Auftaktveranstaltung des Forschungsprojektes "Religion und Dialog in modernen Gesellschaften" der Akademie der Weltreligionen an der Universität Hamburg

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Johanna Wanka, am 6. Februar 2014 in Hamburg

Es gilt das gesprochene Wort!

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Anrede

Wenn man sich einmal die Empfehlungen anschaut, die der Wissenschaftsrat in den vergangenen Jahren herausgegeben hat, stellt man fest: Die Empfehlungen zu den Theologien gehören zu denjenigen, die auf das größte Interesse gestoßen sind, die aber auch die heftigsten Diskussionen ausgelöst haben. Vergleichbares erleben wir auch in unserem Ministerium. Von den vielen Förderinitiativen haben die Initiativen zu Religionen und zu Theologien eine immense Aufmerksamkeit erfahren. Und ich freue mich sehr darüber, wie viele heute Abend hier in diesen Hörsaal der Universität Hamburg gekommen sind und sich für dieses Thema interessieren. Auch ich bin gerne hierhergekommen, denn das, was hier geschieht, der Austausch von Erfahrungen, von Kenntnissen und Meinungen, ist angesichts der großen gesellschaftlichen Herausforderungen überaus wichtig. Wir brauchen Verständigung, Dialog und Diskurs in der Gesellschaft.

Unsere Gesellschaft wird zunehmend säkularer. Das bedeutet aber nicht, dass das Thema Religion an Bedeutung verliert oder in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, ganz im Gegenteil. Wir leben in einer Welt, die sehr schnelllebig und in vielen Punkten auch nicht einfach zu verstehen ist, weil sie sehr differenziert ist. Und gerade in einer solchen Welt ist man auf der Suche nach einem festen Halt. Nicht nur die Jüngeren, auch die Älteren mit Lebenserfahrung fragen nach Maßstäben und Werten, weil sie Orientierung brauchen. Und dabei werden Antworten sehr oft im Religiösen und im Glauben gesucht.

Der interreligiöse Dialog, um den es auch in diesem Projekt geht, schafft die Voraussetzungen, um sich auf Fragen einzulassen und um Gemeinschaft im Glauben und auch im Leben zu finden. Und gerade weil die religiöse Identität die individuellen Lebenswelten prägt, muss es unser Ziel sein, die religiösen Fundamente unserer kulturellen Prägungen auch zu verstehen – nicht nur intuitiv, sondern auch wissenschaftlich unterlegt.

Wir wollen, dass Religion einen Platz im wissenschaftlichen Diskurs findet, und dass der interreligiöse Dialog reiche Früchte trägt. Deshalb fördert die Bundesregierung teilweise in Zusammenarbeit mit den Ländern vier Zentren für Islamische Theologie. Es gibt außerdem das Zentrum für Jüdische Studien in Berlin-Potsdam und die Akademie der Weltreligionen hier in Hamburg. Ich bin fest davon überzeugt, dass wissenschaftliche Reflexion eine Möglichkeit ist, um Religion vor Vereinnahmung und vor Verengung zu bewahren. Ich glaube, dass wissenschaftliche Reflexion der Wegweiser sein kann für den Dialog der Religionen und der Konfessionen und dass sie Toleranz fördern kann. Wir haben bisweilen sehr viele Vorurteile, und es gibt Dinge, die wir nicht beurteilen können, weil wir zu wenig darüber wissen. Wenn wissenschaftliche Reflexion Toleranz fördern kann, dann kann sie im weitesten Sinne auch eine friedenstiftende Wirkung entfalten. Albert Einstein hat es einmal so formuliert: „Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind.“

Deutschland ist hier nicht blind. In Deutschland haben wir eine im Vergleich zu anderen Staaten sehr lange universitäre Tradition der Theologie. Und deswegen glaube ich, dass deutsche Universitäten mit dieser langen Tradition sehr geeignet sind, Religionsgelehrten und Theologen mit geistig und ethnisch sehr verschiedenen Wurzeln die Möglichkeit zur Arbeit an einer dialogischen Theologie zu geben. Ziel dabei ist, die Substanz des Glaubens zu wahren und gleichzeitig die Erfordernisse der modernen Gesellschaft aufzugreifen. Es wird in Zukunft – und nicht nur aus politischer Hinsicht – einen zunehmenden Bedarf an wissenschaftlicher Expertise über die unterschiedlichen religiösen Orientierungen geben. Dazu brauchen wir natürlich wissenschaftlichen Nachwuchs in den unterschiedlichsten Disziplinen.

Diese finden sich in der Akademie der Weltreligionen wieder. Und ich glaube, dass das Projekt „Religion und Dialog in modernen Gesellschaften“, das wir heute hier in diesem Rahmen eröffnen, eine ganz wichtige Säule bei der Weiterentwicklung der Akademie sein kann.

Vor wenigen Wochen haben wir den Koalitionsvertrag unterzeichnet. Darin steht zum Verhältnis zur Kirche und zu den Religionsgemeinschaften: „Wir werden den Dialog mit den christlichen Kirchen, Religionsgemeinschaften und religiösen Vereinigungen sowie den freien Weltanschauungsgemeinschaften intensiv pflegen.“

Hierzu brauchen wir Menschen, die bereit sind, den gesellschaftlichen und sozialen Fortschritt in unserem Land mitzugestalten. Im Bundesministerium für Bildung und Forschung haben wir ein Forschungsrahmenprogramm für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften. Darin enthalten sind Forschungsangebote für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die danach fragen, wie man Zusammenhalt und Teilhabe in einer kulturell und religiös pluralen Gesellschaft gewährleisten kann. Entscheidend für den Erfolg ist, dass Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in die gesellschaftliche Realität einfließen, wie es in den Technikwissenschaften üblich ist. Den Transfer, den wir in den Technikwissenschaften haben, brauchen wir auch in den Geisteswissenschaften. Es gibt viele fundierte Untersuchungen, die viel zu wenig wahrgenommen werden. Und unser Ziel ist, dass wir angesichts der kulturellen und der religiösen Vielfalt, die wir als einen großen Schatz begreifen, gerade auch den Zusammenhalt und die Gemeinsamkeit stärker pflegen.

Deswegen sind Fragen nach gesellschaftlicher Teilhabe, nach globaler Gerechtigkeit und nach religiöser Praxis sehr wichtig. Die Akademie der Weltreligionen hat sich in Hamburg und darüber hinaus einen Namen gemacht. In ihr steckt großes Potenzial, um herauszufinden, wie theologisch-wissenschaftliche Arbeit und gelebte Formen des interreligiösen Dialoges miteinander korrespondieren. Und die Frage ist: Wie wird die Bürgergesellschaft einbezogen? Damit meine ich nicht nur diejenigen, die sich, wie Sie, für solche Themen interessieren und an einem solchen Abend in die Universität gehen. Mein Anliegen ist, sowohl in diesem als auch in vielen anderen Bereichen viel stärker die Bürgergesellschaft in einer größeren Breite einzubeziehen. Ich meine damit diejenigen, die solche Veranstaltungen nicht besuchen, für die dieses Thema aber gerade auch für das Zusammenleben und für das eigene Leben sehr wichtig ist.

Natürlich geht es nicht nur um Deutschland. Wir dürfen nicht immer nur unser Land im Blick haben. Es ist auch überaus wichtig und sinnvoll, dass die Aspekte der nationalen Förderung mit den Forschungsförderungen im europäischen Raum verbunden werden. Wir wollen die Summen, die im neuen europäischen Forschungsrahmenprogramm „Horizont 2020“ für die Geisteswissenschaften vorgesehen sind, so nutzen, dass die deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften international noch stärker sichtbar werden und wir über Europa hinaus bei Ausschreibungen erfolgreich sein können.

Herr Professor Weiße, Sie haben mit dem europäischen Förderprojekt „Religion im Erziehungswesen“1 Grundlagen gelegt und viele persönliche Kontakte mit Wissenschaftlern gepflegt, um das Vorhaben „Religion und Dialog in der modernen Gesellschaft“ gleichsam vorzudenken und eine breite Basis für dessen Erfolg zu schaffen. Ich möchte Ihnen danken für das Engagement und ich glaube, es könnte umgekehrt gelingen, dass aus diesem Forschungsprojekt und den vielen internationalen europäischen Kontakten auch neue Ideen entstehen.

Wenn man sich die Frage stellt: „Was ist Europa?“ wird oft gesagt: „Europa ist der Raum, in dem wir – und das ist das Wichtigste – nun über viele Jahre Frieden haben.“ Wir nehmen das schon als selbstverständlich hin. Aber wenn wir uns darüber Gedanken machen, was Europa auszeichnet, welche Stärken Europa hat – gerade im Vergleich zu Giganten wie China mit Millionen von Menschen, während in Deutschland 1,2 Prozent und in Europa ungefähr 7 Prozent der Weltbevölkerung leben – dann lautet die Antwort: Die Zukunft Europas basiert nicht nur auf ökonomischen, sondern insbesondere auf kulturellem und sozialem Wohlstand. Wir können stolz sein, dass wir in den Ländern Europas Demokratien haben und die freie Entfaltung der Persönlichkeit ein ganz hohes Gut ist. Das ist etwas, das uns von anderen Teilen der Welt unterscheidet und das auch im ökonomischen Wettbewerb ein großes Plus ist.

Freiheit, Frieden, Toleranz und Verantwortung, das sind die einzigen wirklich zukunftsfähigen Optionen. Sie sind nur auf der Grundlage von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu entwickeln. Und dazu zählt auch der Dialog und der Frieden der Religionen. Wir brauchen für den Dialog nicht nur Programme, sondern auch verlässliche Organisationsformen und Begegnungsorte wie wissenschaftliche Foren und Tagungen. Auch das ist ein Anspruch unseres Rahmenprogramms: nicht nur wissenschaftliche Forschung zu ermöglichen, sondern auch dafür zu sorgen, dass es Orte gibt, an denen über die Programmlaufzeiten hinaus Raum für Dialog ist.

Für die erfolgreiche Entwicklung der Akademie ist das Zusammenwirken des Bundes, der Freien Hansestadt Hamburg und der Universität Hamburg ein ganz entscheidender Faktor. Wir haben in Deutschland, was das Verhältnis von Staat und Kirche anbetrifft, ein partnerschaftliches Verhältnis. Da stellt sich die Frage, wie mündige Bürger Werthaltungen und Orientierungen zur gemeinsamen Gestaltung der sozialen und auch der politischen Umgebung beitragen können.

Bisher konzentriert sich der interreligiöse Dialog, der ja in den letzten Jahren in Deutschland ein besonderes Interesse erfahren hat, sehr stark auf das monotheistische Dreieck, also auf Juden, Christen und Muslime. Die Akademie geht weiter und muss auch weiter gehen. Unser Blick muss weit über dieses Dreieck hinausgehen. Gleichzeitig sollte nicht nur die Wissenschaft profitieren. Es ist mein Wunsch, dass von solchen Veranstaltungen wie heute viel in der Gesellschaft ankommt und nicht nur in der „Glocke“ der Wissenschaft bleibt.

Vielen Dank.