Ansteckungsgefahr nach Zeckenbiss deutlich erhöht

Seit 2017 jagt ein Zecken-Rekord den nächsten. Damit einher geht eine erhöhte Ansteckungsgefahr mit der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Ein Grund dafür könnte der menschengemachte Verlust der Artenvielfalt sein, erklärt Experte Gerhard Dobler.

Bei erwachsenen Zecken ist die Durchseuchung mit dem FSME-Virus etwa fünf bis zehn Mal höher als bei Jungtieren. © Adobe Stock / Smileus

Herr Professor Dobler, Sie haben vor zwei Jahren im Interview mit bmbf.de vor dem Rekord-Zecken-Jahr 2018 gewarnt – und sie hatten recht. Was erwartet uns in diesem Jahr?

Leider wieder ein Rekord: Seit 2017 haben wir jedes Jahr mehr Zecken als im Vorjahr. In den letzten drei Jahren haben sich die einheimischen Zecken mehr als verdoppelt.

Woher wissen Sie das?

Mit dem Tuch streift Gerhard Dobler über die Vegetation, damit die Zecken sich dort anklammern, so dass sie dann vom Tuch abgesammelt werden können. Er 'simuliert' sozusagen ein Felltier, das vorbei läuft, woran sich die Zecken dann klammern würden. Das ist die übliche Weise Zecken zu sammeln. Man nennt das Verfahren auch 'Flagging'.
Mit dem Tuch streift Gerhard Dobler über die Vegetation, damit die Zecken sich dort anklammern, so dass sie dann vom Tuch abgesammelt werden können. Er "simuliert" sozusagen ein Felltier, das vorbei läuft, woran sich die Zecken dann klammern würden. Das ist die übliche Weise Zecken zu sammeln. Man nennt das Verfahren auch "Flagging". © Privat

Wir sammeln seit nunmehr 12 Jahren systematisch an bestimmten Orten Zecken. Die Ergebnisse vergleichen wir dann mit den vorherigen Jahren. Mit Hilfe dieser Daten haben wir gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Wien ein Modell entwickelt, mit dem wir jetzt bereits im Frühjahr berechnen können, wie viele Zecken es im Sommer geben wird. Das machen wir jetzt bereits seit 3 Jahren – und bislang waren unsere Prognosen immer sehr genau.

…und so kommen Sie auf Ihre Rekord-Prognose für 2020?

Genau. Wir haben im Mai auf unserem Referenzfeld in 90 Minuten 530 Zecken gesammelt – wieder ein Rekord! In den ersten neun Jahren unserer Untersuchungen kamen wir durchschnittlich auf 230. Seit drei Jahren liegen wir immer bei über 530 Zecken, also mehr als eine Verdopplung der Zeckenzahlen.

Besorgt Sie das?

Ja, ich erwarte einen deutlichen Anstieg bei der Borreliose und der Frühsommer-Meningoenzephalitis [FSME]. Letztere ist eine virale Hirnhautentzündung, die schlimmstenfalls tödlich enden kann. Noch mehr als die hohen Zeckenzahlen besorgt mich aber ein anderer Befund: Das Verhältnis der Nymphen – also Jungtiere – zu den erwachsenen Zecken hat sich in diesem Jahr extrem verändert. Früher haben wir auf 100 Nymphen 10 adulte Tiere gefunden – dieses Jahr sind wir bei 30 zu 70. Das gab es noch nie zuvor!

Ist das schlimm?

Bei erwachsenen Zecken ist die Durchseuchung mit dem FSME-Virus etwa fünf bis zehn Mal höher als bei Jungtieren. Also ja: Es erhöht die Ansteckungsgefahr deutlich! Hinzu kommt noch ein weiterer besorgniserregender Befund, den Kolleginnen und Kollegen der Tiermedizinischen Hochschule Hannover kürzlich entdeckt haben: Ihre Experimente zeigen, dass sich dieses Jahr auch deutlich mehr Nymphen mit FSME infizieren lassen als im letzten Jahr.

Gegen FSME gibt es doch eine vorbeugende Impfung. Sollten wir uns alle impfen lassen?

Die Empfehlung gilt nur in Risikogebieten, die als solche vom Robert Koch Institut eingestuft werden. Wer dort lebt, arbeitet oder Urlaub machen möchte, sollte sich impfen lassen. Das Gleiche gilt für Risikogruppen wie Menschen mit einem geschwächten Immunsystem – etwa nach einer Antikörpertherapie oder einer Organtransplantation. Bei Transplantationspatienten verläuft die FSME nahezu immer tödlich.

Warum jagt denn eigentlich ein Rekord den nächsten?

Das können wir noch nicht genau sagen. Hier ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten, da die Zusammenhänge äußerst komplex und die Untersuchungen sehr zeitaufwendig sind.

Haben Sie denn erste Vermutungen, warum es immer mehr Zecken gibt?

Zecken sind erstaunlich anpassungsfähig. Wir sind lange davon ausgegangen, dass die Zeckenzahlen aufgrund der zunehmend trockenen und heißen Jahre zurückgehen werden. Doch das ist nicht so. Die Tiere wandern in höhere Lagen ab. Zudem zieht es mehr und mehr Zecken von Wiesen hin zum Waldrand. Dort finden sie auch mehr Wild und Nagetiere, die ihnen als Blutmahlzeit dienen. Aufgrund des trockenen Klimas gibt es beispielsweise mehr Mäuse, da die Mäusebrut ohne starke Regenfälle nicht mehr so häufig in ihren Höhlen ertrinkt. Das könnte einer der Gründe für die Vermehrung sein. Aber wie gesagt: Die Zusammenhänge sind äußerst komplex und vielschichtig.

Der Klimawandel könnte also einer der Gründe für den Anstieg der Zeckenzahlen sein. Aber das erklärt doch noch nicht die gestiegene FSME-Durchseuchung, die Sie festgestellt haben…

Richtig, hier kommt noch ein weiterer menschengemachter Effekt hinzu. Wir erleben derzeit weltweit einen massiven Verlust der Artenvielfalt. Gründe dafür sind unter anderem die Verbreitung von Monokulturen in der Landwirtschaft, Waldrodungen oder eine zu starke Landnutzung. Eine Konsequenz davon ist die Verarmung der Diversität von Nagetierarten.

Warum ist das ein Problem?

Je mehr verschiedene Arten es in einem Lebensraum gibt, desto mehr „verliert“ sich das Virus in den Spezies. Gibt es weniger Arten, können sich Infektionskrankheiten zwischen den Tieren einer Art besser verbreiten. Dadurch saugen dann auch mehr Zecken an wenigen Nagetieren. Durch dieses sogenannte Co-feeding verbreitet sich das Virus umso schneller in den Zecken und wird damit häufiger auf den Menschen übertragen.

Was können wir tun, um uns zu schützen?

Die Menschheit muss wieder mehr für den Erhalt der Biodiversität tun. Davon profitieren wir Menschen ebenso wie die Tiere und die Umwelt. Und für jeden Einzelnen gilt: Bleiben Sie wachsam bei Waldspaziergängen, tragen Sie lange Hosen, hohe Schuhe und nutzen Sie Insektenschutzmittel. Und für Risikogebiete gilt: Lassen Sie sich impfen! Österreich hat auf diesem Wege die FSME-Erkrankung beim Menschen um bis zu 90 Prozent verringert.

Hintergrund

Prof. Dr. Gerhard Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr koordiniert das vom Bundesforschungsministerium geförderte Verbundprojekt TBENAGER (Tick-Borne Encephalitis in Germany). Er untersucht gemeinsam mit Partnern des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie der Universitäten Hohenheim, Leipzig, München, Hannover und Magdeburg die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).
Die FSME ist die wichtigste endemisch vorkommende durch Zecken übertragene Virusinfektion weltweit. TBENAGER erforscht die Epidemiologie, Pathogenese und Ökologie der FSME mit dem Ziel, die trotz einer effektiven Impfung immer noch hohen Erkrankungszahlen in Deutschland zu reduzieren. So sollen z.B. die Forschungsergebnisse zur Risikoanalyse den lokalen, regionalen und nationalen Gesundheitsbehörden zur besseren Planung und Implementierung von Interventionsstrategien zur Verfügung gestellt werden.

TBENAGER ist eines von sieben Verbundprojekten, die das Bundesforschungsministerium mit der Initiative „Nationales Forschungsnetz zoonotische Infektionskrankheiten“ seit 2017 mit insgesamt 40 Millionen Euro fördert.