Antibiotika: Hoher Konsum, wenig Wissen

Die Deutschen wissen zu wenig über Antibiotikaresistenzen: Nur jeder Vierte Befragte wusste, dass nur Bakterien Resistenzen ausbilden können, nicht aber Viren oder gar der Mensch. Das hat eine repräsentative Emnid-Umfrage gezeigt.

Eine repräsentative Umfrage von TNS Emnid mit 1000 Befragten hat gezeigt, dass die Deutschen zu wenig über die Entwicklung von Resistenzen wissen. Auf die Frage, wer oder was denn eigentlich gegen Antibiotika resistent sei, hat ein Drittel geantwortet, dass sowohl Viren als auch Bakterien resistent werden und 20 Prozent der Befragten war sogar der Überzeugung, dass der Mensch Resistenzen ausbilde. Nur jeder Vierte wusste, dass allein Bakterien gegen Antibiotika resistent werden und sich damit deren Behandlung erschwert. Was viele auch nicht wissen: Die falsche Einnahme eines Medikamentes fördert die Ausbildung von Resistenzen. Wer beispielsweise die Einnahme verkürzt oder sich über den Rat des Arztes hinweggesetzt, trägt dazu bei, dass ein Medikament langfristig wirkungslos wird.

Die Umfrage war vom Projekt „Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation (RAI)“ in Auftrag gegeben worden. Das Projekt wird vom Bundesforschungsministerium gefördert. Unter der Leitung von Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité, arbeiten bundesweit Wissenschaftler von Hochschulen und Forschungsinstituten mit Kommunikationsexperten zusammen. Sie wollen sich zunächst in Brandenburg, Berlin und Thüringen um breitere Aufklärung der Bevölkerung bemühen.

Petra Gastmeier leitet das Forschungsprojekt zur Aufklärung über Antibiotikaresistenzen. © Privat

bmbf.de: Frau Gastmeier, können Sie kurz zusammenfassen, was die Befragung gezeigt hat?

Petra Gastmeier: Das Thema ist in der Bevölkerung angekommen. Die Bürger können mit dem Begriff „Antibiotikaresistenzen“ etwas anfangen oder haben ihn schon einmal beiläufig gehört. Allerdings ist vielen immer noch unklar, wer oder was resistent ist: Ist das Antibiotikum resistent, sind Viren resistent oder ist es gar der Mensch selbst? Hier muss noch mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden – von Wissenschaft, Politik, Medien und Ärzten gemeinsam.

58 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass ihr Verhalten keinen Einfluss auf die Entwicklung von Resistenzen hat. Das ist aber ein Irrtum, richtig?

Ja, definitiv. Von niedergelassenen Ärzten hören wir immer wieder, dass viele Patienten ein Antibiotikum verschrieben haben wollen, weil sie sich davon eine schnellere Heilung versprechen. Das ist natürlich nicht immer der Fall. Wenn es sich um eine Virusinfektion handelt, ist ein Antibiotikum wirkungslos.

Aber zu einer solchen Situation gehören doch immer zwei: der Patient, der Antibiotikum verlangt und der Arzt, der es verschreibt.

INFO                                                                                                                                             Jährlich werden in Deutschland 1700 Tonnen Antibiotika eingesetzt. 300 Tonnen in der Humanmedizin, der Rest in der Landwirtschaft.

Momentan befinden wir uns in einer Situation der gegenseitigen Schuldzuweisung. Ärzte sagen, dass Patienten die Medikamente einfordern und die Patienten wiederum betonen, dass es der Arzt ja auch verschrieben hat. Hinzu kommen noch die Landwirte. Auch Ihnen wird vorgeworfen, dass in der Tierzucht zu viele Antibiotika eingesetzt werden. Wir sind der Überzeugung, dass solche Schuldzuweisungen zu nichts führen. Denn Fakt ist: Wir brauchen noch etwa 10 Jahre bis neue Antibiotika entwickelt sind. Diese Zeit müssen wir so gut wie möglich überbrücken.

Deshalb wird ihr Projekt auch vom Bundesforschungsministerium gefördert. Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Unser Projekt hat drei Phasen. Derzeit befinden wir uns in der ersten Phase und versuchen, bei den jeweiligen Gruppen – Patienten, Ärzte, Landwirte – die Gründe herauszufinden, warum so viele Antibiotika konsumiert, verschrieben und eingesetzt werden. Mit den Ergebnissen aus diesen Befragungen gehen wir in die zweite Phase, in der wir geeignete Informationsinstrumente entwickeln. Das können Broschüren sein, Apps, in denen Ärzte nach Infos suchen können oder sogar Spiele für die breite Bevölkerung. Geplant ist, dass wir ab August 2016 diese Informations-Tools kostenlos verbreiten.

Aber wie wollen Sie kontrollieren, ob Broschüren, Apps und Spiele wirklich den Einsatz von Antibiotika reduzieren?

Dazu unterscheiden wir Modellregionen von Kontrollregionen. In den drei Modellregionen Berlin, Brandenburg und Thüringen werden wir unser Informationsmaterial einsetzen und in den Kontrollregionen Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern werden wird das nicht tun. Zum Abschluss des Projekts wollen wir den Antibiotikaverbrauch in beiden Regionen vergleichen und auswerten.

Frau Gastmeier, das ist ein sehr wichtiges und spannendes Vorhaben. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Projekt "„Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation (RAI)“ wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Förderschwerpunktes "Zwanzig20" gefördert. Bis zum Jahr 2019 werden für das Vorhaben 2,5 Millionen Euro bereitgestellt.