Batterien, Batteriezellen und die Rolle Europas

„Unser Ziel ist es, möglichst die gesamte Wertschöpfungskette Batterie hier abzudecken und damit die technologische Souveränität Europas zu stärken“, sagt Staatssekretär Meister.

Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung
Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung © Bundesregierung / Steffen Kugler

Grußwort des Parlamentarischer Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Michael Meister (MdB), anlässlich des Batterieforums Deutschland 2021 am 20. Januar 2021.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Straube,
sehr geehrter Herr Šefčovič,
sehr geehrter Herr Professor Winter,
sehr geehrte Batterieexperten,

bereits zum neunten Mal findet in diesem Jahr das Batterieforum Deutschland statt. Aber zum ersten Mal treffen wir uns dabei nicht in Berlin, sondern virtuell an Ihrem Schreibtisch im Büro oder in ihrem häuslichen Arbeitszimmer.

Was vor einem Jahr noch als wenig praktikabel schien, ist heute Realität geworden. Corona-bedingt hat sich das Format der „virtuellen Konferenz“ weltweit etabliert. Immerhin wird so ein fachlich-inhaltlicher Austausch trotz Distanz möglich. Und die CO2-Bilanz der Konferenz verbessert sich drastisch. Allerdings fehlen die vielen Gespräche und persönlichen Begegnungen am Rande, die einen nicht zu unterschätzenden Mehrwert bieten.

Andererseits gibt es auch spannenden Gestaltungspielraum: Beispielsweise gefällt mir die Idee, das Batterieforum auf vier Tage in vier Wochen zu verteilen. Für viele ist es ja nicht leicht, vier Tage am Stück im Unternehmen und am Arbeitsplatz zu fehlen. Daher, lieber Herr Straube und lieber Herr Krausa, an Sie als Organisatoren des Batterieforums meinen herzlichen Dank für Ihre Kreativität im Umgang mit diesen schwierigen Rahmenbedingungen.

Meine Damen und Herren,

Europa hat ein ehrgeiziges Ziel: Es will bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent werden. Bis 2030 wird Europa seine Treibhausgasemissionen um mindestens 55% (gegenüber 1990) senken und einen Anteil von Energie aus erneuerbaren Quellen von mindestens 32% erreichen – das ist übrigens auch ein Erfolg der Deutschen Ratspräsidentschaft.

In Deutschland betrug im Jahr 2020 der Durchschnittswert für den Anteil an erneuerbaren Energien bereits 51%. Im Straßenverkehr setzt sich die Elektromobilität immer stärker durch. Die Entwicklung ist exponentiell. Wurden 2018 nur rund 36.000 batterieelektrische Fahrzeuge zugelassen, waren es 2020 bis Ende November bereits über 150.000. Zählt man die Hybride dazu, sind es mehr als 600.000 PKW.

Ende letzten Jahres erklärte BMW-Chef Oliver Zipse in einem Interview, dass bis 2023 bei BMW der Anteil elektrifizierter Fahrzeuge am Absatz auf 20 % gesteigert werden soll. Und wenn man Aussagen wie die des Daimler-Chefs Ole Källenius in einer Wirtschaftszeitung liest, dass sich „der Schwenk weg vom Verbrenner Richtung Elektromobilität“ nicht umdrehen lässt, wird klar, dass Energiespeicher, dass Batterien, dass Batteriezellen für den Strukturwandel in der Automobilindustrie unumgänglich sind.

Noch ein Rechenbeispiel – dann soll es aber mit den Zahlen reichen: In Europa wurden vorletztes Jahr 15,8 Mio. PKW neu zugelassen. Wenn irgendwann jeder Neuwagen mit einer 50 kWh-Batterie ausgerüstet ist – das entspricht etwa 300 km Reichweite – bedeutet das allein für Europa einen Bedarf an Batteriezellen in Höhe von fast 800 GWh pro Jahr.

Dieses Beispiel zeigt, dass Batterien eine wesentliche Rolle in der Automobilindustrie spielen und spielen werden. Die Nationale Plattform „Zukunft der Mobilität“ schätzt, dass etwa ein Drittel der Wertschöpfung batterieelektrischer Fahrzeuge in der Batterie liegt.

Und es ist deutlich geworden, dass diese Batterien nicht irgendwo auf der Welt produziert werden können. Die Automobilhersteller verlangen eine Fertigung in der Nähe ihrer Produktionsstandorte. Im Ergebnis entwickelt sich die Lage im Bereich Batterie hoch dynamisch. Asiatische Batteriezellhersteller setzen verstärkt auf Europa als Produktionsstandort.

Meine Damen und Herren,

bei den vergangenen Batterieforen gab es ein immer wiederkehrendes Thema, das sich durch viele Diskussionen und Vorträge zog: Warum geht der Aufbau einer Batteriezellproduktion in Deutschland trotz der exzellenten wissenschaftlichen Rahmenbedingungen und einer starken Industrie nur so langsam voran? Auch wir im BMBF haben diese Frage gestellt.

Viele Argumente wurden uns entgegengehalten: Es ist zu früh für den Einstieg, wir warten auf eine revolutionäre Technologie. Es ist zu spät für den Einstieg, der Vorsprung zu asiatischen Herstellern ist nicht aufzuholen. Die Energie- und Arbeitskosten in Deutschland sind zu hoch. Die Entwicklung geht zu langsam.

Aber das hat sich offensichtlich in den beiden letzten Jahren massiv geändert. Neue europäische Unternehmen wie NORTHVOLT aus Schweden oder ACC (Joint Venture von PSA und Total) in Frankreich und Deutschland steigen als Newcomer in die Batteriezellfertigung im großen Maßstab ein.

Gerade Deutschland etabliert sich zunehmend als Standort für zukünftige Giga-Factorys. CATL in Thüringen, FARASIS in Sachsen-Anhalt, S-VOLT im Saarland, NORTHVOLT 2 in Salzgitter, PSA in Rheinland-Pfalz oder TESLA in Brandenburg zeigen, dass Deutschland ganz offensichtlich ein attraktives Umfeld für innovative Unternehmen bietet.

Und es zeigt vor allem eines: Eine wirtschaftliche Batteriezellproduktion in Deutschland ist möglich! Nicht nur in Osteuropa. Deutschland als Produktionsstandort ist attraktiv. Diese Attraktivität ist auch Verdienst der Anstrengungen der Bundesregierung in wirtschafts- und strukturpolitischer Hinsicht. Ausdrücklich möchte ich an dieser Stelle auch das Engagement der Europäischen Kommission würdigen. Die Förderung der Batterieindustrie im Rahmen der IPCEI hat wichtige Impulse gesetzt. Herr Šefčovič, herzlichen Dank auch ganz persönlich an Sie für Ihren hartnäckigen Einsatz auf der europäischen Ebene!

Aber auch die forschungs- und bildungspolitischen Maßnahmen des BMBF zeigen Wirkung. Natürlich folgen die Ansiedlungen zunächst dem Markt und den Kunden. Aber: Ohne ein starkes FuE-Umfeld und ohne Fachkräfte kann eine solche Investition nicht erfolgreich sein! Wenn wir aktuell über Batterien und Batteriezellen sprechen und die Ansiedlung von Produzenten in Deutschland und Europa hervorheben, geht es primär um die Automobilindustrie.

Wir dürfen aber nicht die vielfältigen anderen relevanten Anwendungsfelder aus den Augen verlieren. Am schnellsten fallen einem E-Bikes ein. Aber auch Werkzeuge, Haus- und Gartengeräte, Medizintechnik, Mobilfunk oder beispielsweise Robotik sind auf Batterien angewiesen. Die Anforderungen, die diese Anwendungsfelder an eine Batterie stellen, sind aber signifikant andere als die der Automobilindustrie. Und sie unterschieden sich auch von Anwendungsfeld zu Anwendungsfeld.

Batterien und Batteriezellen sind somit eine Schlüsseltechnologie im besten Sinne des Wortes. Sie eröffnen Märkte und Anwendungsfelder in den genannten Bereichen, in denen die deutsche Industrie traditionell stark ist. Sie helfen, den Industriestrandort Deutschland zu sichern. Daher müssen wir die Erforschung und die Entwicklung von Batteriezellen auch für diese Branchen unterstützen. Auch da werden maßgeschneiderte Batterietechnologien benötigt. Der Forschungs- und Entwicklungsbedarf bei Batterien ist noch lange nicht erschöpft.

Ich hatte es bereits erwähnt: Die große Mehrzahl der Batteriezellproduzenten, die sich bisher in Deutschland ansiedelten, kommen aus Asien oder Amerika. Das, meine Damen und Herren, wirft für das BMBF als einen Akteur, der das nationale – und auch das europäische – Innovations-Ökosystem im Blick hat, grundlegende Fragen auf.

Natürlich begrüßen wir ausländische Investitionen hier in Deutschland und insbesondere den Aufbau von Produktionskapazitäten für Batteriezellen. Aber welche Auswirkungen, welche Konsequenzen ergeben sich aus der Ansiedlung von Batteriezellproduktionen für die Forschung und Entwicklung in Deutschland? Wie können wir diese positive Entwicklung bestmöglich unterstützen? Wie können wir den Anschluss zu den vorhandenen Innovationsnetzwerken unterstützen?

Das ist eine strategische Frage, auf die wir – gemeinsam mit Ihnen – eine Antwort finden wollen. Jedenfalls ist es unser Ziel, möglichst die gesamte Wertschöpfungskette Batterie hier abzudecken und damit die technologische Souveränität Europas zu stärken. Dazu ist es notwendig, den Transfer von Wissen in Technik zu stärken und zu beschleunigen.

Das BMBF hat vor zwei Jahren mit dem Dachkonzept „Forschungsfabrik Batterie“ einen ganzheitlichen Ansatz etabliert, der diese übergeordneten Ziele förderpolitisch unterstützt. Der Aufbau notwendiger Wertschöpfungsketten für konventionelle und für neue Batterietechnologien wurde mit gezielten und langfristig angelegten Fördermaßnahmen beschleunigt. Ziel des BMBF ist es, Kooperationen zwischen der Industrie und exzellenten Hochschulen sowie Forschungseinrichtungen zu fördern. Hier hat sich im letzten Jahr viel bewegt.

Ein Schwerpunkt war die Umsetzung der vier neuen Batterie-Kompetenzcluster in den Bereichen Analytik und Qualitätssicherung, Intelligente Batteriezellproduktion, Batterienutzung sowie Recycling und Grüne Batterie. Sie ergänzen die bereits erfolgreich laufenden Batterie-Kompetenzcluster zu Batteriematerialien, Festkörperbatterien und Batteriezellproduktion thematisch. Hier konnten im letzten Jahr 150 Vorhaben an Wissenschaftseinrichtungen mit rund 100 Mio. Euro Zuwendung auf den Weg gebracht werden.

Mit den Kompetenzclustern bündeln wir alle vorhandenen Kompetenzen, um das notwendige Knowhow für eine nachhaltige Produktion von Batteriezellen zu entwickeln. Durch die enge Anbindung der Industrie an diese Wissenschaftscluster ist sichergestellt, dass der Transfer der Ergebnisse in Unternehmen möglich ist.

Die Errichtung der Forschungsfertigung Batteriezelle in Münster und die Erweiterung der Forschungsproduktionslinie für große Lithium-Ionen-Batteriezellen am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) in Ulm stärken die Innovationskraft in Deutschland.

Bei allen Aktivitäten ist der Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung wegweisend. Hierbei hilft auch die im letzten Sommer veröffentlichte Förderrichtlinie „Batterie 2020 Transfer“, mit der vor allem industriegeführte Konsortien angesprochen werden. Im Zentrum stehen FuE-Vorhaben zu aktuellen und neuen Batterietechnologien inklusive der notwendigen Prozesse und Produktionsmittel sowie industrielle Recyclingkonzepte und -verfahren. Mit vier Bewertungsstichtagen bis Ende 2022 ist diese Förderrichtlinie längerfristig angelegt. Auch hier werden wir mehr als 100 Mio. Euro in die Hand nehmen, um die Innovationskraft der Unternehmen in Deutschland zu stärken.

Sie sehen, das BMBF hat hinsichtlich der Batterieforschung im letzten Jahr viel angestoßen und bewegt – und das trotz den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir gehen nun in das zweite Corona-Jahr. Und auch wenn wir inzwischen Licht am Ende des Tunnels sehen, müssen wir noch einen steinigen Weg zurücklegen. Wir müssen den notwendigen wirtschaftlichen Erholungsprozess dazu nutzen, Innovationen voranzutreiben und in Innovationen zu investieren. So kann es gelingen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Die Bundesregierung hat ein Konjunkturprogramm aufgelegt, das diese Entwicklung unterstützt. Damit werden wir auch massiv in die Mobilität und die Energie der Zukunft investieren. Und hierzu gehören besonders die Forschung und Entwicklung im Bereich der Batteriezellfertigung. Denn die Batterietechnologie ist eine der wichtigsten Schlüsseltechnologien dieses Jahrzehnts.

Es gilt also, jetzt die Weichen in die richtige Richtung zu stellen. Mit dem Dachkonzept „Forschungsfabrik Batterie“ haben wir einen vielseitigen Instrumentenkasten geschaffen. Jetzt, nach zwei Jahren, ist es an der Zeit, diesen zu überprüfen. Ist er vollständig, wo fehlt etwas, wie muss er weiterentwickelt werden? Die Überprüfung läuft, der Prozess ist gestartet. Wir haben den Austausch mit der Batterie-Community begonnen. Wir stehen in regelmäßigem Austausch mit dem Beirat Batterieforschung des BMBF, einem Gremium von Wissenschaftlern und Industrievertretern, dessen Vorsitzenden, Herrn Professor Winter, wir eben schon gehört haben. Der Dialog hier auf dem Batterieforum ist ebenfalls enorm wichtig für uns, auch wenn er in diesem Jahr nur eingeschränkt möglich ist und etwas mehr Einsatz fordert.

Trotzdem ist uns weiterhin sehr daran gelegen, Ihren Input für die Weiterentwicklung des Dachkonzepts „Forschungsfabrik Batterie“ zu bekommen. Die Fragestellung ist strategischer Natur und geht über den Tag hinaus. Denn das BMBF muss den Blick immer auch in die Zukunft richten. Wir müssen heute beurteilen, welche Technologien sich entwickeln werden, welche Technologien die Chance auf eine industrielle Umsetzung haben. Dazu, meine Damen und Herren, wollen wir Ihre Meinung hören.

Für den heutigen ersten Tag des Batterieforums, aber auch für die folgenden Tage wünsche ich Ihnen spannende Einsichten und den ein oder anderen Denkanstoß. Den persönlichen Austausch und die Diskussionen holen wir dann nach, sobald es wieder möglich ist.

Vielen Dank.