Anreize für klimaneutrales Handeln aus der Klimaökonomie

Was Politik und Wissenschaft tun können, damit wir die Klimaziele bis 2050 erreichen, erläutert der Ökonom Prof. Dr. Andreas Löschel von der Uni Münster kurz vor dem 8. Forum Klimaökonomie im Interview.

Prof. Dr. Andreas Löschel
Prof. Dr. Andreas Löschel © Dominik Schreiner

Herr Prof. Löschel, wir haben den europäischen Green Deal, eine neue US-Regierung und ein nationales Emissionshandelssystem in China. Die Covid-19-Wiederaufbauhilfen sind zu einem großen Teil für nachhaltige Maßnahmen zweckgebunden. Wie beurteilen Sie die aktuellen Rahmenbedingungen für die Eindämmung des Klimawandels?

Die internationale Ausgangslage ist tatsächlich günstig. Die Eindämmung des Klimawandels hat in den letzten Jahren einen herausragenden Stellenwert in der Politik gewonnen. In Deutschland hat es eine deutliche Verschiebung des Energiemix gegeben: Nicht nur durch den Rückgang der Stromnachfrage aufgrund der Corona-Pandemie, sondern auch durch die hohen CO2-Preise im Europäischen Emissionshandelssystem seit Ende 2018 und günstige Verhältnisse für erneuerbare Energien. Die Treibhausgasemissionen sind in den letzten fünf Jahren um mehr als ein Fünftel gesunken. Jetzt wird entscheidend sein, dass es in den nächsten Jahren nicht wie beim letzten Rückgang der Emissionen infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 ein rasches Zurückspringen gibt.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Maßnahmen und Hebel, um die Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen? Wie kommen wir beim wichtigen Thema CO2-Bepreisung weiter voran?

Der klimapolitische Rahmen muss so gestaltet werden, dass sich das grundlegende Geschäftsmodell der Unternehmen und die Entscheidungen der Haushalte ändern. Dazu sind höhere CO2-Preise das Instrument der Wahl. Ergänzt durch einen nachhaltigen Infrastrukturausbau und die Förderung von Forschung und Entwicklung, Innovationen, Diffusion und Einführung neuer CO2-armer Technologien. Eine Strompreisreform für Haushalte und Industrie mit höheren CO2-Preisen und niedrigeren Strompreisen durch die Senkung der Umlagen, Abgaben und Steuern auf Elektrizität wird im Übrigen auch den aktuellen verteilungspolitischen Anforderungen besonders gerecht. In Deutschland wurden die richtigen Weichen gestellt. Jetzt gilt es rasch voranzuschreiten – möglichst in einem europäischen Rahmen.

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Löschel ist Inhaber des Lehrstuhls für Mikroökonomik, insbesondere für Energie- und Ressourcenökonomik sowie Direktor des Zentrums für angewandte Wirtschaftsforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster. Des Weiteren ist er als Research Associate am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung tätig. Seit 2011 ist er Vorsitzender der Expertenkommission der Bundesregierung zum Monitoring der Energiewende. Als einer der Leitautoren des Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) ist er an der Erstellung des 5. und 6. Sachstandsberichts (2010-14, 2017-21) beteiligt.

Welche Innovationen kann die Forschung noch stärker verfolgen, um den Klimawandel einzudämmen und den Wandel zur klimaneutralen Gesellschaft zu unterstützen?

Das neue Leitbild der Klimaneutralität stellt aus meiner Sicht einen Paradigmenwechsel dar, der gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Zu den bisherigen Schwerpunkten treten notwendige Innovationen hinzu: Zur Unterstützung der weitreichenden Elektrifizierung der Wirtschaftssektoren, im Kontext der CO2-Abscheidung [Anm. d. Red.: Abtrennung des Kohlendioxids aus dem Abgasstrom] und dauerhaften Speicherung bzw. Nutzung und beim regenerativen Wasserstoff und den synthetischen Energieträgern. Viele Technologien stecken noch in frühen Entwicklungsphasen, werden aber eine Schlüsselrolle für das Erreichen der Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 spielen. Daneben braucht es ein besseres Verständnis, wie mit bestehenden Anlagen in Energiewirtschaft und Industrie umgegangen werden kann. Und natürlich stellt sich die Frage, welche Infrastruktur zur klimaneutralen Gesellschaft gehört.

Können Anreize an die Gesellschaft einen dynamischen Wandel hin zur Klimaneutralität unterstützen? Wie können klimaökonomische oder gesellschaftswissenschaftliche Forschung hierbei helfen?

Die richtigen Anreize für Wirtschaft und Gesellschaft sind tatsächlich entscheidend für das Gelingen der Transformation. Die klimaökonomische und gesellschaftswissenschaftliche Forschung ist aus meiner Sicht besonders gefragt, die Anreizwirkungen der verschiedenen politischen Maßnahmen besser zu verstehen und insbesondere auch deren Überlappung zu verstehen. Wie können und sollen die zunehmend stringenteren Maßnahmen umgesetzt werden, was ist machbar und warum? Hier spielen verhaltensökonomische Ansätze eine besondere Rolle. Daneben wird die Digitalisierung zum entscheidenden Treiber der Dynamik und eröffnet neue Möglichkeiten, richtige Anreize zu setzen. Schließlich wird es nötig sein, in großem Umfang private Investitionen für den Klimaschutz zu aktivieren.

Welche Aspekte zur Klimaforschung sollten Ihrer Ansicht nach auf dem 8. Forum Klimaökonomie besonders eingehend diskutiert werden?

Das 8. Forum Klimaökonomie setzt mit dem Fokus auf eine faktenbasierte Klimapolitik aus meiner Sicht den richtigen Schwerpunkt. Wie geht es weiter mit der CO2-Bepreisung im EU-Emissionshandel und in den Sektoren Verkehr und Gebäude? Was bedeutet dies für die Haushalte und die Unternehmen im internationalen Wettbewerb? Gibt es durch den Trend zur klimaneutralen Produktion neue nachhaltige und zukunftsfähige Geschäftsmodelle? Welche Informationen braucht es dafür und wie sind diese verlässlich bereitzustellen. Diesen Aspekt finde ich sehr spannend: in den letzten Jahren wurde verstärkt auf Bereitstellung von Information im Klimaschutz geschaut. Wie weit können solche Maßnahmen selbst Verhalten beeinflussen und welche Rolle haben softe Maßnahmen auf dem Weg zur Klimaneutralität.