Arbeits- und Konzentrationslager: Wie prägen Zeitzeugen die Erinnerungskultur?

Ehemalige Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager sind politisch umstrittene Erinnerungsorte. Gefördert vom Bundesforschungsministerium untersuchen Forschende, wie Zeitzeugeninterviews die Erinnerungskultur der Gedenkstätten prägen.

Jakov A. ist ein jüdischer Überlebender des Konzentrationslagers Jasenovac. Im Projekt „Accessing Campscapes“ untersuchen Forschende, wie Erzählungen von Überlebenden wie Jakov A. die Erinnerungskultur vor Ort prägen. © Interview-Archiv “Zwangsarbeit 1939-1945”
Die "Steinerne Blume" erinnert an die Opfer des Konzentrationslagers Jasenovac in Kroatien. © Cord Pagenstecher, Freie Universität Berlin
Auf dem Gelände des ehemaligen KZ Lety ist eine Gedenkstätte geplant, in der die Roma-Verfolgung umfassend dargestellt werden soll. © Sytse Wierenga

Treblinka, Bergen-Belsen, Auschwitz-Birkenau: Wer diese Namen hört, denkt sofort an die Verbrechen der Nationalsozialisten. Standorte anderer nationalsozialistischer oder auch stalinistischer Lager sind weniger bekannt. Doch sie alle sind Orte der Erinnerung: Sie erzählen die Geschichte(n) von Tätern und Opfern; sie erinnern an die schmerzhafte Vergangenheit – und das oft aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Manche Lagerteile, manche Verfolgtengruppen, manche Täter werden vergessen oder verschwiegen, andere einseitig heroisiert oder im Sinne aktueller Geschichtspolitik instrumentalisiert. Im Projekt „Accessing Campscapes“ – deutsch: „Lagerlandschaften verstehen“ – untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus sechs Ländern, wie ehemalige nationalsozialistische und stalinistische Lager zu Erinnerungsorten wurden und wie Erinnerung dort „erzählt“ wird. Das Bundesforschungsministerium fördert das Projekt innerhalb des HERA-Programms „Uses of the Past” (deutsch: „Nutzungen der Vergangenheit“).

Wie wird Vergangenheit „erzählt“?

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen Standorte ehemaliger Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager in verschiedenen europäischen Ländern. Darunter: die nationalsozialistischen Lager Bergen-Belsen (Deutschland), Westerbork (Niederlande), Lety (Tschechische Republik), Treblinka (Polen), Falstad (Norwegen), Jasenovac (Kroatien) und die stalinistischen Arbeitslager um Jáchymov (Tschechische Republik). Ein Forscherteam des Centers für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität Berlin erforscht anhand von Zeitzeugeninterviews, wie die Erzählungen der Überlebenden dort die Erinnerungskultur prägen.

Verfolgung und Vernichtung der Roma wurde ignoriert oder verharmlost

Auf dem Gelände des ehemaligen KZ Lety war jahrelang ein Schweinemastbetrieb: Die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung der Roma wurde ignoriert oder verharmlost. © picture alliance / Vaclav Pancer

Diese Lagerlandschaften sind oft umstritten: Die Akteure der Erinnerungskultur – Initiativen und Menschen aus Politik, Wissenschaft, Medien oder Bildungsarbeit  – erzählen unterschiedliche Geschichten; sie instrumentalisieren die Erinnerungen in ihrem Sinne. Ein Beispiel dafür ist das ehemalige Roma-Lager Lety in der Tschechischen Republik. Dort war jahrzehntelang ein großer Schweinemastbetrieb. Die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung der Roma wurde ignoriert oder verharmlost, oft in Verbindung mit der europaweit anhaltenden Diskriminierung von Roma. Dieser Umgang mit der Geschichte sorgte immer wieder für Proteste. Seit kurzem ist eine Gedenkstätte geplant, in der die Roma-Verfolgung umfassend dargestellt werden soll. Dazu werden die Ergebnisse des Projekts „Accessing Campscapes“ wesentlich beitragen.

Zeitzeugenberichte sind zentrale Quellen

Die Berichte der ehemaligen Häftlinge waren oftmals entscheidend für die Erinnerung an die Lager. In den – oft von Überlebenden initiierten und gegen viele Widerstände erkämpften – Gedenkstätten sind sie ein wichtiger Teil von Ausstellungen, Führungen und Veranstaltungen. Da die Täter ihre Akten vielfach vernichtet hatten, sind die Erinnerungen von Überlebenden eine wichtige Quelle für die historische Forschung: Sie vermitteln die Perspektive der Häftlinge, die im Terrorsystem der Lager oft zu anonymen Nummern erniedrigt worden waren. Ihre Schilderungen veranschaulichen die menschlichen Einzelschicksale.

HERA leistet einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Erbe

Häufig aber sind Audio- und Video-Interviews zu den einzelnen Lagern schlecht erschlossen und über verschiedene Sammlungen in der Welt verstreut. Daher arbeiten die Forscherinnen und Forscher an einem Online-Katalog, der diese Interviews sammelt und für Bildung, Wissenschaft und Gedenkstätten auffindbar macht. Solch ein Katalog zeigt auf, welche Häftlingsgruppen vielfach interviewt und welche Erzählungen eher nicht aufgezeichnet wurden. Zudem entwickelt das Team eine Online-Anwendung zur Vorbereitung eines Gedenkstättenbesuchs mit Hilfe von Zeitzeugen-Interviews. Dieses HERA-Projekt leistet so einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Erbe in Europa: Es sorgt dafür, dass alle Stimmen gehört werden – und keine Perspektive verloren geht.