"Alle BAföG-Empfänger werden mehr Geld haben"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über mehr Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs, das beginnende Wintersemester und BAföG für anerkannte Asylbewerber an Hochschulen.  Ein Interview mit der "Welt".

Johanna Wanka im Interview
Johanna Wanka im Interview © Laurence Chaperon

DIE WELT: Frau Wanka, Nachwuchswissenschaftler müssen derzeit damit leben, dass ihre Karrieren noch mit 45 scheitern können. Das wollen Sie für einen kleinen Kreis ändern. Was hat Lieschen Müller davon?

Johanna Wanka: Ich will nicht nur die Situation für einen kleinen Kreis von Wissenschaftlern ändern. Es geht um mehr, um einen Strukturwandel. Wir wollen als Bund mit einer Anschubfinanzierung eine immer größer werdende Zahl von Karrierewegen planbarer und transparenter machen. Das heißt, dass mehr gute Leute in Deutschland bleiben, die sich derzeit oft lieber eine Stelle im Ausland suchen, weil sie jahrelang nicht wissen, ob sie hier einmal eine Professur bekommen werden. Wir müssen in der Spitzenforschung, etwa in der Gesundheitsmedizin oder der Energieforschung, leistungsfähig sein. Davon profitieren wir alle.

DIE WELT: Wie ist die Lage des Nachwuchs?

Wanka: Wir haben in den vergangenen Jahren Milliarden neu in das Wissenschaftssystem gegeben. Dadurch sind viele befristete Stellen geschaffen worden, aber nicht in gleichem Maße unbefristete. Deshalb haben sich die Karrierechancen für junge Forscher verschlechtert. Zudem fällt die Entscheidung für den Einzelnen, ob er in der Wissenschaft eine dauerhafte Chance hat, sehr spät. Das ist international ein Wettbewerbsnachteil.

DIE WELT: Wie möchten Sie das konkret ändern?

Wanka: Wir wollen eine Milliarde Euro innerhalb der nächsten zehn Jahre investieren, um jungen Wissenschaftlern viel bessere Chancen auf eine Professur zu geben. Auf diese sogenannten Tenure-Track-Professuren soll man schon mit Anfang 30 im Zuge eines wettbewerblichen Verfahrens berufen werden können. Wenn die Leistung stimmt, die erwartet wird, bedeutet das eine Lebenszeitprofessur.

DIE WELT: Sie wollen also nur neue Stellen schaffen?

Wanka: Wir wollen den Ländern Geld geben, wenn so wirklich zusätzliche unbefristete Professuren geschaffen werden. Die Länder müssen sich zudem mit einem Eigenanteil an der Finanzierung beteiligen und die Lehrstühle nach Auslaufen der Bundesförderung auf Dauer finanzieren. Am Prinzip, dass die Hochschulen nach dem Grundgesetz von den Ländern getragen werden, wollen wir nicht rütteln. Bundesprofessoren wird es nicht geben.

DIE WELT: Die Länder werden daran interessiert sein, Geld vom Bund zu kassieren und bestehende Stellen umwidmen.

Wanka: Manche Länder könnten darauf spekulieren. Aber darauf wird sich der Bund nicht einlassen. Wir müssen auch die Zahl der Lehrstühle erhöhen. Der Bund hat die Länder entlastet, zum Beispiel beim BAföG, zum Beispiel beim Pakt für Forschung und Innovation. Mit diesem Geld können auch neue Stellen geschaffen werden.

DIE WELT: Um wie viele Professuren geht es?

Wanka: Das diskutieren wird gerade mit den Ländern.

DIE WELT: Die SPD hat ganz andere Vorstellungen. Sie will nicht nur den Mittelbau besser stellen, sondern auch 5000 Juniorprofessuren zusätzlich.

Wanka: Es war richtig, Juniorprofessuren einzurichten, aber das sind Professuren auf Zeit, das heißt, sie bieten keine sichere Perspektive. Deshalb ist die Einrichtung neuer Juniorprofessuren nicht der richtige Ansatz, um das Problem der mangelnden Karrierechancen zu lösen. Die Finanzierung unbefristeter Stellen für Mitarbeiter im Mittelbau ist nicht die Aufgabe des Bundes. Hier müssen die Länder aus eigenen Mitteln für Verbesserungen sorgen. Wir wollen die internationale Strahlkraft sichern und erhöhen, indem wir auch in Deutschland bessere Tenure-Track-Chancen schaffen.

DIE WELT: Gerade hat das Wintersemester begonnen. Die Studienanfänger hatten die Wahl zwischen 18.000 Studiengängen. Pro Jahr kommen 1000 hinzu. Eine gute Entwicklung?

Wanka: Nicht wirklich. Ein Studium darf nicht zu hoch spezialisiert sein. Es soll die Grundlage legen für das ganze Leben. Der Anspruch muss sein, eine Basis zu schaffen für 4o Jahre Berufstätigkeit. Das ist zumindest die Idee des Bachelorstudiums. Für eine weitergehende Spezialisierung bieten die Masterstudiengänge genügend Möglichkeiten. Überspezialisierung ist generell nicht im Interesse der jungen Leute und der Gesellschaft.

DIE WELT: Hochschullehrer, ebenso wie Hochschulrektoren beklagen die Überspezialisierung. Wer sollte ihr also Einhalt gebieten? Die Politik?

Wanka: Niemand zwingt den Hochschulen auf, einen Studiengang einzurichten. Die Verantwortung müssen die Hochschulen wahrnehmen.

DIE WELT: Der Chef der Hochschulrektorenkonferenz sagt, das Ganze werde sich nach Angebot und Nachfrage zurechtschütteln. Wissenschaft folgt nach dieser Logik also nur noch den Marktgesetzen?

Wanka: Nein, natürlich nicht. Gerade die Wissenschaft muss vorausschauend und flexibel bleiben. Vieles weiß man erst ja Jahre später.

DIE WELT: Der aktuelle Flüchtlingszustrom wird auch auf die Hochschulen Auswirkungen haben. Mit wie vielen Studierberechtigten und -willigen rechnen Sie?

Wanka: Wir können im Moment noch keine seriöse Schätzung abgeben. Aber die Hochschulen haben eine hohe Kompetenz durch ihre Erfahrung mit internationalen Studierenden. Es gibt also eine funktionierende Infrastruktur für die Flüchtlinge.

DIE WELT: Viele, die studieren könnten, haben keine Nachweise über frühere Studien mitbringen können oder sie bekommen sie nicht nachgeschickt. Sollten die Hochschulen ein Studium auf Probe erlauben?

Wanka: Die Qualität darf nicht leiden. Leute zum Studium zuzulassen, die nicht studierfähig sind, bringt niemandem etwas. Aber wir werden Studienkollegs finanziell unterstützen, die jene aufnehmen, die fast studierfähig sind oder denen nur noch der ein oder andere Nachweis ihrer Qualifikation fehlt.

DIE WELT: Während die Schulen selbstverständlich die Aufgabe übernehmen, den Kindern Deutsch beizubringen, erwarten Unis und Fachhochschulen Bewerber, die sofort studieren können. Ist das eigentlich in Ordnung?

Wanka: Die Hochschulen haben enorme Zahlen an deutschen und internationalen Studierenden zu bewältigen. Ich halte es für ausgeschlossen, dass die Unis auch noch die Aufgabe des normalen Sprachunterrichts übernehmen, sehr wohl aber eine studienbezogene Sprachvermittlung

DIE WELT: Wie kann das BAföG den Flüchtlingen helfen?

Wanka: Anerkannte Asylbewerber können sofort BAföG beantragen. Ansonsten können Geduldete nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland BAföG beziehen. Das gilt ab dem 1. Januar 2016. Im Moment fehlen uns noch verlässliche Zahlen potenzieller Antragsteller. In jedem Fall ist die Summe nicht gedeckelt. Wer Anspruch auf BAföG hat, wird BAföG bekommen. In den meisten Fällen wird das auch der Höchstsatz sein.

DIE WELT: Es gab Kritik an Ihrer BAföG-Reform. Sie komme viel zu spät und mittlerweile seien Hunderttausende aus der Förderung herausgefallen?

Wanka: Es waren die Länder, die sich jahrelang geweigert haben, das BAföG zu erhöhen. Nun zahlt es der Bund alleine, und wir machen was. Es gilt, dass 1oo.ooo zusätzliche Empfänger von der Reform profitieren können. Alle BAföG-Empfänger werden mehr Geld in der Tasche haben.

DIE WELT: Warum sträuben Sie sich gegen eine regelmäßige BAföG-Anpassung?

Wanka: Das wird den Ansprüchen nicht gerecht. Ein Automatismus kann nicht flexibel reagieren. Nehmen Sie das Thema Wohnraum. Bei einer neuerlichen Anpassung könnten wir in einer angespannten Situation beim Wohnraum proportional also stärker erhöhen, als es der Fall wäre, hätten wir eine automatische Erhöhung festgelegt.

DIE WELT: Der Bund ist nun allein für das BAföG zuständig. Wird trotzdem die nächste Novelle wieder fünf Jahre auf sich warten lassen?

Wanka: Das BAföG muss in Zukunft regelmäßig überprüft werden und sich den Bedingungen anpassen. Ich halte eine Novelle in kürzeren Abständen für sinnvoll.

Das Gespräch führte Thomas Vitzthum.