Ausstellungseröffnung „Luther! 95 Schätze – 95 Menschen“

Rede der Bundesforschungsministerin Johanna Wanka im Rahmen des Festaktes in Wittenberg

Bundesministerin Johanna Wanka hält im Rahmen des Festaktes zur Eröffnung der nationalen Sonderausstellung 'Luther! 95 Schätze - 95 Menschen' ein Grußwort
Bundesministerin Johanna Wanka hält im Rahmen des Festaktes zur Eröffnung der nationalen Sonderausstellung "Luther! 95 Schätze - 95 Menschen" ein Grußwort © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es war der 31. Oktober 1517. Eiligen Schritts lief ein Mönch durch den Nebel in Wittenberg. Am Schloss angekommen, zückte er einen Hammer und nagelte mit wuchtigen Schlägen einen Bogen Papier an das Portal der Schlosskirche. Darauf standen 95 Thesen zum Ablasshandel. Der Name des Mönchs war Martin Luther.

Auch wenn natürlich umstritten ist, dass der Thesenanschlag so oder ähnlich so stattgefunden hat, wird er doch gemeinhin als Initialzündung der Reformation verstanden. Und rückt den Ort Wittenberg als ihren Ausgangspunkt ins weltweite Bewusstsein. Nicht Berlin, nicht Prag, sondern Wittenberg! Ich freue mich, heute hier zu sein!

Es waren aber auch gar nicht die Thesen selbst und ihr Inhalt das Entscheidende. Viel wichtiger waren der Impuls der Auflehnung gegen die Amtskirche; die Entschlossenheit Martin Luthers, Bestehendes infrage zu stellen und die Ermutigung der Menschen zum Selberdenken, die vieles in Bewegung brachten.

Die Reformation ist nicht nur ein zentrales Ereignis der deutschen Geschichte. In ihren religiösen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Auswirkungen ist sie sogar von weltgeschichtlicher Bedeutung. Sie revolutionierte natürlich das geistliche Leben. Sie stieß aber auch eine umfassende gesellschaftspolitische Entwicklung an, die zu einem neuen Verständnis von Öffentlichkeit führte. Sie prägte die Kultur des Zusammenlebens neu.

Indem sie den Stellenwert und die Würde des Einzelnen in den Mittelpunkt rückte, ermutigte die Reformation die Menschen, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese auch zu äußern. Damit legte sie den Grundstein für Werte, die auch heute noch der Schlüssel für ein gelingendes Miteinander gerade in einer pluralistischen Gesellschaft sind:

Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit, Partizipation und Teilhabe.

Werte, die hier in Deutschland durch das Grundgesetz garantiert sind, aber leider in vielen anderen Ländern der Welt nicht.

Der Bundesregierung ist das Reformationsjubiläum 2017 ein wichtiges Anliegen. Ein Jahr des historischen Gedenkens, des Gemeinsinns, aber auch der Selbstvergewisserung für die Deutschen.

Der Bund fördert kulturelle Projekte zum Thema Reformation genauso wie den Erhalt und die Sanierung bedeutender Reformationsstätten. Zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen erinnern an die epochale Bedeutung jener Bewegung, die hier von Wittenberg ihren Ausgang nahm.

Einen besonderen Raum nehmen die drei großen Sonderausstellungen ein, zu der diese Ausstellung gehört:

Den Start machte die Ausstellung „Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Anfang Mai folgte auf der Wartburg in Eisenach die Eröffnung der Ausstellung „Luther und die Deutschen“. Die Ausstellung hier in Wittenberg trägt den Titel „Luther! 95 Schätze – 95 Menschen“ und sie ist wahrlich besonders: 95 außergewöhnliche Exponate folgen der Spur des jungen Mönchs, der zum Weltveränderer wurde.

Zu den Exponaten gehören unter anderem ein zeitgenössischer Plakatdruck der 95 Thesen, der handschriftliche Brief, den Luther am 31. Oktober 1517 an seinen geistlichen Dienstherren, Kardinal Albrecht von Brandenburg, richtete sowie das eigenhändige Testament Martin Luthers von 1542. Einen weiteren Höhepunkt bildet Luthers private Bibel.

Die Ausstellung stellt zudem 95 Menschen mit ihrer jeweiligen persönlichen Beziehung zu Martin Luther und seinem Werk vor. Der Augustinermönch, Theologieprofessor und Prediger Martin Luther wurde bekämpft und bewundert. Viele Zeitgenossen wie auch spätere Generationen wurden von ihm provoziert oder begeistert. Viele beriefen sich auf Luther: Revolutionäre, Aufklärer, Nationalisten. Und viele setzten sich mit dem Reformator und seinem Werk auseinander in Literatur, Musik, Kunst, Philosophie und Politik.

Luther ist bis heute eine Person, die polarisiert. Nicht unumstritten etwa mit Blick auf seine antisemitischen Äußerungen, aber in vielfacher Hinsicht herausragend.

Ich freue mich, dass wir heute den Reigen der drei Sonderausstellungen vollständigen und lade Sie ein, alle drei Ausstellungen noch bis 5. November zu besuchen.

Das Reformationsjubiläum ist eine Chance, nicht nur über die Bedeutung für den Glauben, sondern auch über die grundlegenden Werte und das Funktionieren einer Gesellschaft intensiv nachzudenken. Es ist eine Erinnerung daran, dass die christliche Religion und Reformation zum geistigen Erbe Europas und darüber hinaus gehört und einen Teil unserer kulturellen Identität ausmacht.

So schuf die Bibelübersetzung Martin Luthers die entscheidende Grundlage für unsere moderne Sprache. Sie prägte in außerordentlicher Weise die neuzeitliche deutsche Literatur- und Kulturgeschichte. Auch das Luther`sche Menschen- und Bildungsverständnis beeinflusst uns noch heute.

Vor Luther war Bildung vor allem eine Sache des Adels und der Kirche. In seiner damals revolutionären Ehe mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora begründete er ein völlig neues Familienbild. Katharina von Bora lebte und ist begraben in Torgau, wo auch ich zur Schule gegangen bin. Der evangelische Pastorenhaushalt – belesen, kultiviert, musikalisch gebildet – wurde zum Rollenvorbild für die bürgerliche Familie.

Ein ganz entscheidender Schritt zu einer Gesellschaft, die sich nicht mehr an Standesunterschieden und an Geschlechtern festmachte. Es war Luther wichtig, dass Kinder – Jungen wie Mädchen – Lesen und Schreiben lernten. Er wollte, dass die Kinder das Wort Gottes verstehen konnten.

Sie kennen sicher seinen Appell an die Ratsherren, Schulen und Bildungseinrichtungen zu gründen und zu unterhalten. Zahlreiche Ausbildungsstätten – Schulen, Akademien, Universitäten – wurden in der Folge neu gegründet oder einer grundlegenden Reform unterzogen.

Durch die Ausbildung einer einheitlichen deutschen Schriftsprache eröffnete sich für weite Teile der Bevölkerung der Weg zur Bildung. Man darf Luther also mit Fug und Recht als einen der Väter der „Volksbildung“ im besten Sinne betrachten.

Für Luther war Bildung vor allem von theologischer Bedeutung – letztlich ging es ihm um den richtigen Weg zu Gott. Das ist heute natürlich anders. Der Zugang zu Schulen und Hochschulen ist heute Voraussetzung dafür, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sich in die Gesellschaft einzubringen und teilzuhaben. Aber die Neugier, der Wunsch und das Ringen um Erkenntnis sind dabei noch heute wichtig.

Der Vertraute Luthers und Wittenberger Universitätsprofessor Philipp Melanchthon sagte einmal, eine gut ausgebildete Jugend sei der beste Schutz der Stadt. Bürger, die sich durch Bildung, Klugheit und andere gute Eigenschaften auszeichnen würden, seien für Städte zuverlässigere Schutzwälle als Bollwerke oder Mauern.

Das ist auch heute noch unser Ansatz. Denn wir wissen, dass Fortschritt dort am besten erreicht wird, wo gelernt und geforscht wird; wo Innovationen und Akzeptanz für Neues aus der Gesellschaft heraus entwickelt werden. Zugleich wirkt Wissenschaft verbindend.

Bildung hat für uns in Deutschland einen hohen Stellenwert und wir investieren viel. Wir unterstützen besonders junge Menschen darin, ihre Begabungen und Potenziale zu entfalten. Und geben ihnen dafür keinen Einheitsweg vor, sondern eröffnen ein facettenreiches Angebot an Schulen, Universitäten, Fachhochschulen und auch im außerschulischen Bereich.

Übrigens legte reformatorische Bildung Wert auf beides: Elitenbildung und Breitenbildung. Wir sollten daher heute – ganz reformatorisch – auch beides im Blick behalten: Bildungschancen für alle ermöglichen und herausragende Talente fördern!

Das Reformationsjubiläum dient der Erinnerung an eine herausragende Bewegung für unser Land und unseren Kulturkreis, deren theologischer Urheber Martin Luther war. Man darf sich aber nicht allein auf die Einzelperson Martin Luther fokussieren, denn viele andere Reformatoren haben neben und nach ihm wesentliche Beiträge geleistet.

Es sind viele Schultern, die die Reformation ermöglicht, über Jahrhunderte getragen und weitergeführt haben. So ist auch die heutige gesellschaftliche und soziale Bildungsverantwortung auf viele Schultern verteilt:

Es ist die Politik und Verwaltung – in Kommunen, Ländern und im Bund – die gute Rahmenbedingungen für Lernen und Lehren schaffen muss.

Es sind aber vor allem auch die Akteure vor Ort, vom Lehrer über die Hochschulprofessorin bis zum Ausbilder im Betrieb, welche die Prämissen und Inhalte einer modernen Bildung umsetzen müssen. Indem sie den Menschen nicht nur Fachwissen, sondern auch Begeisterung am Lernen und Entdecken, Toleranz und Verantwortungsgefühl vermitteln.

Wir brauchen kompetente Menschen in allen Bereichen der Gesellschaft – in Kirchen, Schulen und Universitäten, in Unternehmen und in der Politik. Dabei ist nicht nur die fachliche Kompetenz entscheidend, sondern auch die damit in Verbindung stehende Verantwortung für das, was wir für uns und für andere entwickeln und leisten.

In Zeiten des digitalen Wandels ist vieles auf Höchstleistungen in Naturwissenschaften, in Informatik und Technik ausgerichtet. Doch genauso müssen wir die großen Leistungen der Geisteswissenschaften wahrnehmen.

Die Geisteswissenschaften tragen entscheidend dazu bei, das kulturelle Erbe zu erschließen und zu erhalten, wie wir es heute hier erleben können. Sie ermöglichen, insbesondere durch ihre historischen Forschungen, wichtiges Orientierungswissen bereitzustellen, das wir gerade in Zeiten des Umbruchs brauchen. Sie sind wichtige Vermittler von Werten und kulturellen Normen, derer sich jede Generation neu vergewissern muss.

Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass Anfang August in Wittenberg ein wissenschaftlicher Kongress stattfinden wird, der die „Kulturelle Wirkung der Reformation“ beleuchtet.

Als Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine Thesen veröffentlichte, ging es ihm nicht einfach darum, neue Wahrheiten zu begründen, sondern einen offenen Diskurs und ein Umdenken zu entfachen.

Das Reformationsjubiläum bietet uns somit einen hervorragenden Ankerpunkt: Sich über grundlegende Werte unserer Gesellschaft auszutauschen. Sich der Bedeutung von Gedankenfreiheit, von religiöser Toleranz oder von einer gemeinsamen Sprache bewusst zu werden. Offen darüber zu diskutieren.

Dass das allesamt hochaktuelle und überaus wichtige Themen sind, muss ich Ihnen nicht erläutern. Wo Toleranz und Freiheit in Gefahr geraten, sehen wir die Konsequenzen für die Gesellschaften – leider auch hier in Europa. Es ist wichtig, dass wir für diese Werte in unserem täglichen Handeln, in unserer täglichen Arbeit eintreten.

Die vielen unterschiedlichen Veranstaltungen anlässlich des 500. Reformationsjubiläums bieten Deutschland auch die Chance, sich als weltoffene Geistes- und Kulturnation zu präsentieren und ein positives Bild hier und im Ausland zu befördern!

Ich danke allen, die daran mitwirken. Insbesondere geht mein Dank an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, die die Gestaltung des 500. Jubiläums in Deutschland koordiniert und an Herrn Ministerpräsident Dr. Haseloff und Herrn Minister Robra, für die Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt.

Es sind aber natürlich auch die Leistungen der vielen Menschen in den Kirchengemeinden, den Museen und historischen Instituten, die viel dazu beitragen, dass Veranstaltungen und Ausstellungen wie diese realisiert werden können. Herzlichen Dank!

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und viel Erfolg für die Ausstellung: Möge es gelingen, viele interessierte Besucherinnen und Besucher in diese wundervolle Ausstellung und in diese schöne Stadt zu locken.