Ausbildung lohnt sich für alle

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, will Ministerin Karliczek die berufliche Bildung stärken. "Für mich gilt: Die Ausbildung in den Betrieben ist genauso viel wert wie an den Universitäten", sagt sie im Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung.

"Mein Haus arbeitet mit Hochdruck daran, die Weichen für eine gute Zukunft zu stellen", sagt Bundesministerin Anja Karliczek. © BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview erschien am 24. April 2019 in der Rhein-Neckar-Zeitung. Die Fragen stellte Andreas Herholz.

Andreas Herholz: Frau Ministerin, der Fachkräftemangel wird nach Ansicht von Experten auch in den nächsten Jahren dramatisch ansteigen. Wie lässt sich hier Abhilfe schaffen?

Anja Karliczek: Als Bundesregierung setzen wir hier an vielen Stellen an. Ganz zentral ist, dass wir unseren Nachwuchs für die Zukunftsthemen begeistern und optimal ausbilden. Davon hängt noch mehr die Zukunft ab, als Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Für mich ist die Stärkung der beruflichen Ausbildung ganz wichtig. Die berufliche Ausbildung wird immer noch zu wenig wertgeschätzt. Hier lässt sich sehr viel bewegen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Es zeigt sich doch immer stärker, dass der Fachkräftemangel eines der größten Probleme für eine langfristig wirtschaftlich positive Zukunft Deutschland ist. Gerade ist wieder eine neue Studie veröffentlicht worden. Die Entwicklung macht auch mir große Sorgen. Dem müssen wir auf allen Ebenen entgegenwirken. Für mich gilt: Die Ausbildung in den Betrieben ist genauso viel wert wie an den Universitäten.

Wie wollen Sie die berufliche Bildung stärken?

Die Betriebe bilden schon sehr zielgenau aus, um ihren Bedarf zu decken. Auch das wird vielfach unterschätzt. Über 70 Prozent der Auszubildenden werden im selben Betrieb übernommen. Das zeigt doch: Ausbildung lohnt sich für die Beschäftigten und auch für die Betriebe und die gesamte Wirtschaft. Es gibt mittlerweile knapp 58 000 freie Ausbildungsstellen. Wir tun eine Menge, um die Ausbildung attraktiver zu machen. Es kommt eine Mindestausbildungsvergütung. Unsere hochwertige berufliche Weiterbildung zum Meister oder Betriebswirt wollen wir international stärker vergleichbar machen. Wir führen ergänzende Berufsbezeichnungen ein, die gerade in großen weltweit operierenden Unternehmen besser verstanden werden dürften.

Wie wollen Sie Weiterbildung besser fördern?

Wir entwickeln eine nationale Weiterbildungsstrategie. Um das lebensbegleitende Lernen zu voranzubringen, werden wir auch das Aufstiegs-BAföG weiterentwickeln. Damit wird die Weiterbildung über mehreren Fortbildungsstufen finanziell gefördert.

Die Hängepartie beim Brexit geht weiter. Welche Folgen wird der Austritt der Briten für den Bereich Bildung und Forschung haben?

Nach einem Brexit sollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der EU und Deutschland mit ihren britischen Kollegen weiter eng zusammenarbeiten können. Wissenschaftler kommen oft am besten voran, wenn sie über die Grenzen hinweg gemeinsam an Projekten arbeiten. Diese Zusammenarbeit zwischen Forschenden aus der EU und Großbritannien wird aber schwieriger werden. Wie die Kooperation weitergehen kann, hängt stark davon ab, welchen Weg die Briten einschlagen. Gibt es einen geregelten Brexit oder nicht? So oder so: Auch im Bereich Forschung und Wissenschaft tut der Brexit schon sehr weh.

Was müssen die Studenten befürchten?

Auch für den Fall eines ungeregelten Brexit haben wir vorgesorgt, um den Studierenden Sicherheit zu geben. Beispiel: BAföG. Deutsche Studierende, die auf der Insel studieren, können bis zum Abschluss ihres Ausbildungsabschnitts weiterhin mit BAföG gefördert werden. Umgekehrt auch britische Studierende, die bei uns eingeschrieben sind und die Voraussetzungen erfüllen. Die jungen Leute sollen sich darauf konzentrieren können, ihren Studienabschnitt zu beenden - trotz eines möglichen Brexit.

Es gibt Kritik an Ihrer BAföG-Reform. Zu spät und zu wenig, heißt es. Greifen Ihre Pläne zu kurz?

Also zunächst: Das ist eine wirklich große Reform. In dieser Wahlperiode werden wir 1,2 Milliarden Euro mehr für das BAföG ausgeben. Das ist eine stattliche Summe und davon wird auch die Mitte der Gesellschaft profitieren. Die sogenannten Bedarfssätze werden steigen – der Förderungshöchstbetrag auf bis zu 861 Euro im Jahr 2020. Beim Wohnkostenzuschlag werden wir 30 Prozent drauflegen.

Warum gibt es keine automatische Anpassung an die Inflation wie etwa bei den Diäten der Bundestagsabgeordneten?

Wir schauen, wie sich Kosten entwickeln und wollen lieber gezielt nachsteuern wie jetzt etwa bei den Wohnkosten. Mit dem erhöhten Wohnkostenzuschlag leisten wir deshalb einen überproportionalen Beitrag. Aber das BAföG kann nicht die Lösung für fehlenden Wohnraum für Studierende in unseren Großstädten sein.

Wie lässt sich mehr bezahlbarer Wohnraum für Studenten schaffen?

Was Studierenden wirklich hilft, sind neue Wohnheimplätze. Hier sind die Länder in der Pflicht zu bauen. Dazu bin ich mit den Ländern im Gespräch. Der Bund hat mit der Grundgesetzänderung die Voraussetzung für dauerhaft mehr sozialen Wohnungsbau in den Ländern geschaffen. 2020 und 2021 sollen laut Koalitionsvertrag zwei Milliarden Euro vom Bund fließen. Mit diesen Mitteln könnten auch mehr Studentenwohnheime gebaut werden.

Der Digitalpakt für die Schulen steht jetzt endlich. Wie wird er konkret umgesetzt?

Bund, Länder und Kommunen packen gemeinsam an: Der Bund schiebt die Infrastruktur an, damit die Schulen möglichst schnell flächendeckend mit Wlan und mit Smart-Boards ausgestattet werden. Die Länder kümmern sich um die Fort- und Weiterbildung der Lehrer.  Die Schulen entwickeln Medienkonzepte für den Unterricht, damit die Technik pädagogisch sinnvoll angewandt werden kann. Gemeinsam wollen wir die Schüler fit für die Zukunft machen. Der Bund wird immerhin fünf Milliarden Euro in fünf Jahren geben.

Für viele Menschen ist die Digitalisierung nicht nur mit Chancen, sondern auch mit Risiken verbunden. Müssen diese Sorgen nicht ernster genommen werden?

Ich nehme die Sorgen, die viele haben, sehr ernst. Wir müssen den digitalen Wandel gemeinsam mit der Wirtschaft, der Wissenschaft und den Bürgern so gestalten, dass die Chancen größer sind als die Risiken. Ich bin da zuversichtlich. Mein Haus fördert zum Beispiel Projekte in der Medizin, die hoffentlich in einiger Zukunft vielen Menschen helfen werden. Um diesen Fortschritt für jeden von uns voranzutreiben, müssen wir uns im internationalen Wettbewerb behaupten. Mit unserer Strategie für Künstliche Intelligenz sind wir auf einem guten Weg. Wir haben Kompetenzzentren eingerichtet, damit wir auch Forscher aus aller Welt anziehen können.

Mit Ihrer Aussage, dass es den Mobilfunk-Standard 5G künftig nicht an jeder Milchkanne geben werde, haben Sie heftige Proteste ausgelöst und jede Menge Kritik erfahren. Müssen Sie Ihre Aussagen revidieren?

Um Funklöcher in den ländlichen Räumen zu schließen, dort telefonieren zu können und das Internet nutzen zu können, brauchen wir erst einmal ein stabiles flächendeckendes modernes 4G-Netz. 5G braucht momentan noch nicht jeder Privathaushalt. In einem ersten Schritt muss es 5G aber unter anderem für industrielle Anwendungen und die Landwirtschaft geben. Ganz klar.

Jede Woche demonstrieren Schülerinnen und Schüler der Bewegung "Fridays for Future" für den Klimaschutz und schwänzen die Schule. Wie steht die Bildungsministerin zu den Protesten?

Der Einsatz der Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz ist sehr zu begrüßen. Als Ministerium tun wir selbst sehr viel, um die Nachhaltigkeitsforschung zu unterstützen. Ich verstehe also das Anliegen. Auf der anderen Seite kann man nicht wochenlang jeden Freitag die Schule schwänzen. Um die Zukunft gestalten zu können, muss man auch gut ausgebildet sein. Ich denke, dass dies auch sehr viele Schülerinnen und Schüler so sehen und eigentlich beides verbinden möchten: Schule und Eintreten für den Klimaschutz.

Ein Jahr nach Amtsantritt stehen Sie als Ministerin in der Kritik, gibt es Vorwürfe, Sie würden zu wenig aus Ihrem Amt machen. Wie reagieren Sie darauf?

Wir haben viele Vorhaben vorbereitet, die in den nächsten Wochen und Monaten umgesetzt werden: Von der BAföG-Reform bis über die Stärkung der beruflichen Ausbildung. Der Digitalpakt Schule kommt jetzt in die Klassenzimmer. Wir sind in Gesprächen über den Nationalen Bildungsrat und über den Hochschulpakt. Die steuerliche Forschungsförderung kommt. Wir bringen Bildung und Forschung in Deutschland Schritt für Schritt voran. Mein Haus arbeitet mit Hochdruck daran, die Weichen für eine gute Zukunft zu stellen.