung legt viele Programme zum Themenbereich demografischer Wandel auf. Wo ist Ihrer Meinung nach der größte Handlungsbedarf auf der kommunalen Ebene im Bereich demografischer Wandel?

Auch wenn wir bereits sehr gut  darin sind, technische Lösungen zu finden, muss es nun darum gehen, die Technik noch stärker zum Menschen zu bringen, also nutzbar zu machen. Daher arbeiten wir daran, soziale und technische Innovation so miteinander zu verbinden, dass sie bei den Menschen besser ankommen, akzeptiert werden und ihnen helfen. Die Akteure zu vernetzen, die Themenbereiche zusammenzubringen, das ist eine der großen Zukunftsaufgaben.

Wie kann das aussehen?

Wir haben zum Beispiel über viele Jahre bereits dabei geholfen, neue Technologien zu erforschen, die die Menschen vor Ort unterstützen. So wurden etwa in unserem Förderschwerpunkt "Assistierte Pflege von morgen“ in den vergangenen vier Jahren Produkte und Dienstleistungen entwickelt, die Pflegekräften helfen, körperliche Belastungen besser zu ertragen. Wir kennen ja die Schwierigkeiten beispielsweise bei bettlägerigen Patienten, die zur Pflege bewegt werden müssen. Das ist eine unglaublich anstrengende Tätigkeit, die durch technische Innovationen deutlich erleichtert werden kann. Daran arbeiten wir, gemeinsam mit den Experten aus der Medizin, aus der Pflege und den Kommunen. Wir wollen neue Ideen zu besseren Produkten und Dienstleistungen entwickeln.

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt in den nächsten Jahren kontinuierlich an und gleichzeitig brechen die familiären Unterstützungsnetzwerke weg. Ein Weg ist es, Älteren zu helfen, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben zu können, dabei kann moderne Technik unterstützen…

Ja, es gibt zahlreiche technische Möglichkeiten, wie man Eigenständigkeit auch im fortgeschrittenen Lebensalter noch ermöglichen kann. Im Rahmen des Förderschwerpunktes „Besser leben im Alter durch Technik – Kommunale Beratungsstellen“ haben wir die vielen Forschungsergebnisse in einer Datenbank zusammengetragen und im Internet unter www.wegweiseralterundtechnik.de kann sich jeder über die wachsende Anzahl an neuen Angeboten informieren. Mehr als  240 Produkte sind dort inzwischen erfasst, man kann recherchieren, nach unterschiedlichen Begriffen suchen, nach Produktklassen oder auch nach Anwendungsfeldern. Zwei Beispiele möchte ich kurz nennen: das altersgerechte Telefon, mit großen Tasten und einfacher Bedienung ausgestattet, also auf die notwendigen Funktionen konzentriert und ein Assistenzsystem, das selbständiges Aufstehen und Hinsetzen im Alter oder bei Krankheit unterstützt und so ein selbständigeres Leben ermöglicht. Die Datenbank verbessert zudem den Service der kommunalen Beratungsstellen, da sie passgenaue Lösungen auf dem aktuellen Stand der Technik aufzeigen kann.  

Was machen diese kommunalen Beratungsstellen?

Wir wollen ältere oder in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen unterstützen, dass sie möglichst lange selbstständig in den eigenen vier Wänden leben können. Dazu müssen die Menschen aber wissen, was heute dank der Technik alles machbar ist. Wir brauchen also Anlaufstellen für individuelle Beratung. In insgesamt 22 Städten, Gemeinden und Landkreisen haben wir daher den Aufbau von Beratungsstellen gefördert. Die Beratungsstellen informieren über Hilfsmittel und Assistenzsysteme und darüber, wie diese in den eigenen vier Wänden zum Einsatz kommen können. Die Beratung ist natürlich unabhängig, qualitätsgesichert und auf den Unterstützungsbedarf der Ratsuchenden zugeschnitten.

Ist es geplant, weitere kommunale Beratungsstellen zu eröffnen, oder wie geht es mit dem Programm weiter?

Als Forschungsministerium ist es unsere Aufgabe, neue Möglichkeiten beispielhaft aufzuzeigen, zu erproben und für die erfolgreiche Anwendung in der Fläche zu werben. Die Entscheidung darüber, ob eine Beratungsstelle dauerhaft als Angebot für die Einwohner eingerichtet werden soll, muss eine Kommune jedoch eigenverantwortlich treffen. Daher haben wir die erfreulichen Ergebnisse unserer Projektförderung in dem Leitfaden „Kommunale Beratungsstellen - 22 Wege zur Umsetzung in Stadt und Land“ veröffentlicht und andere Kommunen können sich daran orientieren.

In ländlichen Regionen dünnt sich das Netz des Öffentlichen Nahverkehrs weiter aus. Auch hier sind innovative Ideen gefragt, was macht das BMBF?

Mit der Hightech-Strategie fördert die Bundesregierung "Intelligente Mobilität“ als prioritäre Zukunftsaufgabe. Ein neuer Förderschwerpunkt ist dabei "Verlässliche Technik für den mobilen Menschen". Es geht bei dem Thema sehr stark um Mensch-Technik-Interaktion. Wir sehen die Chance, die zunehmende Verbreitung von Mobilitäts- und Kommunikationstechnologien zur Verbesserung des Nahverkehrs nutzbar zu machen. Wir stärken die Forschung in dem Bereich, um effiziente, passgenaue und zuverlässige Lösungen für die Mobilitätsbedürfnisse des Menschen zu entwickeln.

Manchmal haben es Innovationen schwer und werden von Standards oder rechtlichen Regelungen behindert. Brauchen wir mehr Freiräume für neue Ideen?

Die größte Herausforderung besteht darin, mit unserer älter, weniger und ethnisch vielfältiger werdenden Gesellschaft so umzugehen, dass wir nicht nur über Technik sondern auch über soziale Innovationen nachdenken. Hier ist Innovationsgeist gefordert.  Dafür brauchen wir den notwendigen Freiraum in der Forschung, ein gesellschaftliches Klima, das Fortschritt und Innovation ermöglicht. Angst davor, Neues auszuprobieren, können wir uns als rohstoffarmes Land nicht leisten. Eine zweite Herausforderung besteht darin, die verschiedenen Ideen im Kontext zu betrachten. Man kann einzelne gute Ideen haben, aber das Leben gestaltet sich gerade vor Ort, in den Kommunen in komplexen Zusammenhängen. Wie greifen die unterschiedlichen Elemente ineinander? Wie bringen wir selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zusammen mit Mobilitätskonzepten in der Kommune? Wie wirkt Leben im Quartier zusammen mit generationenübergreifendem Wohnen? Das sind die Fragen, die wir beantworten müssen. Wir müssen über die Einzelinnovation hinaus den sozialen und den systemischen Kontext mitdenken.

Neben dem demografischen Wandel ist auch die Digitalisierung eine große Forschungsagenda ihres Hauses. Wie können diese beiden Megatrends zusammenwirken?

Sie wirken zusammen. Als Bundesregierung fördern wir diese vernetzte Entwicklung mit der Hightech-Strategie. Ein konkretes Beispiel ist Industrie 4.0, die digitale Vernetzung der Produktion. Dadurch ändert sich auch die Arbeitswelt. Welche Freiräume schafft die vernetzte, über das Internet gesteuerte Produktion, um Leben und Arbeiten altersgerecht zu ermöglichen? Mit welchen Belastungen müssen wir rechnen? Welche Chancen ergeben sich? Auf diese Fragen suchen wir mit unserer Forschungsförderung Antworten. Persönlich möchte ich ergänzen, dass gerade durch die digitalen Möglichkeiten das Leben im Alter deutlich erleichtert und verbessert werden kann. Ich sehe das als große Chance.

Die Fragen stellte Carsten Köppl